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»Die Regie hat prima geklappt«

SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann über die Wiederwahl des FDP-Vorsitzenden Genscher
aus DER SPIEGEL 45/1982

Es hat schon strahlendere Siege gegeben und glücklichere Gewinner. Zwar atmet Hans-Dietrich Genscher am Freitag letzter Woche im Internationalen Congress Centrum von Berlin einmal kurz und professionell durch, als er erneut vom Parteitag der FDP zum Vorsitzenden gewählt wird.

Aber das folgende Siegerlächeln will nicht recht aus seinen gefrorenen Zügen auftauen. Dabei ist das Ergebnis - 222 Stimmen fallen auf Genscher, nur 169 auf seinen Rivalen Uwe Ronneburger - eindeutiger, als er zuletzt hat erwarten können.

Denn kurz zuvor sind die Delegierten nach einem Tag heftiger und gereizter Debatten weniger freundlich mit ihm umgesprungen. Sie haben vieles mißbilligt, was er als Wende gefeiert sehen möchte.

In hektischer Atmosphäre tadeln sie den Vorsitzenden dafür, daß er den Absprung zur CDU/CSU ohne Beteiligung der Basis unternommen hat. Sie finden die Ergebnisse der Koalitionsverhandlungen mit der Union unbefriedigend. Und sie erteilen ihm per Abstimmung einen Verweis, weil er sich von der Union hat diktieren lassen, daß Ex-Innenminister Gerhart Baum an den Koalitionsverhandlungen nicht teilnehmen darf.

Das ist genug, um bei Baum Genugtuung hervorzulocken: »So etwas ist einem Parteivorsitzenden in der Bundesrepublik noch nicht passiert.« Doch es langt nicht, um den so massiv Gerüffelten aus dem Amt zu hieven: »Ich nehme die Wahl an«, sagt Genscher, und einen Augenblick sieht er so aus, als wolle er hinzufügen: natürlich.

Aber ein Blick auf die Ränge, wo das Parteifußvolk sitzt, läßt ihn einen Moment verstummen. Da wird gebuht und gepfiffen, und an drei Stellen tauchen Transparente auf: »Jetzt reicht's.«

Hans-Dietrich Genscher wirkt, als er die Wahl annimmt, einen Augenblick wie jemand, der endgültig in die Ecke gedrängt worden ist. Dann mahnt er zur Toleranz und verspricht, er wolle sich das Vertrauen derer zurückerobern, die ihn nicht oder noch nicht wählen mochten. »Niemals«, schallt es von den Rängen.

Und nun? »Alles Scheiße«, sagt Helga Schuchardt. Andere vom linken Flügel frohlocken: »Der ist ganz schön eingemauert.«

Tatsächlich muß Genscher auch noch eine weitere Parteitagsorder schlucken: Bei Koalitionsverhandlungen mit der Union nach einer eventuellen Bundestagswahl am 6. März soll er erneut für die Liberalen das Innenministerium fordern. Nur unter dieser Bedingung kandidiert auch Baum als Genscher-Stellvertreter.

Auch Baum wird, mit nur 176 von 351 Stimmen, gewählt. Nimmt er die Wahl an? In der gespannten Stille hallt es von der Tribüne, wo die linken Liberalen sitzen: »Nein!« Baum sagt ja.

Das freut nun wieder die Rechten - die Opposition ist eingebunden. Möllemann höhnt: »Die Regie hat prima geklappt.«

Verwirrung, Unlust, Hoffnung, Wut und Resignation gehen durcheinander. Die Parteitagshalle spiegelt das innere Chaos der Liberalen wider. Die Freidemokraten, die unentwegt an diesem Freitagnachmittag aufgefordert worden sind, aufeinander zuzugehen, rennen aneinander vorbei, manche mit Haß im Gesicht.

Schon vor den Wahlurnen hat sich der Ärger entladen: »Da sollen wir nun aufeinander zugehen«, seufzt eine Delegierte, »und jetzt wählen wir zum erstenmal in Kabinen mit Sichtblenden.«

Andreas von Schoeler und die Abgeordnete Carola von Braun-Stützer sehen Spielraum für weitere Arbeit als Sozialliberale in der Fraktion. Frau Braun-Stützer: »Die Mißbilligungsanträge halten Hunderte vom Austritt ab.« Sie selbst auch.

Aber nicht Ingrid Matthäus-Maier. Das sei nicht mehr ihre Partei, sagt sie, hier sei es nicht nur um Personen gegangen, sondern damit zugleich um einen neuen Kurs. Für sie, die bewegt gesteht, wie schwer ihr der Abschied fällt, ist die FDP, die Genscher wiederwählt, nicht mehr auf einem Weg, den sie mitgehen kann.

Noch am Freitagabend erklärt sie ihren Austritt. Ihr Bundestagsmandat will sie in den nächsten vier Wochen niederlegen.

Tatsächlich ist die Verwirrung nicht ganz so groß, wie die ratlosen, unsicheren Linksliberalen sagen, die so gern kompliziert denken und ihren einfachen Gefühlen mißtrauen. Selten hat eine Partei mit zwei Führungspersonen so klare Alternativen gehabt - Hans-Dietrich Genscher und Uwe Ronneburger verkörpern Politik-Stile, wie sie unterschiedlicher nicht sein können.

Genscher drückt es klar aus. »Es ist das Ja oder Nein gefordert, das Entweder-Oder. Nicht jetzt und nicht so ist keine ausreichende, klare Antwort«, sagt er. Und: »Hier gehören Sache und Person zusammen, diese Konsequenz ist unausweichlich.«

Der Stil, den Genscher meint, wird dem kargen Norddeutschen am Nachmittag eindringlich vor Augen geführt. Da sitzt Uwe Ronneburger in dem kleinen Büro Nummer 47 hinter dem Parteitagssaal und starrt auf ein kleines Fernsehbild.

Von dort redet Genschers Intimus, Staatsminister Jürgen Möllemann, auf den Kandidaten ein, als säße er vor ihm im Saal. So muß es dem Fernsehzuschauer erscheinen - nur Anwesenden erschließt sich die Methode der scheinbaren Direktheit, der täuschenden Vertraulichkeit, mit der Genscher und seine Leute Politik machen.

Herr Ronneburger, sagt Möllemann, und wieder: Herr Ronneburger. Er habe heute morgen gesagt, die Ära Schmidt/Genscher sei zu Ende, klagt Möllemann an: »Herr Ronneburger, dieser Satz ist nur halb richtig. Zu Ende ist nur die Ära Schmidt.«

Da schüttelt der Norddeutsche langsam und nachdenklich den Kopf. Ob über die Methode oder über die Behauptung, läßt er offen. Sicher ist, daß der Satz vom Ende auch der Ära Genscher für den Schleswig-Holsteiner selbst durch die Wiederwahl des Vorsitzenden nicht an Gültigkeit verloren hat.

»Der ist doch von der Küste«, sagt einer seiner Mitarbeiter, »der versteht was von Fluten und Dämmen.« Jetzt, so glaubt er, werden die Dämme brechen - die »Austrittswellen«, vor denen sein Chef am Morgen in seiner Rede gewarnt hat, sieht er schon durch die Partei branden. Ingrid Matthäus-Maier ist auch ein Symbol.

Personen signalisieren die »liberale Sache«, von der soviel die Rede gewesen ist an diesem ersten Tag des Parteitages, deutlicher als jede Sachaussage. Es fällt Uwe Ronneburger schwer, das einzugestehen.

Wie Hans-Dietrich Genscher in seiner Eröffnungsrede, spricht auch er von Programmen, Koalitionsaussagen, Wahlen und von liberalen Aufgaben. Aber daß »Glaubwürdigkeit der Schlüssel für politischen Erfolg ist«, das steht für ihn über allem anderen, und auch der Satz: »Wir können politischen Stil und politischen Inhalt nicht voneinander trennen.«

Also geht es auch ihm allein um die Person Hans-Dietrich Genscher? Ronneburger ist zu bescheiden, um so etwas auszusprechen, würde es doch heißen, daß seine Person, als Alternative, ebenfalls von programmatischer Bedeutung ist.

Das sagt Uwe Ronneburger nicht, das führt er vor. Mit schlichten Sätzen fordert er, »daß Liberale das halten, was sie versprechen«. Er will die Spaltungen, die durch die Reihen der Liberalen gehen, nicht als Auseinandersetzungen zwischen rechts und links, jung und alt, Nord und Süd in der Partei vereinfacht wissen.

Er vereinfacht sie durch seinen Auftritt anders: als eine Entscheidung zwischen anständig und unanständig, zwischen moralisch und zynisch, zwischen glaubwürdig und verlogen.

Hans-Dietrich Genscher merkt es wohl. Nicht zufällig wehrt er sich besonders hartnäckig dagegen, daß »die Entscheidung der Minderheit als die ehrenhafte, die der Mehrheit aber als die moralisch fragwürdige dargestellt wird«. Aber selbst wer die moralische Elle nicht herbeiholen mag, um die Abstände zwischen den Kandidaten zu messen, kommt nicht daran vorbei, daß zwischen den Politik-Kategorien Abgründe liegen - Abgründe, aus denen Grüne sprießen.

Hier der Bauer aus Tetenbüll, der sich dagegen wehrt, abschätzig so genannt zu werden, der aber positiv jene Bodenständigkeit und reale Verwurzelung verkörpert, die bei dem Hin-und-her-Flieger Genscher, der nirgendwo zu Hause ist, sich in Luft aufgelöst haben. Dort der eiskalte Profi der Verallgemeinerung Genscher, der für nichts wirklich geradesteht, aber das mit voller Kraft.

Ronneburger spricht simpel, aber genau von jenem fast 70jährigen Parteifreund, der über 30 Jahre der FDP angehört, auf Orts- und Kreisebene in Partei und Parlament gearbeitet hat, »der vermutlich noch nie in seinem Leben einen Jungdemokraten gesehen hat« und der jetzt der Bundesgeschäftsstelle der Partei seine Theodor-Heuss-Medaille zurückgesandt hat mit der bitteren Bemerkung: »Zum erstenmal in meinem Leben schäme ich mich, FDP-Mitglied zu sein.«

Ein bißchen einfältig klingt das, fast kitschig, für die Ohren der Jet-set-Politiker. Aber die Not ist unüberhörbar, die aus Ronneburgers Frage an den Parteitag spricht: »Was antworte ich diesem Mann?«

Hans-Dietrich Genscher hätte da schwerlich Schwierigkeiten. Er würde von der »Funktionsfähigkeit unserer Demokratie« sprechen, von »Regierbarkeit«, »Führungsverantwortung« und dem »Ringen um eine europäische Friedensordnung«. Das sind Genschers Formeln seit eh und je und für alle Lebenslagen. Auch am vergangenen Freitag tönen sie durch die Halle, mit routiniertem Timbre und Sinn für theatralische Nuancen, mal herausgeschmettert, mal hingehaucht.

Hans-Dietrich Genscher stößt sich nicht an Fernsehkameras, was seinem scheuen und eckigen Rivalen beim Marsch auf das Podium widerfährt, wo er dann mit einer Beule an der Stirn und einer leichten Rißwunde zu reden beginnt.

Hans-Dietrich Genscher redet glatt und geschmeidig über alle Zweifel in dieser Partei hinweg. Selbstkritik? Gewiß bekennt er Fehler »auch ganz persönlich ... als Handelnder und Betroffener«. Aber es soll nur niemand denken, er sei schlimmer als die anderen: »Hier soll derjenige aufstehen, der - wenn er in schwieriger Lage entscheidet und handelt - frei von Fehlern ist.« Hat er den Mitgliedern der Partei viel zugemutet? Aber gewiß doch: »So, wie mir selbst auch.«

In Wahrheit leistet sich Genscher weder Zweifel noch Skrupel, kann sie sich wohl nicht zugestehen, wenn er weiter funktionieren will. Günter Verheugen hat es ihm ein paar Tage vor dem Parteitag ins Gesicht gesagt: »Ich dachte, Sie seien zweifelnder, selbstkritischer.«

Warum sollte er? Verdient er nicht eher Mitleid dafür, daß jetzt alle mit Dreck auf ihn werfen und daß er die Prügel dafür einsteckt, daß er diese Partei am Leben erhalten hat - am Leben als Regierungspartei, anders kann er sich seine FDP einfach nicht vorstellen.

Diese Partei, in ihrer Mehrheit wenigstens, kann es auch nicht. Die ganze FDP sei eben ein bißchen »vergenschert«, sagt der linksliberale Gerhart Baum, »denkt und redet wie er stets mit Hintertüren«.

Aber ob es durch die Hintertür am 6. März noch einmal - sollte gewählt werden - in den Bundestag geht?

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