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KRIMINALITÄT Die Polizei ist sauber

Die Hamburger Polizei hat bei einer Massenverhaftung 19 Personen, zumeist aus dem St. Pauli-Milieu, gegriffen - viel Gewinn fürs Behördenimage, nur mäßige Verluste für die Großkriminalität.
aus DER SPIEGEL 45/1982

Fürs Ordnungsamt ist er der »Begründer des St.-Pauli-Nepps«, für die Illustrierten »der Pate« und für die Polizei gar womöglich die Schlüsselfigur eines »mafiaähnlichen Imperiums«. Doch verurteilt wurde der Hamburger Night-life-Gastronom Wilfrid Schulz bislang nur einmal - wegen Steuervergehens.

Letzte Woche hatte die Hamburger Polizei einen bundesweiten, großen Schlag gegen das Milieu bekanntzugeben, unter den 19 Festgenommenen war wieder Wilfrid Schulz. Was die Beamten, die in Schulz' Villa Geschäftspapiere und Photoalben beschlagnahmten und dann den Hausherrn mitnahmen, als Begründung der Aktion anzugeben hatten, schien von neuem im Gegensatz zum großen Brimborium: wieder nur Steuerdelikte, gewisse Unregelmäßigkeiten um einen Pachtvertrag, ein gefälschter Bootsführerschein.

Das las sich fast schon bagatellenhaft, auch wenn zwei Tage später gegen Schulz noch die Beschuldigung, er sei in eine kriminelle Glücksspielvereinigung verwickelt gewesen, als Haftgrund nachgeschoben wurde.

Da liegen in den Hinterzimmern von St. Pauli ganz andere Sachen an. Im Milieu sind Cosa-Nostra-Methoden gang und gäbe, Schutzgelderpresser machen Kasse, Profi-Killer gehen um, und daß St. Pauli eine Drehscheibe des internationalen Drogen-Busineß ist, gilt unter Kriminalisten als ausgemacht.

Auch der Kreis der neben Schulz Verhafteten nimmt sich mittelmäßig aus. Aufschlußreich allenfalls die Sistierung zweier Behördenvertreter, die der Unterwelt mit Amtshandlungen gegen bar behilflich gewesen sein sollen. Im Falle Schulz allerdings muß für die Behörden die Verhaftung für sich schon zählen. Denn wenn sich die Vorwürfe erhärten, die amtlich einstweilen noch unkonkretisiert gegen Schulz erhoben werden, darunter Rauschgifthandel - dann wäre der Polizei ein altes Anliegen erfüllt.

Gastronom Schulz ist die Symbolfigur für eine Kette von Demütigungen der Behörde. Abwechselnd wurde ihr jahrelang Versagen beim Bekämpfen der Großkriminalität und personelle Verwicklung mit dem Untergrund angelastet; fast immer fiel dabei der Name Wilfrid Schulz.

Durch seine Bekannschaft mit der Kripo-Spitze, noch aus wildbewegten Gründerzeiten auf der Reeperbahn, sorgte Schulz jahrelang für Filzverdacht. Zwar sind Schulz und solche Polizisten, die beschuldigt wurden, seine Konfidenten zu sein, nie überführt worden. Hamburger Behördenspitzen war das Beweis genug, daß die Verfilzung nicht besteht, polizeiinternen Kritikern dagegen gerade ein Indiz, wie gut sie wenn nötig funktioniert.

Schulz, heute 54, hatte sich auf St. Pauli zum Betreiber von zeitweise bis zu zehn Lokalen aufgeschwungen. In welchem Umfang er beim Aufstieg mit dem Gesetz in Konflikt gekommen ist, blieb für die Ämter undurchsichtig. Fiel ein Vorwurf auf Wilfrid Schulz, klärte sich das immer anderweitig.

Während eines Zuhälterkrieges auf der Reeperbahn wurde einmal ein Wiener Kombattant mit lebensgefährlichem Blutverlust und sieben Stichwunden am Hinterteil vor dem Hafenkrankenhaus abgeladen. Die Polizei verdächtigte Schulz und Getreue der Tat, doch die Szene selbst bereinigte den Fall: Der Verletzte gab überraschend zu Protokoll, er sei ausgerutscht und sehr unglücklich ins eigene Messer gefallen.

In einem Mordprozeß gegen St. Paulianer berichtete der Angeklagte, wie einer der Prozeßbeteiligten milieugetreu ins Gebet genommen worden war; im Hinterzimmer eines seiner Etablissements habe Schulz regelrecht Femegericht gehalten. Schulz dagegen: »Das war nur ein Gespräch. Er hatte mich darum gebeten, um sich vor mir zu rechtfertigen.«

Nicht Schulz, sondern Polizisten und ein Staatsrat wurden schließlich angeschlagen, als die Behörde den vergeblichen Versuch unternahm, Verquickungen von Schulz und Kripo mit einer illegalen Lauschaktion zu belegen (SPIEGEL 39/1982).

Ohnedies weist die Hamburger Polizei seit langem breite Glaubwürdigkeitslücken auf. Für Gesprächsstoff sorgten öfter straffällige Zivilfahnder, zwielichtige V-Männer, gelegentlich auch Unklarheiten über den Verbleib von Rauschgift - einmal verschwanden 650 Gramm Heroin aus dem Gewahrsam im Präsidium.

Angeschlagen wurde das Image der Behörde auch durch eine Operation, die eigentlich reinen Tisch machen sollte mit all dem Gerede - eine Sonderkommission erbrachte 1982 Dutzende von Beispielen polizeiamtlicher Verstöße und auch eine Fülle von Belegen für das Bestehen organisierter Kriminalität, vor allem in Sachen Schutzgelderpressung und Rauschgift, mit Mafiabeziehungen in die USA.

Hamburgs Polizeibehörde ist es gewohnt, bei Abgrenzungsdemonstrationen gegenüber der Unterwelt erst einmal selbst was abzubekommen. Um so freudiger nehmen Behördenspitzen auch den gelindesten Anlaß wahr, Entwarnung zu geben. Innensenator Alfons Pawelczyk sagt gern: »Die Polizei ist sauber.« Für Erleichterung sorgte letzte Woche offenbar bereits die dienstliche Herkunft der belasteten Staatsdiener - diesmal keiner von der Polizei. Schon streut der Senator die allerdings wohl voreilige Erwartung, »daß heute niemand mehr behaupten darf, es gäbe Zusammenarbeit von Hamburger Polizei und Unterwelt«.

Wie bescheiden die Erfolgsmaßstäbe dabei sind, machte der Senator auch deutlich. Pawelczyk über die Tatsache, daß von den Razzia-Vorbereitungen nichts in die Unterwelt gedrungen ist: »Außerordentlich eindrucksvoll.«

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