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Artikel 22 / 117

Die schöne Wehrlosigkeit

Von Henryk M. Broder
aus DER SPIEGEL 1/1996

Die Friedensbewegung - sofern dieser Gattungsbegriff noch benutzt werden kann - hat sich zwar im Golfkrieg selbst entleibt, doch scheinen ihre Überbleibsel um so wilder entschlossen, verlorenes Terrain zurückzuerobern. Der Beschluß des Bundestages, deutsche Soldaten als Teil einer internationalen Friedenstruppe ins ehemalige Jugoslawien zu schicken, hat friedenspolitische Energien in einem Ausmaß aktiviert, wie dies angesichts des Massakers von Srebrenica hätte der Fall sein müssen.

Es scheint beinahe, als würden die Friedensfreunde durch die vage Aussicht auf ein Ende des Massenmordens mehr aufgeschreckt als durch die bis jetzt stattgefundenen Metzeleien, denen sie aus sicherer Entfernung mit großer Gelassenheit folgten.

Hört man sich die Argumente der Interventionsgegner an, so wird einem rasch klar, daß es sich um Menschen handelt, die ihre prägenden Erfahrungen bei der Lösung von Konflikten in Wohngemeinschaften, Selbsterfahrungsgruppen und Politologie-Seminaren gemacht haben. Die bündnisgrüne Abgeordnete Christa Nickels meint, die dauerhafte Sicherung des Friedens in Jugoslawien hänge davon ab, daß »die miteinander verfeindeten Menschen wieder aufeinander zugehen und miteinander reden« könnten.

Ja, nie war das Gespräch wichtiger als heute, und deswegen brauchen wir keine Eingreiftruppen, sondern mehr »Begegnungsstätten«, in denen miteinander verfeindete Nachbarn aufeinander zugehen und miteinander reden können. Geradezu ideal wäre es gewesen, die eingekesselten Moslems aus Srebrenica und die serbischen Belagerer zu einem klärenden Gespräch nach Deutschland einzufliegen, am besten zu einem Seminar der grünen Heinrich-Böll-Stiftung in Köln.

»Ganz offensichtlich ist die Menschheit dabei, ihre Jahrhundert-Chance zu verpassen, den Weltfrieden nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes dauerhaft zu sichern«, schreibt der Friedensforscher Dieter S. Lutz und macht den sensationell originellen Vorschlag, »einen entsprechenden Gerichtshof zu schaffen«, der »für alle Streitparteien obligatorisch« sein müsse.

Hat George Orwell nicht schon mal eine ähnliche Idee gehabt? Der pazifistische Fundamentalismus, den Friedensforscher Lutz entwickelt, hat nicht weniger als den »Weltfrieden« und die ganze »Menschheit« im Blick. Der Frieden muß global sein, oder er wird gar nicht sein.

Wer seine Forderungen so hoch schraubt, der will auch auf hohem Niveau scheitern. Doch was spricht dagegen, sich um eine Lösung des Jugoslawien-Konflikts zu bemühen, bevor die Kriege in Afghanistan und Sri Lanka beendet werden? Käme jemand auf die Idee, den arbeitslosen Landarbeitern von Mecklenburg-Vorpommern zu raten, ihr Schicksal mit dem der armen Reisbauern in Bangladesch zu verbinden und auf eine gemeinsame Lösung zu hoffen?

»Keine Intervention könnte die sozialen, ökonomischen und politischen Ursachen des Krieges beseitigen«, heißt es in einem grünen »Positionspapier zur Interventionsdebatte«. Womit das alte, ebenso wohlfeile wie revolutionäre Argument Auferstehung feiert, man müsse die Ursachen eines Übels beseitigen, anstatt an seinen Symptomen herumzudoktern. Für den Jugoslawien-Konflikt würde dies bedeuten, die Schlacht auf dem Amselfeld aus dem Jahre 1389 wiederaufzuführen und dafür zu sorgen, daß diesmal die Serben gewinnen.

Und muß immer wieder gesagt werden, die Intervention der Alliierten habe die »sozialen, ökonomischen und politischen Ursachen« des Nationalsozialismus nicht beseitigt, aber wenigstens dessen Herrschaft in Europa beendet? Offenbar, ja.

Die bündnisgrüne Abgeordnete Angelika Beer hat sich im Gegensatz zu anderen Interventionsgegnern vor Ort kundig gemacht. Sie war in Sarajevo und hat dort den Menschen, »die eingekesselt sind und als Geiseln genommen werden«, klargemacht, wie sie ihre Lage zu verstehen hätten: »Sie berufen sich auf das Recht zur Selbstverteidigung . . . wir dagegen haben argumentiert, daß die Aufhebung des Waffenembargos eine Eskalation des Krieges herbeiführen würde . . .«

Menschen, die Opfer einer Aggression werden, zu empfehlen, sie sollten auf Selbstverteidigung verzichten, um den Konflikt nicht zu eskalieren - das ist ein friedenspolitischer Zynismus, der die Verantwortung für einen Konflikt den Opfern aufbürdet. Welchen Rat hätte Angelika Beer den Juden und Polen im belagerten Warschau gegeben? Sich nicht zur Wehr zu setzen, um eine »Eskalation des Krieges« zu vermeiden?

Richtig konkret wird auch der Bündnisgrüne Ludger Volmer, wenn er erklärt: »Die Kunst besteht darin, die neue Barbarei zu bekämpfen, ohne den Militarismus, eine ihrer Hauptursachen, selber zu pflegen.« Zu diesem Zweck soll »eine internationale ökologisch-solidarische Strukturpolitik zum Anker präventiver Sicherheit« gemacht werden, wobei »der Sicherheitsbedarf durch einen Machttransfer auf die internationale Ebene abgedeckt« wird.

Die Menschen in Sarajevo können es kaum noch abwarten, bis diese wunderbare Idee in die Tat umgesetzt wird. Und damit es mit der ökologisch-solidarischen Strukturpolitik vorangeht, müssen, sagt Volmer, »die Büros zur Früherkennung und Schlichtung von Konflikten ausgebaut werden«. So soll »Vorbeugung gegen neue Barbarei« getrieben werden, und falls es mit der Prävention nicht klappt, könnten die Büros als ABM-Stationen für die Beschäftigung und Versorgung grüner und bürgerlicher Friedenspolitiker herhalten, die sich heute damit schwertun, die richtige Position zu einem schwer definierbaren Vorgang zu finden.

Walter Jens ist für »entschiedene polizeiliche Maßnahmen unter Uno-Hoheit zum Schutz . . . bedrohten Lebens« und gegen »militärische Eingriffe unter dem Kommando der Nato«. Klaus Vack, hauptamtlicher Friedensaktivist seit den Tagen der Ostermarschbewegung und »Koordinator des Komitees für Grundrechte und Demokratie e.V.«, kann den Begriff »Völkermord« im Zusammenhang mit dem Krieg in Bosnien »nicht akzeptieren«, denn: »Völkermord verbinde ich mit Auschwitz.«

Müssen wieder lange Güterzüge rollen, Gaskammern dampfen und Verbrennungsöfen qualmen, bis für einen deutschen Berufspazifisten der Tatbestand des Völkermords erfüllt ist? Auschwitz - ein Glücksfall der deutschen Geschichte, das Nonplusultra auf der nach oben offenen Skala der angewandten Barbarei. Und ein überaus nützlicher Paravent, hinter dem sich friedenspolitische Maßnahmen vortrefflich koordinieren lassen.

»Wir haben - aus Verzweiflung und Ratlosigkeit - nicht demonstriert gegen den Nato-Einsatz in Bosnien, ebensowenig wie PazifistInnen 1944 gegen die Landung in der Normandie protestiert haben.« Was will die ehemalige grüne Abgeordnete Jutta Oesterle-Schwerin damit sagen? Daß PazifistInnen 1944 gegen die Landung der Alliierten in der Normandie hätten protestieren sollen?

Es wäre innerhalb der pazifistischen Logik ein durchaus logisches Argument. Schließlich war es bis zu der alliierten Landung an der Kanal-Küste relativ ruhig. Die Stadt Rouen, Stabsquartier eines Armeekorps, wurde nicht durch deutsche, sondern durch alliierte Bomber zerstört. Und viele Franzosen kamen bei der Befreiung ihres Landes durch »friendly fire« ums Leben.

So gesehen, könnte man dem Berliner Politologen Eckehart Krippendorff noch folgen, wenn er feststellt: »Militärische Lösungen sind die schlechtestmöglichen und immer kontraproduktiv«, würde er sich nicht zugleich für eine Intervention aussprechen, »aber nicht die der Militärs, sondern die der gesellschaftlichen Kräfte«.

Vor einigen Jahren hat Krippendorff von seinem Lehrstuhl am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin aus enthüllt, wie das Dritte Reich hätte destabilisiert werden können: wenn die Juden, anstatt sich widerstandslos deportieren zu lassen, Sitzstreiks an den Verladerampen durchgeführt hätten. Nun legte er Vorschläge zur Beendigung des Krieges in Bosnien vor, deren praktischer Gebrauchswert noch größer ist. Krippendorff rechnet nach, daß »der Gegenwert einer Tornado-Flugstunde, investiert in Papier und Maschinen, wahrscheinlich eine Oppositionszeitung für Monate finanzieren« könnte, denn »dieser Krieg kann nur von unten überwunden und beendet werden«. Zum Beispiel, indem die Bundesregierung alle wissenschaftlichen Vereinigungen dazu aufruft, »ihre Kongresse in Zagreb oder Belgrad abzuhalten und dafür Subventionen zur Verfügung« stellt.

Gewiß doch, ein von der Bundesregierung subventioniertes Symposion deutscher Politologen in Zagreb oder Belgrad »über die Unzulässigkeit militärischer Interventionen« hätte nicht nur die Serben davon abgehalten, die Uno-Schutzzonen zu überrennen, es hätte auch den Menschen in Tuzla und Srebrenica geholfen, mit ihren Alltagsproblemen fertig zu werden.

Man stelle sich einmal vor, im Jahre 1944 hätte ein französischer oder englischer Gelehrter dazu aufgerufen, wissenschaftliche Kongresse in Berlin oder Wien abzuhalten, um so die »zivilen Kräfte« im Land zu stärken. Die Briten und die Franzosen würden sich noch immer vor Lachen ausschütten. Nur in Deutschland werden solche satirischen Angebote ernst genommen, weil sie gleich zwei elementare Bedürfnisse befriedigen: die Freude am gebührenfreien Gutsein und den Spaß am geselligen Beisammensein bei subventionierten Kongressen.

Wie sich überhaupt deutsche Pazifisten der gebildeten Stände gegenseitig an originellen Einfällen zu überbieten versuchen. Die Bremer Rechtsgelehrte Sibylle Tönnies bedauert es, daß »die heutigen Juden begreiflicherweise die Schönheit der Wehrlosigkeit nicht mehr erkennen können«, und stellt mit beziehungsgeschärftem WG-Blick fest, der Holocaust sei unter anderem »auch eine traumatische Kränkung der jüdischen Männlichkeit« gewesen (SPIEGEL 49/1995).

Echt schade, daß die Juden die »Schönheit der Wehrlosigkeit« nicht mehr pflegen wollen, nachdem sie mit dieser Haltung im Laufe ihrer Geschichte so gute Erfahrungen gemacht und beispielgebend gewirkt haben.

Bleibt noch die Frage, was die Pazifismus-Fundis antreibt, wo doch ein Blick aus jeder beliebigen Wohnküche sie eines Besseren belehren und die quälende Frage provozieren müßte, wie es heute in Deutschland aussähe, wenn die Alliierten nicht militärisch interveniert hätten. »Man sollte ihren Pazifismus nicht mit irgendeiner Ethik verwechseln. Er ist ausgebluteter Chauvinismus.«

Es wäre falsch, diese Überlegung nur deswegen zu verwerfen, weil sie von Herbert Kremp in der Welt angestellt wurde. Tatsächlich wird die Formel »Gerade wir als Deutsche . . .« nirgendwo öfter benutzt als im pazifistischen Milieu, wo Auschwitz zugleich der Maßstab ist, mit dem Völkermord definiert wird. Eine zwar masochistische, aber dennoch lustvolle Annäherung ans Nationale kann nur in der Form heftigster Abwehr stattfinden, so wie sich Moralwächter mit der Pornographie beschäftigen. Je größer der Abscheu, desto gewaltiger die Erregung.

Worum also geht es den Pazifisten um jeden Preis? Eine militärische Intervention im ehemaligen Jugoslawien zu verhindern? Eine Eskalation der Gewalt zu vermeiden? Um die »Schönheit der Wehrlosigkeit«, die wie die Tugend der Keuschheit zu verschwinden droht?

Nicht unbedingt. Viele derjenigen, die heute pazifistische Positionen vertreten, waren durchaus für den »Sieg im Volkskrieg«, wenn er in Mosambik oder El Salvador geführt wurde. Da wurde auch nicht nach subventionierten Kongressen gerufen, sondern Geld für Waffenkäufe gesammelt. Jede außenpolitische Debatte in Deutschland ist eine Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Mal reicht der Boden der deutschen Geschichte und Verantwortung bis nach Palästina, mal nur nach Sarajevo, doch immer geht es um die Schmach von 1945, um die aufgezwungene Befreiung, die tatsächlich eine Kapitulation war.

Auch grünen Pazifisten fällt es schwer, sich damit abzufinden, daß es nicht eine »Intervention gesellschaftlicher Kräfte« war, die das Dritte Reich aus dem Weg geräumt hat. Die Alliierten haben uns nicht nur um die Chance gebracht, uns friedlich selbst zu befreien, sondern auch um die Gelegenheit, anschließend das richtige System in Deutschland zu errichten.

Nicht zum erstenmal agieren »fortschrittliche Kräfte« als die Nachhut der Reaktion. Neu dabei ist nur, daß sie ihren »ausgebluteten Chauvinismus« dem Zeitgeist entsprechend mit pazifistischen Phrasen verkleiden. Es ist nicht die Schönheit der Wehrlosigkeit, der sie verfallen sind, sondern eine Kosten-Nutzen-Moral, die sich zur unterlassenen Hilfeleistung bekennt, damit das eigene Haus von Ungemach verschont bleibt. Y

Viele der Pazifisten von heute waren früher für den »Sieg im Volkskrieg«

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