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Die Reichen in Deutschland

aus DER SPIEGEL 41/1966

4. Fortsetzung

Privilegien, Luxus, Lebensstil

Wie vorzüglich Reichtum schmeckt, verraten nur wenige mit der entwaffnenden Aufrichtigkeit des Gourmets Hans Herbert Blatzheim. Er ist auch da ganz Gastronom und findet das vernehmliche Vorkosten legitim.

Für Freunde und Bewunderer gab er auf eigene Spesen Reise-Erinnerungen zum Buchdrucker - eine unter den Reichen der Bundesrepublik nicht völlig ungewöhnliche Idee, die für gut gehaltenen eigenen Gedanken, Koch- oder Lebensrezepte zu verbreiten. So können auch andere eine Vorstellung davon gewinnen, was ein Leben erster Klasse überhaupt bedeutet. Beispielsweise erfahren sie, wie sehr der rosige Feinschmecker aus Köln am Rhein es auf Hawaii genoß, ein besseres Hotel -Appartement zu bewohnen als selbst Elvis Presley. Voll Bewunderung, so überliefert uns Blatzheim, hätten ihn die Leibwächter des Sängers angestarrt. »Ich mußte für sie ein ganz besonderer Gott sein.«

Seine Frau Magda (geb. Schneider), die auf dem Schlafzimmer-Balkon des feudalen Ferienhauses Maro in Morcote am Luganer See für ein Heidengeld Rasen anpflanzen ließ, damit ihr Hund etwas Auslauf hat, wenn sie sich noch nicht erheben möchte, bekannte einmal in meiner Gegenwart, Hans Herbert habe schon in jungen Jahren immer davon geschwärmt, einen Cadillac zu fahren. Nun fährt er sogar einen Rolls -Royce. Unbeirrbar ist er sich in seinem Streben nach dem Besten treu geblieben - ein Idealist, wenn man will.

Es macht ihn ungehalten, einmal nicht vom Besten zu haben. Ingrimm nagte an seiner gepflegten Konstitution ("Ich werde doch sehr viel massiert"), als er auf dem Fluge von Johannesburg nach Melbourne seinen vorbestellten Vorzugsplatz in der Maschine besetzt fand und ohnmächtig eine Weile in der Touristen-Klasse reisen mußte, »eingepfercht wie eine Sardine, pausenlos belästigt durch Kinder von drei bis sechs Jahren, halb taub durch das Gebrüll von Babys von zwei bis sechs Monaten«. Aber er gibt da so leicht nicht auf, und schließlich gelingt es ihm, durch Geld und jene Energie, die sich in Geschäften ebenfalls bewährt, den Platz A 1 zu erkämpfen. Der ist, wie uns der Reisende erzählt, »eineinhalbmal so breit wie ein normaler Sitz 1. Klasse« und außerdem ganz isoliert - somit eine Placierung, bei der dem Traveller aus Germany das Herz im Leibe wieder lacht. Endlich beruhigt, kann er sich den acht folgenden Mahlzeiten an Bord widmen.

Wer nicht reich ist, läuft bei so einem Mann Gefahr, als armer Teufel taxiert und bedauert zu werden, gleich dem Verfasser eines unliebsamen Artikels über Romy Schneider, den Stiefvater Blatzheim sich in seinen Reise-Erinnerungen plastisch als »armes, aber verbittertes Schreiberlein« vorstellt, das »in seinem möblierten Zimmer mit Morgenkaffee« sitzt und »auch allen Grund hat dazu. Nämlich verbittert zu sein.«

Meist haben die reichen Leute in der Bundesrepublik aber angefangen, sich damit vertraut zu machen, daß ihnen das Vorrecht, erster Klasse zu leben, nur noch einen unerheblichen Abstand vom nachrückenden Mittelstand gewährt. Sollten sie auf einer privat arrangierten Safari in Nairobi Kunden der Touropa in ihrem Luxushotel finden, so wundern sie sich nur noch milde, wie der Dujardin-Erzeuger Wilhelm Melcher, der mir - schon fast wieder bewundernd - erzählte, er habe auf einer Afrika-Reise nichts Nennenswertes für sich allein gehabt.

Wenn die Privilegierten-Wartestuben der internationalen Fluggesellschaften sich mit Trägern des VIP-Zeichens überfüllen, mag es schon wieder vornehm sein, gleich dem unternehmerisch erfolgreichen Prinzen Johannes von Thurn und Taxis, gelegentlich in die Touristenklasse zu steigen.

Wenn die Straßen verstopft sind und es auf den Parkplätzen auch für den verschwenderisch übermotorisierten Mann von Geld schwierig wird, seine Marke unter den vielen gleichwertigen noch ausfindig zu machen, mag es einem gesunden Ausweich-Reflex entsprechen, daß der Multimillionär Bruno Schubert (Henninger-Bräu) sich in einem BMW 1800 fortbewegt. (Seine Frau mußte sich bereits früher von ihrem Mercedes-Kabriolett trennen, als ruchbar wurde, Nitribitt habe sich dieses Modells bedient; jetzt fährt die Millionärsgattin Chevrolet, doch, wie betont wird, den allerallerkleinsten.)

Die Auslese-Armbanduhr vom Juwelier Cartier trägt außer Leuten von der Zahlungskraft eines Gunter Sachs oder Dimitri Pappas schon jeder bessere Strandbad-Casanova. Der goldene Rolex-Chronometer, teuer und gewichtig wie ein Kleinwagen und laut Werbeslogan von den »Großen der Gegenwart« bevorzugt, belastet sogar das Handgelenk des Maßhalters Ludwig Erhard.

Einigen reichen Männern nähten die Kürschner der Bundesrepublik Nerzfutter in die Wintermäntel, wodurch man den Kaufpreis bis auf 50 000 Mark pro Stück zu erhöhen vermochte. Aber wenn diese Kunden danach gefragt werden, geben sie die kostbare Innenseite eilends und ängstlich für schlichten (und genauso nützlichen) Biber aus und bleiben dann schrecklich einsam mit dem Geheimnis ihrer exklusiven Wärme.

In Hamburg wie der Stahl-Industrielle Helmut Benteler, die Verleger Axel Springer, Richard Gruner und John Jahr (für 850 bis 1000 Mark pro Anzug) den Schneider Josef Beck, in Frankfurt wie Bruno Schubert oder Harald Quandt den Schneider Peter Prokasky (850 bis 1100 Mark pro Anzug) bemüht zu haben, könnten sich viele solid beamtete Biertrinker, »Bild« oder »Capital«-Leser bereits rühmen. Zwar lassen sie nicht nach Art des reichen Elegants Schubert bis zu zwei Dutzend Dessins im Jahr verarbeiten, doch ihre Silhouette umschmeichelt der nämliche Schnitt. Münchens Max Dietl kleidet (für 1000 bis 1100 Mark pro Anzug) neben Schickedanz und Witt in Weiden - dem er Kennziffern in Jacken und Hosen näht -, neben dem Krupp -Sohn Arndt oder Carl Underberg eine bereits unübersehbare Menge von gutgenährtem Mittelstand.

Was Wunder, wenn mancher Urtyp des Selfmade-Reichtums, wenn etwa ein Franz Burda geradezu Wert auf die Feststellung legt, daß er sich weiterhin in die Hände seines Provinz-Schneiders gebe, obwohl er andererseits für das standesgemäße Auskämmen der Damen seiner Familie ohne weiteres mal Alexandre, den Friseur der Königinnen, aus Paris herbitten kann.

Vor ihrem Fleischer sind zwar noch lange nicht alle Deutschen gleich. Doch leben beispielsweise in Essen Normalverbraucher, die vom Krupp-Konsum regelmäßig eine Keule des fetten Lamms erstehen, dessen andere Keule für den ihnen nur vom Hörensagen bekannten Millionär Berthold Beitz bestimmt ist. (Mehr als eine Keule kann er auch nicht verzehren.)

Diese Normalverbraucher haben sich immer mit dem Waschwasser von Essen begnügt. Die Oberhemden von Berthold Beitz beförderte man jahrelang zum Waschen nach Berlin. Doch findet neuerdings selbst er, daß an der Ruhr für sie genug getan werden kann. Schritt für Schritt müssen ja immer wieder neue Wege gefunden werden,

die Zugehörigkeit zur Sonderklasse der deutschen Einkommensstatistik auszuweisen - selbst auf die Gefahr hin, daß man sich auf menschheitsalten Privatwegen des Elite-Strebens wiederfindet.

Diener zu haben war durch Jahrtausende ein Merkmal hervorragenden Ranges. Nun, in einer Epoche der Vollbeschäftigung, kommt - von der Annehmlichkeit einmal abgesehen - der gesellschaftliche Ziereffekt des hochstehenden Hauspersonals zu neuer Bedeutung.

Fürst Franz Joseph von Thurn und Taxis hat sich etwas eingeschränkt, beschäftigt aber in seinem Regensburger Stadtschloß immer noch 24 Dienstboten. Zuoberst den Hofmeister Weichselgartner und eine Baronin Lilien als Hofdame, zwei Lakaien, acht Schloßdiener, zwei Zimmermädchen für die Fürstin, eine Wäschedame, eine Bedienerin, sechs Putzerinnen, einen Chauffeur und einen Pförtner. Er kann nicht auf den eigenen Uhrmacher verzichten, denn es ginge über die Kraft des Personals, die edlen alten Federwerke aufzuziehen und in Gang zu halten, von denen die Zeit im Schloß gemessen wird. Andererseits unterhält er nicht mehr wie früher einen Leibarzt oder einen festbesoldeten Prediger, obwohl ihn sein katholischer Glaube jeden Morgen in die Makart-Düsternis seiner Privatkapelle drängt, wo nun gegen Honorar ein Mönch für ihn die Messe liest. Der 72jährige Fürst geht in Pantoffeln und Hausjacke durch seine leeren, spiegelblanken Korridore, auf denen ihm nur Menschen begegnen, die vor ihm den Rücken beugen. Niemand dringt zu ihm vor, der sich nicht rechtzeitig in das Audienzbuch eingetragen hätte, welches sein Pförtner ihm einmal am Tage heraufbringt.

Das ist ein System, an dem sich seit Generationen nichts geändert hat. Seine Vorzüge zu erläutern, bedient man sich im Schloß mit Vorliebe der Anekdote von Adolf Hitler, von dem der Vorgänger des Fürsten Franz Joseph noch in den vierziger Jahren dieses Jahrhunderts sich weigerte, Notiz zu nehmen: Hitler? Ein Hitler hatte sich jedenfalls bei ihm noch nicht eingeschrieben.

Einen amerikanischen General brachte später das mit adeligen Namen angefüllte Buch so in Verwirrung, daß er sich mangels anderer Titel mit seinem Freimaurer-Rang anmeldete.

Säbelbewehrt wachen vor der Loge des fürstlichen Portiers zwei Männer mit Zweispitz. Ihre bunten Soldaten-Mäntel reichen bis zu den Knöcheln, ihre Beine stecken in weißen Gamaschen und auf ihrer Brust glänzt auch in der Epoche der Abwerbung ein silberner Schild mit der Inschrift: - »Perpetua Fide« - In ewiger Treue. Nur wer die Kamera auf sie richtet, bekommt eventuell etwas vom Atem der Neuzeit zu spüren: Von ihm erwarten sie mit Recht ein Trinkgeld.

Oben im Schloß wird mit Würde noch ein wenig am Stil der Feudalzeit festgehalten, insbesondere bei festlichen Anlässen. Das spanisch-habsburgische Hofzeremoniell diktiert dann die Sitzordnung und das Benehmen an der fürstlichen Tafel. Und zu Weihnachten, wenn von weither die Verwandten kommen, um unter barockgeschmückten Christbäumen im Speisesaal zu dinieren, tragen die Lakaien Rokoko-Livree und weiße Perücken.

So manierlich, so kostbar, so - wenn man will - anachronistisch lebt in Deutschland ein Dutzend aristokratischer Herren, gelegentlich seufzend wie jede Prokuristen-Frau über den unerhörten Mangel an Dienstpersonal, doch wahrhaft königlich, gemessen am Aufwand viel reicherer Industrieller.

Auch diese fühlen inmitten einer noch nie dagewesenen Verknappung männlicher Arbeitskraft zunehmend den Anspruch nach Handreichungen gerade von männlicher Seite, aber mehr als einen Diener (den sie Butler nennen) wagen vorerst nur die wenigsten zu beanspruchen. Ihr ideales Rezept lautet: Man nehme einen mit Frau, lasse diese mit zupacken, vielleicht sogar kochen, und ihn selber zwischendurch noch den Chauffeur spielen. Einen Mann und Ehemann wie jenen Joseph Hampel, der dem Erbprinzen Johannes von Thurn und Taxis seinen separaten Haushalt innerhalb des Familienschlosses führt und ihm gelegentlich vorauseilt, um in anderer Livree auf einem anderen Schloß diskret für ihn zu sorgen.

Hampels könnte es zur Zeit nicht genug geben. Wer einen hat, verwöhnt ihn samt Frau möglichst mit einer Drei-Zimmer-Wohnung, freier Verpflegung und 600 bis 1200 Mark netto, und läßt ihn fühlen, wie man ihn auch als Lebenskameraden respektiert. Selten kommt es vor, daß ein deutscher Herr es sich heute erlaubt, seinen Diener nicht mit Herr anzureden oder ihm nicht schrankenlos Vertrauen entgegenzubringen - etwa wie Berthold Beitz, die Schlüssel zum Barschrank an einer Kette bei sich zu tragen. Julia von Siemens feuerte einen Butler, weil er den Porsche ihres Sohnes Peter benutzte - ein Grenzfall der Duldsamkeit. Sie führt nun mit einem gewissen Stolz ihren großen Bungalow allein mit zwei Hausmädchen.

Der Kölner Bankier Friedrich Carl Freiherr von Oppenheim gab für seinen Diener Antonius (bürgerlich Anton Muszynski) zu dessen 50jährigem Berufsjubiläum ein kleines Fest, dessen Programm darin bestand, daß Antonius und Frau von der Baronin vor aller Augen bedient wurden.

Georg von Opel zieht seinen Butler wie einen Wandervogel mit in seinen sportlichen Lebenswandel hinein. »Kommen Sie, Herr Eschmann«, ermuntert er den jungen Ehemann, der im »Gotischen Haus« mit Frau eingezogen ist, »ziehen Sie sich bitte an, wir gehen spazieren.« Auf diese Weise gelingt es dem reichen Philanthropen, in guter Gesellschaft rings um den Feldberg jährlich mindestens hunderttausend Meter bergauf zu gehen.

Wenn sie nach drei, vier Stunden wiederkehren, verwandelt sich Manfred Eschmann schnell in einen distinguierten Dienstboten zurück und serviert mit weißen Handschuhen den Tee.

Bei Ernst Wilhelm Sachs nimmt die Visitenkarte ein gewisser Robert Rossin entgegen, ein Mann mit dem unbewegten Gesicht eines Filmdieners. Im Verlauf eines einzigen Abends wechselt er wiederholt das Kostüm: Eben noch hat er in einer Dienerjacke den Aperitif serviert, da tritt er, nach kurzer Zusammenarbeit mit der Köchin, bereits im Gala-Frack aus der Küche und meldet seinem jungen Herren, es sei angerichtet. Später streift er eine Kamelhaar-Jacke über und bringt im VW-Kombi noch Gäste ins Hotel, denn er hat seine Karriere eigentlich als Fahrer begonnen.

Weit mehr etwa als das Auto in Übergröße, das immer im falschen Moment auffällt und außerdem von jedem erfolgreichen Handwerksmeister heimgeführt werden kann, wird heute der Herr mit dem treuen Blick und den weißen Handschuhen aus Zwirn als Wahrzeichen gehobenen Lebensanspruches empfunden. Wie schön, wenn er auch noch Exote ist, gleich einem gewissen Osman im Hause des Konsuls Bruno Schubert; der ergebene Kopf unterm Turban stammt aus Nubien und ist daher zu Recht, wie sein Herr mit feinem Stolz bemerkt, »etwas dunkel ausgefallen«.

Alfried Krupp und Carl Underberg, Friedrich Flick, Axel Springer und seinen Generalbevollmächtigten Christian Kracht, den SPIEGEL-Teilhaber Richard Gruner, Otto Fürst Bismarck, den deutschen Handelstagspräsidenten und Odol -Unternehmer Ernst Georg Schneider und Max Grundig findet man in dem wachsenden Häuflein der auf männliche Fürsorge abonnierten Elite. Philip Rosenthal beschäftigt zwar Mann und Frau in seinem Schloß, aber die Frau muß servieren. In Helmut Hortens Lohausener Halle wartet ein eigener Mixer hinter der Bar stumm auf den Befehl zum Einschenken, während Mädchen die Tafel versorgen.

Manche finden es zu dürftig, ihrem Butler eine weiße Kellnerjacke anzudienen und schicken den Mann zu ihrem eigenen Schneider. Manche haben wie Axel Springer Hausgeister wie Häuser an vier, fünf Orten. Aber die meisten sehen sich darauf angewiesen, einen zu halten, der mehrere in sich vereinigt.

Einige Reiche sind gutbürgerliche Patriarchen; und es fällt ihnen schwer, vor Fremden den bei Herrenbedienung recht wichtigen soignierten Umgangston hervorzubringen. Selten wie perfekte Diener sind vorerst perfekte Herren, bei denen es einem Neuling der Servierkunst gar nicht erst in den Sinn kommt, über Herrschaftswritze mitzulachen.

Einen gesunden, kräftigen Mann ihre Schnürsenkel binden zu lassen, geht den Reichen gegen den Strich, und sie versuchen es auszugleichen durch eine große Jovialität. »Der Joseph hat's

gut«, spaßt der weißhaarige Werkmeistersohn Gustav Schickedanz, der mehr verdient als Axel Springer und seinem Diener Joseph Kranz, einem rustikalen Typ - mehr Bursche als Butler -, nur einen unauffällig mausgrauen Anzug zumutet, um nicht dauernd den Lakaien in ihm sehen zu müssen. Joseph wird von einer Hausdame, einer Köchin und einigen Dienstmädchen gestützt und von seinem Herrn, wenn man diesem glauben darf, manchmal beneidet.

Wenn es darum geht, die Handreichungen des täglichen Lebens zu delegieren, bejahen selbst bescheidene Konsumenten wie der Milliardär Friedrich Flick einen unbegrenzten Aufwand. Diener, Wächter, Sekretär, Masseur waren ihm in den letzten Jahren auch auf seinen Reisen stets nahe genug, um den menschenmöglichen Komfort zu gewährleisten.

Im Dienst von Rudolf August Oetker, der die adelige bayrische Studienassessorin Maja von Malaise in seine dritte Ehe führte, stehen außer einem Butler zwei Hausdamen - darunter eine junge Aristokratin -, seine Unterkünfte auf Juist und in London für ihn bereit zu halten. In solchen Dingen dreht er den Pfennig nicht um, während seine Frau auf dem Tennisplatz einem verschlagenen Ball wie einem kleinen Juwel nachforscht und staunenden Freunden andeutet, dabei im Sinne ihres Mannes zu handeln.

So lebhaft die Nachfrage auf dem Markt der Dienstboten sich entwickelt, so sehr die Klagelieder der Von ihren Butlern sitzengelassenen Hausfrauen den Klatsch der besten Kreise inspirieren - so ist es doch keinem Reichen bisher in den Sinn gekommen, dieses bewegende Nachwuchs-Problem in gemeinsamer Regie bewältigen zu wollen. Eine geschäftlich perfekt organisierte und ineinander verflochtene Oberschicht bezieht den Markenartikel Diener vorwiegend über die schlichte Witwe Anna Keidel in München, deren Mann Johann ein Großer seiner Zunft war und in seinem Wohnzimmer die einzige Dienerschule Deutschlands betrieb.

Hausfrauen der Oberklasse interessieren sich für diese bescheidene Adresse im Münchner Westend nur, wenn sie ihr Faktotum wieder einmal eingebüßt haben und schleunigst Ersatz brauchen.

Doch Chauffeure, von der Aussicht verlockt, ihrem Chef mit einem Tablett in der Hand noch näher zu stehen, kommen oft selbst auf die Idee, sich bei der guten Witwe Keidel in einem Ferienkurs zu 200 Mark den Schliff zu erwerben, den sie bei den Herrschaften direkt nicht gut lernen können. Der Unterricht folgt noch immer einem von Johann Keidel selig vor 40 Jahren verfaßten Leitfaden, der »jedem jungen Mann ... der über eine nationale Gesinnung ... und einen einwandfreien Leumund« verfügt, hohe Befriedigung im Dienerberuf verheißt.

In ergreifenden Streitgesprächen setzen sich die Absolventen dieser Kurse mit ihresgleichen über Sitzordnungen und die Reihenfolge von Bestecken auseinander - Fragen, in denen die großbürgerliche Hausherrin der Bundesrepublik häufig nicht sicher ist. So gedeiht die Artigkeit, die in den Häusern der Reichen allmählich um sich greift, nicht selten von unten her, von der neuen Diener-Kaste, die ihrerseits Wert auf eine stilistisch unanfechtbare Oberschicht legt.

Haustüren, die in Deutschland von Dienern geöffnet werden, tragen keine Namen, meist nicht einmal einen chiffrierten Anhaltspunkt. »AvBuH«, das ist noch das deutlichste auf diesem Gebiet und besagt dem Postboten, daß Krupps Sohn Arndt von Bohlen und Halbach hier eines seiner Junggesellen-Quartiere unterhält. Vor Max Grundigs bayrischem Bauernhof erleichtert ein vom Kunstschmied gefertigtes MG am Tor nebst dem berühmten Kleeblatt-Warenzeichen die Orientierung.

Spricht die namenlose Haustür für Zurückhaltung, so scheint man bei der Kennzeichnung von - Kraftfahrzeugen kurioserweise eher auf besonders augenfällige Kombinationen von Buchstaben und Zahlen Wert zu legen, die den besonderen Eigentümer ausweisen. Hier soll es wenigstens etwas Apartes sein, etwas, das zumindest dem durchschnittlichen Kunden der Zulassungsbehörden nicht ohne weiteres angeboten wird. Die Nummer E-RZ 1 kennzeichnet den Wagen Alfried Krupps, das Zahlenspiel mit AS den Fuhrpark Axel Springers, im Mercedes 600 SW-S 600 reist die Schweinfurter Sachs-Bruderschaft, und Rudolf Münemanns überlanger Cadillac, der alle Jahre im April, wenn der neue Straßenteer trocken ist, automatisch durch das neueste Modell ersetzt wird, verrät das offene Geheimnis seines Inhalts durch die Ziffer M-RM 500. Spielereien mit der Nummer 500 findet man ferner an einem zweiten Cadillac des Geldmannes sowie an den beiden Mercedes 300-Coupés seiner Ehefrau und seiner Tochter.

Das sind Spielereien, auf die ein Reicher in der Regel nicht selbst verfällt, sondern die um sein Prestige besorgte Schar von Polizeibeamten, Untergebenen oder Lieferanten, die alle zu wissen glauben, was man ihm schuldig ist. Behaglich läßt er sich die kleine Exklusivität gefallen.

Zusehends wird die Zahl der wahrhaft Wohlhabenden geringer, denen ein attraktives Kraftfahrzeug, allein besondere Befriedigung schenkt. Daß ein Umsatz-Milliardär wie Georg von Opel mit einem Opel Kadett vollauf genug hat, aber weniger reichen Mitbürgern empfehlen muß, sich in einer seiner 20 Opel -Handlungen so stark wie möglich zu motorisieren, gehört zu den heiteren Arabesken dieses snobistischen Zuges zum Vernünftigen. Axel Springer, unter anderem Besitzer eines Rolls-Royce, bevorzugt in Deutschland den schlichten Mercedes 300.

Gustav Schickedanz dagegen hat noch ausgesprochenes Vergnügen an seinen drei Kutschen von Daimler-Benz, zu denen auch eine vom Typ 600 gehört. Da er selbst nicht mehr fährt, setzt er sich rechts neben den Chauffeur, pfeift auf die Sicherheitsgurte, die sein Quelle -Katalog günstig offeriert, und genießt das Reisetempo 180.

Natürlich kommt Gunter Sachs in Paris als Bewohner der Avenue Foch ohne Butler, Chauffeur und Rolls-Royce nicht aus. Doch schon an der Riviera bescheidet er, der einst die Verkehrspolizei im roten Ferrari beunruhigte, sich heute bereits ohne Ausfallerscheinungen mit einem grauen Mercedes-Coupé.

Sein Bruder Ernst Wilhelm, sonst von seinem Unternehmer-Ehrgeiz zu bürgerlicher Mäßigung gezügelt, erscheint in diesem Punkte verschwenderischer, doch weniger aus Gründen des Prestiges, als einer Marotte zuliebe. Ein »Ferrari-Superfast«, wie er vom Düsseldorfer Auto-Becker für 106 000 Mark in Deutschland erst zweimal verkauft wurde, steht bei ihm in einer überhaupt einmaligen Sonderkarosse auf dem Fabrikhof, einem Blechkostüm, an dem der Fabrikherr selbst mit dem jungen Pininfarina, seinem Freunde, gehämmert hat. Glücklich, wie andere nach der Aufzucht eines Derbysiegers, führt er Gäste vor diese stahlblaue, ledergepolsterte Donnermaschine mit dem Schweinfurter Exklusiv-Kennzeichen SW - E 1. (Seine Frau fährt ein Mercedes-Coupé mit der Nummer SW - E 2.)

Rasende Motoren beschwingen sein Gemüt. Wenn er mit anderen Multimillionären an den Ski-Aufzügen von St. Moritz Schlange steht, als wäre man mit einer Reisegruppe gekommen, malen sich in seinem Kopfe Zukunftsvisionen eines »Fichtel & Sachs«-Zeitalters: »Es müßte doch möglich sein«, sagte er zu mir, »jeden mit einem kleinen Motorschlitten unabhängig zu machen, so einem kleinen Ding, auf das man sich raufsetzt und den Berg einfach hinauffährt.« Da er als ehemaliger Schweizer Meister-Skifahrer vermutlich auf Brettern hinunter will, läßt sich ahnen, daß er bei seiner Aufstiegs-Traum-Maschine an Kreise denkt, die einen Diener mit aufsitzen lassen können.

Wenige Reiche gönnen es sich in der Bundesrepublik, sich ihren Liebhabereien mit Beständigkeit und mit einiger Konsequenz zu verschreiben. Die Unrast des Erwerbstriebes nötigt sie zum Abschalten; bevor sich eine Idee in ihrem Kopf als Spleen verfangen hat.

Ernst Wilhelm Sachs leistet es sich auch auf anderen Gebieten, seinen Neigungen hartnäckig, mit schöpferischer Geduld nachzugehen. Als passionierter Jäger hat er sich vorgenommen, in den Alpen die Gattung des Steinbocks auf freier Wildbahn wieder zu züchten, die der bayrisch-österreichische Salzhändler Adi Vogel hinter einem pumasicheren Zaun in seinem Jagdgebiet in Patagonien derzeit, wie man hört, ebenfalls zu vermehren sucht.

Trotz fürsorglicher Schutzmaßnahmen der Fürst-Bischöfe von Salzburg waren diese Tiere vor 200 Jahren ausgerottet worden, weil ein Knorpelkreuz an ihrem Herzen den Jägern als Wunder wirkende Reliquie begehrenswert schien. Mit fünf ausgesuchten Zuchtexemplaren aus dem zoologischen Garten von St. Gallen erzielte Sachs in den Familien-Revieren am Brünnstein bereits eine beglückende Vermehrung um drei Kitze.

Züchten, das rechnen viele Vermögende der Bundesrepublik vornehmlich zu ihren Liebhabereien: Bei der Banksippe der Oppenheims, bei den Mülhens von 4711, beim Underberg -Boß Carl oder bei Wilhelm Melcher, dem Dujardin-Mitherausgeber, sind es die Pferde; bei dem bayrischen Grundstücks- und Bank-Krösus August von Finck, bei den Reemtsma-Erben, beim Verleger John Jahr, bei Bruno Schubert und Max Grundig sind es Milchwirtschaft und Rindersegen, die dem Besitzstolz eine angenehm ländliche Note verleihen.

Ohne Rücksicht auf die drohenden EWG-Wolken am ländlichen Horizont wiegen abgerackerte Kraftnaturen der Unternehmer-Wirtschaft schnell noch einmal das aristokratische Wunschbild erdverbundener Unabhängigkeit. Nur haben die wenigsten unter ihnen eine nähere, gar junkerhafte Beziehung zum landwirtschaftlichen Eigentum oder verstehen etwas von dem, was um ihre Misthaufen vorgeht.

Manche kaufen ein kleines Gut und nehmen sich vor, wie Fritz Berg auf seinem »Ruckeljahn«, nur noch Hühner zu halten, der konkurrenzlos frischen Frühstückseier wegen. Eine Weile, dann sind sie das Gegacker, noch eine Weile, dann sind sie das Gutsleben leid und verkaufen, wie Fritz Berg verkauft hat.

Es geht damit ähnlich wie mit dem Erwerb von Wertobjekten der bildenden Kunst, zu dem sich die Reichen in breiten Phalanx als einem standesgemäßen Ausdruck ihrer kultivierten Art bekennen. Nur eine Handvoll unter ihnen verfügt über genug Ausdauer, Witterung und Geschmack, es zu ein paar ordentlichen, miteinander - und mit dem Besitzer - harmonierenden Kunstobjekten zu bringen, oder gar zu einer Sammlung.

Zu viele von ihnen wollen zu gierig das gleiche: Schneelandschaften und Jagdszenen für das Kaminzimmer des neuen Weidmannes, Golfspielers, Gutsherren, die Stilleben und Blumenstücke fürs großbürgerlich gewordene Eßzimmer und, als idiotensicheren Nachweis moderner Einstellung, etwas von Picasso und Nolde, einen späten Beckmann.

Das treibt selbst die Preise für niederländische Kleinstmeister über die Hunderttausend-Mark-Grenze, nimmt die moderne Graphik und das biedermeierliche Genre mit in den Hausse-Wind der Preise. Und manches Mal füllt es die frischen Sammlungs-Räume von kunstbeflissenen Neureichen mit einem Augenschmaus, der eines weniger aufwendigen Rahmens würdig wäre.

Einige wandernde Kunstexperten werden reichlich davon satt, den besorgten reichen Kunstfreunden ihre Bilder mit immer neuen Expertisen zu versüßen. Von ihnen, die überall ein wenig zu Hause sind, hören Große der Wirtschaft, die voneinander sonst nur in der Zeitung lesen und sich niemals in das Licht eines Auktionshauses begeben, mit Spannung, was von den Schätzen, dem Sachverstand, der Steuergeschicklichkeit der anderen zu halten sei. Und in diskreter Standesbrüderlichkeit dürfen die reichen Kunden sich gelegentlich darüber klarwerden, dem nämlichen Schwindler aufgesessen zu sein.

Während die reichen Amerikaner einen stattlichen Teil ihres Einkommens steuerfrei für den Einkauf von Kunstschätzen ausgeben dürfen und die Niederlande jeden ehren, der ein Bild ihrer großen Meister ins Land zurückerwirbt, rechnen die Aufkäufer der reichen Bundesbürger allerdings auch schon beim Steigern eines mäßigen Objektes mit einer allgegenwärtigen Steuerfahndung, die erkunden will, ob es sich um die Anlage einwandfrei angegebenen Einkommens handelt. Für jedes Bild, das sie aus dem Ausland in die Bundesrepublik hereinlotsen, sind vier Prozent Umsatz-Ausgleichsteuer zu erlegen, ganz zu schweigen von der Vermögenssteuer, die später auf den Sammler zukommt.

Nach Überzeugung von Kunstsachverständigen fördert das nicht nur den Schwarzhandel mit dubiosen Bildern, sondern auch die mißtrauische Mittelmäßigkeit der Reichen, die sich in Deutschland zum Erwerb von Kunst gedrängt fühlen und dabei stets ein wenig zittern, von Kennern belächelt oder hereingelegt zu werden.

Mancher empfindsame Kapitalist, der einmal von einem Schwindler mit unechten van Goghs, van Dycks oder Corots bedient wurde, legt jetzt besonderen Wert auf die Feststellung, kein Kunstsammler zu sein. Nicht einmal der kleine, gelobte Kunstbesitz des Reichen Konrad Adenauer ist ja in den Augen der Experten von zweifelsfreier Güte.

Einige Industrielle, so der Schokoladen-Fabrikant Sprengel und der Lackfabrikant Herberts, waren nicht so einfältig, sich Hitlers Widerwillen gegen den Expressionismus anzuschließen, und riskierten es, zu kleinsten Preisen »Entartetes« zu kaufen, das heute ihren Häusern Glanz verleiht. Einige erbten, wie der hartverdienende Playboy Baron Heini Thyssen-Bornemisza oder die Gebrüder von Bohlen - Kinder Bertha Krupps -, Sammlungen von internationalem Format. Einige brachten es dank ihres eigenen subtilen Sachverstandes zu respektablen Sammlungen auf Spezialgebieten, so der Demag-Großaktionär Hans Reuter mit Bildern des jungen Tizian, der Klöckner-Chef Günter Henle mit niederländischen Landschaften, oder Ernst Georg Schneider mit einem weltbekannten Hort alten Meißener Porzellans. Einige fischen sich mit glücklicher Hand immer wieder einmal kostbare Einzelstücke aller erdenklichen Epochen, Spielarten und Stilarten der abendländischen Kunst: Rudolf August Oetker Niederländer wie Expressionisten, Gustav Schickedanz gotische Kirchen-Malerei, niederländische Stilleben, fränkische Genre-Malerei und Graphik von Schongauer und Dürer. Das Fragmentarische, ja Fragwürdige überwiegt freilich an den Wänden des wieder genesenen deutschen Besitzbürgertums.

Da könnte sich glücklich preisen, wer seine Freude daran findet, die Wände mit Käfern zu schmücken. Der Münchner Multimillionär Georg Frey, seines Herstellungszweiges wegen auch Loden-Frey genannt, hat davon in seiner Villa einige Millionen in Vitrinen und ,Kästen zusammengetragen. Dies ist zu einem großen Teil sein Lebensinhalt. Er hat mit seiner Frau auf Käfer-Safari die Welt gesehen, immer den Blick auf den Boden gerichtet.

Sechs wissenschaftliche Hilfskräfte sind erforderlich, die dabei eingebrachte, unheimlich schillernde Beute und dazu die Korrespondenz mit Käfer-Sammlern der ganzen Welt zu pflegen. Denn die Sammlung des glücklichen Reichen, den die Naturwissenschaftler der Universität München zum Ehrendoktor erhoben und wie einen der ihren achten, genießt einen ebenso globalen Ruf wie die Lodenmäntel aus seiner Fabrik.

Nur einem reichen Mann kann dergleichen ohne fremde Unterstützung gelingen. Es liegt in der Natur finanzieller Unabhängigkeit, daß jede kleine Liebhaberei schnell zur Kürbisgröße gedeiht. Der Photo-Kaufmann Porst kaufte seine Sammlung von Steingutkrügen, die auf einen Wert von 100 000 Mark geschätzt wird, fertig ein. Rudolf Münemanns blitzblankes Bastelwerkzeug dient zwar nur kleinen, hausväterlichen Handfertigkeiten, aber es würde jedem Handwerksbetrieb Ehre machen. Die Vollständigkeit seiner Filmgeräte brachte dem schlichten Amateur Münemann gelegentlich die Bewunderung von Wochenschau-Professionals ein.

Ein jagdlich ehrgeiziger Geldbaron im Norden kaufte 3000 junge Fasanen und setzte sie aus, um sie einige Wochen später triumphal abknallen zu lassen.

Gunter Sachs, der Mann mit den Plüschtieren auf dem Bett, der Mann, der von Anfang an die Zeit hatte, sich in sein Spiegel-Bild und das erforderliche weibliche Beiwerk so zu vertiefen, als inszeniere er unentwegt den Film seines eigenen Lebens, empfindet es immer noch als rechtes Glück, mit jeglichem Spaß mir nichts, dir nichts auf den Gipfel des Möglichen vorzudringen. Dort erntet er vielleicht sogar - wie mit seinen ahnungslos heruntergedrehten Südseefilmen und seinen Riviera-Moden - Beifall und finanziellen Gewinn, um den es ihm ursprünglich gar nicht gegangen sein kann. Daß alle barfuß in den Schuhen gehen, wenn er es vormacht, daß alle so enge Hosen, so verrückte Hemden haben wollen wie er, bringt ihn dazu, es immer wieder, es immer verrückter zu versuchen, obwohl er auch den Sieg von gestern durchaus noch genießt.

Stärker wollen Freunde Helmut Hortens das Auf und Ab von Wunsch und Überdruß beobachtet haben. Nicht einen Hund, sondern eine ganze Meute, nicht einen Papagei, sondern ein ganzes Schock zu haben, nicht einen Rolls-Royce, sondern deren drei, und darunter einen, wie ihn die Königin von England benutzt - das alles spiegelt ein wenig die genialische Nervosität seines Lebenshungers.

Er hat in Frankreich das Motorschiff Carinthia IV, die mit 30 Knoten schnellste Privatjacht an der Riviera, bauen lassen, er verlangt im jugoslawischen Kapitalisten-Jagdrevier Bugojno nach dem stärksten Bären für sich (und nach dem zweitstärksten für seine Frau). Er hat in der zweistrahligen BAC 111 (Preis 11,2 Millionen) das teuerste Privatflugzeug der Bundesrepublik.

Sein Einstand an der Côte d'Azur zeichnete sich in den Augen französischer Gäste durch ein Zuviel an Kaviar, ein Zuviel an teuer eingekauftem Unterhaltungsprogramm und eine frostige Melancholie des Gastgebers aus. »Heute liegt der Mann manchmal tagelang in seinem Haus am Wörthersee und liest«, lobt der Operetten-Baß Otto Storr, einer seiner treuesten Anhänger.

Auf der Suche nach den exquisitesten Freuden, die Geld kaufen kann, haben manche Reiche mit Starfighter-Beschleunigung alle Stadien des Konsumrausches durchrast und sind, jenseits der Schallmauer, leicht verkatert wieder bei Annehmlichkeiten des bürgerlichen Lebens angelangt, von denen die meisten deutschen Multimillionäre sich gar nicht erst so weit entfernten.

Eine kulturelle Patina scheint weder da noch dort gewachsen zu sein.

Merkwürdig isoliert von der Gesellschaft sitzen viele Reiche auf ihrem Eigentum und finden kaum einen Gesprächspartner, bei dem sie nicht den Silberblick auf ihren Reichtum voraussetzen müssen.

Kunstwerke, die man ihnen ersteigerte, müßten begutachtet, ein Schmuckstück, das sie schweren Herzens ihren Frauen bei Harry Winston erstanden, sollte ins Licht gebracht werden. Aber dazu bedürfte es eines etwas anregenderen, etwas selbstbewußteren Freundeskreises, als die meisten ihn haben.

Hinter einem Visier des Mißtrauens hegen Deutschlands reiche Männer deshalb häufig ein unbändiges Verlangen nach aufrichtigen Freundesnaturen, an denen das von strammen Karrieristen und Konkurrenten bevölkerte deutsche Panorama arm geworden ist. Über sie nicht zu verfügen, ist geradezu unfreiwilliges Kennzeichen finanzieller Auserwähltheit. An die Stelle gleichrangiger Freunde aus der eigenen Schicht tritt häufig der rauhbeinige Typ des Sportkameraden oder der gefühlvolle Zechfreund aus dein Milieu der bildenden Kunst. Philip Rosenthal steht ein Polizist und Bergsteiger namens Reiter nahe, Alfried Krupp hat kaum einen innigeren Vertrauten als den feinfühligcleveren Essener Bildhauer Jean Sprenger, Helmut Horten war jahrelang gefolgt von dem bereits erwähnten Buffo Otto Storr, den er eine Weile sogar fest unter Vertrag hielt, ohne von ihm viel anderes als Offenheit zu erwarten. Harald Quandt, Max Grundig und Berthold Beitz hatten größten Gefallen an der treuherzigen Berliner Pfiffigkeit des früheren Boxers Bubi Scholz. Und der Tegernseer Porträtmaler und Kunsthändler Mathias Padua, eine urwüchsig anmutende Mischung aus Primadonna und Erbhofbauer, wurde nach und nach vertrauter Jagd- oder Hausgenosse von Krupp und Beitz, Friedrich Flick und Grundig, ein Freund von Julia von Siemens und der Prinzessin zu Schaumburg-Lippe.

Einen Menschen um sich zu haben, der sie lachen macht oder ihnen rauhe Worte ins Gesicht sagt, gibt den Reichen ein Gefühl der Geborgenheit inmitten einer mißgünstig über ihre Zäune lugenden Umwelt; wer sich auf die raffinierte Kunst versteht, ihnen sackgrob oder mit Witz seine Bewunderung auszudrücken, der ist ihr Mann, dem wissen sie seine Ehrlichkeit zu lohnen.

»G'rad richtig«, finde er es so, sagte der Porträtist Padua zu Friedrich Flick, als der seine Hände auf dem Porträt wie Krallen gemalt fand, »wenn' Sie was in d' Finger kriegen, geben Sie das vielleicht wieder her?«

Von Friedrich Flick weiß man, daß er sich gelegentlich am Düsseldorfer Rheinufer auf eine Parkbank setzt und - ein Butterbrot aus dem Papier verspeist, während hundert Meter abseits sein großer Mercedes wartet. Herzliches Vergnügen scheint ihm dort die Begegnung mit einem Arbeiter bereitet zu haben, der sich neben ihn setzte, auf das Auto deutete und ohne Umschweife über diese Leute mit dem

Ruhr-Volkswagen herzog.

Angenehm davon berührt, ohne eigenes Zutun ein Harun al -Raschid zu sein, gab der alte Milliardär dem Manne recht, genoß aber doch dessen fassungsloses Erstaunen, als er schließlich mit einem freundlichen Abschiedswort in den mittlerweile herangeschlichenen Mercedes stieg.

Georg von Opel schwärmt noch nach Jahren von Neuseeland, wo ihn ein Kellner, von dem er bei Tisch korrekt bedient worden war, nach der Mahlzeit ohne jede Hemmung zu sich

nach Hause eingeladen hatte. Der Multimillionär ging hin und genoß es, mit einem Menschen zu plaudern, der ihm in seiner Unverkrampftheit wie ein Muster einer von Minder- oder Mehrwertigkeitsgefühlen freien, sozusagen formierten Gesellschaft erschien, zumal sich anderntags der Service ohne jede Spur von Vertraulichkeit fortsetzte.

Von einfachen Leuten fühlen Reiche sich mitunter noch am ehesten verstanden, gleich den Fürsten, die heute noch den Umgang mit Bauern und Jägern dem mit gescheiten Eierköpfen vorziehen. Einige Unternehmer duzen sich sogar mit ihren Chauffeuren und geben ihnen alle Beweise eines unbegrenzten Vertrauens, nur nicht mehr Geld.

Der Zigarettenmaschinen-Monopolist Kurt A. Körber verschenkt seine selbstgemalten Bilder grundsätzlich nur an ganz schlichte Menschen. Ihnen traut er am ehesten zu, daß sie seinen Kunstgeschmack teilen und seine Werke sogar bei sich aufhängen, wenn er es nicht sieht. Doch falls er so ein Bild bei einem der Beschenkten gelegentlich wiederfindet, hebt er es sorgfältig von der Wand ab, um sich an den Staubrändern zu vergewissern, daß es da ständig hängt. Jedem traut er offenbar zu, ein Schmeichler zu sein, doch sich damit ohne Umstand abzufinden, fühlt er sich noch nicht weise genug.

Immer wieder einmal erfahren Reiche ja, daß man sie an ihrer Schwäche für Bewunderung wie an einem Nasenring zu fassen bekommt und zu Entscheridungen führt, die sie eigentlich gar nicht wollen können. So gelang es dem witzigen Meister-Photographen Stefan Moses ziemlich mühelos, namhaften deutschen Kapitalisten, darunter auch dem grimmen Carl Underberg, zum Knipsen und zum Spaß einen Taler vors Auge zu klemmen. Der Gedanke, wie sich dieses Monokel in ihrem Gesicht ausnehmen könnte, schien die Herren erst beim Anblick eines solchen Porträts im .Stern« ein wenig zu beunruhigen.

Ein Haufen Geld ist kein Olymp. Über den erschöpfenden Anforderungen und Einkaufsverlockungen eines fortwährend kalbenden Vermögens wird es dem 'Besitzer oft sogar besonders schwer, aus den musischen oder gar geistigen Strömungen der Zeit für sich ein Quentchen zu schöpfen. So ingeniöse Individualisten unter den geldschaffenden Unternehmernaturen sein mögen - Leute mit Abitur oder gar dem Intellekt von Abs muß man unter ihnen mit der Lupe suchen. .

Man könnte mit Deutschlands musizierenden Kapitalisten sicherlich ein respektables Wohltätigkeitskonzert bestreiten. Kaum einer der Reichen müßte sich vor Erzeugnissen der bildenden Künste als Banause fühlen. Schwieriger ist in der Regel das Verhältnis zur Literatur, zur Philosophie, ja zum gedruckten Wort schlechthin. Darin ändert es nichts, daß der Kulturkreis des Bundesverbandes der Deutschen Industrie den mental durch ihre Geschäfte ausgelasteten Herren der Wirtschaft unter dem Titel »Jahresring« regelmäßig - und schön gedruckt auf Papier, das die Papierindustrie stiftet - Stilproben heraufkommender Begabungen präsentiert.

Wenn Berthold Beitz sich dazu bekennt, nicht ins Theater zu gehen und ein ziemlich anspruchsloser Kunde des deutschen Fernsehens zu sein, so gibt er damit die Einstellung einer Mehrheit industrieller Tatmenschen wieder. Einen zuverlässigen Hofnarren zu haben, der einem handlich zubereitete Neuigkeiten einflößt, schiene ihm verlockend, meint er. In seinem Dienstwagen gibt es freilich nur ein Tonbandgerät, aus dessen Kassetten unterwegs die von seinem Sekretariat aufgearbeiteten Informationen, unterbrochen durch leichte Musik, an ihn herankommen.

Vereinzelt vernimmt man hinter dieser Kulisse salopper Bedürfnislosigkeit die Stimmen tüchtiger Fabrikanten, die sich nach einiger Meditation höherer Einsichten teilhaftig fühlen und nun auch zuständig, breitere Kreise sittlich anzusprechen.

Besonders kräftig hört man das nasale Organ des rheinischen Papierfabrikanten Karl Götze heraus, der mehr Tragebeutel herstellt als irgend jemand sonst in der Welt und sich als einen »Freund positiver Lebensführung« bezeichnet. Unter dem Zeichen des doppelten Tigers, das seine Geschäfte begleitet, verschenkte er zu hohen Festtagen Schallplatten mit barocker Kammermusik und eigenen Moralpredigten. Nach einem Brausen der deutschen Dom-Glocken kommt der Unternehmer selbst zu Wort: »Meine Freunde! Wenn wir dem vielstimmigen Geläute deutscher Domeilauschen, dann fühlen wir uns mit einem Male wie entrückt in eine Unermeßlichkeit. Raum umgibt uns - groß, schweigsam, ganz erfüllt vom Erzgesang der Glocken. Bewahrender Raum, der, uns die Dinge wiederfinden läßt, die wir oft genug verloren wähnten . . .« usw., usw.

Deutschlands erfolgreichster Buchverleger Reinhard Mohn setzte Mitarbeiter durch die Ehrlichkeit in Erstaunen, mit der er die Wände seines Arbeitszimmers - gegen jede verlegerische Gepflogenheit - frei von Büchern hielt. Andererseits beziehen Kaufleute, die nicht mit so geistiger Ware handeln, manchmal die bibliophilen Ausgaben festmeterweise aus dem Antiquariat, ohne einen Blick für das darin Gedruckte zu erübrigen. Mitunter überraschen selbst wohlerzogene reiche Männer ihre Freunde nach Art des Sekt-Herstellers Otto Henkell durch Bücherfronten, hinter deren bunten Rücken sich als Clou Alkoholisches versteckt.

Falls diese Elite Gedrucktes finanziert, handelt es sich noch am ehesten uni eine Haus-Chronik oder illustrierte Prachtbände: Man tut es, um einen vertrauten Künstler zu fördern, die Firma und sich selbst zu verherrlichen oder um einen, kulturellen Geschenkartikel nach eigenem Geschmack vorrätig zu haben - manchmal auch all das In einem.

Bei dieser vorherrschenden Haltung dem Buch gegenüber hebt es sich schon wie eine- kulturelle Tat ab, wenn Gustav Schickedanz sich bereit findet, die Auflage eines Bildbandes mit Alt-Nürnberger Stadtansichten von Johann Adam Delsenbach und einer mainfränkischen Bildchronik des Illustrierten-Zeichners Hans Liska ohne geschäftliche Hintergedanken zu bezahlen, als einen Tribut an seine Auffassung vom Stil des reichen Mannes.

Dabei klagt er, daß es ihm fast unmöglich geworden sei, noch mehr als ein Gedicht aus Büchern-in sich aufzunehmen. Rilke etwa oder Börries Freiherr von Münchhausen, das ja, damit könne er noch etwas anfangen (von Ingeborg Bachmann und den Dichtern ihrer Generation hat er noch nichts gehört). Aber Prosa... »da lese ich ein paar Sätze, und dann bleibe ich an irgendeinem Wort hängen, und schon sind meine Gedanken weg - beim Geschäft«.

Wer erwartet hat, daß die Kinder der obersten Einkommensschicht auf ihren teilweise schwindelerregenden Erbgang die höheren Weihen des geistigen und gesellschaftlichen Lebens mitbekommen, sieht sich häufig durch die Wahrheit sehr ernüchtert. Er begegnet schönen Millionärs-Töchtern, die zwar wissen, daß Vaters Name Kredit für ein bargeldloses Leben bedeutet, aber nicht wissen, wer die Bilder an der Wand gemalt hat oder wie man einen Gast zu Tisch bittet. Er findet viele strebsame, brave, geschäftsbeflissene Nachfahren, die sich weder lange Locken noch geistige Abenteuer erlauben dürften, gelegentlich auch junge Erbtechniker, die den eigenen Hubschrauber vor der eigenen Meinung anstreben und nicht einen Funken musischen oder politischen Interesses besitzen. Junge Harrimans, Kennedys, Lodges, Lindsays oder Rockefellers wird man sich von dieser deutschen Geldgesellschaft noch lange nicht erwarten dürfen. Ihr höchstes Bildungsziel ist der Junior-Chef.

Nur die wenigsten schicken ihre Kinder für vier, fünf Jahre und etliche 50 000 Mark In die Elite-Internate von Salem, Zuoz, Neubeuern oder Stein an der Traun, wo sie gute Kameradschaft ohne Seitenblick auf das Bankkonto, eventuell sogar einen Ehepartner finden und lernen, mit jungen Aristokraten und den Kindern ehrgeiziger Ärzte, Anwälte oder Ministerialen zusammen zu leben. Nicht ganz so wenige stellen den Kindern fürs Studium einen Wagen aus dem Firmen-Fuhrpark.

Man kann nicht sagen, daß es in den Häusern deutscher Großkapitalisten zum guten Ton gehöre, Kinder zum Dienst am Gemeinwohl zu ermuntern.. Die Aristokratie macht dabei keine Ausnahme, soweit sie reich ist - obwohl schwache Anzeichen darauf hindeuten, daß ein Jahr Entwicklungshilfe und eine frohe Wehrdienstzeit immerhin als standesgemäß empfunden werden.

Der christsoziale Prinz Konstantin von Bayern oder der unermeßlich reiche Erbprinz Joachim zu Fürstenberg tragen den Offiziersrang ihrer regelmäßigen Wehrersatzübungen mit einem gewissen Stolz zur Schau. Es Ist zu einem Geheimtip der Standesgenossen geworden, daß man als junger Herr mit Traditionsbewußtsein seiner Wehrpflicht in einem Panzer-Aufklärungs-Bataillon genügt, möglichst in dem bei Eutin stationierten Nummer 6 (Spitzname »von Sechs"). Dort diente der junge Herzog von Oldenburg, dort gibt es vom ansässigen Adel Pferde für die Freizeit und eine so schöne juchtene Kasino-Atmosphäre, als diene man nicht der Nato, sondern der Nation.

Georg von Opel, dessen Sohn Carlo als Gezogener der Bundeswehr bereits eine millionenträchtige Kartoffelchips -Herstellung mit Vaters Geld aufgebaut hat, ist einer der wenigen ganz Reichen, die aus der überwiegenden Ansicht kein Hehl machen, daß Schulen nicht viel bedeuten. Seine beiden Söhne finden gute Möglichkeiten, sich in ungenierter Geselligkeit und sportlichen Disziplinen zu üben, sie tauchen, fliegen mit'Wasserskiern und Drachen an den Küsten Spaniens, halten Büttenreden im Mainzer Karneval oder treiben ihr Pferd durch Sprung-Konkurrenzen. Vater zeigt sich weder kleinlich noch verschwenderisch, aber sie können schon spüren: Am Kleingeld wird es ihnen nach menschlichem Ermessen niemals gebrechen.

Opel skizziert auch ohne Scheu den Lebensstil, den er bei seinem Reichtum ("Geld selbst hat für mich keinen Reiz") heute für den angemessenen hält: »Neun Monate Arbeit, drei Monate auf Reisen oder im Ausland.« Auf Arbeit zu verzichten, lehnt er ab, »weil man so das Leben intensiver spürt«. Im großen und ganzen entspricht das dem Lebensrhythmus der meisten Reichen, die allerdings nicht gerne so offen über ihre Freizeit sprechen. Der Skiurlaub, die Frühjahrskur, die Sommerreise, die Brunft, die Bildungsreise oder Photoreise - bei Ernst von Siemens nach Kambodscha oder Japan, bei Alfried Krupp nach Nepal - geben die groben Anhaltspunkte für ihre Abwesenheit.

Selbst ein alter Mann wie Friedrich Flick, der durch Steckenpferde nicht mehr abgelenkt wird, lenkt seinen Konzern oft monatelang aus der Ferne - aus einem seiner Gesundheit gerade zuträglichen Klima.

Freizügigkeit heißt eines der teuersten Vorrechte der wahrhaft Reichen von heute. Das Symbol dieser Bewegungsfreiheit ist das eigene Flugzeug, zu dem sich deutsche Unternehmer so erstaunlich offen bekennen wie sonst zu keinem kostspieligen Besitztum.

Es wird ja unter Betriebsunkosten verbucht, obwohl es häufig wie privater Luxus anmutet. Seine Rentabilität ist nicht über jeden Zweifel erhaben. Rudolf August Oetker (der nicht gerne fliegt), der Siemens-Konzern und Friedrich Flick (der die Lufthansa einem Privatpiloten und die Bundesbahn der Lufthansa vorzieht) verzichten auf eigene Luftfahrt, Krupp hat von seinen zwei Hawker-Siddeley-Jets (Anschaffungspreis: drei Millionen) jetzt einen aus Sparsamkeit wieder abgestoßen. Staffel-Boß Franz Burda (Umsatz: 320 Millionen) ist rein zahlenmäßig doppelt so stark (sechs Maschinen) ausgerüstet wie der Verleger Axel Springer (Umsatz: 1,1 Milliarden) und sechsmal so stark wie der Druckherr Richard Gruner (Umsatz: 330 Millionen), der nur darum auf einen Privat-Jet verzichtet und mit der Turbo-Prop »King Air« (1,8 Millionen) vorliebnimmt, weil er sonst nicht an seinem Feriensitz Ascona landen könnte.

Prinz Johannes von Thurn und Taxis verwaltet ohne Hubschrauber oder Reisemaschine einen größeren Besitz als die fliegenden Fürstenbergs oder der christ-soziale Luftsportsmann und Provinz-Zeitungs-Fürst Georg von Waldburg zu Zeil.

Der nicht als knauserig verschriene Ernst Wilhelm Sachs zähmt seine Lust an der Schnelligkeit und fliegt im Notfall bei Harald Quandt mit, der mit seinem Lear Jet (drei Millionen Mark) vor kurzem in Zürich über die Piste hinausschoß und sich jetzt des billigeren Propeller-Modells Queen-Air (eine Million Mark) bedient. Doch kann man merken, daß jungen Unternehmern vom Schlage Sachs diese Sparsamkeit nicht ganz leicht wird. Aufmerksam wie Jungen einen Rennwagen, umwandern sie auf Flugfeldern beim Umsteigen von Kursmaschine zu Kursmaschine schnell einmal die Privatjets der anderen und überschlagen, welches Modell wohl für sie in Frage käme.

Auf deutschen Landeplätzen haben sich in den letzten zwei Jahren rund 70 Exemplare der zweimotorigen Turbo -Prop-Maschine King Air und der zweistrahligen Queen Air angesammelt. Unter den imposantesten Repräsentanten der deutschen Millionärs-Luftfahrt muß neuerdings Friedrich Jahn, der Hühnergriller, genannt werden, der sich zu seinen beiden zweimotorigen Cessna -Maschinen die zweistrahlige Mystère 20 für 4,5 Millionen Mark aus Frankreich kommen ließ.

Gelegentlich bittet Münchens gehetzter Oberbürgermeister Hans Jochen Vogel den dynamischen Gastronomen und Freund von Franz-Josef Strauß darum, schnell mit einer Cessna nach Bonn geflogen zu werden, und besteht darauf, dafür zu bezahlen.

Gelegentlich braust Jahn, der Mann ohne Privatadresse, selbst mit zwei Freunden für zwei Tage davon, um beispielsweise Finnland im Tiefflug zu erleben. Wenn es mit der Hotel-Bestellung nicht klappt, schläft die wohlhabende Jet-Partie ohne Zaudern auch gemeinsam in einem Doppelbett.

Ähnlich stolz auf käufliche Lufthoheit saß eines Morgens der Maschinenfabrikant Kurt A. Körber allein mit seinen engsten Mitarbeitern in einer für 70 Personen gedachten Turbo-Prop-Maschine der BEA, die er großer Eile wegen nach Irland gechartert hatte, denn er besitzt keine eigene. Die Stewardeß, sichtlich bemüht, allen Luxus der Bordküche an den Charterherrn zu verschwenden, kam und fragte mit einem Frühstückslächeln nach seinen Wünschen. Noch heute belustigt sich Körber über die Verblüffung, mit der sie ihn betrachtete, als er für sein vieles Geld nichts weiter bestellte als einen Karottensaft.

Die Reichen der Bundesrepublik (in der jetzt über 300 Firmen eigene Flugzeuge besitzen) sind die imposanteste private Luftmacht in Europa. Wenn die Multimillionäre anderer Nationalitäten in Jachten mit einem halben Dutzend Bädern vor Cannes ankern oder mit farbiger Dienerschaft und Rolls-Royce zum Wochenende rollen, klettern die Deutschen mit kleinem Gepäck aus ihren heulenden Millionenvögeln und sind spätestens am Flughafen-Ausgang mit ihrem Luftmacht-Gefühl am Ende.

Nur auf eigenen Schwingen können sie es schaffen, einen Schneider in München und den Friseur in Hamburg und die Scala in Mailand neben ihren Geschäften zu frequentieren, mittags zu Hause und zum Tee in Lugano zu sein. Dieser rasante Antrieb schmeichelt ihrer Unrast und erhebt sie auf die exklusivste Weise über die verworrene Szenerie der deutschen Gesellschaft. Fast fühlen sie sich als Helden, und frei. Und sei es nur von der Steuer, wie der Hosenschneider Alfons Müller -Wipperfürth es mit Hilfe eines gewissen fliegerischen und kaufmännischen Wagemutes eine Weile vorgemacht hat.

Dem Umstand, daß Höhenluft sich eignet, die Komplexe deutscher Supermänner zu sanieren, trägt in Baden-Baden seit einer Weile der fortschrittliche Psychotherapeut Helmut Schulze Rechnung. Er kaufte eine alte »Klemm« und behandelt die gar nicht armen Opfer der Manager-Neurose, indem er mit ihnen Loopings dreht.

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Peter Brügge
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