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Kriegsverbrechen »Die Qual dauerte Stunden«

Erstmals soll einem in der Bundesrepublik festgenommenen mutmaßlichen serbischen Kriegsverbrecher der Prozeß gemacht werden. Sicherheitsexperten glauben, daß sich in Deutschland noch Dutzende von Folterern aus dem ehemaligen Jugoslawien verbergen, die zum Teil unter dem Schutz serbischer Mafiosi stehen.
aus DER SPIEGEL 8/1994

Im Viehhof des Münchner Schlachthofviertels blasen sogenannte »Schießer« mit reichlich Atü aus Druckluftpistolen Viecher um, »Aufhänger« befördern die an klirrenden Eisenketten hängenden Tiere mit Elevatoren in die Höhe, und auch die »Abstecher« machen keine langen Fisimatenten.

Stadtarchivar Richard Bauer beschreibt das Viertel, das nach dem 1878 fertiggestellten zentralen Schlacht- und Viehhof benannt ist, mit den Worten: »In großen Mengen fließt hier Blut und ist Blut geflossen.«

In diesem Stadtteil tauchten am vorletzten Samstag seltsame Gestalten auf. Ein schwerbewaffnetes Sonderkommando der Polizei nahm in der Kapuzinerstraße den Serben Dusko Tadic, 38, fest. Der Mann soll Sachen gemacht haben, die kein Kopfschlächter je mit einem Kalb anstellen würde.

Der junge Moslem Emin J. erinnert sich noch verdammt gut an Tadic, einen früheren Kaffeehaus-Besitzer aus Kozarac in Bosnien, den alle nur »Dule« nannten. Im Sommer 1992 sei Tadic in Tarnuniform im serbischen Konzentrationslager Omarska, nordwestlich von Banja Luka, erschienen und habe ihm einen Befehl erteilt: _____« Ich mußte drei meiner Mitgefangenen mit den Zähnen » _____« die Hoden abreißen. Und denen habe ich mit den Zähnen die » _____« Hoden abgerissen. Sie haben vor Schmerzen geschrien. Und » _____« sie haben ihnen zuerst Motorschmiere in den Mund getan » _____« und ihre Lippen mit Drähten durchstochen. »

Die Namen der Opfer in diesem Schlachthof für Menschen waren: Jasko H., Emir K., Emo A. Die drei heulten, ächzten, stöhnten, wimmerten, schrien. Hunderte von Menschen mußten das Martyrium der Opfer beobachten. Zeuge Nummer 256 836 gab Schweizer Vernehmern darüber später zu Protokoll: »Die Qual dauerte rund drei Stunden.« Zeuge 259 964: _____« Die Körper der Geschundenen lagen die ganze Nacht vor » _____« einer Halle und wurden erst am Morgen auf einen Lkw » _____« geladen. Zwei der Opfer lebten noch. Wachen schossen K. » _____« eine Kugel in den Kopf und köpften A. mit einem Bajonett. »

Zeuge 260 586: _____« T. wollte sich mit diesen Verbrechen an diesen » _____« Menschen, die er schon lange kannte, rächen, indem er sie » _____« erniedrigte, folterte und schließlich umbrachte. »

Spätestens mit der Festnahme des mutmaßlichen Folterers Tadic ist den Deutschen bewußt geworden, daß die Bundesrepublik nicht nur Hunderttausenden Flüchtlingen, sondern auch einer _(* Im Januar in der Karateschule seines ) _(Bruders in der Münchner Kapuzinerstraße. ) unbekannten Zahl von Kriegsverbrechern vom Balkan Zuflucht bietet. Sicherheitsbehörden vermuten, daß einige Dutzend, wenn nicht einige hundert Täter aus dem ehemaligen Jugoslawien in Deutschland Unterschlupf gefunden haben.

Die Verhaftung von München ist ein Signal. Erstmals soll nun einem der mutmaßlichen Kriegsverbrecher der Prozeß gemacht werden.

Dem Haftbefehl (Aktenzeichen: 1BGs 100/94) zufolge war Tadic einer der grausamsten Helfershelfer des Genozids im früheren Jugoslawien. Auf elf Seiten wirft die Karlsruher Bundesanwaltschaft Tadic Mord und Beihilfe zum Völkermord in drei Fällen sowie gefährliche Körperverletzung in einer unbestimmten Zahl von Fällen vor. Die Vorwürfe beruhen im wesentlichen auf den Aussagen von fünf Zeugen, die von Beamten des Bundeskriminalamtes (BKA) vernommen worden sind. Sie gaben zu Protokoll, Tadic und mehrere Begleiter hätten 150 Gefangene mit dem Gewehrkolben brutal traktiert.

Der Haftbefehl gegen den Serben stützt sich auf eine Gesetzesnorm, die sich zwar schon seit 1954 im deutschen Strafgesetzbuch findet, die aber jetzt, nach 40 Jahren, erstmals eine Rolle spielen soll: der Paragraph 220 a, Völkermord.

Schon im Juli des vergangenen Jahres hatte die Karlsruher Bundesanwaltschaft sechs einschlägige Verfahren eingeleitet. Die BKA-Staatsschutzabteilung erhielt den Auftrag, die Vorwürfe detailliert zu ermitteln. Bald darauf teilte das BKA intern ("Verschlußsache - nur für den Dienstgebrauch") ein erstes Ergebnis mit: _____« Es bestehen . . . zureichende tatsächliche » _____« Anhaltspunkte, daß die Serben an der moslemischen » _____« Bevölkerung in Bosnien Völkermord durch eine Vielzahl von » _____« Einzeltaten begehen, weil sie in der Absicht handeln, die » _____« bosnischen Moslems als Gruppe zumindest teilweise zu » _____« zerstören. »

Zur Zeit führt Karlsruhe zehn Ermittlungsverfahren wegen Beihilfe zum Völkermord. Die Zahl der Beschuldigten ist mittlerweile auf über 30 gestiegen. Ein Verfahren wegen Völkermordes richtet sich gegen Unbekannt - die Strafanzeige hatte der bayerische Sozialminister Gebhard Glück (CSU) gestellt.

Die Zuständigkeit der Oberfahnder ergibt sich aus dem sogenannten Weltrechtsprinzip, das im deutschen Strafgesetzbuch verankert ist. Danach dürfen und müssen Staatsanwälte »unabhängig vom Recht des Tatorts« auch im Ausland begangene Straftaten verfolgen, sofern sie sich gegen »international geschützte Rechtsgüter« richten - etwa Völkermord, Luftpiraterie oder Rauschgifthandel.

Wie Völkermord-Verfahren effektiv unterstützt werden können, exerziert die Schweiz vor. 20 Untersuchungsrichter der eidgenössischen Militärjustiz befragten für den zuständigen Uno-Ausschuß monatelang Kriegsflüchtlinge aus Bosnien-Herzegowina.

Die Juristen waren in einem speziellen Kurs auf die Aufgabe vorbereitet worden. Die Protokolle wurden in Anwaltskanzleien oder Sitzungszimmern aufgenommen. »Wir legten«, so General Jürg van Wijnkoop, Oberauditor der Schweizer Armee, »großen Wert auf eine zivile Atmosphäre.«

Zu den Aufgaben der Befrager gehörte es, »dem Protokoll eine Anmerkung beizufügen, wenn ihnen eine Aussage übertrieben oder zweifelhaft erschien« (Wijnkoop). Insgesamt allerdings hätten »die Befrager die Aussagen für glaubhaft« gehalten.

Im Lager Omarska beispielsweise seien »mit größter Wahrscheinlichkeit Dinge passiert, von denen wir annahmen, daß sie heutzutage unmöglich sind«. Einzelne Untersuchungsrichter hätten »wochenlang unter dem Gehörten gelitten«. Wijnkoop: »Mit zwei Befragern mußte ich lange Gespräche führen, um ihnen beim Verarbeiten zu helfen.«

In der Bundesrepublik werden Flüchtlingen und Asylbewerbern aus dem ehemaligen Jugoslawien bislang lediglich Vordrucke an die Hand gegeben. Darin sollen sie »konkrete Einzelheiten von Menschenrechtsverletzungen« anführen. Textauszug: _____« Ich habe am (Datum) . . . in (Ort, genaue » _____« Beschreibung) . . . folgendes erlebt/beobachtet: » _____« (Schilderung der Menschenrechtsverletzung, Namen, ggf. » _____« Beschreibung der Opfer und der Täter, ggf. weiterer » _____« Zeugen). Ich bin mit der Weiterleitung dieser » _____« Informationen an die Vereinten Nationen einverstanden. »

Die nicht analysierten Rohdaten werden unausgewertet an die Uno, Palais des Nations, nach Genf geschickt. Dort landen sie in der Ablage - wo sonst?

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Stefan Schwarz, 34, der mit seinem radikalen Engagement für die verfolgten Bosnier mittlerweile vielen konfliktscheuen Parteifreunden unbequem geworden ist, bezweifelt, daß das Auswärtige Amt »alles in seiner Macht Stehende getan« hat, um in Deutschland lebende Kriegsverbrecher aufzuspüren.

An Hinweisen auf die Täter mangelt es nicht. So existiert in Zenica in Zentral-Bosnien ein Dokumentationszentrum, in dem Erkenntnisse über die grauenvollen Vorgänge in serbischen Konzentrationslagern sowie über Massenvergewaltigungen gesammelt werden. Eine Computerliste umfaßt gut 1350 Namen von mutmaßlichen Tätern. Der in München festgenommene Tadic taucht gleich dreimal auf.

Bonn jedoch hat bislang an einer Zusammenarbeit mit dem Zentrum kein Interesse gezeigt. Am 10. Dezember 1992 riet der freidemokratische Außenminister Klaus Kinkel einem Emissär aus Zenica lediglich, die dort gesammelten Daten in Genf sicher zu deponieren.

In Deutschland verläuft die Spurensuche im Labyrinth, nur Kommissar Zufall ermittelt. Erst Fernsehjournalisten brachten im Fall Tadic mit Tips aus der Szene die Behörden auf den neuesten Stand. Die Göttinger Gesellschaft für bedrohte Völker sammelt zwar Zeugenaussagen, stellt aber keine eigenen Recherchen an.

Wo in Deutschland die Täter womöglich zu finden sind, weiß der Vorsitzende der Göttinger Gesellschaft, Tilman Zülch: »In serbischen Kneipen, in Serbentreffs an Bahnhöfen« - und wohl auch im Milieu.

Glaubwürdige Hinweise deuten darauf hin, daß Wochenend-Tschetniks, die in ihrer Freizeit zu Einsätzen gegen die Zivilbevölkerung nach Bosnien touren, enge Verbindungen zu den Jugo-Gangs in der Bundesrepublik unterhalten. Dort finden sie Unterschlupf und Unterstützung - ähnlich wie die italienischen Mafiosi, die zur Vendetta nach Sizilien reisen und ansonsten friedlich in Deutschland leben.

Dusko Tadic kam am 22. Oktober vergangenen Jahres nach Deutschland. Er reiste gleich nach Nürnberg zum Karate-Europacup, denn Kampfsport hat er stets geliebt.

Die deutsche Botschaft in Belgrad hatte ihm anstandslos ein Visum in den Paß gestempelt. Zurück nach Serbien, vertraute Tadic seinem Bruder Mladen an, wolle er nicht mehr, lieber nach Australien oder Kanada. Tadic ging nach München und half seinem Bruder in dessen Zentrum für Kampfsportkunst in der Kapuzinerstraße 10.

Zusammen mit seiner Frau und zwei Töchtern lebte er in einem engen Raum über der Klubgaststätte. Auf die Straße ging er kaum - er wußte, daß sein Name auf einer Liste serbischer Kriegsverbrecher stand.

Einige Frauen und Männer aus Omarska hatten ihn auch wiedererkannt, doch sie gingen nicht zur Polizei; die Opfer des Terrors leiden unter chronischen Angstzuständen. Akute Anfälle wechseln mit Perioden relativer Ruhe.

Tadic lebte als Kriegsflüchtling in Deutschland. Mit dem Krieg, erzählte der gelernte Elektrotechniker Fremden gern, habe er nichts zu tun gehabt. Bis zuletzt habe er in Kozarac als Verkehrspolizist gearbeitet und nach Feierabend eine Karateschule und ein Cafe betrieben. Bei ihm trafen sich die Serben. Die Opfer im Lager Omarska waren Nachbarn aus Kozarac, Muslime.

Mit den deutschen Behörden lebte Tadic in bester Eintracht. Ordnungsgemäß angemeldet, mußte er auch nach Ablauf des Visums nicht zurück. Jetzt sitzt er in Karlsruhe ein und wiederholt ein ums andere Mal: »Ich bin unschuldig.«

Einer der Brüder von Dusko Tadic ist Krieger der serbischen Milizverbände. Er trainiert eine Spezialeinheit nahe Banja Luka. Stolz reicht die Familie in Deutschland Fotos herum, auf denen er im Kampfanzug mit Schnellfeuergewehr posiert.

Am Freitag mittag voriger Woche rief er in München bei einem Landsmann an. Er fragte, was man für Dusko tun könne. »Sollen wir ein paar Soldaten der Uno-Truppen kidnappen und ihn freipressen?« Der Gesprächspartner winkte ab: »Das bringt doch auch nichts.« Jetzt will die Familie eine Unterschriftensammlung für Dusko organisieren und eine Demonstration veranstalten.

Die Bundesanwaltschaft wird das Verfahren an das Internationale Tribunal für Verbrechen im früheren Jugoslawien (ITCY) nach Den Haag abgeben, sobald das elfköpfige Gremium arbeitsfähig ist.

»Den Haag«, erklärt ein hoher Bonner Justizbeamter, sei »der bessere Ort als ein nationales Gericht«, aber der Generalbundesanwalt müsse »so arbeiten, als wäre Tadic in Deutschland angeklagt«.

Erst am 25. Mai 1993 hatte der Weltsicherheitsrat mit der Resolution 827 das Tribunal geschaffen, knapp sechs Monate später waren zwei Richterinnen und neun Richter vereidigt. Die Eröffnungssitzung fand am 17. November statt.

Die Ausarbeitung des Statuts war ein schwieriges Unterfangen. Zum einen stießen mit dem angloamerikanischen, dem kontinentaleuropäischen und dem islamischen Recht drei gänzlich verschiedene Systeme aufeinander, zum anderen gab es keinerlei Vorbild: In den Tribunalen von Nürnberg und Tokio nach dem Zweiten Weltkrieg saßen die Siegermächte zu Gericht.

Das erste ITCY-Jahresbudget ist mit 33 Millionen Dollar kalkuliert, aber die Uno-Mitgliederstaaten haben erst 5,6 Millionen eingezahlt. Von den benötigten 300 Mitarbeitern sind nur wenige eingestellt worden; der erste Chefankläger Ramon Escovar-Salom warf den Bettel hin, als ihm daheim in Venezuela der Posten des Innenministers angeboten wurde. Seit Donnerstag letzter Woche amtiert der Australier Graham Blewitt.

Im Juni, so schätzt der Tribunal-Präsident und italienische Rechtsprofessor Antonio Cassese, könne der erste Prozeß beginnen. Die Planungen für den Gerichtssaal und die Gefangenenzellen sind in vollem Gang. »Vielleicht«, spekuliert ein Haager Jurist, »trägt unser Pilotverfahren den Namen Tadic.«

Bei einer möglichen Verhandlung vor dem ITCY würde Tadic nicht für sich reklamieren können, auf Anordnung von oben gehandelt zu haben. »Befehlsnotstand« darf nach den ITCY-Regeln höchstens als strafmildernd gewertet werden.

Weil nunmehr bei Straftaten gegen das Völkerrecht »jeder . . . individuell für seine Verbrechen verantwortlich gemacht« werden soll, können auch Staatsoberhäupter und Regierungschefs sowie politische oder militärische Führer zur Rechenschaft gezogen werden - etwa Radovan Karadzic, der Boß der bosnischen Serben.

Der Grundsatz, die strafrechtliche Verantwortung für alle in einem Befehlsbereich begangenen Verbrechen übernehmen zu müssen, ist nicht neu: 1945 verurteilte ein amerikanisches Militärgericht den japanischen General Tomoyuki Yamashita wegen der Kriegsgreuel seiner Einheiten auf den Philippinen zum Tode.

Yamashita hatte weder entsprechende Befehle gegeben noch mit den Truppen zum Zeitpunkt der Massaker in Verbindung gestanden. Y

* Im Januar in der Karateschule seines Bruders in der MünchnerKapuzinerstraße.

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