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PROMINENTE Die Rettung des Grandseigneurs

Bis heute steht der Filmproduzent Artur Brauner gern im Rampenlicht - in aller Stille hat er sich nun von weiten Teilen seiner Immobilien trennen müssen.
aus DER SPIEGEL 9/2007

Es war die Woche der Stars, der roten Teppiche und der Blitzlichtgewitter. Und mittendrin im Berlinale-Trubel fand sich ein Herr mit Django-Reinhardt-Oberlippenbärtchen, der schon Filme produzierte, als Kinos noch respektvoll Lichtspielhäuser genannt wurden. Artur Brauner, 88, buntschillernder Doyen der deutschen Nachkriegsfilmwirtschaft, stand wieder einmal im Rampenlicht.

Doch nicht immer geht es in Brauners Leben so glamourös zu wie in den vergangen Tagen, und nicht für all seine Aktivitäten sucht er das grelle Scheinwerferlicht. Im Gegenteil: In aller Stille hat er seine zweite Karriere - als Immobilientycoon - beendet. Wenige Wochen vor der 57. Berlinale trennten er und seine Familie sich vom Großteil ihres stattlichen Immobilienbesitzes in der Hauptstadt. 59 Mietshäuser und Gebäudekomplexe gehören jetzt einem Tochterunternehmen der österreichischen Sparkassen. Vom Erlös, laut Kaufvertrag 114 Millionen Euro, wird Brauner kaum etwas bleiben. Die Summe reiche gerade aus, wie Brauner selbst einräumt, »um ein Achtel der Verbindlichkeiten zu decken«.

Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit hatte der Produzent von so unterschiedlichen Filmen wie »Der Tiger von Eschnapur« und »Hitlerjunge Salomon« privat Monopoly gespielt, wie ein Besessener Miets-, Bürohäuser und Hotels gekauft - allein am West-Berliner Kurfürstendamm fünf Häuserblocks.

Nicht alle Immobilien-Investments erwiesen sich als ähnliche Kassenschlager wie so manche Kinoproduktion des Filmmoguls. Mal fehlten Mietzahlungen wie etwa in einer Betonburg am Kurfürstendamm, mal stiegen Sanierungs- und Renovierungskosten ins Uferlose wie bei Projekten im Ostteil Berlins. Zeitweilig lasteten auf dem Immobilienbesitz, aufgeteilt auf Familienmitglieder und diverse Firmen, Grundschulden in Höhe von fast 500 Millionen Euro.

Die Brauners hatten sich schlichtweg übernommen - und so kam, was kommen musste: Eine der zahlreichen Gesellschaften, die Tanel GmbH & Co. Grundstück Marienfelder Allee 197-213 KG, geleitet von Brauners Sohn Heinrich, meldete im November 2005 Insolvenz an, weil sie die Kredite in Höhe von 2,5 Millionen Euro nicht mehr bedienen konnte. 16 weitere Immobilien der Brauner-Gruppe stellten die Banken unter Zwangsverwaltung, sie trauten der Solvenz ihres Schuldners offensichtlich nicht mehr.

Doch damit nicht genug. Zum Verdruss des Familienoberhaupts rückte auch noch der Fiskus den Brauners auf die Pelle, wegen angeblicher Steuerschulden in Höhe von 6,8 Millionen Euro. Seine Anwälte handelten mit den Finanzbehörden nun Ratenzahlungen aus, die, wie Brauner betont, »pünktlich eingehalten werden«. Zuvor hatte er kräftig ausgeteilt - den Steuereintreibern »Schikane« vorgeworfen.

Jedem gewöhnlichen Immobilienhai wäre solche Chuzpe in der Öffentlichkeit zum Verhängnis geworden - nicht aber Brauner, dem Überlebenskünstler, dessen Lebensweg viel Bewunderung weckt. Der in Lódz' geborene Jude überlebte den Holocaust, weil er im Alter von 21 Jahren vor den deutschen Besatzern untertauchte. Nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands ging er nach Berlin und baute eine der bedeutendsten europäischen Filmproduktionsgesellschaften auf. »Atze« brachte Glanz und Glamour ins eingemauerte West-Berlin. Die Regenbogenpresse feierte ihn, Politiker suchten seine Nähe. Brauner dankte auf seine Weise. Als Altkanzler Helmut Kohl in der Spendenaffäre unter Druck geriet, sammelte der Grandseigneur des Films bei Freunden aus der Branche, Brauner selbst spendete 50 000 Mark.

Einfallsreichtum und Cleverness halfen Brauner, als die Sache mit seinen Immobi-

lien brenzlig wurde. Vor zweieinhalb Jahren wurden seine Finanziers nervös, weil die Verbindlichkeiten immer schleppender bedient wurden. Allein die Münchner HypoVereinsbank war mit weit über hundert Millionen Euro engagiert, Landesbank Berlin und Nordbank mit weiteren hohen zweistelligen Millionensummen. Da brachten Brauners gute Kontakte nach Israel die Lösung - Banken mit Hauptsitz Tel Aviv sprangen ein. Bis ins vorige Jahr lösten die Leumi-Bank und die Hapoalim Brauners notleidende Kredite bei deutschen Geldhäusern im großen Stil ab. Allein die Zürcher Dependance der Leumi, Israels zweitgrößter Bank, kaufte Forderungen deutscher Banken an Brauner in Höhe von über 150 Millionen Euro auf.

Bei den Schweizer Leumi-Bankern fand Brauner jenes Verständnis, das er bei seinen deutschen Finanziers zunehmend vermisste - wo nach seinem Eindruck »machthungrige Bankmitarbeiter Freude dabei empfinden, Existenzen zu zerstören, wie es in der Nazi-Zeit der Fall war«. Leumi hingegen, »mit der unsere Familie bereits seit vielen Jahren verbunden ist«, akzeptierte »das Konglomerat an Sicherheiten«, das Brauner vorwies.

Der Verkauf der meisten Immobilien an eine österreichische Sparkassentochter, die Umschuldung mit Hilfe israelischer Banken - Brauner scheint eine fast filmreife Rettungsaktion gelungen zu sein, auch wenn ein gigantischer Schuldenberg weiter drückt. Und so kann er sich wieder auf die wahre Mission seines Lebens konzentrieren. »Ich bin geboren«, hat er einmal über sich gesagt, »und werde sterben mit dem Film.« ANDREAS WASSERMANN

* Mit Tochter Alice und Designerin Barbara Becker auf einerBerlinale-Party am 9. Februar im Hotel Ritz Carlton.

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