Zur Ausgabe
Artikel 38 / 72
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Die rote Linie im Libanon«

Nächtliches Geschützfeuer, tägliche Bombenflüge: Mit neuer militärischer Machtdarstellung schützen Amerika und Frankreich die schwankende Regierung des Libanon vor dem Ansturm der Drusen und Palästinenser. Noch hat Washington Spielraum: Moskau meidet die Konfrontation im Nahen Osten mit den Amerikanern. *
aus DER SPIEGEL 39/1983

Es war, als sei das Drehbuch in Hollywood geschrieben: Amerikas Freunde gerieten in höchste Not. Zwei Kolonnen feindlicher Panzer sowjetischer Bauart rollten auf die Bergfestung Suk el-Gharb nahe Beirut zu. Dort hatten die Schützlinge der USA, die von Amerikanern trainierte 8. Brigade der regulären libanesischen Armee, seit über zwei Wochen einer Übermacht von Drusen und Palästinensern standgehalten.

Doch am vorigen Montag schien das Schicksal der Verteidiger besiegelt. Um 10.30 Uhr feuerten ihre 155-Millimeter-Geschütze die letzten Salven gegen die Feinde, Drusen und Palästinenser. Die Munition war verbraucht.

Der Berg-Krieg im libanesischen Schuf-Gebirge stand vor seiner Entscheidung. »Suk el-Gharb«, sagte ein israelischer Offizier, »ist das Dien Bien Phu des Libanon.« Die Vietnam-Parallele entschlüpfte wider Willen auch dem Oberbefehlshaber der amerikanischen Marineinfanteristen, General Paul Kelley: Seine Truppen im Libanon bezeichnete er vor einem US-Kongreß-Ausschuß als »die Marines in Vietnam«. Der ebenfalls geladene Außenminister Shultz bedeckte - vielleicht ob des »Freudschen Versprechers« (Kelley) entsetzt, vielleicht aus Müdigkeit - sein Gesicht mit beiden Händen.

Ähnlich wie der Fall der Indochina-Feste im Mai 1954 Frankreichs Kolonialgeschichte in jener Region beendete und so zur politischen Wendemarke in dem südostasiatischen Land wurde, so könnte sich an der Schlacht um Suk el-Gharb das Schicksal des Libanon entscheiden.

Denn der Besitz der jahrhundertealten Fluchtburg der libanesischen Christen ermöglicht die Kontrolle der Verbindung Beirut-Damaskus und auch der Bergstraße, die in endlosen Kehren nach Baabda zum Präsidentenpalast führt.

Nichts hätte Drusen und Palästinenser nach einem Sieg dann noch vom Vormarsch auf Beirut abhalten können, wo in einigen Stadtteilen die Kämpfer der Schiiten-Miliz Amal nur darauf warten, mit ihnen gemeinsam der angeschlagenen Armee und dem schwachen Regime des Präsidenten Gemayel den Rest zu geben.

Schon hatten die Verteidiger von Suk el-Gharb sich ins scheinbar Unvermeidliche geschickt und den heranrückenden Drusen per Lautsprecher die Übergabe der Stadt angeboten, da bewies die amerikanische Vormacht des Westens, daß sie Suk el-Gharb, zu deutsch »Markt des Westens«, nicht im Stich lassen wollte.

Tief unterhalb, in den Küstengewässern vor Beirut, donnerten die Geschütze amerikanischer Schiffe. Kreuzer »Virginia« und Zerstörer »John Rodgers« waren in Aktion getreten. Die präzise gezielten Geschosse schlugen in die Drusen-Panzerkolonnen ein. Was von den schweren Fahrzeugen noch heil geblieben war, wendete zur Flucht: Begeisterungsschreie bei den Verteidigern von Suk el-Gharb - Amerika hatte die Freunde herausgehauen.

Daß es zur Rettungstat erst in letzter Minute kam, ist auf den langen Weg zurückzuführen, den der Feuerbefehl durchlaufen mußte.

Die hilfesuchenden Libanesen hatten sich, als ihre Munition zur Neige ging, zunächst an die amerikanischen Verbindungsoffiziere zur US-Friedenstruppe gewendet. Die alarmierten Robert McFarlane, den Nahostbeauftragten des Präsidenten, und dieser benachrichtigte General Bernard Rogers, den Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte in Europa. Der erteilte den beiden Kriegsschiffen den Feuerbefehl, der die Libanesen noch einmal rettete.

Noch am Tag der Schlacht um die Christen-Feste lieferten die US-Streitkräfte den Libanesen 1000 Granaten für ihre 155-Millimeter-Geschütze. Später brachte ein US-Versorgungsschiff noch 3000 bis 5000 Geschosse. Der Krieg, der sich mangels Masse schon dem Ende zugeneigt hatte, konnte weitergehen.

»Die libanesische Armee erlegt sich nicht gerade Zurückhaltung beim Schießen auf«, kommentierte ein amerikanischer _(Zwischen dem Versprecher des Generals ) _(und der gezeigten Reaktion des ) _(Außenministers, korrigierte sich die ) _("New York Times«, die ursprünglich das ) _(Bild als Dokument des spontanen ) _(Entsetzens abgedruckt hatte, vergingen ) _(in Wirklichkeit »sieben Sekunden«. ) _(Shultz, so das Blatt, war nur müde. )

Offizier den hohen Munitionsverbrauch der von amerikanischen Helfern gedrillten Libanon-Streitmacht.

Mit der Zurückhaltung war es vergangene Woche auch bei Frankreichs Friedensschützern vorbei. Französische »Super-Etendard«-Kampfflugzeuge bombardierten Drusen-Stellungen im Schuf. Das Verteidigungsministerium in Paris erklärte, »französische Interessen« seien mit den Angriffen geschützt worden.

Amerika aber hatte den Auftakt gegeben. Mit der Rettung von Suk el-Gharb wurde Wirklichkeit, was sich eine Woche zuvor erst angekündigt hatte: Die Vereinigten Staaten, bislang »nur« Mitgliedstaat der internationalen Friedenstruppe von Beirut, waren zur Partei im nahöstlichen Konflikt geworden.

State-Department-Sprecher John Hughes zu der Schieß-Aktion: »Wir haben klargemacht, daß wir Suk el-Gharb nicht in die Hände von Leuten fallen lassen wollen, die unsere Marines beschießen könnten.« Ein US-Offizier drückte sich klarer aus: »Suk el-Gharb ist die rote Linie, hinter die wir nicht zurückweichen.«

Vorletzte Woche hatte Ronald Reagan der amerikanischen Friedenstruppe gestattet, zu ihrem eigenen Schutz Artilleriefeuer und Flugzeugunterstützung in Anspruch zu nehmen. Damit sollte vermieden werden, daß sich der Konflikt weiter ausdehnt.

Militärisch halten sich die USA alle Möglichkeiten offen. Vergangenes Wochenende sollte das entmottete Schlachtschiff »New Jersey« die über 20 Schiffe starke Armada vor Libanons Küste verstärken. Die gewaltigen 40-Zentimeter-Geschütze des Kriegsschiffs können mit 860 Kilo schweren Geschossen Ziele in 37 Kilometer Entfernung - weit im syrischen Machtbereich - treffen.

Ein offener Konflikt mit Damaskus aber droht dessen Schutzmacht UdSSR auf den Plan zu rufen, gar den Showdown herbeizuführen, den beide Weltmächte bisher sorgsam vermieden haben.

Ronald Reagan, für den die Sowjet-Union ohnehin hinter den meisten Übeln dieser Erde steht, sieht die rote Hand auch jetzt im Spiel: »Die Sowjet-Union«, erklärte der Präsident dem Magazin »Newsweek«, »übt einen gefährlichen Einfluß dort aus, wie auch in Zentralamerika.«

Zumindest die Araber glauben an eine Konfrontation der Großen: Wie in Kuweit bekannt wurde, soll Moskau Pläne ausgearbeitet haben, im Ernstfall binnen zwölf Stunden 52 000 sowjetische Soldaten nach Syrien zu fliegen. Mit ähnlichen Drohungen hat Moskau bislang in allen Nahostkriegen politische Gewinne zu buchen gesucht.

Während sich die sowjetische Überwasserflotte im östlichen Mittelmeer sehr zurückhielt, sollen jetzt Sowjet-Unterseeboote Kurs auf die libanesische Küste genommen haben.

Doch ein Zusammenprall mit den Amerikanern wird von den Sowjets nicht gesucht. Dem SPIEGEL gegenüber verwies ein »Tass«-Sprecher in Moskau einen möglichen sowjetisch-amerikanischen Konflikt im Libanon in den »Bereich des Phantastischen«. Die ganze Geschichte der Entwicklung im Nahen Osten zeige, daß die Sowjet-Union nicht an einer Konfrontation teilnehmen werde. »Es gibt keine Merkmale dafür«, erklärte der Funktionär.

Im Gegenteil - den sowjetischen Interessen dient es weit mehr, wenn Amerika allein in die libanesische Endlos-Krise hineingezogen wird, aus der es so leicht kein Entkommen gibt. Schon sind etliche Anläufe zum Waffenstillstand gescheitert. Selbst wenn ein neuer Versuch die Waffen zum Schweigen brächte - der Friede wäre längst noch nicht in Sicht. Zum erstenmal begaben sich vergangene Woche US-Marineinfanteristen aus ihren Stellungen heraus nach Suk el-Gharb - angeblich nur als Beobachter. In Wahrheit aber hatten die Amerikaner herausgefunden, daß ihre libanesischen Schützlinge nicht einmal imstande waren, ihnen die präzisen Koordinaten der feindlichen Stellungen durchzugeben. »Um ein Haar hätten wir noch die Gebiete unbeteiligter Zivilisten beschossen«, schauderte es einen US-Offizier.

Doch an einen schnellen Erfolg ihres Libanon-Engagements wollen die Amerikaner nicht mehr glauben, auch wenn die Koordinaten stimmen. Im Kongreß setzte Reagan deshalb durch, daß die Marineinfanteristen - allen Verfassungs- und Gesetzesbedenken zum Trotz - für 18 Monate im Libanon bleiben können. Verstärkung ist unterwegs.

Zwischen dem Versprecher des Generals und der gezeigten Reaktion desAußenministers, korrigierte sich die »New York Times«, dieursprünglich das Bild als Dokument des spontanen Entsetzensabgedruckt hatte, vergingen in Wirklichkeit »sieben Sekunden«.Shultz, so das Blatt, war nur müde.

Zur Ausgabe
Artikel 38 / 72
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.