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Die Rickman-Bande

aus DER SPIEGEL 8/1961

Bei weitem delikater noch als der partei-interne Hickhack um den Kursabweichler Arno Behrisch droht für die SPD und ihren Kanzlerkandidaten Brandt ein Strafprozeß zu werden, in dem MdB Behrisch von seiner Emigranten-Ehre den Makel tilgen will, zu Zeiten des großdeutschen Freiheitskampfes ein bezahlter Agent Großbritanniens gewesen zu sein.

Über den SPD-Kritiker Behrisch frohlocken die Kommunisten; an seinem Widerstands-Abenteuer im schwedischen Exil, über das vaterländisch gesinnte Bürger bereits die Nase rümpfen, könnte sich eine landesweite Debatte über das Verhalten deutscher Emigranten entzünden.

Der SPD-Exilvorstand hatte seinem emigrierten Anhang empfohlen, sich beim Widerstand gegen Hitlers Machtausweitung nicht in Aktionen einzulassen, die nach den Strafgesetzen des Gastlandes als Kriminaldelikte galten.

Desungeachtet schloß sich Behrisch in Schweden einem britischen Offizier ("Direktor") namens Rickman an, der den Plan verfolgte, die Kai-Anlagen des schwedischen Erzhafens Oxelösund für Transporte nach Deutschland zu blockieren.

Rickman, den schwedische Amtsinstanzen später für nur bedingt zurechnungsfähig befanden, reiste in Behtischs Gesellschaft per Auto zwischen Stockholm und Oxelösund hin und her, im Kofferraum des Wagens den Sprengstoff stets dabei. Er konspirierte mit den Schauerleuten, vermaß Kaimauern und Kranaufbauten, vertagte das Unternehmen von einem Mai aufs andere - bis die schwedische Spionageabwehr die »Rickman-Liga« (in Schweden auch »Rickman-Bande« genannt) im April 1940 aushob.

Der Prozeß gegen die verhinderten Saboteure ging Ende Juni 1940 - Hitler stand auf dem Scheitelpunkt seiner Macht - vor einem Stockholmer Gericht über die Bühne. Das Urteil fiel entsprechend aus: für Rickman acht, für Behrisch dreieinhalb Jahre Zwangsarbeit. So weit, so ehrenhaft.

Jedoch: In den Urteilsgründen stellten die Stockholmer Richtet fest, Rickman, habe »von einer fremden Macht« (Großbritannien) außer dem Sprengstoff auch noch 35 000 Kronen bezogen, von denen er 10 000 Kronen an Behrisch ausgezahlt habe. Behrisch aber habe über den Verbleib von nur 6000 Kronen Auskunft geben können; 4000 Kronen habe er offenbar für sich verbraucht.

Diesen Tatbestand - »Entgegennahme von Gaben einer fremden Macht, um dem Lande zu schaden« - schlachtete die überparteilich« rechtsorientierte »Frankenpost«, Hofer Lokalkonkurrenz der Oberfränkischen Volkszeitung« des Chefredakteurs Behrisch, 20 Jahre später zur Schlagzeile aus: »MdB-Behrisch war bezahlter Agent.« Und: »4000 Kronen behielt Behrisch für sich« »Legende vom selbstlosen Widerstandskämpfer geplatzt«.

So lauteten die Überschriften mit denen das Bürgerblatt in Hof (Behrisch: »Frankenpest") eine Behrisch-Sonderseite aufmachte - und zwar am 8. Dezember des vergangenen Jahres, zu einem Zeitpunkt, zu dem man in der Bonner SPD-Baracke und der fränkischen SPD-Bezirksspitze bereits Maßregeln gegen Behrisch erwog.

Der Querschuß der »Frankenpost« traf genau ins Schwarze. Die Genossen des Hofer SPD-Unterbezirks verlangten sozialistische Solidarität aller Parteiorgane gegen die Emigranten-Kampagne der Hofer »Frankenpost«. Und die Parteioffiziellen hatten Mühe, Behrisch davon zu überzeugen, daß zwischen ihren politischen Anständen und den Vorwürfen der bürgerlichen Zeitungskonkurrenz keinerlei Zusammenhang besteht.

Diesen Trennungsstrich hielt man in der Parteizentrale schon deshalb für geboten, weil die »Frankenpost« auf ihrer Behrisch-Seite unter der Zwischenzeile »Nichts aus dem Fall Frenzel gelernt?« zwischen »ehrlichem Widerstandskampf und hochbezahlter Agententätigkeit« zu differenzieren, mithin zweierlei Emigranten voneinander zu unterscheiden suchte. Dazu die Sozialdemokraten: »Früher sagte man, es gibt auch anständige Juden.«

Abgesehen davon glauben die Genossen, die Behrisch seit Jahrzehnten kennen, ihm aufs Wort, daß er den Richtern in Stockholm über die fraglichen 4000 Kronen nichts habe sagen können, weil er sonst Freunde aus der »Rickman-Liga«, die unentdeckt geblieben waren, hätte verraten müssen: »Der Ankläger in Stockholm kriegte nicht mehr aus mir heraus, als was Rickman zugegeben hatte.«

Arno Behrisch ist nun nach Schweden, an den Tatort seines Kampfes gegen Hitler, gereist. Dort sucht er Zeugen, die in einem von ihm angestrengten Beleidigungsprozeß gegen die Hofer »Frankenpost« die Lauterkeit seiner Sprengstoff-Verschwörung mit dem Briten Rickman bekunden können.

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