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»Die Rolle eines Ersatz-Rom«

Politikwissenschaftler Chalmers Johnson über das imperiale Auftrumpfen der einzigen Supermacht, die Grenzen und Rückschläge ihrer globalen Mission
Von Stefan Simons und Olaf Ihlau
aus DER SPIEGEL 45/2000

SPIEGEL: Herr Professor, werden die USA auch unter ihrem neuen Präsidenten die Welt als Supermacht dominieren?

Johnson: Das ist und bleibt die erklärte Absicht, ob der Präsident nun Gore oder Bush heißen wird. Die Unterschiede zwischen Demokraten und Republikanern sind hier nicht von tiefer, grundsätzlicher Natur. Und beide wollen das Militärbudget, das schon jetzt größer ist als die Ausgaben für Verteidigung weltweit, noch einmal kräftig aufstocken.

SPIEGEL: Die »unersetzliche Nation«, wie sich die Amerikaner gern nennen, hält ihre allumfassende Präsenz eben für unverzichtbar.

Johnson: So formuliert das unsere politische Elite. Die Amerikaner sind zutiefst davon überzeugt, dass ihre Rolle in der Welt eine tugendhafte ist und ihre Handlungen praktisch unfehlbar sind - gut für andere wie für sie selbst. Die Amerikaner suchen ihre Macht bis in jeden Winkel der Erde auszudehnen und benutzen dabei ihr Kapital dazu, ein Weltwirtschaftssystem nach ihrem Gusto durchzusetzen, was das auch immer die jeweiligen Länder kosten mag.

SPIEGEL: Wir sehen niemanden, der Washington diese globale Rolle streitig machen könnte.

Johnson: Hochmut kommt immer vor dem Fall. Aus der Geschichte wissen wir, dass Weltreiche früher oder später kritische Stadien erreichen. Amerika ist arrogant, überheblich, selbstsicher. Für die meisten Amerikaner war es noch 1988 unvorstellbar, dass die Sowjetunion drei Jahre später verschwinden würde - auseinandergebrochen und am Ende.

SPIEGEL: Ein merkwürdiger Vergleich - das Sowjetreich war voller innerer Widersprüche, wirtschaftlich ausgepowert und von den Amerikanern im Wettrüsten ausgeblutet.

Johnson: Was die Sowjetunion zu Fall brachte, war ihre imperiale Überdehnung, nicht der Wettbewerb mit den USA oder die Unfähigkeit zur Reform. Amerikaner denken, sie seien gegen das russische Schicksal immun. Das ist falsch. Amerikaner haben wenig Talent für Veränderung.

SPIEGEL: Eines der Hauptthemen im US-Präsidentschaftswahlkampf war die Frage, wie der Haushaltsüberschuss verteilt wird. Und da spielen Sie die Kassandra und reden von einem bevorstehenden Zusammenbruch?

Johnson: Überschuss? Am liebsten würde das amerikanische Militär, das auf dem besten Wege ist, sich in ein autonomes System zu verwandeln, davon jeden Dollar ausgeben. Nach der Wahl am 7. November beginnt ein neuer politischer Zyklus. Es ist durchaus vorstellbar, dass dann der Wirtschaftsboom ins Stottern gerät, es zu einer abrupten Wende und zum ökonomischen Niedergang kommt.

SPIEGEL: Gleichwohl müssen Öl- und Börsenschock die Amerikaner weniger in Unruhe versetzen als andere.

Johnson: Das stimmt, und es stimmt nicht. Schauen Sie sich mal im Fernsehen die endlosen Anzeigen für Börsenmakler an, den Nasdaq oder die Internet-Firmen - all das, was Rudolf Hilferding »Finanzkapital« genannt hatte: Nun sagt aber jeder Wirtschaftstheoretiker von Adam Smith bis John Hobson, dass der überwiegende Einfluss von Finanzkapital an Stelle von Fertigungsprozessen ein Indiz ist für eine kapitalistische Wirtschaft in der Krise.

SPIEGEL: Wie alle prosperierenden Staaten des Westens sind die USA auf dem Weg zu einer Dienstleistungswirtschaft ...

Johnson: ... was für die normalen US-Familien heutzutage bedeutet, sich mit zwei Jobs mehr schlecht als recht über Wasser zu halten. Was stellen wir selber denn noch her? Ich fahre einen Honda, der angeblich in Ohio produziert wird. Von uns stammt aber nicht viel mehr als der Plastikhalter für den Kaffeebecher; alles, was das Auto zu einem guten Fahrzeug macht, kommt in Wahrheit aus Japan. Oder nehmen Sie so schöne Sachen wie Kassettenrecorder oder CD-Spieler. Da kann mit den Japanern keiner mithalten.

SPIEGEL: Die USA sind noch immer ein Nettoimporteur von Kapital.

Johnson: Wir sind angewiesen auf den stetigen Zustrom ausländischer Investitionen und haben selber keine Ersparnisse. Unsere hohen Produktionskosten treiben alle Herstellungsprozesse in die Niedriglohnländer. Beispiel China: Ein Teil der Boeing-Bauteile wird mittlerweile in einer Militärfabrik der Volksbefreiungsarmee in Xian hergestellt.

Das macht Sinn für eine Firma, über einen kürzeren Zeitraum. Aber langfristig gesehen ist der strukturelle Einfluss verheerend: Es folgt möglicherweise der Zusammenbruch der Nachfrage. Denn die Leute, die die Produkte herstellen, können sich die Sachen nicht leisten - sei es in Indien, Mexiko oder China. Und bei uns sind die Durchschnittsfamilien zunehmend verschuldet. Wir kaufen Billigprodukte, aber auf Kosten eines immer größeren Handelsdefizits. Unsere Wirtschaft steht auf tönernen Füßen.

SPIEGEL: Gibt es denn nicht die Möglichkeit, dass sich diese Gesellschaft und ihre Institutionen als flexibel erweisen und erneuern?

Johnson: Zu den wenigen Elementen, die für unsere Erneuerung sprechen, gehört die Einwanderungspolitik. Die ist einmalig. Wir bekommen noch immer die besten Menschen aus der ganzen Welt. Bei IBM in New York riecht es um die Mittagszeit vor allem nach Curry - die meisten der Spitzenkräfte dort sind aus Bangalore. Die Einwanderungspolitik ist eine unserer großen Stärken. Aber sonst sieht es duster aus. Eigentlich müsste der Dollar im Keller stecken, dürften wir Amerikaner uns gar keine Auslandsreisen mehr leisten.

SPIEGEL: Warum ist das noch nicht passiert?

Johnson: Weil wir die Strukturen des Kalten Krieges erhalten haben. Wir benutzen unsere Märkte, um unsere Klientelstaaten an der Leine zu halten. Und damit meine ich nicht die Europäer; ich meine die US-Protektorate in Ostasien, die wir indes wie souveräne Staaten behandelt haben.

Historiker werden künftig einmal berichten, dass das wichtigste Ergebnis des Kalten Krieges das heimliche Wirtschaftswunder der asiatischen Staaten war. Unser Handelsbilanzdefizit verdanken wir doch vor allem dem Austausch mit zwei Staaten - China und Japan. Da steckt die Negativabrechnung von 300 Milliarden Dollar.

SPIEGEL: Mit Japan war das der Deal aus den Zeiten des Kalten Krieges.

Johnson: Und dieser Deal gilt noch immer. Die Japaner sagen: Ihr wollt Militärbasen in unserem Land, dafür bekommen wir den privilegierten Zugang zu eurem Markt. Daran kann man nur die Vermutung knüpfen, dass der Kalte Krieg mehr war als simple Eindämmungspolitik oder die Reaktion auf die sowjetische Bedrohung; es war auch die Entwicklung und der Erhalt eines US-Imperiums - vor allem in Ostasien.

SPIEGEL: Jetzt tischt uns aber ein ehemaliger CIA-Berater wilde Verschwörungsgeschichten auf.

Johnson: Von wegen. Das ist keine Verschwörungstheorie als vielmehr der Versuch zu erklären, warum die Vereinigten Staaten auch nach dem Ende des Kalten Krieges noch immer Kalte-Kriegs-Beziehungen zu anderen Staaten fortführen oder gar noch verstärken. Wir wissen heute, dass der Nationale Sicherheitsrat in den späten vierziger Jahren über die Idee beriet, ein globales kapitalistisches System unter Führung der USA zu schaffen. Das allein würde uns eine friedliche Welt bescheren. Solange die Sowjetunion machtvoll existierte, waren wir zur Vorsicht gezwungen. Aber als Clinton an die Macht kam, wurde das imperiale Projekt wieder aus der Taufe gehoben - mit dem Ziel, dass der Rest der Welt wie wir aussehen soll.

SPIEGEL: Im 19. Jahrhundert nannte man das Imperialismus, heute wohl Globalisierung.

Johnson: Amerikaner lieben es, Euphemismen zu erfinden. Freie Welt oder Globalisierung. Das klingt schön, latinisiert und gaukelt Unvermeidbarkeit vor. Aber das ist Bullshit. Globalisierung ist eine amerikanische Ideologie. Sie steht für Ausdehnung zu unseren Bedingungen und für Freihandel, solange der uns nützt. Solange wir die Bedingungen in Indonesien, Südkorea oder Brasilien diktieren können. Aber solch eine Politik muss Gegenwehr hervorrufen gegen einen Staat, der weltweit noch immer 65 größere Militärstützpunkte unterhält.

SPIEGEL: Dies ist eine der Grundthesen Ihres umstrittenen, jetzt auch auf Deutsch erschienenen Buches »Blowback"**. Mit dem CIA-Terminus »Rückstoß« beschreiben Sie die unbeabsichtigten Folgen für frühere amerikanische Operationen, Vergeltungsschläge für Amerikas imperiale Politik - etwa jetzt den Anschlag auf den Zerstörer »Cole« im Jemen.

Johnson: Der Anschlag ist ein perfektes Beispiel. Typisch für Weltmächte ist ihr kurzes Gedächtnis für Dinge, die sie anderen Völkern antaten. »Blowback« war als Warnung gedacht für künftige Vergeltungsakte wegen heimlicher US-Operationen. Der Anschlag auf die »Cole«, auf den Pan-Am-Jumbo über dem schottischen Lockerbie, auf US-Botschaften in Afrika oder das New Yorker World Trade Center - all das sind Vergeltungsakte für unsere imperiale Politik. Etwa für den seinerzeitigen Luftangriff auf Libyen (1986) oder das sinnlose Abfeuern von Marschflugkörpern auf ein Mudschahidin-Lager in Afghanistan oder eine pharmazeutische Fabrik im sudanesischen Khartum.

SPIEGEL: Will sagen: Die Mudschahidin, die einst von den USA mit Stinger-Raketen zum Kampf gegen die Sowjets in Afghanistan ausgerüstet wurden, wenden sich nunmehr als »Terroristen« gegen ihre einstigen Förderer?

Johnson: Terrorismus ist die Waffe der Schwachen, mit der sie ungeschützte Ziele des Staates angreifen, dessen Opfer sie geworden sind. Auch der nunmehr als Chefterrorist gesuchte Ussama Ibn Ladin war ein ehemaliger Protegé der USA bei der Bekämpfung der Sowjets in Afgha-

nistan. Er wandte sich erst 1991 gegen uns, weil die Stationierung amerikanischer Truppen in seiner Heimat Saudi-Arabien während des Golfkriegs gegen seine religiösen Überzeugungen verstieß.

Die Anschläge auf amerikanische Botschaften in Afrika, für die Ibn Ladin verantwortlich sein soll, wären also keine grundlosen Terrorakte, sondern ein Beispiel für solch einen »blowback«. Ich fürchte, wir Amerikaner müssen uns wegen unserer imperialen Überdehnung noch auf viele dieser gewaltsamen Vergeltungsschläge gefasst machen.

SPIEGEL: Sind »blowbacks« auch im Verhältnis zu Europa zu erwarten?

Johnson: Ohne Frage, das hat schon längst begonnen. Denken Sie nur an die Empörung in Italien nach den 20 Toten des Seilbahnunglücks von Cavalese, weil ein amerikanischer Marinepilot glaubte, dort bei einem Übungsflug Kunststückchen vollführen zu müssen.

SPIEGEL: Solch menschliches Versagen wird es immer und überall geben.

Johnson: Gewiss, aber es geht hier um Amerikas imperiales Gehabe, das schwer erträglich ist. Ein Kriegsgericht - nicht etwa in Italien, sondern in Nord-Carolina - sprach alle Cavalese-Beteiligten frei, und bisher zahlten die USA keinerlei finanzielle Entschädigungen.

Solche Vorfälle lenken in Europa die Aufmerksamkeit auf die Frage, warum denn eigentlich 55 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und ein Jahrzehnt nach dem Fall der Berliner Mauer noch so viele US-Soldaten in Italien, Deutschland, England oder Spanien stehen. Die sowjetische Bedrohung ist entfallen, aber Amerikas imperiale Strategie braucht offensichtlich die prahlerische Demonstration seiner militärischen Macht in Europa. Doch wird das nicht mehr lange gut gehen.

SPIEGEL: Das klingt bitter, beinahe fatalistisch.

Johnson: Wir ernten die Früchte, die wir säten; unsere Politiker, eingelullt vom absurden Reichtum, sind drittklassig. Wir

stützen unsere Macht auf Marschflugkörper, Flugzeugträger und finanzielle Manipulationen statt auf die Mittel der Diplomatie, der Entwicklungshilfe und des internationalen Rechts. Wir sind widersinnig reich, und dennoch zahlen wir unsere Uno-Beiträge nicht.

SPIEGEL: Sie porträtieren Amerika wie einen übergewichtigen Riesen mit einem kleinen Gehirn.

Johnson: Haben wir ein Gehirn? Da bin ich nicht mal so sicher. In überzentralisierten Ländern wie Frankreich oder Japan wäre das Verschwinden der Hauptstadt eine Katastrophe. Sollte aber morgen Washington D.C. vom Erdball verschwinden, würde man das hier in Kalifornien gar nicht merken. Vielleicht wäre man sogar froh. Washington ist wahrscheinlich die korrupteste Hauptstadt der westlichen Hemisphäre. Hier ist alles für Geld verfügbar.

SPIEGEL: Noch einmal zur Außenpolitik: Gibt es da zwischen Bush und Gore nicht ganz erhebliche Unterschiede - Bush etwa will die US-Soldaten aus Friedenseinsätzen auf dem Balkan abziehen, und er schlägt mit dem Pushen des Raketenabwehrsystems eine härtere Gangart gegenüber den Atommächten Russland und China an.

Johnson: Bush steht für einen Macho-Unilateralismus und eine gewaltige Militärmaschine, während Gore das Beste wie das Schlechteste der US-Außenpolitik vertritt, so wie sie sich seit dem Golfkrieg entwickelt hat.

Bush, dessen außenpolitische Berater allesamt kalte Krieger aus der Reagan-Administration sind, möchte den militärisch-industriell-universitären Komplex auf dem Niveau des Kalten Krieges weiterlaufen lassen. Dafür ist er bereit, die Beziehungen zu Russland aufs Spiel zu setzen und China mit dem Raketenabwehrprogramm zu erniedrigen. Das ist eine extrem gefährliche Außenpolitik. Aber sie wird zur Überdehnung der Macht Amerikas und zum Beginn seines Niedergangs führen.

SPIEGEL: Sie waren jahrzehntelang eine Stütze des Establishments, und nun profilieren Sie sich als schärfster Kritiker der Regierung. Wie geht das zusammen?

Johnson: Warum soll man nicht dazulernen? Meine neuen Einsichten bestehen darin, dass ein Jahrzehnt nach dem Ende der Sowjetunion und dem Verschwinden einer echten Bedrohung sich bei uns nichts geändert hat.

Die Amerikaner werden irgendwann ihre Dominanz verlieren, aber sie werden, solange es geht, weltweit die Rolle eines Ersatz-Rom spielen wollen. Sobald Washingtons Vorherrschaft zusammenbricht, wartet China schon in der Kulisse.

SPIEGEL: Demnach wäre es vielleicht doch besser, sich mit der Pax Americana zu arrangieren wie einst die Europäer mit der Pax Romana?

Johnson: Vermutlich lebt es sich stets am besten an der Peripherie. Die »Pax Romana« war in einem gewissen Maße mehr Ausdruck von Zivilisation denn von Imperium. Es gibt abgesehen von Rockmusik-Fans wenige Leute, die mit den USA den Begriff von Zivilisation verbinden.

SPIEGEL: Herr Professor Johnson, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Mit amerikanischer Stinger-Rakete im Kampf gegen die Russen.** Chalmers Johnson: »Ein Imperium verfällt«. Karl Blessing Verlag,München; 320 Seiten; 42,90 Mark.* Mit den Redakteuren Stefan Simons und Olaf Ihlau in JohnsonsHaus bei San Diego.

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