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»Die Reagan-Ära ist vorüber«

Anthony Lewis von der »New York Times« rechnete in einem Kommentar mit Reagans Wirtschaftspolitik ab. Auszüge: *
Von Anthony Lewis
aus DER SPIEGEL 44/1987

Der Lärm, den Sie hörten, kam nicht nur vom Krach des Aktienmarkts. Es war das Bröckeln der öffentlichen Unterstützung für Ronald Reagan.

In einer beängstigenden Krise wurde der Präsident der Vereinigten Staaten als völlig unwichtig abgetan. Die Finanzexperten und Politiker, die auf dem Fernsehschirm erschienen, ließen erkennen, daß sie von Mr. Reagan keine Führung mehr erwarteten. Es schien ihnen peinlich zu sein, seinen Namen zu erwähnen.

Der Grund für diese Nichtbeachtung ist kein großes Geheimnis. Praktisch niemand in den USA, nicht einmal einer von denen, die Mr. Reagan als Persönlichkeit bewundern, glaubt noch, daß er irgendein Gespür für die wirtschaftliche Realität besitzt. Anders ausgedrückt: Es macht Spaß, mit einem Mann, der singen und tanzen kann, in einer Glitzerwelt zu leben, solange die Realität nicht in sie einbricht.

Die Reagan-Ära ist nun vorüber egal was noch auf dem Aktienmarkt geschieht. Die Leute werden Montag, den 19. Oktober, nicht vergessen. Sie werden das Gefühl nicht vergessen, daß die Dinge außer Kontrolle gerieten und daß sie nicht darauf vertrauen konnten, der Präsident werde schon mit der Situation fertig.

Bereits seit einiger Zeit argwöhnten die Amerikaner, daß sie in einem wirtschaftlichen Phantasie-Land lebten. Immer wieder wurde ihnen erzählt, daß sie und ihr Land etwas gratis haben könnten - Wohlstand, ohne etwas dafür zu tun. Und sie haben es nie so richtig geglaubt.

Hinter Ronald Reagans Charme verbargen sich die Scharlatane der Neuen Rechten. Sie erfanden Reaganomics: die These, daß die Regierung die Steuern drastisch kürzen, die Rüstungsausgaben enorm erhöhen und sich dann aus dem Defizit herausspendieren könne. Der Präsident war der perfekte Verkäufer dieser These weil er selbst daran glaubte.

»Er glaubt, daß er etwas wahr denken kann und daß es dann wahr wird«, sagte Jim Wright, der Sprecher des Repräsentantenhauses, vergangenen Monat. »Er ignoriert die Fakten, die ein Präsident beachten sollte, und tut das vorsätzlich.«

Einige werden Mitgefühl für einen alternden Politiker empfinden, der nichts mehr im Griff hat. Aber nach dem, was Mr. Reagan den Vereinigten Staaten angetan hat, scheint mir Sympathie für ihn nicht angebracht.

Hier stand nun ein Präsident mit überwältigender politischer Unterstützung - einer, der den Kongreß vier Jahre und länger nach seiner Pfeife tanzen lassen konnte. Aber was vollbrachte er mit seiner Macht, wenn es um die entscheidenden wirtschaftlichen Fragen des Landes ging? Nichts. Er verplemperte seine Chancen.

Er redete davon, daß er das Budgetdefizit reduzieren werde. Aber in Wahrheit sorgte er für das größte Defizit der Geschichte - ein höheres als alle Präsidenten vor ihm insgesamt hinterließen.

Mr. Reagan tat ebenfalls nichts gegen das Handelsdefizit. Er prahlte mit einer Prosperität, die in Wahrheit nur von fremdem Geld aufrechterhalten wurde. Jeder weiß, daß das nicht so weitergehen kann, und was geschieht wenn dieses Geld nicht mehr kommt?

»Jemand hat die Führung zu übernehmen«, sagte Bob Dole, der republikanische Spitzenpolitiker im Senat, nach dem Krach - wohl ohne Ironie. Die Öffentlichkeit denkt sicherlich jetzt genauso. Das Präsidentenamt steht dem Kandidaten offen, der die Wähler überzeugen kann, daß er mit den wirtschaftlichen Realitäten fertig wird - und der das allgemeine Vertrauen in die politische Führung wiederherstellt.

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