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USA Die Schlacht im Sonnenstaat

Heißes Finale im US-Wahlkampf: In Florida versucht der Familienclan von George W. Bush, den knappen Umfragen-Vorsprung des Republikaners zu stabilisieren. Wohl nur Bill Clintons Charisma könnte die Wähler noch für einen Sieg des Demokraten Al Gore mobilisieren.
Von Carlos Widmann
aus DER SPIEGEL 44/2000

Als er noch ein halbes Jahr - oder einen Herzschlag - vom Oval Office entfernt war, musste George Herbert Walker Bush sich den Vorwurf des Rassismus anhören - eine peinliche Sache für das Weiße Haus. Der US-Vizepräsident war in seiner saloppen Art über die Sprachregeln der politischen Korrektheit gestolpert: Vor Reportern hatte Bush Präsident Ronald Reagan die drei Kinder an seiner Seite als »die kleinen Braunen« vorgestellt.

Daraus hätte sich 1988 für die Regierung ein unerquickliches Hickhack mit Bürgerrechtlern und Minderheiten-Vertretern entwickeln können. Nur ein Umstand hielt die Anstoßnehmer davon ab, den Unfug auf die Spitze zu treiben: Die drei Kinder, die George Bush senior liebevoll-leger als »the little brown ones« bezeichnet hatte, waren seine Enkel.

Und aus einem »kleinen Braunen« ist inzwischen der große, blendend aussehende junge Mann geworden, der tagtäglich im Fernsehen Floridas auftritt: George Prescott Bush, 24, wendet sich in makellosem Spanisch an die Wähler lateinamerikanischer Herkunft - und erklärt ihnen, warum die US-Bürger wieder einen Bush zum Präsidenten machen sollten.

»Ich bin ein junger Latino und stolz auf die Herkunft meines Blutes«, sagt der Student fast schwärmerisch. »Wie jeder Amerikaner glaube ich an gleiche Chancen für alle und die Verwirklichung des amerikanischen Traums.« Bescheiden lächelnd fügt er hinzu: »Ich habe einen Onkel, der sich um die US-Präsidentschaft bewirbt, weil er an das Gleiche glaubt. Er hat auch denselben Namen wie ich: George Bush.«

Inzwischen kennt ihn fast jeder in Florida, den Sohn des hiesigen Gouverneurs John Ellis ("Jeb") Bush. Gut eine Woche vor dem Wahltag am 7. November sind alle verwendbaren Mitglieder des Bush-Clans in den propagandistischen Endkampf verstrickt: um mit Jebs älterem Bruder George W. - derzeit Gouverneur von Texas - zum zweiten Mal in zwölf Jahren einen Bush auf den Präsidentensessel des Weißen Hauses zu befördern.

Das Ziel muss dem machtverliebten Clan nun fast zum Greifen nahe scheinen. Auch wenn die großen Zeitungen und Fernsehnetze wohlweislich vor übereilten Prognosen zurückschrecken: Beim Studium der Umfragen des Hauses Gallup, die vor vier Jahren schon sehr früh den Clinton-Triumph vorausgesagt hatten, dürfte die aus Neuengland stammende Patrizier- und Millionärsfamilie klammheimlich frohlocken.

Im landesweiten Trend liegt Gouverneur Bush laut Gallup mit fünf Prozentpunkten Vorsprung gegenüber Vizepräsident Al Gore knapp (und durchaus umkehrbar), aber deutlich in Führung. Auch in den für das US-Wahlsystem relevanteren Umfragen nach Bundesstaaten liegt der relativ unerfahrene Herausforderer Bush besser im Rennen als Gore, der altgediente Repräsentant der wirtschaftlich goldenen Clinton-Ära. Damit ist freilich noch gar nichts entschieden, denn 14 der 50 amerikanischen Bundesstaaten müssen nach den Ergebnissen der Gallup-Befrager erst noch vom einen oder anderen Kandidaten erobert werden. Das sind die noch unentschiedenen, die so genannten Schlachtfeld-Staaten. Und in den Kampf um einen davon, Florida, trat George W. Bush am Mittwoch vergangener Woche erstmals mit der Schwungkraft des Siegesgewissen ein.

Mitternacht in Jacksonville, an der atlantischen Nordküste Floridas. Das dünnlippige, in den Debatten mit Al Gore oft verkniffen wirkende Lächeln des republikanischen Kandidaten sieht in der frischen Luft einigermaßen unverkrampft aus. Federnd ist George W. aus dem Wahlkampf-Jet gehüpft, übermütig fasst er seine gut aussehende, etwas schüchterne Frau Laura um die Schultern. Lachend, als hätte er keine Sorge auf der Welt.

Ausgerechnet Florida, der »Sunshine State«, ist von den Strategen beider Seiten zum Schlachtfeld schlechthin erklärt worden. Von einem halb vergessenen Sumpf- und Strandgebiet, das 1930 gerade mal 1,4 Millionen Einwohner zählte, hat Florida sich zum viertstärksten unter den 50 Bundesstaaten der USA entwickelt (nach Kalifornien, Texas und New York). Seine Bevölkerung hat sich, vor allem durch Zuwanderung, in den letzten 70 Jahren mehr als verzehnfacht - auf über 15 Millionen Einwohner. Und sie ist durchmischt und kosmopolitisch wie keine andere in Amerika.

Sind die Republikaner Floridas somit dabei, eine Multikulti-Partei zu werden? Im Fernsehsender Univisión, der praktisch in allen amerikanischen Bundesstaaten zu sehen ist, gibt Präsidentschaftskandidat George W. Bush eine Kostprobe seiner Fremdsprachenkenntnis ab: »Wenn Sie wollen, dass sich etwas ändert, ändern Sie Ihr Wahlverhalten!«, sagt er sein Sprüchlein in steifem, doch überraschend verständlichem Spanisch auf. Die Ermahnung gilt für die Hispanics aller US-Bundesstaaten - nur zu Florida passt sie eigentlich nicht so gut:

»Hier konnten die Republikaner schon immer den höchsten Anteil von Latino-Stimmen im ganzen Land erreichen«, sagt der junge Soziologe Max Castro vom »Nord-Süd-Zentrum« der University of Miami. Das lag daran, dass die große Mehrheit der Florida-Hispanics aus Exilkubanern bestand: vertriebene, meist finanziell ruinierte Mittelständler, antikommunistisch und konservativ. In jüngerer Zeit haben sich aber ebenso viele mexikanische, mittel- und südamerikanische Zuwanderer nach und nach angesiedelt. Die gehören traditionell zur Demokraten-Kundschaft.

Mit dem Einsatz von George Prescott Bush - und seinem eigenen - versucht der Präsidentschaftskandidat der Republikaner, alle Hispanics zu erreichen, nicht nur die Exilkubaner. Das entspricht der demografischen Entwicklung: Der hispanische Bevölkerungsanteil ist in Florida und in Amerika überhaupt im Begriff, den der US-Bürger schwarzer Hautfarbe zu übertreffen.

Bald werden die Latinos die Schwarzen als größte und wichtigste ethnische Minderheit der USA ablösen. Und obwohl auch bei ihnen die Mehrheit zu den Demokraten neigt, sind Hispanics politisch längst nicht so festgelegt wie die Amerikaner schwarzer Hautfarbe.

Der junge George Prescott Bush ist ein Ergebnis der Anpassung, mit der die politisch aufstrebende Familie Bush über vier Generationen hinweg auf Veränderungen in der US-Gesellschaft reagierte. Urgroßvater Prescott Bush war der Spross einer neuenglischen Patrizierfamilie, ein erfolgreicher Wall-Street-Anwalt, der von den Bürgern Connecticuts in den US-Senat gewählt wurde.

Prescotts Sohn George Bush suchte sich nach dem Zweiten Weltkrieg ein anderes, politisch aussichtsreicheres Betätigungsfeld: Er zog ins wirtschaftlich boomende Texas, machte sein Geld im Ölgeschäft und zog dann für die Republikanische Partei mit dem Image des »harten Texaners« ins US-Repräsentantenhaus. In Washington brachte er es unter anderem zum CIA-Direktor, zu Ronald Reagans Vizepräsidenten, schließlich zum Präsidenten der USA.

Die Söhne George W. und Jeb Bush suchten sich als politisches Betätigungsfeld ebenfalls aufstrebende Südstaaten mit immer stärkerer Latino-Komponente. Bei Jeb Bush ging die Vorliebe so weit, dass er an der University of Texas Lateinamerikanische Studien als Hauptfach wählte und eine Mexikanerin namens Columba heiratete - die spätere Mutter der »kleinen Braunen«.

Da der Spätstarter George W. seine politischen Ambitionen auf Texas konzentrierte, richtete der jüngere Bruder Jeb wie von selbst sein Augenmerk auf einen anderen wichtigen Latino-Südstaat: 1994 wurde er im Kampf um den Gouverneursjob von Florida noch knapp geschlagen, seit 1998 regiert er im Kapitol der Hauptstadt Tallahassee.

Bei der letzten US-Präsidentenwahl konnte Jeb Bush als Platzhirsch der Republikaner nicht verhindern, dass Clinton den Staat Florida und seine 25 Wahlmänner eroberte. Diesmal aber sieht es Jeb als Ehrensache an, Florida dem Bruder George auf dem Silbertablett zu überreichen.

Ein schwieriges Unterfangen: Zwar bekennt der »kleine Braune« George Prescott Bush stolz, seine bestrickenden Umgangsformen teilweise noch im Weißen Haus von Großvater George gelernt zu haben. Doch der Charme des werbenden Enkels dürfte kaum ausreichen, dem Onkel aus Texas den Sieg in Florida zu sichern.

George W. Bush traf vergangene Woche bereits zum 15. Mal seit dem offiziellen Beginn des Wahlkampfs in Florida ein. Seit Monaten gibt er eine Million Dollar pro Woche für Fernsehwerbung in allen Lokalsendern zwischen Pensacola und Key Largo aus. Aber Al Gore war schon fast ebenso oft hier; er gibt nur halb so viel für Fernsehwerbung aus, setzt dafür aber verstärkt die jüdische Wunderwaffe ein: den demokratischen Kandidaten für das Vizepräsidentenamt, Senator Joseph Isadore Lieberman.

Gerade für den Wahlkampf in Florida ist Lieberman wie geschaffen - nicht nur wegen der vielen jüdischen Rentner aus Bundesstaaten wie New York und Illinois, die sich im Broward County nördlich von Miami angesiedelt haben. Die dortigen Auftritte des Senators sind geeignet, die »Schneevögel«, wie die weißhaarigen Zuwanderer genannt werden, in noch nie erreichtem Maß zu mobilisieren.

Vor tausend Rentnern in West Palm Beach ruft Liebermans Vorredner, der Kongressabgeordnete Robert Wexler, die Zielvorgaben aus: »Nicht 80 Prozent, nicht 90 Prozent - 100 Prozent müssen es werden!«, die sich am 7. November zu den Wahlkabinen schleppen und dem Ticket Gore/Lieberman ihre Stimmen geben. Zur sichtlichen Freude Liebermans steigert Wexler sich noch: »Schon um neun Uhr morgens wählen genügt nicht. Ihr müsst auch herumtelefonieren, Freunde anrufen, Nachbarn und Vettern bearbeiten - und jeden, den ihr schon mal im Supermarkt getroffen habt.«

Mit dem Einbringen der jüdischen Stimmenblocks sieht der designierte Gore-Stellvertreter seine Aufgabe in Florida aber längst nicht als erfüllt an. Er hat ja auch eine kubanisch-amerikanische Klientel: die erzkonservative, radikal Castro-feindliche »Kubanisch-Amerikanische Nationalstiftung« des verstorbenen Exilpolitikers Jorge Más Canosa.

Seine rigide, jedem Kompromiss gegenüber Kuba abholde Haltung im US-Senat hat dem Demokraten Joe Lieberman das Vertrauen der Stiftung eingebracht. Die hat darum dieses Jahr, anders als bei früheren Gelegenheiten, keine automatische Wahlempfehlung zu Gunsten des Präsidentschaftskandidaten der amerikanischen Republikaner gemacht.

Ein harter Schlag für Gouverneur Jeb Bush in Tallahassee, dem der Stimmenfang für den Bruder ohnehin nicht leicht fällt. Besonders jetzt, da er selber unter Beschuss steht. Sein Landwirtschaftsministerium hatte ausgerechnet im Wahlkampf angeordnet, alle vom Baumkrebs befallenen Zitrus-Pflanzen Floridas abzusägen, um die Seuche zu bremsen.

Anscheinend sind die angeheuerten Kettensägen-Kommandos dabei arg impulsiv gegen Orangenbäume von Privatleuten vorgegangen: Es waren optisch wirkungsvolle Demonstranten, die mit dem grotesken, gegen Jeb Bush gerichteten Plakatspruch: »Stoppt die Zitrus-Gestapo!« auf die Straße und vor die Fernsehkameras gingen.

Was können die Clan-Mitglieder gegen diese Kalamität unternehmen? Sie sind ohnehin ständig im Einsatz - nicht als massiver Stoßtrupp, sondern, in geschickter Rollenverteilung, als Einzelkämpfer mit Sondermissionen. Wobei der Familienpatriarch, von George W. ausdrücklich dazu ermahnt, die größte Zurückhaltung an den Tag legen muss.

Der frühere, der Alt-US-Präsident George Herbert Walker Bush, ist mit 76 heute immer noch jünger, als es Ronald Reagan gegen Ende seiner zweiten Amtszeit war. Ja, nach Ansicht früherer Mitarbeiter des Weißen Hauses hätte der alte Herr sogar der ideale Berater für einen unerfahrenen Präsidentschaftskandidaten wie George W. Bush sein können. Dann wäre der außenpolitische Fauxpas vielleicht vermieden worden, mit dem sich Sohn George kritische Worte von Außenministerin Madeleine Albright und besorgte Nachfragen aus Europa einhandelte:

Doch für jeden, der die Arbeit des Foreign-Policy-Establishments in amerikanischen Regierungen kennt, klingt all die Aufregung um die Äußerung von Bush junior, auf dem Balkan würden künftig die Europäer die Verantwortung für militärische Operationen allein übernehmen müssen, sowieso künstlich. Joschka Fischer hat das auch schon mal zu denken gewagt.

Wenn Vater Bush sich zurückhalten muss, darf die einstige First Lady Barbara Bush sich mit Gusto in den Wahlkampf stürzen. Von der »New York Times« ungalant als »silberhaarige Haubitze mit Perlenkollier« beschrieben, bearbeitet die resolute Kandidatenmutter derzeit fernmündlich die Rentner Floridas: Tausende bekommen von ihrer Vertrauen erweckenden Stimme zu hören, wie viel besser die Vorschläge ihres Sohnes George zur Altersversorgung oder zur Erstattung rezeptpflichtiger Arzneien sind. Selbst Feministinnen können sich durch den telefonischen Besuch der alten Dame ermuntert fühlen - Frau Barbara erklärt ihnen, was das »W« im Namen des Kandidaten bedeutet: Es steht natürlich für »Women«.

Als hätte diese Chuzpe auch ihn angesteckt, dringt George W. Bush mit seinem Wahlkampf verwegen in eigentlich verbotenes Territorium vor. Er tritt wiederholt in Kalifornien auf - als wäre der wichtigste US-Bundesstaat mit seinen 54 Wahlmännern nicht längst dem Kandidaten Gore von den Demoskopen als »sicher« zugewiesen worden. Ja, George W. Bush geht sogar in Tennessee auf Stimmenfang - als wäre es keineswegs Vergeudung von Zeit und Geld, Gore den Heimatstaat streitig zu machen.

Ist es das, was bei den Demokraten Nervenschwäche auslöst? »Sie beginnen bereits, nach einem Sündenbock Ausschau zu halten«, schreibt der liberale Kolumnist Frank Rich in der »New York Times«.

Und tatsächlich nennen manche Demokraten den bekannten Verbraucheranwalt und unabhängigen Grünen Ralph Nader schon als Hauptschuldigen im Fall einer Gore-Niederlage. Nader, von den Medien lange Zeit regelrecht totgeschwiegen, wird nun zur Preisgabe seiner Bewerbung zu Gunsten von Gore aufgefordert - des Vizepräsidenten, den er »der Kandidatur unwürdig« genannt hat.

Wenn die Lage wirklich so verfahren ist, kann den Demokraten wohl doch nur einer helfen: US-Präsident William Jefferson Clinton. Der Ruf, er solle sich stärker im Wahlkampf engagieren, wird immer lauter. Doch wegen der moralischen Verfehlungen in Bill Clintons Oval Office war Al Gore schon vor dem Wahlkampf auf Distanz zu seinem Chef gegangen, und seine Berater hatten wissen lassen, das Image Bill Clintons hänge an der Gore-Kampagne »wie Eis an den Tragflächen«, das man abschütteln müsse.

Jetzt aber wären das Charisma und die mitreißende Suada des Präsidenten nicht nur erwünscht. Sie sind unerlässlich »to bring out the vote": Damit die Demokraten am 7. November überhaupt die Wahlkabinen aufsuchen. CARLOS WIDMANN

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