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Die Scheichs zu Hause

1. Fortsetzung
aus DER SPIEGEL 16/1975

Die Wüste brennt. Den nächtlichen Flug zum Golf markieren Tausende lodernde Fackeln. Aus dem Wüsten-Sand schießen, wie aus einer Batterie von Bunsenbrennern, hohe Flammen.

Es ist kostbare Energie, die abgefackelt wird, Beiprodukt des noch kostbareren Stoffes Erdöl. Das Erdgas, Milliarden Kubikmeter davon, bei der Erdölförderung mit hochgedrückt, wird verbrannt, man sieht es nicht nur, man riecht es auch:

Auf der Fahrt vom Flughafen nach Kuweit City (sechsspurige Autobahn. vorbei an Drive-Ins und dem Wahrzeichen des Wüsten-Landes, hohen pilzförmigen Wassertürmen) Gaswerk-Geruch -- die klare Wüstenluft vom arabischen Wohlstands-Produkt verweht.

Die Verschwendung eines Energiespenders und Rohstoffes, für den anderswo riesige Rohrleitungen gelegt, Milliarden-Kontrakte abgeschlossen werden, ist heute noch eines der Hauptprobleme am Erdöl-Dorado Golf, in den Ölstaaten der zweiten Generation: dem superreichen Saudi-Arabien, dem Mercedes-Käufer und Super-Sozialstaat Kuweit und dem Insel-Emirat Bahrein, das wenig Öl, aber viel Gas und Gelehrte hat.

Zur Zeit noch verbrennen die Saudis für jedes geförderte Barrel Erdöl 450 Kubikfuß Gas. Aber »im Besitz der beiden entscheidenden Wirtschaftsfaktoren -- des Kapitals und der Energiereserven dieser Welt« (so Dr. Saib Dscharudi, Chef des Arabischen Entwicklungsfonds), packen die Araber das Problem in den ihnen zur Verfügung stehenden Dimensionen an.

Der im Juli anlaufende saudische Fünf-Jahres-Plan, für den das Land die gigantische Summe von 345 Milliarden Mark aufwenden will, sieht Großprojekte vor, die auf der bisher sinnlos vergeudeten Erdgas-Energie basieren: Ein Stahlwerk mit einer Jahresproduktion von drei Millionen Tonnen, eine Aluminium-Schmelze mit einer Kapazität von 210 000 Jahrestonnen, eine Riesen-Raffinerie, für die über 30 Milliarden Mark bereitstehen, sowie Düngemittelfabriken. »Mit unserem Gas«, so Ölminister Jamani, »könnten wir allen in der Welt gebrauchten Dünger produzieren.«

»Für uns gibt es kein Recycling-Problem«, sagt der in Amerika ausgebildete Staatsminister Hischman Nasir, einer der Chef-Planer des Königreiches mit den grüßten Erdölvorräten der Welt. »Wir haben genügend Möglichkeiten, die Öl-Dollars im eigenen Land zu nutzen.« Der Lohn des Öls eröffnet dem Wahabiten-Reich schier utopische Visionen: Theoretisch könnte sieb Saudi-Arabien, wie die oberste Währungsbehörde des Landes Anfang April errechnete, ab 1978 wohl als erster Staat der Geschichte zur Ruhe setzen. Es brauchte keinen Barrel Öl mehr zu fördern.

Whisky und Roulett auf einem Schiff vor der Küste.

Dann werden die Saudis etwa hundert Milliarden Dollar Währungsreserven haben. Von den Zinsen dieses Schatzes allein könnte der Staat alle seine Ausgaben bestreiten: mehr als acht Milliarden Dollar pro Jahr konnten die Saudis bisher nicht für sich selber ausgeben, obwohl sie sich nach Kräften mühen:

Der Staat gibt Bauwilligen langfristige zinsfreie Darlehen, nur 80 Prozent der Kreditstumme brauchen zurückgezahlt zu werden. Armen Bürgern schenkt die Regierung Aktien. Ausbildung vom Kindergarten bis zur Uni sowie komplette medizinische Versorgung sind für jeden Bürger gratis -- inklusive der Behandlung in jedem beliebigen Ausland bei schwierigen Fällen. Die Regierung subventioniert alle Grundnahrungsmittel -- ein Pfund Zucker kostet 40 Pfennig statt 1,20 Mark. Einkommensteuer wurde abgeschafft. neuerdings auch für die im Land lebenden Ausländer.

In dem Wüstenstaat soll sogar ein bisher dort unbekannter Bauernstand entstehen: Mit Hilfe von 490 Millionen Liter Wasser, das in der größten Entsalzungsanlage der Welt (Kosten: etwa zwei Milliarden Mark) täglich aus dem Meer destilliert werden wird, sollen weite Wüsteneien urbar gemacht werden. Der Staat gibt das Saatgut für die Farmer frei, zahlt die halben Kosten für Düngemittel und 25 Prozent der Maschinen. Ein Musteranbaugebiet entstand bereits bei Hofuf im Osten -- mit deutscher Hilfe.

Bulldozer reißen in den Städten alte Häuser nieder -- auch historisch wertvolle Bauten. Sie machen, wie in Dschidda, Wolkenkratzern Platz. Das »Queens-building« der Feisal-Witwe Iffat zählt 26 Stockwerke. Prinz Abdallah, Chef der Nationalgarde, hat eben ein 27-Etagen-Haus in Auftrag gegeben.

Dschiddas erst vor wenigen Jahren entstandene Abd-el-Asis-Universität (Kapazität: 4000 Studenten) wird abgerissen und völlig neu gebaut. Die neue Uni soll 20 000 Studikern Platz bieten. In der Wüste nahe der Hauptstadt Riad verraten Tafeln mit der Aufschrift »Eigentum der Universität Riad«, wo in wenigen Jahren ein völlig neuer Campus stehen wird.

Die Bauwut schwappt auch in die für »Ungläubige« nach wie vor verbotenen heiligen Bezirke. Der zum Islam übergetretene Stuttgarter Professor Rolf Gutbrod baute in Mekka ein überdimensionales Konferenz-Zentrum, das vom Intercontinental-Konzern (neuer Miteigentümer: Öl-Vetter Schah) bewirtschaftet wird.

An der Küstenstraße von Dschidda nach Medina planen Saudi-Prinzen das erste Touristenhotel des bisher strikt touristenfeindlichen Königreiches. Die im Land verbotenen Genüsse soll ein vor der Küste verankertes Schiff bieten, in dem die Besucher Whisky trinken und Roulett spielen können.

Um die Realisierung solcher Projekte raufen sich in den Vorzimmern der Saudi-Mächtigen die »Schwarztaschen«, wie die Araber spotten -- Geschäftsleute, die sich in meist dunklen Anzügen, die schwarzen Diplomaten-Taschen (Inhalt: bunte Projekt-Skizzen und Taschenrechner) auf den Knien, »wie beim Zahnarzt« anstellen -- so Gerhard Mercker, in Beirut residierender Vertreter der Westdeutschen Landesbank.

Hadschi Verheyen aus Oberhausen will Stahlwerke bauen.

Doch »Provisionshaie«, so ein deutscher Wirtschaftsattaché, stoßen im Wahabiten-Reich auf schwierige Kundschaft: Die königlichen Kaufleute haben in ihren ersten Wirtschaftswunder-Jahren schlechte Erfahrungen gemacht -- etwa mit einer Düngemittelfabrik, die Amerikaner in Dahran hinbauten und dafür kassierten. die aber nie richtig lief.

Heute verlangen Saudis oft, daß ausländische Firmen nicht nur Knowhow, sondern auch eigene Mittel in Projekte stecken. »Wenn die Ausländer eigenes Geld investiert haben, tun sie auch alles, damit es Profite abwirft«, argumentiert ein Regierungsbeamter. »Wenn sie nicht selbst beteiligt sind, lassen sie uns bei den ersten Schwierigkeiten hängen.«

Bevor sie ein Geschäft abschließen, ziehen die Saudis (deren Geheimdienst von Deutschen mitorganisiert wurde) genaue Erkundigungen über den ausländischen Partner ein. »Öl-Dollars absahnen läuft nicht mehr«, gesteht ein in Dschidda ansässiger Deutscher.

Zuweilen freilich glückt noch ein kleinerer Coup: Vor wenigen Wochen reiste ein pensionierter britischer Offizier mit einem Besucher-Visum nach Dschidda, erfuhr, daß ein Saudi-Unternehmer 40 gebrauchte Lastwagen kaufen wollte, besorgte sich die Adressen von Gebrauchtwagenhändlern in Deutschland, schickte ein paar Telegramme -- und kassierte eine schöne Provision.

Viele Geschäftsleute hoffen auf Wettbewerbsvorteile, wenn sie sich den Landessitten anpassen. Sie beten zu Allah und versprechen, Koran-Lesungen auch für europäische Mitarbeiter abzuhalten. Andere glauben, es sei schon alles gelaufen, wenn man Kontakt zu einem der Saudi-Prinzen habe -- von denen es freilich etwa 3000 gibt.

Ein zum Islam übergetretener Abd el-Rahman Hans A. Verheyen aus der Finanzstraße in Oberhausen bot sich dem Prinzen Mohammed Bin Turki Bin Abd el-Asis als Chef einer zu errichtenden Gesellschaft an, die Beton-, Glas- und Stahlwerke bauen solle. Hadschi Verheyen ("Ich bin von der schnellen Truppe") will daneben noch »Hochhäuser, Hotels, Krankenhäuser. Schulen und sonstige öffentliche Gebäude« bauen.

Überall im Land fehlen Fachkräfte -- und Arbeiter, die zupacken. Allein in den letzten zwei Jahren kamen 40 000 Ägypter zu den Quellen des Öl-Reichtums: Lehrer, Techniker, Beamte. Die Schwerarbeit wird vor allem von Jemeniten verrichtet, die, wie der Straßenarbeiter Said Ahmed, aus Sana nach Dschidda trampten, weil sie erkennen: »Wo Geld ist, ist auch Arbeit.«

Mehr als genug. Denn die Beduinen aus dem eigenen Land wollen, wenn sie überhaupt arbeiten, höchstens Chauffeur, Soldat oder Polizist werden -- alles andere finden sie unter ihrer Würde.

Nicht einmal als potentielle Arbeitskräfte gelten die Frauen -- mit der einzigen Ausnahme von Lehrerinnen an Mädchenschulen. Sie kommen in der sichtbaren Saudigesellschaft nicht vor. Zwar ziert die Elite ihre Wohnungen reich mit Familien- und Studien-Photos, doch nur Männer werden abgelichtet. Frauen haben nicht einmal im Paß ein Bild. Selbst von der im Land hochverehrten Feisal-Witwe Iffat existiert offiziell kein Photo.

Die bisher weiteste Konzession zeigt ein Wandgemälde im Institut für öffentliche Administration in Riad. Dort leuchtet die Zukunft des Landes: Rauchende Schlote großer Industrien, wogende Felder in der Wüste, strahlende Männer, lachende Kinder -- und tief verschleierte Frauen.

Frauen und Fremdarbeiter sind -- neben scheinbar noch größerem Reichtum, weil auf engem Raum zusammengedrängt -- auch die Probleme beim Saudi-Nachbarn Kuweit, einem Mini-Staat (etwas größer als Schleswig-Holstein) mit etwa der Einwohnerschaft Kölns, doch Weltrekord-Inhaber auf vielen Gebieten.

Die Kuweitis nehmen folgende Superlative in Anspruch:

* die größten Ölfelder der Welt,

* die modernste Erdölraffinerie,

* den größten und modernsten Ölhafen,

* das vollständigste Air-conditioning-System,

* die größten Seewasser-Entsalzungs-Anlagen,

* die höchsten Pro-Kopf-Importe,

* das modernste und fortschrittlichste Schulsystem der Welt,

* die einzige Währung der Welt, die zu 50 Prozent durch Gold gedeckt sein muß.

»In Kuweit verbindet sich der Kapitalismus mit dem fortschrittlichsten Wohlfahrtssystem der Welt«, meint Hatim Abd el-Ghani, palästinensischer Spitzenbeamter im Informationsministerium -- und dies, obwohl sich viele seiner palästinensischen Landsleute im »Märchenland des 20. Jahrhunderts« (Wolfgang Bretholz in »Aufstand der Araber") als Bürger zweiter Klasse fühlen.

Von 880 000 Kuweitis sind nur 40 000 wahlberechtigt.

Denn sie erreichen, wie auch Ägypter, Syrer, Libanesen, Iraker, Perser, Inder, Pakistanis, keineswegs alle Segnungen des Super-Sozialstaates: Zwar werden auch sie gratis ärztlich behandelt, doch bei schweren Leiden nicht, wie die Kuweit-Bürger, auf Staatskosten ins Ausland geschickt. Sie sind oft auf die teuren Privatärzte -- trotz der Gratis-Behandlung praktizieren rund 300 von ihnen in Kuweit -- angewiesen. Kindergärten und Schulen -- mit eigenen Ärzten, Filmsälen, voller Verpflegung, teuren Gartenanlagen vorbildlich ausgestattet -- stehen neben den Kuweitis nur wenigen privilegierten Ausländerkindern zur Verfügung; Palästinenser-Kinder besuchen von der Befreiungsorganisation PLO organisierte Nachmittags-Seminare, allerdings in staatlichen Schulen.

Sollte tatsächlich auf dem jetzt von Israelis besetzten Westufer des Jordan und in Gaza ein palästinensischer Staat entstehen, müssen die Golf-Anrainer, zumal Kuweit, Chaos für ihre Administration befürchten. Wohl behaupten die Scheichs stets, nur das Proletariat werde dann in die Heimat zurückkehren, die hochbezahlten Technokraten würden bleiben -- doch sicher ist dies keineswegs.

Schon jetzt sahen sich die Kuweitis gezwungen, ihre strikten Einwanderungs-Bestimmungen zu lockern, weil nun auch der Öl- und Bauboom in Irak, Saudi-Arabien und bei den Golf-Nachbarn Fachkräfte zur Rarität werden läßt. Ihre eigenen Berufsschulen können den Bedarf nicht decken.

Auch ausländische Arbeiter erhielten moderne Wohnungen -- mehr als in unseren Breiten -, aber sie wurden im Gegensatz zu den weiträumigen Villen der Staatsbürger, in denen als Zeichen des Reichtums im Wüstenland oft Springbrunnen plätschern, in schier endlosen Reihenhaus-Kolonnen in die Wüste gesetzt. Von den 880 000 Menschen, die in Kuweit leben, sind aufgrund der Verfassung nur in Kuweit geborene Männer, die lesen und schreiben können, wahlberechtigt: insgesamt rund 40 000.

»Aus den krassen Gegensätzen der zwei Bevölkerungsgruppen könnte sich eines Tages erhebliche Unstabilität ergeben«, warnt der britische Arabien-Kenner Robert Stephens in seinem Buch »The Arab's New Frontiers«.

Die Einheimischen fühlen sich als eine große Familie -- die auch seit Gründung des Staates zwölf Generationen lang von einer Familie. den Sabahs, in Erbfolge regiert wird. Die Sabahs hatten die heutigen Kuweitis im 18. Jahrhundert aus Zentralarabien, wo während einer verheerenden Dürre alle Brunnen versiegten, an die Küste geführt. Seither stellen sie den Emir; die anderen Scheichs sind im sogenannten »Defence Council« vertreten, einem Obersten Rat, in dem die meisten wichtigen Entscheidungen fallen.

Ein alle vier Jahre gewähltes Parlament von 50 Abgeordneten beschließt formell die Gesetze und rebelliert auch schon mal gegen Scheichs-Rat oder Regierung -- wie 1973, als sie eine höhere nationale Beteiligung an den Ölgesellschaften durchsetzten und die Fluggesellschaft »Kuwait Airlines« zwangen, den Ausschank von Alkohol auch auf internationalen Flügen einzustellen. Ein Mißtrauensvotum gegen den Premier geschweige den Emir ist nach der von Ägyptern erstellten Verfassung nicht möglich, das Parlament muß mindestens einen von drei Kandidaten des Emirs als Thronfolger akzeptieren.

Benzin kostet 15 Pfennig pro Liter.

Weitgehend existiert, trotz der Verfassung. noch die patriarchalische Beduinen-Hierarchic in einem Land, das mit etwa einer Viertelmillion in der Mehrzahl großräumiger Luxuswagen eine der größten Auto-Dichten der Welt hat, das in ungeheurem Tempo industrialisiert und weltweit Milliarden investiert -- mehr als jedes andere Land der Erde.

Es ist dieser Gegensatz, der in Kuweit jetzt schon Spannungen offenbart -- bei den anderen Superreichen am Golf werden sie erst noch ausbrechen.

Auf dem Rennkurs des »Jagd- und Reitclubs« unweit der Hauptstadt etwa feuern Ferngläser-bewehrte Beduinen ihre (meist irakischen) Jockeys an, doch zwischen dem dritten und vierten Lauf verläßt die Hälfte von ihnen die Tribünen und verneigt sich gen Mekka: Zeit für das vierte der fünf täglichen Gebete.

An der Uni, wo es mehr weibliche als männliche Studenten gibt, werden die Geschlechter getrennt unterrichtet, blättern sie sogar in getrennten Bibliotheken, doch im Computer-Raum treffen sie aufeinander, in den Gängen bahnt sich mancher verbotene Ehrt an.

Doch schon geht die Furcht vor einem akademischen Proletariat um, die Sorge, einige Studenten. die jetzt im Ausland studieren, könnten mit den ihnen angebotenen Arbeitsplätzen unzufrieden sein. »Vor zehn Jahren konnten Universitäts-Absolventen noch selbst hohe Verwaltungsposten bekommen. heute ist mancher attraktiver Job besetzt«, weiß ein Universitäts-Professor.

Eine Frauen-Bewegung kämpft mit dem Segen des. Scheichs und einer Strategie der kleinen Schritte für die Emanzipation der Frau. Ihr Emblem: ein -- noch gesichtsloses -- weibliches Wesen mit hocherhobener Fackel.

In Kuweit herrscht striktes Alkoholverbot, doch die offizielle Statistik weist für 1973 immerhin 775 Straffälle von Trunkenheit aus -- und natürlich weiß jeder Kuweiti, wo er (für 70 oder 80 Mark) zu seiner Flasche Whisky kommt.

Die Kuweitis kauften 114 Prozent von Mercedes als »beste Anlage« -- so Investment-Direktor Chalid Abu Saud. Die Großen aus Untertürkheim schätzen sie neben den überdimensionierten Ami-Schlitten vor allem auch wegen der Klima-Anlage und des Komforts. Kleine Autos wie etwa VW mögen sie nicht. »In denen ist's zu heiß, und was soll's, Benzin kostet 15 Pfennig pro Liter« (so ein Scheich-Sohn).

Die Mercedes-Werkstatt vor den Toren der Stadt zählt zu den Top Ten unter den Auslandswerkstätten mit dem Stern. Selbst aus dem Iran kommen Kunden dorthin zum Service. Doch wenn man einen Kuweiti damit frozzelt: »Mercedes ist jetzt ein arabisches Auto«, dann weisen sie entrüstet zurück: »Nein, nein, das ist Gott sei Dank deutsch.«

Die »Kuwait Investment Company« (KIC) -- Direktor Bader Ah Daud -- sucht ständig von neuem Investitions-Möglichkeiten in der Welt. Nur: Nach dem Mercedes-Geschäft, das für die Kuweitis mit allzuviel Diskussion verbunden war ("Hätte man sich auch so erregt, wenn Franzosen gekauft hätten?"), bleiben die Käufe -- wenn möglich -- geheim.

Ende 1974 nahm Scheich Sabah über die KIC amerikanisches Territorium in Besitz: Für 17,4 Millionen Dollar kaufte er die US-Insel Kiawah vor der Küste von Südkarolina. Während Sabah sich für 50 Millionen Dollar eine Sommer-Residenz auf dem amerikanischen Eiland bauen will, möchte KIC die Insel mit einem Aufwand von hundert Millionen Dollar in ein Touristen-Paradies verwandeln.

An Hotel-Projekten auf dem US-Festland -- und in aller Welt -- ist Kuweit über Hilton und andere internationale Hotel-Ketten beteiligt. Rund eine Milliarde Mark hat Kuweit in deutsche City-Grundstücke investiert; als Kuriosum kaufte Scheich Sabah das frühere Scotland-Yard-Haus in London. Wie viele Aktien internationaler Großbanken die Kuweitis tatsächlich stapeln, kann mit Sicherheit nur unterschätzt werden.

Die Überflußgesellschaft macht sich auch zu Hause bemerkbar. Kuweits »Sheraton«, immer ausgebucht, kann es sich leisten, an seiner Kasse den Dollar 15 Prozent unter Bankkurs zu bewerten. Dafür findet der Gast auf dem Zimmer einen Farbfernseher mit hoteleigenem Filmprogramm. Inlands-Telephongespräche sind in Kuweit kostenlos, zwei, drei, vier Autos in der Familie keine Seltenheit.

Fernsehantennen in Form des Eiffelturms.

»Ich brauchte nicht zu arbeiten«, gesteht ein junger Kuweiti, der im Buick ankommt, freimütig. »Auto, Haus, alles, was ich zum Leben brauche, gäbe mir die Familie auch so, aber mir wäre es dann doch zu langweilig.« Also dient er, wenn er Lust hat, einem Ministerium.

Bei allen Unternehmen müssen Kuweitis die Mehrheitsanteile besitzen, eine Bestimmung, die viele Bürger des Landes zu Millionären macht, ohne daß sie sich tatsächlich um die Geschäfte kümmern müssen. Hierzu gehört auch, daß die Staatssekretäre aus den Ministerien und auch die Minister selbst nach Dienstschluß am Mittag sich um die eigenen Konten sorgen. In der Einheit von Politik und Business sehen die Araber keinen Widerspruch.

Die Dächer in Stadt und Dorf schmückt ein Wald von Fernsehantennen -- in der Form des Eiffelturms -, ein Einfall, der einem cleveren Libanesen Millionen brachte. Kuweits Straßen -- überall durchschneiden sie mehrspurig die Wüste -- sind auch außerhalb der Siedlungen nachts strahlend hell beleuchtet.

Das Land diversifiziert. Es hatte, wie andere Golfstaaten auch, schon vor dem Ölsegen den Nachteil einer Mono-Wirtschaft verspürt: Die blühende Perlentaucher-Wirtschaft am Golf wurde seit dem Zweiten Weltkrieg von der japanischen Zuchtperlen-Industrie zerstört. Und Kuweits Handelsschiffe, die berühmten »Dhaus«, lange Jahrhunderte eine der Brücken zwischen Europa, Fernost und Südafrika, in beiden Weltkriegen noch wichtiges Nachschubglied der kriegführenden Engländer, wurden von den Frachtern der Industrienationen vom Meer verdrängt.

Heute ist die Dhau nur noch im Wappen des Scheichtums zu sehen -- und im Museum, wo Kuweit heute sorgsam seine vom Fortschritt überrollte Vergangenheit konserviert: Ausgrabungen dänischer Archäologen aus der Urzeit und Erbstücke des Großen Alexander von der Insel Failaka, Beduinen-Trachten und Werkzeuge, rekonstruierte Lehmhäuser.

Denn in Kuweit City existieren nur noch wenige Gebäude von ehedem, einige Stadttore wurden mit Mühe erhalten und werden jetzt restauriert. Überragt wird die Stadt von drei mächtigen Super-Gebilden: den sogenannten »Tourist-Towers« nahe dem Hafen, Moschee-Minaretts nachstilisierten Aluminium-Nadeln mit schwergewichtigen Restaurant- und Vergnügungskugeln in luftiger Höhe.

Imposanter ist das 50 Kilometer südlich der Hauptstadt gelegene Industriegebiet von Schuaiba, in dem heute schon eine Raffinerie, eine Düngemittelfabrik, ein riesiges E-Werk auf Erdgasbasis, eine Meerwasser-Entsalzungsanlage und ein ständig wachsender Hafen arbeiten. Dünger wird in 25 Länder exportiert. Zement für den Hausgebrauch hergestellt. Eine »Gulf Fisheries« fährt eine Flotte von 165 Krabbenfischern -- die größte der Welt -- und exportiert Gefrierkrabben überallhin.

Die »Kuwait National Petroleum Company« betreibt mit Benzin aus der landeseigenen Raffinerie Kuweits komplettes Tankstellennetz -- die Kuweitis brauchen nicht mehr aus fremden Säulen zu zapfen.

Doch auch in Schuaiha schimmert Kuweits Problem Nummer eins durch die glänzenden Fassaden: Nur 22 Prozent der etwa 5000 Arbeiter sind Kuweitis, fast vier Fünftel kommen aus dem Ausland. Wenn der Komplex, bis etwa 1980, voll ausgebaut sein wird und dann 10 000 Arbeiter beschäftigt, wird der Anteil der Ausländer zwangsläufig noch größer sein.

Zunehmend betonen die Golf-Anrainer die Notwendigkeit der Zusammenarbeit zwischen Konsumenten und Öl-Produzenten: »Wir machen uns keine Illusionen«, erklärte einer der Chefs des Industrie-Gebietes, »ohne ausländische Unterstützung und Expertise kommen wir noch nicht aus.«

Die damit verbundene Abhängigkeit von den einstigen Kolonialherren stört dabei nicht: »Wir sind es jetzt, die entscheiden, wir sagen, was, wann und wo gebaut wird.«

Im Griff hat dieses Problem, so meinen zumindest seine Verantwortlichen, das kleinste, relativ ärmste, aber wohl am harmonischsten entwickelte Emirat am Golf -- das Scheichtum der 33 Inseln von Bahrein, insgesamt kleiner als Hamburg, mit weniger Einwohnern als Altona, der Sage nach der »Garten Eden« des Alten Testaments.

»Wir hatten das Glück, nur wenig Öl zu finden«, untertreibt Informationsminister Tank Abd el-Rahman el-Muajjad. In der Tat macht die Ölförderung der Bapco, der bahreinischen Ölgesellschaft, mit knapp über drei Millionen Tonnen im Jahr nicht einmal ein Hunderstel der saudischen Produktion aus.

Aber die Bahreinis können mit ihren Öl-Pfunden seit 1932 wuchern. Und als versierte Kaufleute, die seit Jahrhunderten Handel zwischen Europa und dem Orient organisierten, erkannten sie schon sehr frühzeitig -- Jahrzehnte bevor ihre Nachbarn überhaupt mit dem schwarzen Gold etwas anzufangen wußten -, daß der Verkauf von Rohöl wenig einbringt. Schon 1936 begannen sie, ihr eigenes Erdöl zu verfeinern.

Heute raffinieren sie in der größten Anlage am Golf Millionen Tonnen saudisches Öl, das sie in Pipelines über das Meer heranpumpen, und beliefern die Golf-Anrainer, von Kuweit abgesehen, mit 18 Sorten Benzin.

In den sechziger Jahren horchten sie herum, wie sie ihre -- im Gegensatz zum Öl -- schier unerschöpflichen Gasvorräte am besten nutzen könnten. Anfang 1969 legten sie, zusammen mit einem internationalen Konsortium, den Grundstein für ein Werk, das knapp anderthalb Jahre später fertig in der Wüste stand -- wofür ein US-Preis für das am schnellsten fertiggestellte Schwerindustriewerk der Welt fällig war: Alba -- Aluminium Bahrein, eine supermoderne Schmelze, die ihre Rohstoffe aus Australien bezieht, ihr Fertigprodukt -- hochwertigstes Aluminium -- nach Japan und Amerika liefert (als Aluminium-Pulver, Grundstoff für die Sprengstoff-Herstellung, auch an den Alba-Teilhaber Riedhammer in Nürnberg).

In zwölf Jahren können sie das Werk selbst betreiben.

Die Energie für das Werk, Hauptkostenfaktor bei der Aluminiumproduktion, liefert das größte Erdgas-Kraftwerk der Welt (19 Turbinen, 300 Megawatt Leistung), in dem täglich hundert Millionen Kubikfuß heimisches Erdgas verheizt werden.

Jedoch: Im Gegensatz zum Ruhrgebiet der Kuweitis, wo nur ein Fünftel heimische Arbeitskräfte werken, sind von den 2600 Alba-Leuten 2300 Bahreinis. Binnen zwölf Jahren, so sehen die Ausbildungspläne vor, kann der ganze Komplex bis zur Konzernspitze allein von Bahrein-Bürgern betrieben werden.

»Den Arabern ist es seit Mohammed nicht gelungen, einen Staat aufzubauen. Haben Sie jemals einen von Arabern erbauten Damm gesehen«, lästerte Frankreichs de Gaulle vor 20 Jahren. »Die Araber sind nicht in der Lage, irgend etwas allein zu machen.«

Charles de Gaulle müßte, lebte er noch, heute umdenken. Die Bahreinis beispielsweise brauchen kaum noch fremde Intelligenz, die am Golf übliche Palästinenser-Elite ist bei ihnen nicht tonangebend. »Wir hatten den Vorteil, mit der Erziehung unserer Bürger schon vor einem halben Jahrhundert anfangen zu können«, sagt ein Beamter in Manama, der Hauptstadt des Inselreichs.

Doch die Insulaner waren konsequent: Bis heute halten sie einen der am Golf so zahlreichen Weltrekorde: Auch in den Mittsiebzigern gibt das Scheichtum einen Budgetanteil für Erziehung und Soziales aus, der selbst bei utopischen Sozialisten als Traumgrenze gelten muß -- mehr als 50 Prozent.

Für Gastarbeiter und weniger verdienende Bahreinis entstand einige Kilometer südlich der Hauptstadt eine imponierende Reißbrettsiedlung: Issa-Town, so benannt nach dem regierenden Scheich Issa bin Salman Hamad Alchalifa, konzipiert für 35 000 Einwohner, samt Stadion (11 000 Sitzplätze), olympischem Schwimmbad, Bibliotheken, Kinos, Moscheen.

An einem neuen Großprojekt wird gearbeitet: einem Trockendock, Gemeinschaftsprojekt der Golf-Anrainer, eine der größten und modernsten derartigen Anlagen der Welt, auf der Supertanker bis 500 000 Tonnen repariert werden können. Die Bahreinis konnten dafür einen günstigen Standort -- und eine ganze Insel liefern. Eine Hotelfachschule soll demnächst eröffnet werden. Die Bahreinis importieren aber auch Bullen für eine Rinderzucht aus Australien, betreiben Hühnerfarmen und die blühendste Landwirtschaft am Golf.

Sie haben nämlich, was den Nachbarn fehlt: Süßwasserquellen, die Bahrein inmitten der von Natur aus öden Wüsteneien Arabiens als Oase erscheinen lassen: mit Palmenwäldern, Gärten, Blumenhecken und klaren Quellteichen, in denen Araberjungen mit dicken Karpfen um die Wette schwimmen.

Erst 1971 gelang es Bahrein, seine Unabhängigkeit von den Briten zu erhalten, eine unter Uno-Schutz abgehaltene Meinungsumfrage bewahrte die Inselgruppe vor drohendem persischen Zugriff. Zwei Jahre später wagte der Inselstaat den Schritt in die Demokratie. Bahreins Parlamentarier können -- im Gegensatz zu Kuweit -- auch von Frauen gewählt werden, die Verfassung garantiert Rede-, Presse- und Religionsfreiheit. Artikel 19 der Verfassung sichert diese Rechte ab -- kein späteres Gesetz soll sie einschränken können.

Der kleine Staat bezahlt unterdessen auch schon den Preis für seinen Fortschritt: Seine Arbeiter, obgleich hochbezahlt, streiken -- wie mehrfach im Alba-Werk, seine Schüler demonstrieren -- wie Ende März in Manama gegen die Maßregelung politisierender Lehrer. Mit Visieren, Knüppeln und Helmen rückt dann die Bereitschaftstruppe an, ohne freilich gleich zuzuschlagen.

Auch die bis zum Uni-Examen völlig freie Bildung (selbst die Schuluniform wird gestellt) wirft Probleme auf: Da zu viele Bürger das verlockende Angebot nützen, droht auch hier ein Akademiker-Überschuß -- und damit ein Bildungsproletariat.

Noch helfen sich die Insulaner mit Umschulung: Aus Philosophen werden Industrie-Manager, aus Soziologen Ingenieure. Doch was wird aus der nächsten Generation der Golf-Kinder dieses bereits entwickelten Staates -- die Araber, ein Volk von Doktoren und Diplomingenieuren? Die »nahda«, die Renaissance, von der Arabiens Herrscher träumen?

Im nächsten Heft

Die Neureichen am Golf -- Oman: Von der Steinzeit in den Raketen-Krieg -- Katar drosselt den Öl- und Dollar-Strom -- In den Emiraten schaltet der reichste Mann der Welt

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