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Die Reichen in Deutschland

aus DER SPIEGEL 37/1966

(siehe Titelbild*)

Wenn es überhaupt etwas gibt, was

die deutschen Reichen gemeinsam fühlen, so ist es die Sorge, man könnte sie für reich halten.

Andererseits sollte dieses Adjektiv zumindest für jene oberen Tausend der Einkommensstatistik gestattet sein, die im Jahr für ihre privaten Zwecke mehr als eine Million ausgeben können - alle zusammen annähernd soviel, wie die Musenstadt München jährlich für das öffentliche Wohl von tausend mal tausend Personen in ihrem Etat hat.

Jedem zehnten unter ihnen wäre es sogar möglich, per Anno für das Wohl von Leib und Seele fünf Millionen zu verbrauchen, Steuer schon abgerechnet: wahrlich ein ins Monumentale vergrößertes Ideal für ein Volk von hingerissenen Konsumenten, deren Haushaltsbudget durchschnittlich bei 12 000 Mark im Jahr liegt.

Man darf nicht daran zweifeln, daß die Reichen damit in der Lage wären, auf eine erkennbare Weise zu dokumentieren, was guter Geschmack aus dem Mammon macht. Ja, daß sie damit sogar den Versuch unternehmen könnten, eine Art von Elite darzustellen in einer Zwischenzeit, die andere Eliten nicht kennt: das viel gesuchte Leitbild einer industrialisierten Schicksals-Gemeinschaft, die, nach Ludwig Erhards festem Glauben, danach lechzt, formiert, eine Gesellschaft zu werden, vorerst aber nichts so sehr bewundert wie den wirtschaftlichen Erfolg.

Es fehlt auch nicht an Mahnern, die in dieser Hinsicht an die Reichen in Deutschland höhere Anforderungen stellen, vor allem, soweit sie ihren Besitz als Unternehmer schaffen und mehren, und das ist bei 99 von 100 der Fall.

Es beginnt bei den Vätern des Grundgesetzes, dessen Artikel 14 die vieldeutig schlichte Feststellung enthält: »Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich -dem Wohle der Allgemeinheit dienen.« Und endet bei nachdenkenden Unternehmern selbst. »Eine Führungsschicht«, so verlangt der Hildener Textilfabrikant Gert Paul Spindler, Verfechter einer Beteiligung des Arbeiters am Unternehmen, in seinem Handbuch »Neue Antworten im sozialen Raum«, »sollte immer Vorbild sein.«

Und Friedrich Flicks neuer Gesellschafter Otto Andreas Friedrich versuchte, die Großen der Wirtschaft von der traumatischen Sorge zu befreien, man mißgönne ihnen grundsätzlich, was sie haben: »Reichtum und wirtschaftliche Macht haben zu keiner Zeit die öffentliche Meinung gegen führende Schichten aufgebracht, wenn sie wohl angewandt waren.«

Doch die Reichen in der Bundesrepublik ziehen es vor, Reichtum möglichst erst gar nicht zu zeigen. Während der Durchschnittsbürger kein lockenderes Ziel kennt, als ebenfalls reich und damit ein Konsument ohne Schranken zu werden, halten die oberen Tausend im Lande die Hand vor, wenn sie ihren Kaviar essen.

Sie haben eine possierliche Ähnlichkeit entwickelt, sich für aufwendige Gebrauchsgegenstände zu entschuldigen. Zum Mercedes 600 hat man sie praktisch im Gegengeschäft gezwungen. »Schließlich«, so seufzt der 600-Käufer Kurt Herberts, Lackfabrikant in Wuppertal (Umsatz: 180 Millionen im Jahr), »machen wir Geschäfte mit Daimler-Benz.« Den 600-Käufer Jakob Müller, Geldbörsen-Hersteller aus Kirn (Umsatz: 200 Millionen), müssen die Leute im Städtchen für einen schlichten Kadett-Fahrer halten, weil er den 6-Liter -Daimler nur im Dunkeln oder für Fahrten ins Ausland benutzt.

Die Juwelen ihrer Frau wissen die Reichen am liebsten im Safe. »Sie ahnen ja nicht, wie hart es ist, einem deutschen Mann ein anständiges Kollier abzuringen«, klagte mir bei einem Fest an der Riviera eine Schöne von jungem deutschen Geld-Adel und bewunderte tief atmend die Steine an den Ohren der freieren Damen aus Paris, London und Mailand.

Die Reichen aus dem deutschen Westen halten etwas davon, ihre Jacht wie der Reeder Rudolf August Oetker zur Miete anzubieten, wenn sie nicht gebraucht wird. Und falls sie einmal ein opulentes Fest für 150 Personen geben, wie gelegentlich der Kaufhaus-Halbgott Helmut Horten (Umsatz: 1,5 Milliarden), so möglichst an der Riviera und in der naiven Erwartung, es würde in der Heimat darüber nicht gesprochen.

Mögen in den sonst so bewunderten USA die Geldleute ihren Besitz leuchten lassen wie ein Signum überirdischer Gnade! Mögen die Reichen Englands oder Frankreichs wetteifern in der Verfeinerung kulturellen und gesellschaftlichen Raffinements! Die Einkommens -Elite des wunderlichen Wirtschaftsriesen Bundesrepublik schwört auf einen heimlichen Wohlstand, als gelte es, in bezug auf das Geld ein Keuschheitsgelübde zu achten.

Für die viel höher besteuerte Vermögens-Creme in Labour-England werden jährlich immer noch 100 Ferrari -Sportwagen aus Italien importiert. In die Bundesrepublik kamen in den letzten sieben Jahren Insgesamt 200 Exemplare dieses sportlichen Luxussymbols zum Preise von 54 000 Mark, viel weniger sogar als in die Schweiz, wo man ja immerhin einen Rütli-Schwur auf das bescheidene Leben geleistet hat. Und ein großer Teil davon war an Angehorige der Aristokratie oder der leichtfüßigen Play-Society adressiert, die, wie der Münchner Barbesitzer und Ferrari -Fahrer James Graser, den Reichtum nur blendend imitiert.

Die Frau des Waschmittel-Herstellers Konrad Henkel (Umsatz: 1,9 Milliarden) erlaubte es sich nicht, ihre Winterferien in St. Moritz im »Palace« zu verbringen, dem ruhmreichen Grandhotel der internationalen Lebewelt von Fiat-Agnelli bis Henry Ford. Eine Weile residierte sie im »Carlton« von St. Moritz, das einerseits viel weniger als schick verschrieen, andererseits keinen Rappen billiger ist.

Schließlich siedelte sie doch dahin über, wo ihre reichen Freunde aus der Cafe-Society des übrigen Abendlandes ohne Scheu kampieren. Nicht ohne Befremden schilderte sie im letzten Winter in einem Augenzeugen-Bericht für den Londoner »Weekend Telegraph« die Grillen der angelsächsischen Multimillionäre, die jedes Jahr schon lange vor Saisonbeginn ihren Dekorateur ins »Palace« entsenden, damit er dort ihre Suite nach Immer neuen Gesichtspunkten umkrempelt.

Während Geldmänner wie der griechische Reeder Niarchos oder der amerikanische Versicherungskrösus Cornelius Starr in St. Moritz und St. Anton Bergbahnen finanzierten, um dann über diese hinweg doch mit dem Hubschrauber aufzufahren, sind die Kapitalisten aus Deutschland schon glücklich, wenn

einer ihrer Angestellten oder Kunden sie am Skilift erkennt und vortreten läßt.

Das Riesenrad kapitalistischer Extravaganz dreht ihnen noch erfreulich schnell den Magen um. Noch sind sie über die Feinheiten individuellen Nepps betroffen - wie der junge Schweinfurter Konzernherr Ernst Wilhelm Sachs (Umsatz: 522 Millionen), wenn ihm der frei nach Vermögenslage taxierende »Palace«-Wirt Andrea Badrutt für eine Übernachtung 400 Schweizer Franken abnimmt, einem weniger Wohlhabenden aber nur 25. Sie verlieren angesichts von Hungernden noch den Appetit - wie der Quelle-Besitzer Gustav Schickedanz (Umsatz: 2,2 Milliarden), der sich in Peru nach einer Fahrt durch Elendsgebiete sträubte, mit seinen Gastgebern in einem feudalen Klub Erfrischungen einzunehmen.

In seinem 72. Lebensjahr hält Gustav Schickedanz es als Freund der moralischen Aufrüstung für den letzten Schluß deutscher Wohlstands-Weisheit, daß ein Mann mit viel Geld hier auf keinen Fall den reichen Mann so richtig spielen dürfe. »Das, wenn er will, dann bitte Im Verborgenen oder im Ausland!«

In seiner ansehnlichen Villa am Rande der Industriestadt Fürth läßt er sich zwar den Kaviar auch wochentags schmecken, und seinen Mercedes 600 mit Telephon benutzt er ohne Skrupel auch am Tage. Sich aber um gesellschaftlichen Glanz zu bemühen oder für seine Sammlung niederländischer Malerei nach aufsehenerregenden Kostbarkeiten zu jagen, das ginge über ein selbstgesetztes Limit für Luxus hinaus.

Über den herrischen Magenbitter-Mann und Großgrundbesitzer Carl Underberg, der sich hinreißen ließ, einfache Spaziergänger, Vertreter sozusagen der breitesten Konsumentenschaft, wie Diebespack ("Auf - Hunde!") von einem Spazierweg seines oberbayrischen Gutes zu jagen, haben, als das zur Gerichtsaffäre wurde, auch jene Reiche entsetzt die Köpfe geschüttelt, die mit seinem Herrenanspruch im Grunde sympathisierten.

Oft ist es nicht allein taktische Bescheidenheit, sondern dazu ein Mangel an Bedürfnissen, was die Reichen zurückhält. Deutschlands vermögendster Mann, der alte Friedrich Flick (Umsatz: 6,5 Milliarden), der im Streit gegen seinen älteren Sohn die Summe seiner eigenen jährlichen Entnahme aus dem gewaltigen Geschäftsgewinn mit fünf Millionen bezifferte und beiden Söhnen schon früh eine steuerfreie Apanage von 250 000 Mark jährlich zugestand, bevorzugt als Gastgeber In seiner 30-Zimmer -Villa »Haus Hohbeck« bei Düsseldorf unbeirrbar eine 50-Pfennig-Zigarre und freut sich an Aufschnitt und deutschem Sekt, während seine höheren Angestellten längst zu Importen und Veuve Clicquot übergegangen sind. Er verfügt über muskulöse männliche Bewacher, denn lange Zeit hat ihn ein anonymer Briefschreiber durch präzise Morddrohungen in Unruhe versetzt. Aber ein Privatauto hat er nie besessen. Der Mercedes 600, den er als Daimler -Großaktionär akzeptieren muß, wurde für ihn der Chromzier entkleidet.

Er kultiviert keine Liebhabereien außer Holzhacken, dem Studium der Geschichte Preußens und einer Sympathie für deutsche Schäferhunde, von denen ihn auf jedem seiner drei Landsitze welche erwarten. Sich mit seinen kleinen Bescheidenheiten populär zu machen, widerstrebt dem 83jährigen Patriarchen zum Leidwesen mancher Verehrer.

Er erlaubt ihnen nicht, für Public Relations auszuschlachten, daß er der Gemeinde Rottach/Egern, in der er seinen bevorzugten Alterssitz fand, gelegentlich finanziell beisteht; daß er, als gläubiger Lutheraner, zwar nicht wie Axel Springer in einem eigenen Andachtsraum betet, aber jährlich einige Millionen für Wissenschaft und aktive Nächstenliebe ausgibt. Weder besonderes Augenmerk noch erneute Begehrlichkeit der Umwelt wünscht er auf sich zu ziehen.

Ein Kapitalist zahlt und schweigt: Das ist eine Devise, von der so alte Geldfüchse selbst im Zeitalter der Massenmedien nicht abgehen.

Die meisten der neuen Unternehmer dagegen wissen den Wert einer gewissen öffentlichen Beachtung für ihre Person wie für ihre Produktion zu schätzen und stellen sich ihr; wenn sie nur sicher sein dürfen, richtig, will sagen, bescheiden, großzügig und großartig dargestellt zu werden.

Nur: Wie die rechte Bescheidenheit und die rechte Großzügigkeit beschaffen sein sollen, dafür gibt es eben keine verbindlichen Regeln. Ist es gut, zu gestehen, daß die Frau noch selber die Schuhe der ganzen Familie putzt, wie bei Friedrich Jahn, dem Hühner-Griller (Umsatz: 240 Millionen)?

Wirkt es nicht unfein, als einzigen Abendtrost das kleine Helle anzugeben, wie der Strumpf-, Eier- und Pullover -Produzent Schulte (Umsatz: 420 Millionen)? Darf die Welt wissen, daß der große Max Grundig bei Kunstsachverständigen im Rufe steht, eine umwerfend vollständige Sammlung von Werken des süßen Genre-Malers Grützner zu besitzen? Fünf Dutzend Bilder, die nichts anderes - zeigen als - zechende Mönche, mal traurig, mal heiter? Unfreiwillige Erheiterung zu stiften, ist den Großen der Wirtschaft ja fast so verhaßt, wie in den Verdacht der Unmäßigkeit oder Insolvenz zu geraten.

Der Beruf des Unternehmers lasse sich nun einmal nicht mit großem privaten Aufwand vereinbaren, erklärte der Odol-Hersteller Professor Dr. Ernst Georg Schneider (Umsatz: 200 Millionen), der als Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages und Inhaber von drei Dutzend Aufsichtsratssitzen und Ehrenämtern nicht scheu ist im Umgang mit der Öffentlichkeit. Generös zeigt er ihr im Düsseldorfer Schloß Jägerhof seine berühmte Sammlung Altmeißener Porzellans; läßt er sein Geld und seine Verbindungen spielen, um etwa eine Kollektion von Gemälden Paul Klees für Düsseldorf zu sichern, der medizinischen Akademie oder dem Schauspielhaus der Stadt zu helfen.

Ein Mann also mit Geschmack und Gemeinsinn, der sich in vielerlei kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Gremien verausgabt, sich auch einmal in seinem kostbar möblierten Zuhause aufnehmen läßt, ohne sich seines Besitzes gleich zu genieren. Der auch allen anderen Unternehmern mit runder Bilanz zu mäzenatischem Wirken rät. An seinem 65. Geburtstag schenkte dieser Bauernsohn 850 Freunden und Untergebenen in der Düsseldorfer Oper eine Sondervorstellung der selten gespielten Haydn-Oper »L'Infedeltà delusa« (Untreue lohnt nicht) - das aber dann doch ohne jedes Aufsehen in der Öffentlichkeit.

Mit dem Festefeiern kann man in der Bundesrepublik falsch verstanden werden. Man erntet vielleicht Drohbriefe, wenn man es nicht im stillen macht; vielleicht steht sogar im SPIEGEL, man sei kein Freund von Traurigkeit. Das lieben weder der opulente Gastgeber Helmut Horten, noch Konrad und Gabriele Henkel, die in Düsseldorfs Chamissostraße einen theaterreifen Salon kultivieren.

Seit 1958 der Kölner Konzernherr Dr. Hans Gerling seinen Versicherungspalast mit Tanz und Konzert auf der

Straße einweihte und der Düsseldorfer Industrie-Finanzier Liesenfeld auf seinem Landsitz Kalkum unter Sorayas Anteilnahme ein mehrtägiges Garten-Amüsement zelebrierte, haben sich im partyfrohen Stammland der Industrie Reiche eigentlich nicht mehr beim Frohsinn zusehen lassen.

Am liebsten tanzen sie auf Festen mit eindeutig beruflicher Motivierung, wie dem alljährlichen Repräsentativ-Vergnügen des Bundesverbandes der Deutschen Industrie im Kölner Hotel Excelsior Ernst, »Bergfest« genannt, oder auf den Lustbarkeiten der gehobenen Lebewelt, von denen sie sich nachher pikiert distanzieren können, wie die ahnungslosen Besucher einer schlechten Theater-Vorstellung, wenn anderntags böse Kritiken kommen.

Nur der Adel scheint weitgehend frei von solchen Komplexen. Die Lakaien des Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen durften sich rühmen, ihrem Herrn auf seinen speziellen Wunsch hin mit dem Eisernen Kreuz auf der Brust vorzulegen. Der Herzog von Württemberg (18 000 Hektar Grundbesitz) findet nichts dabei, die Hochzeiten seiner Kinder wie Volksfeste anzulegen und bekanntmachen zu lassen, man habe dem Brautpaar als Morgengabe einen weißen Mercedes, einen Leoparden-Mantel und zwei Araber-Hengste geschenkt.

Der Fürst von Thurn und Taxis, trotz gewaltiger Bodenverluste im Osten größter Grundbesitzer der Bundesrepublik (34 000 Hektar), kaufte im Münchner Cuvilliéstheater eine Vorstellung der »Entführung aus dem Serail«, als er in München eine neue Zentrale seiner Bank aufmachte, und ließ einem jeden seiner 500 Gäste vor dem Gang zum Büfett eine eigens für diesen Anlaß geprägte Goldmünze reichen.

Eine Art von Gastlichkeit, wie sie die bürgerliche Geldgesellschaft der Bundesrepublik sich nicht nur aus Geiz verkneift.

Wenn in Friedrichsruh beim Fürsten Bismarck Halali geblasen wird, stehen die Forstangestellten mit Fackeln am Weg und leuchten den Gästen wie zu Zeiten des Eisernen Kanzlers zum Bankett im Herrenhaus. Die feudalen Jagden der Fürstenberger und Thurn und Taxis muten an wie aufgefrischte Gemälde aus dem Zeitalter des Barocks.

»Dreihundert Wildsauen haben wir's letzte Mal geschossen«, preist mir Regensburgs heimlicher Herr, Fürst Franz Joseph von Thurn und Taxis. Nichts Vergleichbares ereignet sich auf den keineswegs bescheidenen Jagdsitzen von Industrie und Finanz, deren Herren das Weidwerk heute zwar auch als eine Art Standespflicht betrachten, meist jedoch nicht die ruhige Hand und das ruhige Gewissen aufbringen, daraus mehr zu machen als eine vornehme Kreislaufbelebung.

Ungestört durch das Volk am Tegernsee, baut seit einem Menschenalter der Herzog Luitpold in Bayern in Ringberg, nicht allzuweit vom kleinen Kanzler -Bungalow, ein Märchenschloß, dem die bayrischen Behörden die Denkmalswürdigkeit abgesprochen haben. Das ungewohnte Objekt einer späten Fürstenromantik hat bisher soviel Mittel verschlungen wie ein modernes Krankenhaus, ist aber immer noch nicht reif, vom Volke in Augenschein genommen zu werden. Das Wohlwollen des Volkes freilich ist ihm gewiß.

Den großen Zug in Fragen des persönlichen Aufwandes und Auftretens, den sie an solchen Aristokraten noch bewundern, verübeln die bürgerlichen Reichen der Bundesrepublik ihresgleichen nachhaltig. Die Unbekümmertheit, mit der Frau und Tochter des Geldmaklers Rudolf Münemann (geschätztes Privatvermögen: 50 Millionen) öffentlich Aufhebens von ihren Juwelen und Luxus-Automobilen machten, hat diesem Jongleur des Geldmarktes in Kreisen, auf die es ihm ankommen mußte, mindestens so viel Widerwillen eingetragen wie seine Geschäftsmethoden.

Und selbst Gunter Sachs, dieser nicht immer müßige Mitinhaber der Schweinfurter Sachs-Gruppe, der bei weitem weniger verschwendet, als er sich eigentlich erlauben könnte, bangt davor, an einem seiner Verlusttage am Roulette-Tisch beobachtet zu werden. Er weiß, daß es den in der Heimat unermüdlich tätigen Auguren seiner Einkommensklasse bei der Vergebung von Aufträgen, Investitionskrediten, daß es den Gewerkschaftsbossen beim nächsten Tarif-Gespräch nicht einerlei sein wird, wieviel Spaß sich ein so lauter Teilhaber von seinem Anteil bereitet.

Deshalb schätzt es die Werbeabteilung der gewaltig wachsenden Sachs-Gruppe nicht, den jüngeren Bruder Gunter und den älteren Bruder Ernst Wilhelm so einträchtig photographiert zu sehen, wie sie in Wahrheit miteinander verkehren.

Die Mehrzahl der Reichen in der Bundesrepublik bewegt sich auf dem. Pflaster von Gesellschaft und Politik mit der Vorsicht des Verfolgten in einer Gangster-Burleske, der immer zuerst seinen Hut um die nächste Hausecke hält, zu erproben, ob man da nicht auf ihn schießen werde. Unsicherheit und eine Art verkappter Angst bestimmen ihr Verhalten häufiger als der Machthunger, der ihnen gerne unterstellt wird, häufiger auch als der berechtigte Stolz auf ihre wirtschaftlichen Leistun- Angst vor den neidischen Reflexen

des Verbraucher-Volkes, dem sie um so weniger Verständnis für unternehmerische Luxusprivilegien zutrauen, je stärker man es durch Werbung ermutigt, selbst von den süßesten Früchten des Wohlstands zu naschen.

- Angst vor dem Fiskus, dessen Aufpasser ihnen nach Möglichkeit die Bissen im Munde zählen.

- Angst vor dem Sozialismus, denn er

bleibt für sie, wie Gert Spindler, Unternehmer in der dritten Generation, bekümmert kritisiert, »die Inkarnation des Bösen«.

- Angst vor den Nachwirkungen einer

politischen Vergangenheit, in der acht von zehn der heute Reichen auch reich und den Verstrickungen eines totalitären Systems nicht gewachsen waren.

- Angst vor Bittstellern, die in der

Bundesrepublik den erkennbar Wohlhabenden berennen wie in keinem anderen kapitalistischen Land

- und hätte er nur sechs Richtige im Lotto.

- Angst nicht zuletzt vor den Gewerkschaften, deren Repräsentanten den Besitzenden auch nicht verbindlich sagen können, welche Art von kapitalistischem Lebensstil ihnen eigentlich wünschenswert erscheint.

Denn die definieren ihre eigenen gesellschaftlichen Formen vorerst nur aus der Abneigung gegen das Konventionelle. »Alle lehnen bei uns natürlich den Frack ab«, mokiert sich das Vorstandsmitglied einer großen Gewerkschaft, »Brenner trägt gute Maßanzüge, aber keinen Smoking. Das Bundesverdienstkreuz wollen sie nicht. Geselligkeit pflegen sie nicht, auch nicht untereinander. Sie unterhalten sich nicht einmal darüber, wie ihre Kinder besser ausgebildet werden könnten.«

Ihren Frieden mit den Gewerkschaften zu machen, ist großen Unternehmern wichtiger als der uneingeschränkte Genuß der Privilegien, die Geld noch immer erschließt. Friedrich Flick, der niemals die Ungerechtigkeit der Jahre im Kriegsverbrecher-Gefängnis verwunden hat, räumte den Gewerkschaften großzügig Mitbestimmung auch dort ein, wo es dafür innerhalb seines Konzerns keine gesetzliche Veranlassung mehr gegeben hätte.

Im Reiche des melancholischen Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, den die Aura standhaft erduldeter alliierter Sippenhaft umgibt, durfte sich der Hausmeier Beitz auf einen uneingeschränkten Freundschaftskurs mit den Gewerkschaften einspielen; die stoßen sich selbstverständlich überhaupt nicht daran, wenn der diplomatische Manager zu Hause etwas mondänere Ambitionen als sie und dazu einen Butler aus der Krupp-Belegschaft hat.

Als vor einiger Zeit Otto Brenner mit einer Krupp-Maschine von Berlin nach Frankfurt flog, klemmte vorübergehend das Fahrwerk, und manche im Stab des Essener Konzerns befiel nachträglich Gänsehaut bei dem Gedanken, der gefürchtete Metallarbeiterführer hätte ausgerechnet in einem Flugzeug dieses Tarifpartners verunglücken können. Ganz ohne Mißtrauen ist die Freundschaft ja nicht.

Die meisten Reichen halten es eher mit Fritz Berg, dem bramarbasierenden Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, der als Fabrikant von Matratzen (Umsatz: 50 Millionen) nach einem Scherzwort von Berthold Beitz in der Vergnügungsindustrie tätig und, wie seine Freunde schätzen, Herr über ein persönliches Einkommen von runden zwei Millionen im Jahr ist. Der erzählt, wie er mit einem seiner alten Arbeiter, seiner Art entsprechend auf dem Duzfuß, über den Wohlstand parlierte.

Der Lohn sei zufriedenstellend, habe der Mann ihm zugeben müssen. Warum er dann so eifrig ins Horn der Gewerkschaften blase und immer noch mehr wolle? Da faßte der Arbeiter seinen Unternehmer ins Auge: »Damit du nicht zuviel verdienst.«

Während es im kapitalistischen Urland USA dem Arbeiter nicht einfiele, seinem Unternehmer den Gewinn zu verübeln, muß man, darin gehen viele Unternehmer einig mit Berg, in Deutschland bei allem den Neid in Rechnung stellen, ein unterschwelliges, teils sogar - horribile dictu - marxistisch gefärbtes Unbehagen des kleinen Mannes an einer Klasse, die sich heute mit gemischten Gefühlen als die immerhin herrschende empfindet. Einer Klasse, die oben ist, obwohl sie es zum Bedauern des Herrenreiters und ehemaligen Paukstudenten Fritz Berg trotz geographischer Nachbarschaft zum Kommunismus nicht verstanden hat, Vorbild und Elite zu verkörpern, wie einst im Kaiserreich der Adel und die Offiziere.

Der Soziologe Arnold Gehlen fachte in einem Vortrag vor deutschen Industriellen dieses latente Unbehagen an: Man könne »keineswegs sagen, daß in Deutschland der Klassenkampf ruht«.

Er wußte den Reichen gute Gründe für ihr Leisetreten im gesellschaftlichen Leben: Es sei, als Folge des Dreißigjährigen Krieges, »etwas von Unbeholfenheit und mangelndem Schneid im deutschen Charakter ... etwas Kleinkariertes, das sich schwer abstreift und heute noch bewirkt, daß Erfolge nur von Teilen des eigenen Volkes akklamiert werden«. Folglich laut Gehlen: »Wenn man in jedem Augenblick jemand trifft, bei dem man darauf gefaßt sein muß, daß er die ungedeckte Flanke ausnützt, dann wird sich das Mißtrauen in die Grundlage des Zusammenlebens einlagern.«

Der wahre Feind des reichen Mannes sitzt natürlich für den Rechtsintellektuellen Gehlen links, und zwar links oben: »Die Unternehmer sollten realisieren, daß gegen sie von angebbaren intellektuellen Kreisen aus der Klassenkampf weiterläuft, und zwar mit pseudo-ethischen Waffen, mit Aufdekkungen, Verdächtigungen, Anzweiflungen, mit Neiderregung und mit der Oktroyierung einer nicht praktikablen Ethik, die rein gesinnungshaft ist und mit der sie nicht arbeiten können.«

Wenn sie auf ihn hören, müssen die reichen Leute - Prosperität hin, Prosperität her - Jalousien und Safes noch fester verschließen: »Da wir uns«, sagte er, »in Deutschland befinden, hindert nichts eine Steigerung der Gehässigkeit dieser innergesellschaftlichen Spannung bis zum Unerträglichen, so wie es in den zwanziger Jahren durchgemacht worden ist.«

So etwas hören Reiche in Deutschland ganz gern. Es bestärkt sie in der Illusion, auf die angenehmste Weise gefährlich zu leben. Der aus Amerika wiedergekehrte deutsche Professor Eric Voegelin ermunterte deshalb anschließend das gleiche Auditorium im Auftrag der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände: Man möge sich nur nicht in die Defensive« drängen lassen »durch ein Unternehmerbild, dessen Züge aus Anwürfen der Arbeiterschaft und Klischees der Intellektuellen stammen«. Eigentlich, sagte Voegelin, habe er von den Herren »offensiven Zorn« erwartet, eine Reaktion, die dem »Selbstbewußtsein unternehmerischer Leistung entspricht«.

Unüberhörbar kommen aus dem eigenen Lager wohlmeinende Ratschläge an den Unternehmer und Reichen, sich dem Volk in voller Güte zu zeigen, »die Öffentlichkeit«, wie der Unternehmer Otto A. Friedrich sagt, »selbst von seinem Wert als Pfeiler der freien Gesellschaft zu überzeugen«.

Das Deutsche Industrie-Institut des Berg-Verbandes, die von den Arbeitgeberverbänden unterhaltene Walter -Raymond-Stiftung, die Arbeitsgemeinschaft selbständiger Unternehmer (ASU), vereinzelte öffentlich aktive Unternehmer wie der geniale Porzellan-Verkäufer Philip Rosenthal und ein Heer von händeringenden Public-Relations-Männern werden nicht müde, einer potentiellen Führungsschicht der Wirtschaft diesbezüglich das Rückgrat zu stärken. Diese weiß trotzdem immer noch besser, was sie in der deformierten Gesellschaft lassen, als was sie tun soll.

Weil nicht mit letzter Sicherheit zu sagen ist, wieweit eine Totalaufnahme des schlichten Pfeilers den noch wesentlich schlichteren Betrachter eben doch schon wieder herausfordert, neigen die meisten Industrie-Millionäre dazu, sich öffentlich allenfalls als eine Art Brustbild ihrer selbst zu präsentieren; selbstverständlich mit Dekorationen.

Von ihnen hört man nur, wenn die nächste Stufe des Bundesverdienstkreuzes oder eine Ehrenbürgerschaft sie erreichte, oder wenn sie anläßlich eines Firmenjubiläums gemeinnützig- (und steuerbegünstigt) in die Tasche greifen. Das Publikum, gewohnt, seine Fußball - und Leinwand-Heroen, dazu die Aristokratie nicht nur im positiven Ausschnitt zu bestaunen, macht wenig Aufhebens von solch gravitätischer Apologetik reicher Wirtschaftskapitäne. Gewohnt an die untertänige Bewunderung ihrer Mitarbeiter, erwarten diese auch außerhalb ihrer Befehlsgewalt Hochachtung und nochmals Hochachtung.

Die reichen Enkel aristokratischer Standesherren bemühen sich noch als umsatzhungrige Fabrikanten um einen Hauch von Trottelhaftigkeit und Selbstironie: Unverbrämtes Eigenlob ist ihnen so peinlich wie neue Schuhe. Aus den Stilblüten Industrieller Selbstberühmung aber duftet es nicht selten nach einer Vergangenheit, die Inhabern und Erben von Firma und Kapital schon zu Lebzeiten den Nischenplatz interner Heiligen-Verehrung einräumte.

So bedient sich eine Jubiläumsschrift der Hildener Lackfabrik Wiederhold auch hinsichtlich der Innenarchitektur eines netten neuen Verwaltungsgebäudes maximaler Worte: »Hier drückt sich unverfälscht der Geist des Unternehmens aus. Solidität des Fortschritts und Fortschrittlichkeit der Solidität auf der Grundlage harmonischer Verschmelzung von behutsam gepflegter Familientradition mit kühner moderner Wirtschaftsgesinnung.« Gemeint ist ein normales Treppenhaus.

Soweit sie nicht wie Flick, die Brüder Quandt, Alfried Krupp und der Klöckner-Chef Henle zu stolz, zu mißtrauisch oder bescheiden sind, eine öffentliche Erwähnung ihrer Person überhaupt für tunlich zu halten, sprechen die Reichen im Lande über nichts so gerne wie über die von ihnen im Interesse des Betriebes und der Allgemeinheit erduldeten Strapazen und Opfer.

Nichts wollen sie lieber sein, als ihres Volkes Vorarbeiter, nichts ist ihnen so unangenehm, wie die Erwähnung der Annehmlichkeiten und Vorrechte, die sich aus ihrer Vermögenssituation ergeben. Fragt man den eleganten Frankfurter Getränke-Krösus Bruno H. Schubert, 46, (Henninger-Bräu, Pepsi-Cola, Florida) nach seinen Liebhabereien, so scheint ihn Ratlosigkeit zu befallen: »Wieso? Ich habe doch meine Arbeit.«

Sein Landgut bei Berchtesgaden ist ihm nichts weiter als ein netter Besitz, hat keinen Weidmann, Landmann oder Pferdenarren à la Neckermann und Underberg aus ihm gemacht. Man hat es eben.

Bescheidenheit wird groß geschrieben. Doch hat auch das seine Tücken. Vom schwäbischen Dr. Herbert Braun etwa, der aufgeht in der Produktion von Triumph-Büstenhaltern (Umsatz: 500 Millionen), erfuhr man durch ein Interview in der Illustrierten »Quick": Zu seinen selbstverständlich durchwegs einfachen Liebhabereien gehöre es, von den geliebten Fußwanderungen in der Umgebung von Heubach Enziane für seinen Garten mitzubringen. Die Staatsanwaltschaft Ellwangen las es auch und schickte sich an, gegen ihn ein Verfahren wegen Naturfrevel einzuleiten. Seinen Rechtsberatern gelang es, die Sache auszubügeln, und bei einem Viertele klärte er selber seinen Landrat darüber auf, daß es ihm in Wahrheit nicht einfalle, sich auf derart simple Weise zu entspannen.

Mit Stolz wies der Hamburger Zigarettenmaschinen-Fabrikant Kurt A. Körber mir an einem Montagmorgen seine verformte Wange: »Wochenendvergnügen«, seufzte er heiter, »ein Unternehmer läßt sich den Zahn am Sonntag ziehen, damit er im Betrieb nicht fehlt.«

Manchmal scheint es den reichen Unternehmern selbst ein wenig öde, daß sie so fleißig sind und sich ihres Fleißes so rühmen. »Noch zwanzig Jahre«, stöhnte Rudolf August Oetker, dann könne er hoffentlich tun, was ihm Spaß mache, der Ärmste.

In Mainz gibt es einen reichen, unermüdlichen Klosettpapier-Fabrikanten namens Hans Klenk (Umsatz: 50 Millionen), dessen Lebenswerk sich aus der Idee entwickelte, dem Konsumenten auf jeder Rolle seine unabänderliche Zahl von Blättern zu garantieren. Er führt die Titel eines Generalkonsuls von Panama und eines Senators der Mainzer Gutenberg-Gesellschaft, ist Ehrenbürger der Mainzer Gutenberg-Universität und Mitglied des Großen Rates des Mainzer Carneval-Vereins.

Den Karneval fördert er beispielsweise, indem er einen Karnevalisten als Redakteur der Hauszeitschrift »Die Rolle« bei sich beschäftigt; Gastarbeiter aus Italien brachte er so trefflich unter, daß man ihn in Rom zum Ritter des Ordens der italienischen Republik erhob; mit Belgien machte er so gute Geschäfte, daß man ihn in Brüssel zum Ritter des Ordens der belgischen Krone ernannte.

Er stiftete mit großer Geste einen Löschwagen für die Werksfeuerwehr, Ausbildungsbeihilfen für akademischen Nachwuchs und da und dort einen Brunnen, da und dort für gemeinnützige Zwecke hunderttausend Mark. Er ist Kirchenvorsteher seines Wohnortes Gonsenheim. An seinem 60. Geburtstag ließ er sich glücklich das Große Bundesverdienstkreuz von Ministerpräsident Altmeier um den Hals legen.

Niemals aber versucht er, vornehm von dem Produkt abzulenken, dessen Florieren die Quelle seiner gesellschaftlichen Wichtigkeit darstellt.

Ein glücklicher Unternehmer. Einer der sich stets bemühte, sein Werk, sein Produkt und seine Person in größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen zu sehen, für Heimat und Umwelt eine im edelsten Sinne des Wortes große Rolle zu spielen. Einen Leitartikel seiner Werkzeitschrift beginnt er mit dem griechischen Philosophen-Wort panta rhei (alles fließt). Doch wollte er sich politisch niemals irgendwie festlegen.

Täte er dies, es könnte ihm widerfahren, daß die gewerkschaftsnahen Konsumläden einerseits oder die christsozial gestimmten Pfarrgemeinden und Jugendheime andererseits seiner Marke die Gunst entziehen und ihn im Konkurrenzkampf gegen Friedrich Flicks Papierfabrik Feldmühle ins Hintertreffen bringen.

Statt dessen, da es ihn zu öffentlichem Wirken drängt, wirkt Hans Klenk in regelmäßigen Vorträgen für das Image des anständigen deutschen Eigentümers - auch das natürlich unter Berücksichtigung seines Toilettenpapiers, dessen Name einst aus seinem eigenen Namen abgeleitet wurde: Hakle.

Dabei klagt er: »Wenn Unternehmergestalten wie Müller-Wipperfürth, Goergen oder Photo-Porst mit unseren Steuerämtern in Konflikt geraten, oder wenn ein Gunter Sachs sich in der Rolle des Gunter Sex gefällt, dann ist ihnen Publizität sicher ... während Fleiß, Leistung, Sorgen und Mühen des Sensationscharakters entbehren und in ihrem Wert für das Gedeihen der Wohlstandsgesellschaft untergehen.«

Wochentags fährt der Generalkonsul mit einem Mercedes Modell 220 SE durchs Land, um, wie er sich rühmt, sein eigener »erster Verkäufer« zu sein. Sonntags siedelt er von seinem mittelständischen Gonsenheimer Bungalow in sein respektables Jagd-Domizil über, um bei weidmännischen Spaziergängen ohne Passion neue Kraft zu sammeln für das erneute Nachdenken über den Absatz eines immer weiter ("Jede Rolle ein Präsent") verfeinerten Papiers.

»Die körperliche Wohlfahrt ist die Grundlage aller Bildung und Freiheit.« Dieses Wort des großen Dr. Virchow hat der Multimillionär Klenk unverdrossen zum Sinnspruch seines Wirkens erhoben, das als typisch gelten darf für die Bedürfnisse einer ganzen Kategorie von angenehm geltungshungrigen Selfmade-Industriellen.

Sie geizen nicht mit sich. Mit möglichst vielen wollen sie Sorgen, Erfolg, ja sogar noch den Gewinn teilen, wenn man nur einsieht, wie tüchtig sie sind.

Auf der Suche nach den höheren Weihen der Wohlstandsgesellschaft behängen sie sich mit Ehrenämtern und Titeln, die in einem seltsamen Widerspruch stehen zu den beschworenen Strapazen ihres Unternehmer-Daseins. Aber alles, was sie tun - auch das Gute -, soll stets noch ein wenig Nutzen erbringen für Werk und Ware, ohne die sie selbst meist weder reich noch wichtig wären.

Sie nutzen die steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten, den Boden der engeren Heimat mit kleinen kulturellen Wohltaten zu düngen; nutzen auch die Gelegenheit, sich selbst und der Firma ein Denkmal zu schaffen. Einer der Brunnen von Hans Klenk sprudelt im Zentrum von Mainz vor der Christus -Kirche, der andere ziert den Hof der Universität, einer ehemaligen Flakkaserne, deren Kommandant der Stifter einst gewesen ist. Nun, findet er, sei das ein »Platz der Erbauung« geworden.

Vor allem aber sind die eigenen Arbeiter für den Unternehmer Ziel einer freiwilligen Zuwendung, die mitunter an die Haltung eines Pflegevaters erinnert. Während die Gewerkschaften für allzu menschliche Arabesken unternehmerischer Fürsorge das abschätzige Wort »Sozialklimbim« in Umlauf setzten, ist in den Betrieben der reichen Familienunternehmer eine exotische Vielfalt menschlicher Aufmerksamkeiten erblüht, wobei viele, Reiche nach Möglichkeit auch noch ihr eigenes Glücksmodell und die eigenen Interessen für ihre Betriebsangehörigen als verbindlich erklären möchten.

Liebhaber moderner Kunst wie der Odol-Hersteller Schneider oder der Lackfabrikant Kurt Herberts konfrontieren die zunächst meist widerstrebende Belegschaft mit dem eigenen Sammelobjekt. Der theaterbesessene Maschinen -Fabrikant Körber führt 2000 Arbeitnehmer regelmäßig in die Oper, der Verleger Franz Burda drängt sich als Sportsmann, Jäger, Freund von Blasmusik, Faustball und Malerei mit impulsiver Herzlichkeit ins Weltbild aller Burda-Arbeiter.

Der stille Harms Voith, Maschinenfabrikant zu Heidenheim an der Brenz (350 Millionen Umsatz), führt, wie auch der Wuppertaler Lackhersteller Herberts, seine Lehrlinge durch eine dreijährige Ganzheitsschule, die sie als verwandelte Menschen verlassen.

Und Ellen Wiederhold, die einsame Alleinherrscherin über die bereits erwähnte Lackfabrik Hermann Wiederhold, läßt sich trotz einer Arbeiterzahl von 2500 (Umsatz: 155 Millionen) auch noch jedes Gesuch um Beihilfe für Zahnersatz zur mütterlichen Begutachtung vorlegen.

Oft scheint es, als bilde der Umgang mit der Belegschaft den Ersatz für die eigene Gesellschaft, nach der ein Reicher in der Bundesrepublik heute suchen muß wie in dem Spiel mit der Blinden Kuh.

Mit ihren Arbeitern reisen sie ins Ausland, spielen sie Fußball, diskutieren sie über Kunst, Ehe und Kommunismus, und es stört kaum, wenn sie davon oft selbst recht wenig verstehen. Mustersiedlungen und freiwillig ins Leben gerufene Alterskassen, Ferienheime und Abendschulen, hervorragende Betriebsfeuerwehren, bunte Arbeitsuniformen, appetitlich farbenfrohe Speisekasinos und Sporthallen entstehen aus diesem familiär erblühenden Wohlverhalten der Reichen, die ihre kapitalen Gewinne lieber in die Firma als in den privaten Luxus stecken.

Einige weitblickende Einzelgänger machen sich bereits ganz planmäßig zunutze, daß der gehetzte Konsument nur am Arbeitsplatz ein wenig zur Ruhe kommt und da allein noch angesprochen werden kann.

Eine Art Gipfelglück im Leben der von Sozialforschern eigentlich schon abgeschriebenen sogenannten Betriebsfamilie ist erklommen, wenn die Arbeiter und Mitarbeiter dem Chef nahelegen, sich doch im Hinblick auf ihrer aller Firmenprestige einen größeren Wagen zu beschaffen, wie es, unter anderen, dem Münchner Textil-Millionär Ralph Louisoder widerfuhr.

Freilich muß selbst ein Musterbild vom Typ glücklicher Unternehmer wie der freigebige Hamburger Kurt A. Körber gestehen: »Das Argument, wonach das soziale Verhalten des Unternehmers nur durch die Knappheit auf dem Arbeitsmarkt ausgelöst sei, soll nicht in Abrede gestellt werden, obwohl es in dieser Ausschließlichkeit nicht bewiesen ist.«

Es gehört zu den Früchten dieser Konzentration auf das eigene Haus und Geschäftshaus, daß 80 Prozent der Arbeiter, laut Repräsentativ-Umfrage, sich eines persönlichen Kontakts mit dem Firmenchef rühmen, 81 Prozent den eigenen Betrieb für fortschrittlich, 76 Prozent sogar für ausgesprochen sozial halten.

Umgekehrt glauben, von Allensbach zu Hause gefragt, nur 14 Prozent der Bundesbürger, die Unternehmer hätten am Emporkommen der Bundesrepublik überragenden Anteil.

Demnach haben die Besitzbürger in der öffentlichen Vorstellung offenbar nicht viel mehr Kontur angenommen als die Gewerkschaftler, denen der demoskopisch abgefragte Volksmund zu nur zwölf Prozent den Löwenanteil am Wirtschaftsaufschwung zubilligt.

Vielfältig und verworren, gleich einer Landkarte deutscher Hoheitsrechte nach dem Westfälischen Frieden, sind die individuellen Variationen unternehmerischer Sozialpolitik. Das reicht von den Freßpaketen, die deutsche Fürstenhäuser noch auf verschlungenen Wegen an ihre um die Fürsten-Pension geprellten alten Arbeiter im Osten schicken, bis hin zur prophylaktischen Kreislauf-Auffrischung der Siemens-Belegschaft, bei der man Arbeiter und Angestellte noch wie zweierlei Klassen trennt, oder zur Erhebung von Stammarbeitern in den begehrten Stand des Angestellten bei Fried. Krupp in Essen.

Es gibt Theoretiker, die den Industriellen noch weiter ins neue Patriarchat drängen und in dem vom Konkurrenzkampf und Wiederaufbau ausgepumpten Kapitalisten auch noch den Retter aus allerlei allgemeinen Notständen der Wohlstandsgesellschaft erblicken wollen. »Das Versagen der Familie, die Schwächen der Schule und die umstrittenen Auswirkungen der Massenmedien«, proklamierte der Mauerdübel-Fabrikant Wolf von Wolff, mache »Bildungs-, ja sogar Erziehungsarbeit im Betrieb unbedingt erforderlich.«

Dagegen sträuben sich nüchterne Praktiker wie der Hamburger Bankier und Handelskammer-Vize Alwin Münchmeyer, dessen Haus als einer der wenigen Schauplätze internationaler Geselligkeit in der Bundesrepublik gilt. »Indem er seine wirtschaftliche Funktion erfüllt«, so beurteilt er den reichen Mann, »vollbringt er eine soziale Leistung.«

Zu dieser Ansicht bekennen sich Deutschlands große Kapitalisten besonders gerne, wenn politische Mitwirkung von ihnen erwartet wird.

Konrad Adenauer hat in seinen Jahren unermüdlich nach großen Unternehmer-Figuren vom Schlage der unvergessenen Edelkapitalisten Bosch oder Carl Friedrich von Siemens Ausschau gehalten, die bereit wären, ihre politischen Standesinteressen selbst offen zu vertreten.

Doch einen CDU-Mann wie Dr. Günter Henle konnte er nicht daran hindern, aus dem Parlament auf den Thron seines Klöckner-Konzerns zurückzukehren. Auch der Weinheimer Leder-Industrielle Richard Freudenberg (Umsatz: 500 Millionen) und Otto Fürst von Bismarck, vorübergehend Inhaber des gesellschaftlich in der kleinen Hauptstadt tonangebenden Hauses, retirierten aus Bonn auf ihre Landsitze.

Der schwäbische Großagrarier Oskar Farny wollte nicht Bundesminister, der schwäbische Papierfabrikant Klaus Scheufelen nichts weiter, als Dirigent seines CDU-Landesverbandes und Ratgeber hinter den Kulissen sein. Die regionale politische Bindung, bei der man -der Wirkung einer zahlungskräftigen Stimme noch gewiß sein darf, liegt den Reichen eher als der Fraktionsdrill von Bonn.

Heute sitzen im Bundestag von den wahrhaft Reichen noch der Stahlwerks -Erbe und Großgrundbesitzer Knut Freiherr von Kühlmann-Stumm (Familien-Umsatz: eine Milliarde) als Fraktionschef der FDP und der CSU-Freiherr von und zu Guttenberg, Besitzer eines unermeßlichen Weingutes in Deidesheim, Schloßherr zu Stadtsteinach und alleiniger Nutzpatron des fränkischen Kurbades Neustadt. Er ist der einzige Reiche, der für die gesellschaftliche Seite des politischen Geschäftes in Bonn eine standesgemäße Villa unter Dampf hält.

Zögernd und unsicher, wie in allen Fragen der gesellschaftlichen Orientierung, placieren Reiche ihre Einsätze im politischen Spiel. Wenn es öffentlich vermerkt wird, erschrecken sie tief. Helmut Horten, einsamer Besitzer von fünfzig Kaufhäusern, der einst Mende und Strauß in einer spektakulär nachwirkenden Vermittler-Bemühung unter seinem Dach zusammenführte, beschränkt sich seither möglichst auf unsichtbares Geldgeben an Union und FDP. Mit etwas mehr als einer Viertelmillion, die er ihnen im letzten Bundestagswahlkampf - ohne Steuervergünstigung - zuschoß, gehört er noch lange nicht zu den Freigebigsten unter den kapitalistischen Firmpaten der Regierungsparteien, deren Einnahmen aus industriellen Quellen man unter Kennern auf etwa 20 Millionen pro Wahlkampf schätzt. Unter den zuverlässigsten Spendern der Bonner Koalition verbergen sich freilich Herren, die im Hamburger Wahlkampf die SPD unterstützen. Ihre heimliche Sympathie gilt da wie dort den Regierenden, die sie bei den Geschäften nicht stören.

Anstelle der Reichsten sah man die Manager der Reichsten um den politischen Teil des Kapitalismus bemüht: Kurt Birrenbach von Thyssen, Wolfgang Pohle von Flick, Alexander Elbrächter von Oetker, Gerhard Stoltenberg von Krupp, und alle für die CDU. Bei einem Parlament, in dem 38 Vertretern der Unternehmensseite 242 Gewerkschaftsfunktionäre gegenübersitzen, scheint es dennoch grotesk, von den Großbürgern als einer politisch machtvollen oder auch nur einigen Schicht zu sprechen.

Immerhin war es ein Kapitalist - der Jutespinner und Unionsabgeordnete Rembert van Delden -, der gegen alle Widerstände der kapitalistischen Lobby im Bundestag das neue Aktienrecht durchboxte.

Die Reichen schätzen es, ihre Tafel und ihr optisches Prestige mit den hohen Würdenträgern des Parteien- und Staatsapparates zu schmücken, und verschmähen dabei keineswegs Sozialdemokraten. Carlo Schmid gehört wie Konrad Adenauer zum politischen Dekor des Hauses Henkel (Persil). Der Makler Münemann sieht sich mit Genuß als Tisch- und Gesprächsgenosse politischer Figuren von heute und gestern: sei es Hessens sozialdemokratischer Landesfürst Zinn, der Liberale Thomas Dehler oder Hjalmar Schacht.

Von ihm haben alle Parteien ein wenig bekommen und brachten doch ein gegen seine Kredit-Methode gerichtetes Gesetz (Lex Münemann) in Bonn durch. Seither widmet der Münchner Finanzier seine Schecks speziell den Freien Demokraten, die als seine Schutzengel halfen, diese Bombe auf dem Verordnungwege zu entschärfen.

Es geht um Geschäft und Prestige, kaum je um richtige Politik, die den

alten und neuen Reichen am vornehmsten und unverfänglichsten in der Form von Außenpolitik oder gar Diplomatie vorschwebt. Der Glücksfall scheint gegeben, wenn einer wie Dr. Günter Henle, Musikverleger aus Passion und allmächtiger Chef des Klöckner-Konzerns, seine Laufbahn im diplomatischen Dienst begann, in Bonn der exklusiven Gesellschaft für Auswärtige Politik vorsitzt und seine Tochter an einen Diplomaten und Diplomatensohn - nämlich den des ehemaligen deutschen Tokio-Botschafters Haas - verheiratete.

Oder wenn einer, wie der im Ruhr-Revier viel gehaßte, viel beneidete, und neuerdings durch seine Tochter mit den Henles verbundene Autodidakt und Weltmann Berthold Beitz, wegen seiner stets ein wenig nach Außenpolitik duftenden Geschäftsreisen in den Osten von einem imaginären CD gezeichnet ist.

Die anderen heften dankbar das Signum CC an ihre Stoßstangen und fragen erst einmal nicht lange, für welchen Staat sie Konsul sind. Nach einer Weile freilich entdecken sie: Es gilt in ihren Kreisen längst nicht mehr alles gleich, was Konsul heißt. »Eigentlich sollte es ein europäisches Land sein«, meint der griechische Konsul Dr. h c. Gustav Schickedanz aus Fürth und verschweigt, daß es dazu noch etwas bedeutet, k ö n i g l i c h-griechischer Konsul zu sein.

Der Mit-Fürther Max Grundig akzeptierte den Konsulstitel der Vereinigten Staaten von Mexiko und mußte später seinen eigenen, wie er glaubt, in die eigene Tasche wirtschaftenden Generaldirektor Schäfer als Generalkonsul von Haiti begrüßen. Dazu dämpfte sein Freund Berthold Beitz noch die konsularische Hingabe mit der unwiderlegbaren Feststellung, nur einfach Max Grundig zu sein, genüge ja wohl vollauf. Ähnliche Überlegungen gingen dem 37jährigen Kupplungs-Hersteller Ernst Wilhelm Sachs durch den Sinn, als er kürzlich die Konsulatsangebote von vier afrikanischen Staaten blutenden Herzens von der Hand wies. Natürlich gibt keiner der reichen und neureichen Träger des CC offen zu, er fühle sich dadurch in seinem Selbstgefühl gesteigert. »Geschäfte mit Griechenland«, sagte Schickedanz, das vor allem sei sein Motiv für die Annahme des Konsulates gewesen. »Geschäfte mit Chile, das war es eigentlich«, nickt auch Generalkonsul Bruno Schubert, der in Frankfurt für Chile repräsentiert. Anders wären die Unkosten steuerlich nicht abzusetzen. Freilich - geschäftlich ist Schubert heute in Argentinien engagiert.

Das menschlich und sachlich oft durchaus gerechtfertigte Bedürfnis nach einer Unterstreichung ihrer Verdienste und ihrer wahrhaft außerordentlichen Person drückt sehr reichen Leuten in der Bundesrepublik mitunter aufs Gemüt wie ein unaussprechliches Leiden.

In der Sorge, sich versehentlich einen zu ihrem wahren Rang nicht passenden Orden, Aufsichtsrats-Posten, Titel oder Sport zugezogen zu haben oder das Passende nicht zum richtigen Zeitpunkt, grapschen sie nach allem - oder zukken vor allem zurück.

Daß ein industrieller Notabel wie Ernst von Siemens weder Orden noch Frack anlegt, und damit für seinen Konzern ein weithin verbindliches Beispiel der Enthaltsamkeit gab, hilft dem neuen Reichtum nicht weiter, den roch nicht der bloße Name ziert.

Rudolf Münemann greift nach dem Frack so oft wie möglich und fand, daß schon bloßer Reichtum hinlänglich auszeichnet. Er empfahl, Orden jenen vorzubehalten, denen ihr Amt nicht gestatte, tüchtig Vermögen zu bilden.

Auf der Suche nach der rechten Ehre gewinnt für den Reichen das an Bedeutung, was er bei jeder Gelegenheit tragen und mit Geld allein nicht an sich ziehen kann. Der zum Wienerwald - Heros emporgestiegene Kellner Friedrich Jahn zieht, so sagte er zu mir, allem sonst Denkbaren den taufrischen Titel eines österreichischen Kommerzialrates vor, den wider Erwarten Geld nicht kaufen kann.

Dieses exklusive Flair des Unbezahlbaren ist es, was den meisten bürgerlichen Reichen einen akademischen Grad als eindeutiges Status-Symbol begehrenswert macht, obwohl die notleidenden deutschen Hochschulen sich die Doktorhüte honoris causa nachher sehr wohl honorieren lassen. Dr. phil. Hermann Reusch, der kunstsinnige und wachholderdurstige ehemalige Chef der Gutehoffnungshütte (Jahreseinkommen über 1,5 Millionen Mark), stiftete der Technischen Hochschule Aachen für den Dr. Ing. e. h. 100 000 Mark. Er fiel damit nicht aus dem Rahmen.

Es sind naturgemäß überwiegend die Technischen Hochschulen in Aachen, Karlsruhe, Darmstadt, die sich der industriellen Produzenten annehmen. Denn geisteswissenschaftliche Interessen oder gar Verdienste sind ihnen - ähnlich wie die politischen - so leicht nicht nachzurühmen.

Jene teilnahmslose Begehrlichkeit, mit der ein überwiegender Teil der deutschen Vermögens-Elite bei der Ausschau nach der rechten Würde den Blick schweifen läßt, zeichnet sich nicht minder in ihren Liebhabereien ab: Man gehört zu Golfklubs, ohne Golf zu spielen, hat eine Jagd und keine Freude an der Pirsch. Man kauft eine Jacht und läßt sie überwiegend an den Tauen, wie Herbert Quandt. Man hat eine Villa an der Riviera, wie Herberts fliegender Bruder Harald, und sieht sie kaum.

Man sammelt Noldes, Beckmanns, Heckels und Nays, oft nur, weil es en vogue ist und die Preise so steigen und man diese Aktien an der Wand, wie Nolde- und Beckmann-Käufer Berthold Beitz sich lustig macht, »ja immerhin wenigstens aufhängen kann, wenn sie mal fallen«.

Wenn diese Reichen wohltätig zu werden anfangen, geben sie lieber rundum in möglichst viele Listen und Töpfe, selbstverständlich unter Berücksichtigung des religiösen und politischen Proporzes bei den bedachten Institutionen. Der reiche Wohltäter der Bundesrepublik hat wenig mit dem Heiligen Martin gemein, der dramatisch den eigenen Mantel teilt. Viel eher erinnert er an einen Patienten, dessen ungesunde Leibesfülle man mit Schröpfköpfen spickt.

Es gibt kein prosperierendes kapitalistisches Land, in dem es schwieriger wäre, in den Reichen unmittelbare Anteilnahme zu wecken für Unglückliche, denen sie mit ihrem Reichtum helfen könnten; sie zu gewinnen etwa für die Finanzierung einer hilfreichen karitativen Idee.

Die Bundesrepublik ist das westliche Wunderland, in dem beispielsweise am schlechtesten für die Heilung und Ausbildung spastisch gelähmter Kinder gesorgt wird, eine Angelegenheit, die in England und Amerika zu den freudig akzeptierten Aufgaben wohlhabender Spender gehört.

Es erregte einiges Aufsehen, als vor kurzem einem gelähmten Talent mit Hilfe der bayrischen Behörden und des Vereins Pfennigparade das Hochschul - Studium in den USA ermöglicht werden konnte. Wieso der begabte Kranke und seine Leidensgenossen nicht auch im eigenen Lande eine Hochschule fin-den, an der man im Rollstuhl zu Vorlesungen erscheinen kann, fragte sich offenbar niemand.

Der mißtrauischen Vornehmheit der Reichen im Lande der Sichtschutzmatten scheint es zu entsprechen, daß man es sich im verborgenen gutgehen läßt und auch im verborgenen Gutes tut. Kaum einer von 50 Multimillionären konnte mir auf Anhieb mitteilen, wo und wofür und wieviel er gespendet hatte, so glatt, so automatisch läuft das steuerbegünstigte Benefiz durch die Bücher und ergibt doch am Ende sechsstellige Summen. Das gute Gewissen ist häufig eine Frage der Buchhaltung geworden.

Daß ein großer Steuersünder wie der Hosen-Hexer Müller-Wipperfürth eine Millionenspende an den Jesuiten-Orden zu einem vorteilhaften Steuermanöver zu nutzen verstand, verrät einiges über das geheime Wesen neureicher Wohltäter, auch wenn es als Verhaltensweise nicht typisch ist.

Dem neuen deutschen Typ des Gebers, der lieber ungenannt und unverpflichtet bleibt, kommt der vom opferfreudigen »Glanzstoff«-Boß Ernst Hellmut Vits dirigierte »Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft« elegant entgegen. Wenn am Morgen seiner Jahresversammlung über dem Wiesbadener Kurhaus die Verbandsfahne mit dem lateinischen Motto »maecenates voco« aufsteigt, so signalisiert sie den segensreichen Widersinn einer Bemühung, zu der in Wahrheit nicht der herzhaft engagierte Mäzen; sondern der gute stille Scheckgeber gerufen wird. Denn kein Lorbeerblatt fällt auf die vielen Mitwirkenden, kein Schatten auf die vielen, die sich verschließen.

Ein Drittel der jährlich freiwillig für die Förderung von Forschung, Wissenschaft und Studium von der gewerblichen Wirtschaft - und zwar zu rund 90 Prozent von den großen Unternehmen, Banken und Versicherungen - aufgebrachten 107 Millionen wandert über das Konto dieses Verbandes anonymer Spender*.

Man wird in Deutschland kaum mehr einen Reichen finden, der überhaupt nichts spendet, aber auch kaum einen, der mit fürstlicher Großherzigkeit, den Mäzen noch wirklich spielt. Das Barocke, das im Dekor ihrer Häuser, Jagd- und Landhäuser vorherrscht, findet in dieser Hinsicht keine Spiegelung.

Dafür gibt es, außer Geiz und Engherzigkeit, auch Motive, die den Reichen rechtfertigen. Einmal den unersättlichen Kapitalbedarf ihrer expansiven Betriebe; zum anderen eine Gesetzgebung, die den Reichen generell zwar begünstigt, dem reichen Stifter indes nicht viel Verlockendes zu bieten hat.

Jahrelange Verhandlungen kostete es, die gesetzlichen Schwierigkeiten für die Fritz-Thyssen-Stiftung aus dem Wege zu räumen, in die Amélie Thyssen und ihre gelähmte Tochter Anita Gräfin de Zichy 100 Millionen Mark nominales Aktienkapital einmünden ließen. Wäre diese wohltätige Transaktion nach dem Buchstaben besteuert worden, so hätte das die Substanz der bisher größten Privatstiftung für die deutsche Wissenschaft um mehr als ein Viertel gemindert.

Über die fiskalischen Umstände, die sich aus der in Essen seit Jahren erwogenen Umwandlung von Krupp-Besitz in eine Stiftung ergäben, soll sich nun im Auftrage dieses Konzerns der Tübinger Rechtsgelehrte Ludwig Raiser den Kopf zerbrechen.

Trotz fiskalischen Undanks und öffentlicher Gleichgültigkeit nimmt unter den bürgerlichen Großkapitalisten, die nach dem Krieg groß oder noch einmal groß geworden und ohne geeignete Erben geblieben sind, das Interesse an der Möglichkeit zu, ihr Lebenswerk in Form von Stiftungen zu konservieren.

Um »ihr Haus zu bestellen und für ihre Nachfolger zu sorgen«, trennten sich jüngst Hermann und Ernst Mahle, Inhaber der größten europäischen Kolbenfabrik, für dieses Idealbild kapitalistischer Gemeinnützigkeit von 99,9 Prozent ihres Firmenbesitzes (Umsatz: 180 Millionen).

Sie gehören zu dem Zehntelprozent von Reichen in der Bundesrepublik, die sich ihrer Millionen mit rühmenswertem Edelmut entledigen, natürlich ohne deshalb gleich leben zu müssen wie die Bausparer.

Die Wohlstandsgesellschaft, der die Augen feucht werden, wenn Gunter Sachs eine schwerkranke Geliebit auf seine Kosten operieren läßt oder ein Bergmann vor der Fernsehkamera von 22 000 Mark Lotterie-Gewinn gleich 200 Mark für Berlin-Kinder opfert, ist weit davon entfernt, die generösen Multimillionäre als Heroen wirtschaftlicher Selbstentäußerung zu umjubeln.

Und in der reichen Demi-Society gilt ein Mann wie der kinderlose Hamburger Maschinenbauer Körber, der in zehn Jahren bald zehn Millionen für das Gemeinwohl stiftete, sogar schon fast als »Spinner«, weil er sonntags knallige Bilder malt und immerzu mit aufgekrempelten Ärmeln die Umwelt verbessern möchte.

Eher in Hamburg und im Alemannischen als in den katholischen Bundesländern gedeiht heute der Typ des Teilenden mit dem knorrigen Gemeinsinn und den puritanischen Klopfzeichen im Gewissen. Landauf, landab dagegen blüht, wenn

auch schüchtern, die Gesellschaft der reichen Halb- und Viertelmäzene, die aus privater Freude an Sport, Kunst oder Folklore innerhalb ihrer engeren Heimat immer wieder die Spendierhosen anziehen.

Von der Turnhalle mit dem Namen des Fleischfabrikanten Schweisfurth bis zur Autobahnkirche des katholischen Papierfabrikanten Georg Haindl, vom Segelflugzeug aus der Kasse des fliegenden Supermarkt-Konsuls Herbert Eklöh bis zum Horten-Elefanten für den Duisburger Zoo oder zum großen Hamburger Studentenheim von Karl Andreas Voss, dem lautlosen Teilhaber von Axel Springer, schillert diese unübersehbare Aussaat steuerbegünstigten Wohlwollens.

Die Botschaft von der sozialen Pflicht des großen Einkommens ist in den führenden Köpfen der Wirtschaft zweifellos empfangen worden, wenn auch verschwommen. Hinter der immerzu über Kapitalmangel klagenden Gesellschaft der Reichen zieht eine breite Spur kleiner und kleinster Opfergaben und Freundlichkeiten her, wie Kielwasser hinter einem Luxusdampfer.

Viel leichter als bei anonymen Kapitalgesellschaften halten die Bittsteller beim namhaften Kapitalisten direkt ihre Hand auf. »Manchmal stifte ich einen Pokal auch nur, weil die Opel-Werke sich weigern, es zu tun«, klagt der Opel-Großhändler und Continental-Großaktionär Georg von Opel (Familienumsatz: 1,3 Milliarden).

Höheres sportliches oder musisches Dilettieren erspart einem reichen Manne diese Auslagen und verschafft ihm sogar gratis die Aura schöner Aufgeschlossenheit, obwohl es fast immer seinen Lohn schon in sich trägt. Der Olympionike Neckermann (Familien-Umsatz: 600 Millionen), der sich dagegen sträubt, als wahrhaft vermögender Mann angesehen und angegangen zu werden, reitet mit Familie seine acht Dressurpferde für sich, die eigene Gesundheit und Neckermanns Namensruhm, und ganz zuletzt erst für Deutschland.

Und dem Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees, dem Fabrikanten Willi Daume, hat das elegante, ehrenreiche Nomadenleben des Sportdiplomaten sicher mehr zu bieten als seine von tüchtigen Managern geführte Eisengießerei.

Ein knappes Dutzend amtsbekannter reicher Ästheten, darunter der hannoversche Schokoladenfabrikant Sprengel mit einer runden Sammlung günstig eingekaufter Expressionisten und der Schweinfurter Kugellager-Industrielle Georg Schäfer (Kugelfischer, Umsatz: 500 Millionen) mit einer halb kostbaren, halb faden Mischung romantischer Malerei, leihen ihre Schätze gerne einmal für eine öffentliche Ausstellung, aber außer Sammlerstolz genießen sie dafür auch allerlei Steuervorteile.

Trotzdem gibt es unter den Reichsten im Lande mindestens ebenso viele Kunstsammler, die lieber auf den Erlaß der Vermögenssteuer verzichten, als öffentlich mit ihrer Liebhaberei bekannt zu werden. Sie wünschen ihre Kunstschätze so wenig zur Schau zu stellen wie Brillanten oder Aktienpakete und genießen ihre Raritäten - wie der Demag-Großaktionär Hans Reuter seine Tizians - ganz für sich, insofern selbst schon fast eine Rarität innerhalb der bewunderungssüchtigen Clique internationaler Sammler.

Nur wenige haben einen Sinn für die Malerei der Gegenwart, soweit sie noch nicht arriviert ist. Und nicht einer dieser Augen- und Machtmenschen kümmert sich mit seinen großen Mitteln um die neuere Literatur, oder gar die neuere deutsche. Die hat den Vorzug, als überwiegend links verschrieen zu sein, so daß man dieses Desinteresses wegen ausnahmsweise kein schlechtes Gewissen empfinden muß.

»Böll habe ich mal eingeladen«, sagte eine Dame der besten rheinischen Gesellschaft. »Und«, fragte ich, »ist er denn gekommen?«

Sie machte eine Geste des Wegwerfens. »Ach was«, sagte sie, »die Leute behaupten ja doch immer, sie hätten zu arbeiten, auch wenn sie in Wahrheit nur keinen Smoking haben.«

IM NÄCHSTEN HEFT:

Wie Reiche -Ihr Geld verschenken - Ein Multimillionär tanzt auf dem Drahtseil - Die heimlichen Opfer eines Getreide-Importeurs

* Allein die Stiftung Volkswagenwerk schüttete 1965 für den gleichen Zweck 135 Millionen aus.

Fürst von Thurn und Taxis vor Schloß Taxis: Ruht der Klassenkampf in Deutschland?

Reichster Deutscher Flick: Im Katechismus der Oberschicht ...

... ist Unmäßigkeit eine Todsünde: Flick-Besitz »Haus Hohbeck« bei Düsseldorf

Magenbitter-Millionär Underberg: »Auf - Hunde!«

Adels-Jagd in Schleswig-Holstein

Frei von bürgerlichen Komplexen ...

...genießt der Adel das Wohlwollen des Volkes: Neuerbautes Schloß Ringberg in Bayern

Industriellen-Ehefrau Gabriele Henkel, Tischherr: Der Feind des reichen Mannes ...

... sitzt links oben: Industrieller Krupp, Lehrlinge

Flieger Quandt: »Ein Unternehmer läßt sich den Zahn am Sonntag ziehen ...

... damit er im Betrieb nicht fehlt": Gärtner Oetker

Bergsteiger Rosenthal

»Die körperliche Wohlfahrt ...

Schwimmer Münemann

... ist die Grundlage aller Bildung«

Lack-Herstellerin Ellen Wiederhold

Beihilfe für Zahnersatz

Odol-Hersteller Schneider

Kunst für die Belegschaft

Klosettpapier-Hersteller Klenk

Da und dort einen Brunnen

Reicher Politiker von Guttenberg: Die Reichen sind politisch ...

Reicher Politiker von Kühlmann-Stumm

... weder machtvoll noch einig

Konsul Schickedanz, Ehefrau

Die Sehnsucht nach Titeln ...

Konsul Grundig, Ehefrau

... drückt aufs Gemüt ...

Generalkonsul Schubert, Ehefrau

... wie ein diskretes Leiden

Thyssen-Erbin Anita de Zichy

Das Gesetz war gegen die Stiftung

Punch

Der Ärger mit dem Wohlstand ist, daß daß die anderen auch alle im Überfluß leben!«

* Mittagstafel des Fürsten Franz Joseph

von Thurn und Taxis auf Schloß Taxis in Württemberg.

Peter Brügge
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