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»Die schlimmste Nacht der Bundesrepublik«

Für Deutschland, glaubt Kanzler Brandt, »ist die Uhr zuruckgedreht«, seit im olympischen Dorf gemordet wurde. Araber zeihen die Deutschen des Verrats, Juden sehen München »bei Dachau«. Ob das Unglück für Menschen und Nation unabwendbar war, ist zweifelhaft. Die Analyse des Geschehens zeigt: Der Krisenstab, der die Lage bereinigen sollte, geriet selbst in eine Krise. Israels Geheimdienstchef: »Ausgesprochener Dilettantismus.«
aus DER SPIEGEL 38/1972

Wahnwitzig, grausam, sinnlos, empörend, verabscheuungswürdig, abscheulich, schauderhaft, stöhnte es von Willi Daume bis Indira Gandhi, vom »Neuen Deutschland« zur »South China Morning Post«. Und manchen mürbte gar sozialphilosophischer Schmerz: »Anschlag auf die menschliche Gesellschaft« (U.S. State Department), »Verbrechen an der Menschlichkeit« (»The Manila Daily Bulletin«).

Auf welche Gesellschaft und an welcher Menschheit eigentlich, fragte kaum wer. Und wieso die Schüsse zwanzigjähriger palästinensischer Guerillas wie dreißigjähriger bayrischer Landpolizisten nötig waren, die Welt aus den elysäischen Gefilden und den olympischen Gefühlen des Oberwiesenfelds in ihr politisches Jammertal zurückzuscheuchen, nahm kaum Wunder. Die Internationale der aus dem Paradies Vertriebenen fand sich im Schmerz um die verlorene Illusion, die da heißt olympische Idee.

Das Traum-Terrain war sicher erschienen: Dieser Sommer gehörte einmal nicht den Soldaten. Amerika stieg, wenn auch bombend, aus Vietnam aus, Maos China verlor sein Schreckens-Image für amerikanische Kapitalisten wie deutsche Christen, der Nahe Osten schien nicht mehr einem nahen Krieg, sondern einem fernen Frieden zuzutreiben, der gegen Legitimitäten und Autoritäten geführte »Weltbürgerkrieg«, Wahn der »Welt«, flaute nieder.

Den »Sommer, in dem die Feuer erloschen« und nur das olympische prasselt, feierte Englands »Economist« auf seinem Titelbild -- unter dem Datum »2-8 September«. Nahum Goldmann, Präsident des jüdischen Weltkongresses, sah eine »neue Ära« zwischen Israel und den Arabern anbrechen, nachdem die kleinen Ägypter die großen Sowjets vor die Tür gesetzt hatten.

Teils aufatmend, teils schon gequält quittierte der olympisch gestimmte Erdkreis, daß die weißen Afrikaner ausgeschlossen wurden, damit die schwarzen blieben: Olympia hatte sich noch einmal freigekauft vom Einspruch der Realität -- fortan konnte unbeschwert geturnt, geschwommen, gerudert werden.

Sicher, der Pseudo-Krieg um Meter und Sekunden vermittelte den verbissen kämpfenden Stadion-Soldaten subjektive Erlebniswerte, Siegesfreude wie Verliererleid. Doch der Glaube an das Unmögliche -den bösen Kampf per Arena zu isolieren und zu domestizieren -- mochte nötig sein, die Welt zu verändern, wie der kommunistische Philosoph Roger Garaudy in seinem neuesten Buch (»L'Alternative«) verlangt, allein hinreichend war und ist er nicht.

Als sich vorige Woche der »Schwarze September« die Berufung gegen die Herrschaft der Illusion erstritt, saß der Schock, wucherten die Trauer-Klischees über das doch noch verlorene Paradies: »Tag der Schakale«, klagte New Yorks kreischige »Daily News«, »Schlimmste Nacht der Bundesrepublik«, Hamburgs zage »Zeit«. Flink erhielten die Täter das Privileg, Teufel zu sein: »zynische Mörder« (Daume), »Gesetzlose schlimmster Sorte« (Nixon), »kranke Hirne« (Hussein).

Die ölige olympische Idee war nach Belieben »grausam gestört« (Schwedens Radio), »brutal zerstört« (»Die Zeit«) oder aber erwies sich -- seltsam -- doch »stärker als Terror und Gewalt« (Brundage). Dabei zeigte die verdrängte Realität lediglich wieder ihr wahres, nicht abgrundtief böses, beileibe aber auch nicht engelreines Gesicht.

Der Nahost-Brand, voreilig als gelöscht gemeldet, flammte wieder heiß. Israelische Bomber drangen tiefer nach Syrien ein denn je -- fast bis an die türkische Grenze. Die extreme »Jewish Defence League« forderte die Ermordung arabischer Diplomaten. Der Staat der Juden sah sich wieder auf jene Rache fixiert, die sein politisches Überleben, nicht aber seine moralische Integrität verlangt.

Die arabischen Regierungen, halbwegs kompromißbereit, fühlten sich wieder in zumindest verbale Solidarität mit den schon preisgegebenen Palästinensern gedrängt gegen die Juden und die Deutschen.

Die Deutschen: Sie waren 1972 den Ruch des Antikommunismus losgeworden. Sie hatten geglaubt, sie könnten sich, 36 Jahre nach 36, ihre olympische Virginität wieder verdient haben: Juden und Araber, Russen, Mongolen und selbst Deutsche-Ost unter dem lichten, keineswegs deutsch-monumentalen Acryl-Zelt zu Gast -- wer hätte da noch gezweifelt, ob es den olympischen Geist nicht tatsächlich gibt!

»Früher habt ihr sie nach Dachau geschickt ...«

Doch Vergangenheitsbewältigung durch Sprint und Sprung war den Deutschen nicht gestattet -- traditionelles Selbstmitleid kroch in ihnen hoch. Denn die Weigerung Israels, der politischen Erpressung nachzugeben, schränkte den Handlungsspielraum der deutschen Behörden bei der Befreiung der neun israelischen Geiseln ein. Und als US-Bürger wähnten, die Terroristen würden mitsamt ihren Geiseln entfliehen, riefen Amerikaner in Bonns Botschaft an: »Früher habt ihr sie nach Dachau geschickt. Und jetzt ...«

So schlugen sich die Deutschen endlich einmal nicht, um Juden zu töten, sondern um sie zu retten -- was dennoch zum Tod der Geiseln führte und nun erst recht den Blick auf die wenn auch nur geographisch geringe Distanz zwischen München und Dachau provozierte. Und Kairos Informationsminister Sajjat dekretierte, daß die Geiseln »durch deutsche Kugeln« gestorben seien.

»Das, was emotional in Amerika und anderswo hochgekommen ist, bedeutet für die deutsche Außenpolitik einen Rückschlag um viele, viele Jahre. Die Uhr ist zurückgedreht«, klagte Kanzler Brandt, der sich vom olympischen Frieden neues Friedens-Image erhofft hatte. Der Kanzler drohend: »Das kann ich nur noch einige Tage mit anhören, dann muß ich das zurechtrücken.«

So sicher der Schaden abzusehen war, den das Münchner Massaker dem Ansehen der Deutschen im Ausland zugefügt hat, so sicher ist auch, daß die Schüsse von Fürstenfeldbruck in der Innenpolitik noch lange nachhallen werden. Denn getroffen war das renovierte Selbstverständnis der Deutschen, die sich so sicher gefühlt hatten, den olympischen Zauber ins Land zu holen, aber dann doch nicht selbstsicher genug waren, unvermeidliche »Gestapo«-Schreie zu überhören, wenn sie ihr Olympia narrensicher bewacht hätten.

Noch in der Nacht der Ungewißheit hatte Regierungssprecher Ahlers die scheinbar geglückte Geiselbefreiung der Regierung gutgeschrieben. Auch Franz Josef Strauß war mit von der Partie, solange sie ihm Erfolg zu versprechen schien. Auffällig und ungebeten drängte er sich in Krisenstab und Einsatzhubschrauber. Unauffällig verdrückte er sich, als die Aktion gescheitert war. Unwillig rügte der Kanzler den Strauß-Einsatz: »Es gibt ja gewisse Ereignisse, von denen Leute angezogen werden wie Fliegen vom Licht.«

Am Tag nach dem Drama suchte Wahlkämpfer Rainer Barzel die Strauß-Lücke zu füllen. Vorsichtig, weil er noch nicht wußte, wieweit seine CSU-Freunde verantwortlich sind, drohte er mit Abrechnung: »Die Fragen, die bleiben, werden wir stellen nach Schluß der Olympiade, also erst, wenn unsere Gäste abgereist sind.« Hatte sich der Kanzler zunächst noch darauf beschränkt, die Zuständigkeit des CSU-Staates Bayern für den Schießbefehl öffentlich klarstellen zu lassen, erhob er wenig später vor Journalisten schwere Vorwürfe gegen die Bayern, zu denen er sich durch skandalöse Pannen bei der mißglückten Geiselbefreiung berechtigt fühlte. Er beklagte die »abgrundtiefe Differenz zwischen etwas Ausgedachtem und dem, was tatsächlich passiert ist«.

Erst FDP-Genscher bewog seinen Regierungschef telephonisch (»Die Regierung darf nicht unseriös erscheinen«) zum Rückzieher -- zu spät. Das Tabu-Thema München war in die Tiefen des Wahlkampfs gezogen. An ihrem olympischen Feuer werden die Deutschen noch frieren.

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