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FRANKREICH / ALGERIEN Die Pioniere von Roknia

aus DER SPIEGEL 13/1956

Die mörderischen Überfälle arabischer Rebellen auf die europäischen Siedlungen an den Wüsten- und Bergrändern Algeriens zeitigten in den letzten Wochen zwei Ereignisse, die für die Entwicklung der Stimmung in Algerien und in Frankreich bezeichnend sind:

- Eine ganze europäische Dorfgemeinschaft in Algerien beschloß, ihr Dorf zu verlassen, und bot es zum Verkauf an, und

- eine Gruppe junger Franzosen in Paris erbot sich, das verlassene Dorf zu kaufen, um dort nach dem Beispiel der israelischen Wehrbauern in Palästina Front gegen die Fellaghas zu machen.

Am 25. Februar erschien in der französischen Zeitung des algerischen Departements Constantine, der »Dépéche de Constantine«, eine zweizeilige Anzeige:

Dorf zu verkaufen. 30 Wohnhäuser, 2000 Hektar Land erster Güte mit vollem Ertrag; besät, kultiviert, mit Olivenbäumen bestanden

Es handelt sich um das bisher von 34 französischen Bauernfamilien bewohnte Dorf Roknia, 60 Kilometer nördlich von Batna im Aufstandsgebiet »Constantinois«, in dem etwa 4500 aufständische Araber, »Fellaghas«, mit modernen Gewehren und aus Konservenbüchsen gebastelten Handgranaten wiederholen, was sich im 18. Jahrhundert an der Indianergrenze in Nordamerika abspielte.

Roknia liegt auf einem Hügel inmitten weitausrollender fruchtbarer Erdwellen. Als die Großeltern und Eltern der heutigen Einwohner im Jahre 1904 an diesen Hügel kamen, gab es dort nichts als die Schutthalden seit Jahrhunderten ausgetrockneter Rinnsale, Sand, Steine, spärliche Gräser und ein paar verlorene Büsche.

Die Pioniere von Roknia schufen in über 50 Jahren schwerer Kolonistenarbeit 2000 Hektar Land, auf dem Weizen, Futtergetreide, Melonen und Oliven geerntet und gute provenzalische Viehbestände geweidet wurden. Roknia wurde eine schmucke Siedlung mit geräumigen weißen Häusern unter roten Rundziegeldächern, mit kühlen Gärten und geraden Straßen, einer Kirche, einer Schule und einem Café, dem der hoffnungsvolle Name »Zur Zukunft« gegeben wurde.

Als im Herbst vergangenen Jahres die Fellaghas begannen, Vieh zu stehlen, Olivenbäume umzuhauen und Schuppen und Häuser in Brand zu stecken, zogen die Männer mit Gewehren und je 40 Schuß Munition auf Wache. Doch bald wurden aus den gelegentlichen Überfällen und Brandstiftungen geordnete Angriffe und vorbereitete Fallen.

Schließlich mußten die Ortseingänge und die Lücken zwischen den Häusern mit Stacheldrahtverhauen und Sandsackwällen geschlossen werden. Aber es war unmöglich, die Arbeiter auf den Feldern zu schützen, und als in den ersten Wochen dieses Jahres Roknia zeitweilig von der Zivilisation abgeschnitten wurde und mehrmals von Stoßtrupps mit Straßenpanzern entsetzt werden mußte, beschlossen die 34 Familien von Roknia, gemeinsam nach Brasilien oder Kanada auszuwandern. Die Nachricht machte in Frankreich Sensation. Frankreichs Presse bezeichnete Roknia als ein Sinnbild der französischen Kolonisation; daß es aufgegeben werde, sei symbolisch für die Abdankung Frankreichs.

Am 17. März erklärte in Paris der Reklamekaufmann Charles Luca den Reportern einer Zeitung: »Ich habe 200 Männer und Frauen zusammen. Wir werden Roknia kaufen. Mein Freund Andreguy wird hinfahren, um die Bedingungen für den Kauf kennenzulernen.«

Luca sagt: »Wir sind alle jung, ehemalige Soldaten. Wir haben alle Beruf und Familie. Aber wir wollen nach Roknia mit unseren Frauen und den Kindern, um für Frankreich Front gegen den Terror und die Seuche der Furcht zu machen. Wir wollen Roknia zurückerobern und für Frankreich halten.«

Luca und seine 200 Köpfe zählende »Phalange francaise« wollen das Dorf befestigen und als eine Gemeinschaft von Wehrbauern leben, arbeiten und kämpfen.

Alle Männer und Frauen sollen vor dem »Einsatz« vier Wochen militärische Ausbildung erhalten, und die Dorfgemeinschaft soll eine Kampfgemeinschaft sein, die von der Truppe unterstützt wird. »Der Zionismus mit seiner Kolonisation in Israel«, sagte Luca, »soll uns Vorbild sein.«

Die Auswanderer von Roknia: Dorf zu verkaufen

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