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»DIE REVOLUTION IST KEIN DECKCHENSTICKENI«

Höhepunkt der chinesischen Kulturrevolution war im vorigen Jahr der Machtkampf zwischen Parteichef Mao Tsetung und Staatschef Liu Schao-tschi. Lius Frau, Wang Kuang-mei, hatte bei Beginn der Kulturrevolution in der Pekinger Tsinghua-Universität persönlich für ihren Mann agitiert. Die Rotgardisten stellten sie deshalb als Symbol der Unmoral hin und karikierten sie auf Wandzeitungen: in einem geschlitzten Seidenkleid, das die Erste Dame der chinesischen Volksrepublik auf einem Staatsbesuch bei dem indonesischen Präsidenten Sukarno in Djakarta getragen hatte. In einem Verhör vor Rotgardisten mußte sich Wang Kuang-mei auch wegen dieses Kleides verantworten. Bruchstücke einer Niederschrift der Verhandlung machten diplomatische Kreise in Hongkong dem SPIEGEL zugänglich.
aus DER SPIEGEL 14/1968

Ort des Verhörs: Ein Hörsaal im siebenten Stock eines Hauptgebäudes der Pekinger Tsinghua-Universität. Es fanden drei getrennte Sitzungen statt. Die erste begann am 10. April vergangenen Jahres um 6.30 Uhr morgens, die letzte endete um 22 Uhr.

Die Beschuldigte, Wang Kuang-mei, Ehefrau des chinesischen Staatspräsidenten Liu Schao-tschi, erschien in einem Mantel mit Pelzkragen. Der verhörende Rotgardist forderte Frau Wang Kuang-mei auf, das Kleid anzuziehen, das sie während eines Staatsbesuches in Indonesien mit ihrem Mann im April 1963 getragen hat. Frau Wang Kuang-mei weigert sich.

UNTERSUCHUNGSFÜHRER: Sie müssen das Kleid anziehen.

WANG KUANG-MEI: Ich will nicht.

UNTERSUCHUNGSFÜHRER: Sie haben keine Wahl.

WANG KUANG-MEI (zeigt auf das Kleid das sie trägt): Das hier ist gut genug, um Gäste zu empfangen.

UNTERSUCHUNGSFÜHRER: »Gäste empfangen« -- Sie sind heute hier als Angeklagte.

WANG KUANG-MEI: Ich werde das Kleid nicht anziehen. Es ist nicht repräsentativ.

UNTERSUCHUNGSFÜHRER: Warum haben Sie es dann in Indonesien getragen?

WANG KUANG-MEI: Damals war Sommer, ich trug es in Djakarta.

UNTERSUCHUNGSFÜHRER: Warum trugen Sie es auch in Lahore?

WANG KUANG-MEI: Ich werde es nicht anziehen, ganz gleich, was immer Sie sagen.

UNTERSUCHUNGSFÜHRER: Das eine will ich Ihnen sagen: Sie sind heute Gegenstand der Anklage. Nehmen Sie sich in acht, wenn Sie nicht ehrlich uns gegenüber sind.

WANG KUANG-MEI: Selbst wenn ich sterben müßte, das würde mir nichts ausmachen.

UNTERSUCHUNGSFÜHRER: Sterben? Wir wollen Sie leben lassen. Ziehen Sie das Kleid an!

WANG KUANG-MEI: Fänden Sie es nicht nützlicher, wenn wir die Dinge ernsthaft diskutieren würden?

UNTERSUCHUNGSFÜHRER: Wer will denn mit Ihnen über etwas diskutieren? Das will ich Ihnen sagen: Sie sind heute Gegenstand der Anklage!

WANG KUANG-MEI (erregt): Sie haben auf keinen Fall das Recht, in meine persönliche Freiheit einzugreifen!

UNTERSUCHUNGSFÜHRER (unter dem Gelächter der Anwesenden): Sie sind die Frau eines »dreifachen Anti-Elements"**, eines Mitgliedes der reaktionären Bourgeoisie und eines Klassenfeindes. Ihnen wird nicht ein Minimum an Demokratie gewährt. Über Sie wird heute Diktatur ausgeübt, Sie sind nicht frei.

* Mit Ehemann Liu (1983).

** Schimpfwort der Kulturrevolutionäre für Feinde des Sozialismus, der Partei und des Vorsitzenden Mao.

WANG KUANG-MEI: Wer behauptet, ich sei die Frau eines »dreifachen Anti-Elements«?

UNTERSUCHUNGSFÜHRER: Wir.

WANG KUANG-MEI: Ich ziehe das Kleid nicht an, komme, was will. Wenn ich Fehler begangen habe, dann stelle ich mich der Kritik und der Auseinandersetzung mit den Massen.

UNTERSUCHUNGSFÜHRER: Sie sind schuldig. Sie sind heute Angeklagte, und Sie werden es auch später sein. Ziehen Sie es an.

WANG KUANG-MEI (ausweichend, zeigt auf ihren pelzbesetzten Mantel): Der ist gut genug, um Gäste zu empfangen. Er war ein Geschenk aus Afghanistan. Daran dachten Sie wohl, als Sie mich »aufgetakelt« nannten.

UNTERSUCHUNGSFÜHRER: Sie sollen das Kleid anziehen, das Sie in Indonesien trugen.

WANG KUANG-MEI: Das war im Sommer. Ich kann jetzt nicht ein leichtes Sommerkleid anziehen.

UNTERSUCHUNGSFÜHRER: Die Bemerkung können Sie sich schenken. Wir verstehen nichts von solchem bürgerlichen Kram, wie: »Das ist gut für den Sommer, für den Winter oder den Frühling, das ist gut, um Gäste zu empfangen oder für die Reise.«

WANG KUANG-MEI: Der Vorsitzende Mao hat gesagt, wir sollen auf das Klima achten und entsprechend die Kleidung wechseln.

UNTERSUCHUNGSFÜHRER (unter Gelächter): Was der Vorsitzende Mao gesagt hat, bezieht sich auf das politische Klima. Ich möchte Sie fragen: Trugen Sie das Kleid etwa nicht, als Sie in Lahore waren, obwohl es damals kälter war als jetzt? Ziehen Sie es an. Es wird solange reichen, wie Sie nicht zu Tode frieren. Werden Sie es nun anziehen?

WANG KUANG-MEI: Nein.

UNTERSUCHUNGSFÜHRER: Gut. Wir werden Ihnen zehn Minuten Zeit lassen. Wir werden ja sehen, was um Viertel vor sieben geschehen wird. Versuchen Sie nur, uns Widerstand zu leisten und das Kleid nicht anzuziehen -- wir meinen, was wir sagen.

WANG KUANG-MEI: Wissen Sie -- ich könnte jemanden anrufen und ihn um ein Frühlingskleid bitten.

UNTERSUCHUNGSFÜHRER: Das genügt nicht. Ziehen Sie dieses Kleid hier an und tragen Sie darüber Ihren Pelzmantel. Es wird schon nicht zu kalt sein.

WANG KUANG-MEI: Wenn ich wirklich gegen den Vorsitzenden Mao wäre, würde ich es verdienen, zu Tode zu frieren.

UNTERSUCHUNGSFÜHRER: Sie sind gegen den Vorsitzenden Mao.

WANG KUANG-MEI: Ich bin nicht gegen ihn und werde auch nicht in Zukunft gegen ihn sein.

UNTERSUCHUNGSFÜHRER: Wir machen keine Umstände mehr mit ihr. Also, jetzt sind noch. sieben Minuten Zeit.

WANG KUANG-MEI: Sie haben kein Recht dazu.

Sie sitzt auf dem Fußboden und sträubt sich dagegen, daß Rotgardisten ihr das Kleid überstreifen. Sie wird hochgezogen, man zieht ihr das Kleid an.

UNTERSUCHUNGSFÜHRER: Nun haben Sie also das Kleid an?

WANG KUANG-MEI: Sie haben die Weisung des Vorsitzenden Mao verletzt, keine Gewalt anzuwenden.

UNTERSUCHUNGSFÜHRER (zitiert ein Mao-Wort): »Eine Revolution ist kein Gastmahl. Die Revolution ist ein Aufstand, ein Gewaltakt, durch den eine Klasse eine andere stürzt.

Alle Anwesenden zitieren im Chor den vollständigen Text des Mao-Wortes: »Eine Revolution ist kein Gastmahl, kein Aufsatzschreiben, kein Bildermalen oder Deckchensticken, sie kann nicht so fein, so gemächlich und zartfühlend, so maßvoll, gesittet, höflich, zurückhaltend und großherzig durchgeführt werden. Die Revolution ist ein Aufstand, ein Gewaltakt, durch den eine Klasse eine andere stürzt.«

WANG KUANG-MEI: Der Widerstand gegen die Weisungen des Vorsitzenden Mao bedeutet ...

Sie wird unterbrochen, weil die Anwesenden ein zweites Mao-Zitat sprechen: »Wenn die Erzreaktionäre der Welt auch heute, morgen und übermorgen noch unbeugsam und stark sein mögen, werden sie nicht mehr auf ewig unbeugsam und stark sein können. Die Erzreaktionäre sind wirklich unbeugsam, aber nicht stark, und letzten Endes wird sich ihre Unbeugsamkeit in Hundedreck verwandeln, der von der Menschheit verachtet wird.«

Wang Kuang-mei muß auch noch durchsichtige Seidenstrümpfe und Schuhe mit hohen Absätzen anziehen, dann eine exklusiv für sie angefertigte Halskette umlegen und wird photographiert.

WANG KUANG-MEI: Sie wenden Zwang an. Der Vorsitzende Mao aber hat gesagt, niemand darf eine andere Person schlagen, mißhandeln oder beleidigen.

UNTERSUCHUNGSFÜHRER: Unsinn. Sie haben uns beleidigt. Weil Sie dieses Kleid trugen, um in Indonesien mit Sukarno zu flirten, haben Sie über das chinesische Volk Schaden gebracht und das ganze chinesische Volk beleidigt. Sie drehen die Sache um. Aber Zwang ist nötig, wenn man mit so einem reaktionären, bürgerlichen Element wie Ihnen zu tun hat -- mit dem größten Gauner auf dem ganzen Gelände der Tsinghua-Universität.

Alle Anwesenden zitieren ein drittes Mao-Wort: »Für alles Reaktionäre gilt, daß es nicht fällt, wenn man es nicht niederschlägt.«

WANG KUANG-MEI: Ob ich eine solche Person bin oder nicht, werden Sie in Zukunft herausfinden können.

UNTERSUCHUNGSFÜHRER: Dem Sukarno eine Zigarette anzuzünden, heißt Schande über das chinesische Volk bringen.

WANG KUANG-MEI: Sukarno saß neben mir, ich habe mich nur an eine indonesische Sitte gehalten.

UNTERSUCHUNGSFÜHRER: Zur Hölle, wir kennen keine fremden Sitten.

Im weiteren Verlauf des Verhörs bestreitet Wang Kuang-mei, Studenten der Tsinghua-Universität als Konterrevolutionäre gebrandmarkt zu haben. Auf den Vorwurf, ihr Ehemann Liu habe die Kapitalisten unterstützt und die Ausbeutung gebilligt, sagt sie:

Liu Schao-tschi hat nur gesagt, solange die Ausbeutung durch Fabriken dem Vorteil und dem Wohlstand des Volkes dient, ist sie gerechtfertigt und für die Arbeiter nützlich ... Ich habe nicht genügend Beweise, ob Liu gegen die Revolution und niemals gegen den Kapitalismus gewesen ist. Er ist aber niemals gegen den Vorsitzenden Mao gewesen.

Der Untersuchungsführer behauptet, Liu habe den Widerstand gegen die Kulturrevolution geleitet.

WANG KUANG-MEI: Er trägt die Hauptverantwortung für das, was im Juni und Juli 1966 geschah. Was aber danach passierte, kann ihm nicht zugerechnet werden.

Sie bittet einen Soldaten, der sie offenbar begleitet hatte, um eine Beruhigungstablette.

UNTERSUCHUNGSFÜHRER: Wang Kuang-mei, haben Sie Angst?

WANG KUANG-MEI: Warum sollte ich Angst haben? Ein Kommunist hat nichts zu fürchten.

Nach dem Verhör wird Wang Kuangmei, die in Erwartung des Gefängnisses Handtuch und Zahnpasta mitgebracht hatte, wieder nach Hause entlassen.

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