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UNO Die Sache mit der Kuh

aus DER SPIEGEL 1/1952

Die kernige Ausdrucksweise der Totaldiplomaten des Jahres 1951/52 feierte letzte Woche in Paris neue Triumphe. Im politischen Spitzenausschuß der UN-Vollversammlung griff Andrej Wyschinski, hochrot vor Wut, gestikulierend, mit funkelnden Augen und unerhörter Verbalgewalt die USA an, weil der US-Kongreß im US-Auslandshilfsprogramm 100 Millionen Dollar für die Unterstützung von Antikommunisten in der Emigration und in Untergrundgruppen hinter dem Eisernen Vorhang bewilligt hat. Der Vertreter des Landes der Revolution beklagte sich bitterlich über ein »amerikanisches Komplott zum Umsturz der Sowjet-Regierung« und forderte die UNO auf, den USA das zu verbieten.

US-Vertreter Mike Mansfield machte sich über die »manische Spionage-Angst« lustig, die die Sowjetwelt ergriffen zu haben schiene. US-Vertreter Voys nannte Wyschinski einen »störrischen, alten Bock«, Acheson und Jessup nannten die sowjetischen Beschuldigungen »lächerlich« und »so faul wie falsch« und drehten die ganze Beschuldigung herum. Wyschinski haute, außer sich, mit dem UdSSR-Platzschild auf die Tischkante (s. Bild), bezeichnete den brasilianischen Delegierten als »analphabetisch«, den philippinischen als »stupide«.

Einer der witzigeren Wyschinskischen Sarkasmen ergab sich, als Britanniens neben Wyschinski sitzender Delegierter Lloyd (der sich mehrmals vor den fuchtelnden Armen des Russen ducken mußte) ein »russisches Sprichwort« zitierte, wonach die Kuh, die am lautesten brüllt, die wenigste Milch gibt. Replizierte Wyschinski: »Es gibt kein solches russisches Sprichwort ... Außerdem ist es biologischer Irrsinn. Es wäre das gleiche, als wenn man sagte: je mehr ein Mann spricht, je weniger ist er in der Lage, sich fortzupflanzen.«

Die reihenweise von Wyschinski beleidigten Delegierten lehnten den sowjetischen Antrag auf Widerruf der amerikanischen anti - kommunistischen Unterstützungsklausel schließlich ab, 39:5 (bei elf Enthaltungen).

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