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»Die Polen a bissele erschrecken«

Von Erich Wiedemann
aus DER SPIEGEL 47/1989

Geh, wünsch dem Herrn aus Deutschland guten Tag und erzähl ihm, was du vom Opa gelernt hast«, sagt die alte Frau vor dem Genossenschaftsladen. Der kleine Junge, den sie an der Hand hält, nimmt den Mützenschirm aus dem Mund und kräht: »Jestem dumny byc niemcem.«

Der Großmutter ist das schrecklich peinlich. »Es heißt: Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein. Aber er kann nicht so gut Deutsch, weil in der Schule lernen sie ihm nur Polnisch.«

Das wird anders werden, falls der Rentner Jan Krol aus Gogolin an der Oder in zweiter Instanz die amtliche Zulassung für seine »Sozialkulturelle Gesellschaft für Minderheitsdeutsche im Oppelner Schlesien« erhält. Mit seinem Freundeskreis, sagt Krol, wolle er seinen schlesischen Landsleuten »wiedergeben, was uns die Polen seit über 40 Jahren vorenthalten: unsere Kultur, und unsere Identität«. Und das zweite »l« in seinem Namen, das nach Kriegsende im Zuge der Zwangspolonisierung auf der Strecke geblieben ist, das will er auch wiederhaben.

Jan Krol bewohnt mit seiner Frau ein halbes Doppelhaus an der Wyzwokania 44 in Gogolin. Hier ist alles deutsch und katholisch: das schwere Eichenvertiko, das Kruzifix über der Tür, der riesengroße Christus in Öl, das Plüschsofa mit den bestickten Kissen, die blitzblanke Küche.

Nur der Schreibtisch ist ein bißchen unaufgeräumt. Die Korrespondenz wächst dem Hausherrn langsam über den Kopf. Mit 71 ist man nicht mehr so flink mit dem Federhalter.

Krol holt eine prall mit Papier gefüllte Plastiktüte aus einer Schublade und läßt sie auf den Wohnzimmertisch fallen. »Hier, sehen Sie mal, 250 000 deutsche Unterschriften. Sie wollen alle wieder deutsch sein dürfen.« Allerdings, so fügt er schnell hinzu, ohne ihre polnische Staatsbürgerschaft in Frage zu stellen.

Im Sender Oppeln hieß es neulich, der Deutsche Freundeskreis sei eine Beleidigung für sechs Millionen Polen, die im Krieg und in Konzentrationslagern umgekommen seien. Krol und seine Freunde besorgten das Geschäft der westdeutschen Revanchisten, die die ehemaligen deutschen Ostgebiete heim ins Reich holen wollten.

Krol schüttelt unwirsch den Kopf. Das sei wirklich ausgemachter Unsinn, »nein, nein, wir haben völkerrechtlich einen Status quo, den soll man nicht so schnell verändern«.

Nicht so schnell?

Jan Krol fühlt sich in die ganz falsche Ecke gedrängt: »Hören Sie mal, wir sind keine Chauvinisten, wir wollen in Frieden gelassen werden, sonst nichts.«

Mit dem Hupka Herbert und den Vertriebenenverbänden in Westdeutschland will er nichts zu schaffen haben. 40 Jahre lang keine einzige deutsch-polnische Kneipenschlägerei in Gogolin. Ja was sollen sie denn noch tun, um zu beweisen, daß sie friedliche Leute sind?

Vom Reformwunder an der Weichsel war hier bislang nicht viel zu spüren. Die Wolga-Deutschen in der Sowjetunion sind freier als die Oberschlesier. Denn die Regierung in Warschau hat Angst vor Präzedenzfällen. Neben den Deutschen gibt es noch andere Volksgruppen mit Emanzipationsbedarf: Ukrainer, Balten, Slowaken, Zigeuner, Belorussen.

Keine Frage, in den letzten Jahren ist vieles besser geworden. Man kann in Gogolin heute wieder ohne Furcht vor einem Strafmandat auf offener Straße Deutsch reden. Und solange sie sich nur zum Kaffeetrinken und Bücheraustauschen treffen und dabei »Mein Schlesierland« singen, brauchen sie auch keine Angst mehr vor den »Herren mit dem traurigen Blick« zu haben, den Horchern vom Sicherheitsdienst, die jahrzehntelang in jedem Gottesdienst und bei jeder größeren Familienfeier mit dabei waren.

Wenn Premierminister Tadeusz Mazowiecki wahr macht, was er Bundeskanzler Kohl letzten Dienstag bei dessen Besuch in Warschau versprochen hat, dann wird an den Schulen in den Woiwodschaften Kattowitz und Oppeln, wo die meisten Deutschen leben, künftig wieder Deutsch als Fremdsprache erlaubt sein. Dann wird die »Biblioteka Slaska«, die berühmte Bibliothek für schlesisches Schrifttum, bald wieder deutschsprachige Literatur archivieren. Und die Oberschlesier werden auch die Inschriften auf den Gräbern ihrer Verstorbenen restaurieren dürfen, die die Polen 1945 weggemeißelt haben.

Beim Kohl-Besuch auf Gut Kreisau war letzte Woche ein Spruchband zu sehen, auf dem es hieß: »Helmut, du bis auch unser Kanzler.« Platt oder bedrohlich? Ja, gewiß, Krol kann die polnischen Ängste verstehen. »Es mag wohl sein, daß wir die Polen a bissele erschrecken mit unserer Organisation.« Der harte Kern des Freundeskreises ist nicht eben ein Forum deutsch-polnischer Versöhnung.

Man dürfe das alles nicht so politisch sehen, sagt Herbert Stanek, einer der Mitbegründer des Freundeskreises. Er und seine Freunde hätten keinerlei weiterreichende Ambitionen. »Wir sind nur Arbeiter und Bauern, die Intelligenz ist ja komplett drüben bei euch im Westen.«

Natürlich, ein bissel Mitsprache im Sejm, dem Warschauer Parlament, das möcht' wohl sein. Aber dazu, sagt Stanek, brauche man keine eigene Partei. Sie wollen erst mal auf dem Solidarnosc-Ticket mitfahren. »Mit diesen Leuten kommen wir gut aus, das sind die einzigen, die uns verstehen.« Unter den Oberschlesiern hat Lech Walesa derzeit wohl mehr Freunde als unter den Arbeitern der Danziger Lenin-Werft.

Jan Krol, sein Sohn Heinz und Herbert Stanek waren Anfang des Monats zu einem Hearing im Sejm eingeladen, um ihre Sache zu erläutern. »Wir sollten ihnen klarmachen, warum wir sind Deutsche und keine Polen«, sagt Heinz Krol, »aber das man kann nicht erklären.« Heinz Krol blickt fragend zum Vater hinüber, weil ihm eine deutsche Vokabel fehlt. Polnisch spricht er besser als Deutsch. Doch das, so sagt er, habe gar nichts zu bedeuten. »Meine drei Kinder sprechen überhaupt nur Polnisch, und sie fühlen doch deutsch.«

Das ganze Problem wäre nie entstanden, so war kürzlich im staatlichen Rundfunk zu hören, wenn die Polen nach Kriegsende mit den Oberschlesiern ebenso rabiat verfahren wären wie mit den Niederschlesiern und den Hinterpommern. In Oberschlesien hat es nach 1945 keine Massenvertreibung (amtssprachlich: »Umsiedlung") gegeben. Die Deutschen wurden gebraucht, weil die bäuerlichen Zuzügler aus den sowjetisch besetzten polnischen Ostgebieten als Untertagearbeiter für die schlesischen Kohlegruben nur bedingt verwendungsfähig waren.

Die kommunistischen Machthaber in Warschau hielten das für ein kalkulierbares Risiko. Die Oberschlesier standen schon immer mit einem Fuß im polnischen Kulturraum. Sie galten als leicht polonisierbar. Ein historischer Irrtum, wie sich jetzt nach über 40 Jahren zeigt.

Offiziell ist die Schlesier-Frage seit Jahren gelöst. Beim Innenministerium in Warschau standen im September rund 2500 Einwohner deutscher Abstammung zu Buche. Folgerichtig wurde Krols erster Zulassungsantrag für den Freundeskreis vom Bezirksgericht Oppeln zurückgewiesen. Deutsche, die es nicht gibt, können sich nicht organisieren, und deshalb braucht man sie auch nicht zu registrieren.

Und wenn sie es könnten, dann wäre die Bildung eines deutschen Volkstumsvereins, wie es in der Urteilsbegründung hieß, »keine Bereicherung für die Bevölkerung des Oppelner Landes«. Was nicht im Urteil stand: Eine deutsche Volksgruppe, die amtlich nicht existiert, kann auch in Diskussionen über die Oder-Neiße-Linie als polnische Westgrenze von den Vertriebenenverbänden nicht als Argument benützt werden.

Laut Krol leben noch immer mehr als eine Million Deutsche in Polen. In den oberschlesischen Dörfern beiderseits der Oder seien sie fast überall in der Mehrheit. In Friedersdorf, Bielitz, Oderhain und Broschütz stellten sie 90 Prozent der Bevölkerung.

Die Gogoliner hätten ihr schmuckes Städtchen gern dem deutschen Kanzler gezeigt. Aber sie waren sich klar darüber, daß das politisch nicht ging. Sie haben ihm aber übelgenommen, daß er nicht einmal zur Heiligen Messe auf den Annaberg kam. »Unser Herr Bischof hat ihn eingeladen, auch Solidarnosc war dafür«, sagt Jan Krol, »aber Glemp und die Kommunisten haben es hintertrieben.« Erzbischof Jozef Kardinal Glemp, der Primas der polnischen Kirche, steht in der Schlesierfrage in schroffem Gegensatz zu seinem Oppelner Amtsbruder Alfons Nossol, der in seinen Kirchen deutschsprachige Messen erlaubt.

Im August sammelten sich in der Klosterkirche St. Anna 500 Schlesier um Bundesarbeitsminister Norbert Blüm und sangen auf deutsch: »Heilige Anna, wir loben dich«. Für Glemp war damit die Schmerzgrenze erreicht. Als die Oppelner auch noch eine Gedenkmesse auf deutsch für Franz Josef Strauß beantragten, kam aus Warschau das Veto.

In der Oberschlesien-Frage herrscht Konsens zwischen Kurie und KP. Die gemeinsame Formel: Konzessionen gegenüber der deutschen Minderheit gleich Einstieg in die Verzichtpolitik.

Die Solidarnosc-Zeitung Gazeta wyborcza hat aus gegebenem Anlaß einen Blick über den Zaun empfohlen. Mehr Freiheit für die polnische Minderheit in Litauen zu fordern und gleichzeitig den Deutschen in Polen geringere Freiheiten zu verweigern, das sei ein Fall von doppelter Moral.

Die Rentnerin Gertrud Nowak, 85, hat die in Aussicht gestellten neuen Freiheiten schon vorweggenommen. Sie verkauft neuerdings vor der Kirche auf dem Annaberg ein deutsches Liederbüchlein. Die Kirchenleitung hat stillschweigend das Imprimatur erteilt. Das Büchlein heißt: »Weg zum Himmel«. Sowas kann ein Kardinal ja schlecht verbieten. f

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