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AFGHANISTAN Die Scharaden der Gotteskrieger

Mit der Herausforderung Amerikas riskieren die Taliban im »heiligen Krieg« ihren Untergang. Aber auch der westlichen Supermacht droht bei einem Einsatz von Bodentruppen am Hindukusch das Debakel.
Von Olaf Ihlau und Christian Neef
aus DER SPIEGEL 39/2001

Herrscher in Afghanistan werden in der Regel gestürzt, und oft werden sie dabei auch gleich umgebracht. So ist es Sitte in Asiens Herzland, dessen Geschichte eine breite Blutspur gewaltsamer Umbrüche durchzieht. Allein im Bürgerkriegschaos der vergangenen 23 Jahre verloren am Hindukusch gut eine Million Afghanen ihr Leben, wurden vier der Präsidenten erschossen oder abgeschlachtet.

Dass ihm ein ähnliches Schicksal droht, weiß Mullah Mohammed Omar, 42. Deshalb meidet das geistliche und weltliche Oberhaupt im Gottesstaat der fundamentalistischen Taliban Auftritte in der Öffentlichkeit. Er verlässt kaum seine Feste beim südafghanischen Kandahar.

Kandahar war die erste Stadt, welche die von Pakistan gesponserten »Koranschüler« 1994 eroberten. Kandahar dürfte auch die letzte Zitadelle der Taliban sein, wenn sie in ihrem »heiligen Krieg« gegen die westliche Supermacht untergehen sollten. Denn mit den auf Zeitgewinn angelegten Scharaden, wie die Gotteskrieger sie jetzt um ihren Gast Osama Bin Laden aufführen, wird sich der auf Vergeltung drängende Zorn des »großen Scheitan« Amerika kaum beschwichtigen lassen.

Selbst in der Stunde nationaler Not fand Mullah Omar nicht den Weg nach Kabul. Dort beriet die Schura, die Versammlung der aus den Provinzen angereisten fast tausend Islamgelehrten, über das Schicksal des Landes: ein religiöses Gutachten zum Fall Osama Bin Laden.

Er halte Osama für unschuldig, lautete die schriftliche Botschaft des obersten Gotteskriegers. Sollte Amerika Beweise für seine Verstrickung in die Anschläge von New York haben, möge es die dem Obersten Gerichtshof Afghanistans oder Klerikern von drei islamischen Staaten vorlegen.

Im Übrigen, so ließ der vom Bauernsohn zum De-facto-Staatschef aufgestiegene Omar die Ulama und Dorfältesten wissen, suchten die Feinde der Religion »nur einen Vorwand, unser unschuldiges Volk zu bestrafen«. Den Rest durften sich die Alten denken. Jeder Turbanträger kennt das Credo Omars: »Wer sein böses Auge auf unser Land wirft, der wird vernichtet.«

Des Mullahs Wort hat Gesetzeskraft in Afghanistan, sein Ruf als Kommandeur einer Mudschahidin-Gruppe im Krieg gegen die Sowjets ist legendär. Zehn Jahre hat er gegen die »Gottlosen« gekämpft, bei Gefechten ein Auge verloren, später als Vorsteher einer Koranschule den Ruf eines gradlinigen Säuberers errungen.

Den Amerikanern seinen Freund Bin Laden ans Messer liefern? Niemals. Der saudi-arabische Multimillionär war 1996 mit zahlreichem Gefolge in Afghanistan gelandet, hatte Freundschaft geschlossen mit Omar, ihm eine seiner Töchter zur Frau gegeben und die Villa des Taliban-Führers zehn Kilometer südlich von Kandahar mit einem bombensicheren Dach gedeckt.

Vor allem aber spannte er Omar politisch in seine eigenen Pläne ein, schuf mit ihm die »Welt-Islam-Front für den Dschihad«. Der Ober-Taliban sei ein schlichtes Gemüt, ließ Bin-Laden-Biograf Hamid Mir durchblicken: »Omar ist ein Mann des Herzens, Osama ein Mann des Kopfes.«

Nicht die Taliban seien die stärkste Kraft im Land, nicht Mullah Omar und schon gar nicht die Gelehrten der Schura, sagt ein 42-jähriger Afghane im pakistanischen Peschawar, der lange an der Seite Bin Ladens kämpfte. »Ohne Osama wären die Taliban nichts: Er ist ihre einzige Geldquelle, allein seine Kämpfer stützen das Regime - Männer aus Algerien, den Emiraten, Saudi-Arabien und Tschetschenien.« Auf 3000 wird die Zahl dieser Kämpfer geschätzt, etwa 500 »Araber« bilden seine persönliche Prätorianergarde.

Die Weisen der Schura kamen denn auch nach zweitägiger Beratung zu einem nur scheinbar eigenständigen Spruch. Bin Laden möge ausreisen und sich ein anderes Aufenthaltsland suchen, baten die Geistlichen. Den Zeitpunkt dafür solle er selbst bestimmen, fügten sie ehrerbietig hinzu. Sollten die USA mit dieser Fatwa aber nicht zufrieden sein - dann würde ein »Heiliger Krieg« zur Pflicht werden, für alle Muslime der Welt.

Die Dramatik der Terroranschläge von New York hatte die afghanischen Dorfältesten ohnehin kaum erreicht: In ihren abgelegenen Dörfern gibt es weder Radio noch Strom. Dabei kam das Signal, mit den Kamikaze-Aktionen in Amerika zu beginnen, genau zwei Tage zuvor - aus einem 11 000 Kilometer entfernten Bergdorf im Norden Afghanistans.

Am Sonntag, dem 9. September, waren zwei angebliche Algerier bei General Ahmed Schah Massud erschienen, dem legendären Militärführer der afghanischen Nordallianz. Dessen schillerndes Bündnis aus Tadschiken, Usbeken und den schiitischen Hazara hält bis heute zehn Prozent des Landes besetzt und ist der einzige noch ernst zu nehmende Gegner der Taliban.

Die beiden Araber baten Massud um ein Fernsehinterview. Es bestand nur aus einer einzigen Frage: »Wenn Sie einmal ganz Afghanistan eingenommen haben«, wollten die vermeintlichen Journalisten vom General wissen, »was werden Sie dann mit Osama Bin Laden tun?«

Sie warteten die Antwort gar nicht erst ab. Einer der beiden Männer zündete eine Bombe und sprengte sich und den arglosen Gastgeber in die Luft. Der zweite Attentäter wurde von Massuds Leibwächtern erschossen; der General selbst - so die offizielle Version - erlag sechs Tage später seinen schweren Verletzungen.

Massud, 48, ehrfurchtsvoll »Löwe des Pandschirtals« genannt, weil er während der Sowjetbesatzung in der gleichnamigen Schlucht neun russische Offensiven zurückgeschlagen hatte, war die letzte Symbolfigur der Taliban-Gegner. Trotz immer neuer Angriffe hatten es die Gotteskrieger nie geschafft, seine vermutlich 25 000 Soldaten in die Knie zu zwingen.

Offiziell fungierte der General als Vizepräsident und Verteidigungsminister des »Islamischen Staates Afghanistan«, dem der Theologieprofessor Burhanuddin Rabbani präsidiert. Seit der Flucht der Regierung aus Kabul 1996 existiert dieser Staat zwar nur noch als Rumpfgebilde auf dem Gebiet der Nordallianz. Doch nach wie vor ist allein er international anerkannt.

»Osama Bin Laden hat uns stets als Feind betrachtet«, hatte Massud voriges Jahr dem SPIEGEL bei einem Treffen im Pandschirtal anvertraut. War die Ermordung des Generals ein präventiver Schachzug des Chefterroristen, der vorab die Reaktion der Amerikaner auf die Attacken von New York und Washington in Rechnung stellte - nämlich einen Militärschlag gegen Afghanistan? In diesem Fall wäre es lebenswichtig, den einzigen Gegner im eigenen Land rechtzeitig lahm zu legen.

Der Schlag gegen Massud traf die Nordallianz an der empfindlichsten Stelle. Sie war in den letzten Jahren auf die beiden Nordprovinzen Takhar und Badakhshan zurückgedrängt worden; Verrat, Überläufer und militärische Niederlagen hatten das Zweckbündnis immer mehr geschwächt. Allein der studierte Bauingenieur Massud, Sohn eines Obersten der früheren königlichen Armee, hatte die Truppen mit seiner Autorität noch bei der Stange gehalten.

In diesem Jahr vermeldete der General einen Erfolg: Mit dem Anführer des Hazara-Volkes, Khalili, dem früheren Gouverneur der Provinz Herat, Ismail Khan, und dem Usbekenführer Dostam waren drei der wichtigsten Taliban-Gegner aus dem Ausland nach Afghanistan zurückgekehrt - neue Kräfte für die Allianz.

Mehr als 20 Jahre dauern bereits die afghanischen Bürgerkriegswirren, fast 10 davon hatten die Afghanen gegen einen gemeinsamen Feind gekämpft - die Sowjets. Moskau war im Dezember 1979 ins Hindukusch-Land einmarschiert, um Kabuls schwächelnde Revolutionsherrscher zu stützen. Zehntausende gingen daraufhin als Partisanen in den Untergrund.

Sie nannten sich »Mudschahidin«, »heilige Krieger«, der Islam wurde ihr Leitfaden im Kampf gegen die »Gottlosen«. Deren Feuerwalzen konnten die Glaubenskrieger nicht in die Knie zwingen. Rund 15 000 Sowjet-Soldaten büßten das Abenteuer mit ihrem Leben, 1989 zogen sich die Russen zurück. Nun führten die Afghanen Krieg gegen sich selbst.

Noch drei Jahre lang trotzte der Nationalkommunist Nadschibullah der Muslim-Guerrilla. Dann versiegten die Waffenlieferungen aus Moskau, der bullige Präsident suchte Zuflucht in der Uno-Vertretung. Die erste Welle der siegreichen Glaubensstreiter respektierte noch den exterritorialen Status dieser Residenz. Nicht aber die später nachfolgenden Taliban. Sie massakrierten Nadschibullah 1996 und hängten die Leiche an Kabuls belebtester Kreuzung auf.

Der Streit um die Kriegsbeute entbrannte, die jahrhundertealten Spannungen zwischen dem Mehrheitsvolk der Paschtunen und den anderen Volksgruppen - Tadschiken, Usbeken, Belutschen, Hazara und Turkmenen - brachen wieder aus. Kabul versank im Feuersturm.

Der usbekische General Dostam, der mit seinem Frontwechsel zu den Mudschahidin das Signal für den Sturz der Kommunisten gegeben hatte, schuf sich bei Masar-i-Scharif ein autonomes, religiös gemäßigtes Reich und gründete die »Nordallianz« - einen Bund von Regionalfürsten verschiedenster Couleur. Zwei Jahre nach Nadschibullahs Abdankung war Afghanistan ein Flickenteppich lokaler Warlords.

Als die internationale Öffentlichkeit das Hindukusch-Land längst abgeschrieben hatte, tauchte 1994 aus der Tiefe der Provinz plötzlich ein Haufen von jungen Kriegern und Predigern auf: die »Taliban«. Sie kamen wie Robin Hood aus dem Wald von Sherwood: Bei Kandahar befreiten sie einen pakistanischen Handelskonvoi aus der Hand von Mudschahidin-Plünderern, die mit Erpressung ihr Geld verdienten.

Die Taliban stammten aus afghanischen Flüchtlingslagern. Sie waren in »Madrassen«, islamischen Schulen, im benachbarten Pakistan erzogen worden. Ihr Ziel: die Einheit des Landes wiederherzustellen - allerdings streng nach den Geboten der Scharia und ohne Einschluss der Mudschahidin. Selbstgenügsamkeit und Opferwille machten sie populär: Das kriegsmüde Volk lief scharenweise zu ihnen über, am 27. September 1996 waren die Gotteskrieger in Kabul.

Fortan hielt Massud die Stellung gegen das neue fundamentalistische Regime. Die Waffen bezog er nunmehr von seinem früheren Feind Russland, bezahlt wurden sie mit Diamanten aus den Bergwerken im Pandschirtal; die einstige Sowjetrepublik Tadschikistan stärkte ihrem ethnischen Landsmann logistisch den Rücken.

Die USA dagegen hielten sich mit Unterstützung für die Massud-Truppen zurück - obwohl ihre Sympathie für die Taliban wegen deren Gastfreundschaft für Bin Laden nach wenigen Jahren wieder aufgebraucht war und die Massud-Opposition noch immer als einzige rechtmäßige Regierung Afghanistans gilt.

Pakistan durfte sogar eigene Soldaten gegen die Nordallianz vorschicken, ohne vom Westen dafür kritisiert zu werden. Das Stillhalten gegenüber Islamabad und dessen Unterstützung für die Taliban - war es ein geopolitisches Kalkül, um die krisengeschüttelte Atommacht Pakistan nicht zu destabilisieren?

Immerhin: Im April dieses Jahres flog Massud mit einem französischen Regierungsjet nach Paris - es war das erste Mal, dass der »Löwe des Pandschirtals« aus seinen Bergen in den Westen kam. Frankreich versprach ihm Hilfe.

Seine Nachfolge, so heißt es, soll Massud nach dem Attentat noch selbst geregelt haben, auf dem Totenbett. Die Allianz wird nun von Mohammed Fahim Khan, 44, geführt. Fahim war in den Jahren nach Nadschibullahs Sturz Sicherheitschef der Regierung in Kabul und seit dem Rückzug einer der Massud-Berater.

Im Kampf gegen Bin Laden, hat er über Uno-Botschafter Ravan Farhadi in New York erklären lassen, stünde die Nordallianz an der Seite der Amerikaner, 15 000 Soldaten könne sie dafür bereitstellen: »Unser Ziel ist es, Bin Laden und seine Kämpfer aus Afghanistan zu vertreiben. In diesem Punkt teilen wir die Sichtweise der USA«, bestätigte ein afghanischer Diplomat in Berlin.

Sollten die Amerikaner hingegen selber mit Bodentruppen in das Geschehen am Hindukusch eingreifen, laufen sie ein hohes Risiko. Russlands General a. D. Alexander Ruzkoi, einst Afghanistan-Kämpfer und Gefangener der Mudschahidin, glaubt nicht an den Erfolg solch eines Militäreinsatzes: »Die Taliban sind kriegserfahren. Die kennen jede Spalte, jede Klippe und Höhle.« Für »schieren Wahnsinn« hält der Brite Tom Carew, einst Kombattant der Mudschahidin gegen die Sowjets als Mitglied einer SAS-Kommandotruppe, den Kampf in dieser »natürlichen Bergfestung«. Westliche Soldaten hätten hier »kaum Chancen auf einen Sieg«.

Die Taliban sind Paschtunen. Paschtunen aber setzen sich nicht ab, sie tragen ihre Streitigkeiten aus - bis zum bitteren Ende. Niemals wurde das zerklüftete Bergland im Zentrum Asiens erobert. Schon der makedonische Raubzügler Alexander der Große hatte auf dem Weg nach Indien bei Kabul Mühe, Attacken der Bergstämme abzuwehren.

»Krieg ist für die Afghanen ein erregendes Erlebnis und eine Abwechslung von der monotonen Erwerbsarbeit«, notierte Mitte des 19. Jahrhunderts in London der ferne Asien-Beobachter Friedrich Engels. Die Afghanen seien »tapfer, zäh, freiheitsliebend«.

Das bekamen damals schon britische Kolonialabenteurer zu spüren bei ihrem vergeblichen Versuch, sich im Hindukusch festzusetzen. Im Winter 1842 vernichteten die wilden Afghanen ein ganzes Expeditionsheer des britischen Empire bei dessen Flucht aus Kabul. Als einziger überlebender Europäer des Todesmarsches erreichte der Arzt Brydon das rettende Jalalabad, und Theodor Fontane reimte über dieses Desaster die Schauerballade: »Mit dreizehntausend der Zug begann / Einer kam heim aus Afghanistan«.

OLAF IHLAU, CHRISTIAN NEEF

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