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Die Schriftsteller und das Volk

Von Monika Maron
aus DER SPIEGEL 7/1990

In der letzten Zeit ist die Rolle einiger bedeutender Schriftsteller und eines der linken Intellektuellen in Ost und West zum Thema der großen Feuilletons avanciert, und ich finde mich auf der Seite derer, als deren Partei ich mich bislang nicht verstanden habe. Oder anders: Ich teile nicht die Meinung von Menschen, als deren Verbündete ich mich bisher ansah.

Lieber wüßte ich mich mit Graß, Delius und Heym einig als mit einer Mehrheit, der ich mich bisher so wenig verpflichtet gefühlt habe wie dem Diktat von Sachzwängen. Warum es in der Auseinandersetzung um die Zukunft der DDR, die ich nur als eine Diskussion um die Zukunft der Menschen in der DDR führen kann, anders ist, will ich versuchen zu begründen.

Vor drei Monaten verkündeten die Deutschen dem Rest der Welt ihren Sieg über die eigene Geschichte und fügten dem Bild vom verkrachten deutschen Revolutionär das vom siegreichen hinzu. Beseelt vom Sieg über Mauer und Staatssicherheit, stolz auf die Disziplin und Gewaltlosigkeit, mit denen dieser Sieg errungen wurde, fragten sie sich, warum sie nicht schon früher siegreiche Revolutionen veranstaltet hatten.

Die deutschen Dichter der DDR, bewegt von der Gewalt des Satzes »Wir sind das Volk«, lobten emphatisch das Volk der DDR für die ersten Schritte im aufrechten Gang und rieben sich dabei verschämt das eigene verbogene Rückgrat. Und statt sich, wie aus früheren Zeiten kolportiert, eine Bahnsteigkarte zu kaufen, um den Bahnhof revolutionär und gesetzestreu zu erobern, rief man diesmal die Staatsanwälte mit Eimern voller Siegellack, um Akten und unrechtmäßig erworbene Tiefkühltruhen zu sichern.

Die Stellvertreter der besiegten Machthaber traten mit Reue über ihre Mitschuld in den Augen vor die Kameras und setzten ihre reuelosen Hintern in die freigewordenen Sessel. Und während das Volk durch die geöffneten Tore gen Westen pilgerte, fanden die deutschen Dichter nicht hinunter vom Podium, von wo aus sie in ihre anerkennenden Worte für das Volk schon die Verheißung der nächsten wunderbaren Zukunft mischten.

Das Volk aber, sofern es von seinen Ausflügen zurückkehrte, erkannte seine Lage und änderte kurzerhand ein Wort in dem Satz, der den Dichtern die Tränen der Rührung in die Augen getrieben hatte.

»Wir sind ein Volk«, rief das Volk nun, worauf es nicht mehr gelobt wurde. Statt dessen schrieb Stefan Heym, in den glücklichen Tagen des 9. November als »Nestor der oppositionellen Bewegung« bezeichnet, im SPIEGEL: _____« Aus dem Volk, das nach Jahrzehnten Unterwürfigkeit » _____« und Flucht sich aufgerafft und sein Schicksal in die » _____« eigenen Hände genommen hatte und das soeben noch edlen » _____« Blicks einer verheißungsvollen Zukunft zuzustreben » _____« schien, wurde eine Horde von Wütigen, die, Rücken an » _____« Bauch gedrängt, Hertie und Bilka zustrebten auf der Jagd » _____« nach dem glitzernden Tinnef. Welche Gesichter, da sie mit » _____« kannibalischer Lust in den Grabbeltischen, von westlichen » _____« Krämern ihnen absichtsvoll in den Weg plaziert, wühlten. »

Der SPIEGEL bezahlt für einen Essay wenigstens 3000 Mark. Der zitierte war sein dritter innerhalb weniger Wochen.

Ich sage das nicht, um Autoren zu denunzieren. Auch ich verdiene das Geld durchs Schreiben. Heym denunziert sich in diesen Sätzen selbst, indem er seinen idealischen Anspruch als das erkennen läßt, was er ist: die Arroganz des Satten, der sich vor den Tischmanieren eines Ausgehungerten ekelt. Wäre Heym ein Einzelfall, könnte ich diese Entgleisung ertragen und darüber schweigen. Aber er ist kein Einzelfall. Er wagt in seinem patriarchalischen Selbstverständnis und geschützt durch seine achtenswerte Biographie nur einen besonders harschen Ton.

Diesmal ist nicht die Regierung vom Volk enttäuscht, diesmal sind es die Dichter. Kaum ist der heroische Akt der Revolution vorbei, müssen sie feststellen, daß das Volk für die falschen, weil nicht ihre, der Dichter Ziele, auf die Straße gegangen ist.

Was die Dichter - und mit ihnen viele Intellektuelle - wollten, teilten sie der Öffentlichkeit in ihrem erschrockenen Aufruf »Für unser Land« mit. Unter der Überschrift »Entweder - oder« riefen sie den moralischen Notstand aus, der die DDR ihren ärgsten Feinden, der Deutschen Bank und Daimler-Benz, ausliefern würde, sollte sie ihre Eigenständigkeit und damit, scheinbar gesetzmäßig, ihre antifaschistischen und humanistischen Ideale nicht bewahren können.

Grob und schwülstig wurde der alte Teufel an die alte Wand gemalt. Um was zu retten? Schon wieder einmal den Sozialismus, diesmal den wahren. Wer dabei nicht mittun wollte, gehörte zu den Ausverkäufern des Guten schlechthin um den Preis des Bösen schlechthin. Zum offenen Ausbruch der Feindseligkeiten zwischen den Befürwortern und den Gegnern der deutschen Einheit unter den Leipziger Demonstranten hat auch dieser Aufruf mit seiner einfältigen Zweiteilung der Welt beigetragen. Auf Leipzigs Straßen vollzog sich im politischen Alltag, was die Dichter in ihren Proklamationen offenbarten: der Zwiespalt zwischen den Arbeitern und den Intellektuellen.

Die Schriftsteller in der DDR waren eine besonders verwöhnte Gruppe ihres Berufsstandes. Damit meine ich weniger die von der Obrigkeit gewährten Privilegien als eine allgemeine Verehrung, die ihnen zuteil wurde, selbst von Menschen, zu deren Lebensgewohnheiten das Lesen von Büchern nicht gehörte.

Es brauchte nicht viel Mut, besonders nicht für die durch die Öffentlichkeit geschützten Autoren, um den Schein des Heldentums um sich zu entfachen. Und oft genügte eine halbe Wahrheit, um ihrem Verkünder in einer Umgebung dummer und dreister Verlogenheit den Ruf des Propheten zu verleihen.

Selbst wer der Zensur anheimfiel, wußte sich im andern Deutschland um so aufmerksamer gelesen und auch im eigenen Land genossen als die verbotene Frucht.

Ich fand Blumen an meiner Wohnungstür und Pralinen unterm Fußabtreter mit ermutigenden Grüßen meiner Leser.

Jeder Schriftsteller in der DDR, sofern er nicht ein Apologet und Nutznießer der stalinistischen Verhältnisse war, wurde getragen von der wahrheits- und heldensüchtigen, zuweilen bedrängenden Verehrung seiner Leser. Und wie fast jede lebenserhaltende Symbiose in diesem Land durch den Mangel gestiftet war, so auch die zwischen Lesern und Schreibern. In einem Staat, der den Mangel an bürgerlichen Freiheiten zur Doktrin erhebt, sammelt sich die verbotene Öffentlichkeit in den verbleibenden Rinnsalen der Kommunikation: in privaten Zirkeln, in den Kirchen, in der Kunst. Der konspirative Diskurs wird zu einer Form des Widerstands. Dies bescherte den Schriftstellern und Künstlern der DDR ihre exklusive Bedeutung. Wie selbstverständlich wuchs ihnen das Recht, sogar die Pflicht zu, im Namen der zum Schweigen gezwungenen Mehrheit zu sprechen.

Inzwischen hat sich die Mehrheit das Recht, selbst zu sprechen, zurückerobert. Und jetzt, da die dünne Decke der Notgemeinschaft zerrissen ist, zeigt sich der tiefe Abgrund zwischen dem Volk und den Intellektuellen.

Drängen die einen auf eine schnelle und praktische Verbesserung ihres Lebens, kämpfen die anderen um den Erhalt ihrer Utopie, was an sich kein Unglück wäre, würde die Utopie der einen - und zwar nur um ihres Bestands willen - das bessere Leben der anderen nicht bewußt opfern und 16 Millionen Menschen auch für die Zukunft zum Objekt einer Idee degradieren.

Welche Zukunftsvisionen haben jene Literaten, die beschwörend vor dem Ausverkauf an den Kapitalismus warnen, obwohl sie wissen, daß der Ausverkauf seit Jahrzehnten stattgefunden hat? Antiquitäten und Kopfsteinpflaster, Waffen und Rinderfilets, Häftlinge und Billiglohnkräfte, alles Verkäufliche wurde verkauft. Und mit ihm das Unverkäufliche: die Würde und Hoffnung der Menschen.

Welche Werte wollen sie erhalten wissen? Die solidarische Gemeinschaft, höre ich. Wer hat die Bewohner von Espenhain verteidigt, damit sie unter ihrer giftigen Dunstglocke nicht zehn Jahre früher als andere sterben müssen?

Wer hat sich gemeinsam mit den vier gemaßregelten Schülern der Carl-von-Ossietzky-Schule relegieren lassen? Oder haben nicht statt dessen 30 andere Schüler ihre schon gegebene Unterschrift zurückgezogen? Welche Künstler haben öffentlich protestiert, als Bärbel Bohley, Freya Klier, Stephan Krawczyk und 70 andere abgeschoben wurden?

Welche Solidarität soll verteidigt werden? Und wie steht es um das antifaschistische Ideal, dessen Fortleben an die eigenstaatliche Existenz der DDR gebunden sein soll?

Über die DDR herrschte eine unkontrollierte Geheimpolizei; die DDR betrieb die Militarisierung bis in Schulen und Kindergärten; in der DDR wurden Bücher, wenn nicht verbrannt, so doch verboten; nicht die Bundesrepublik war eine Diktatur, sondern die DDR; und nicht die Bundeswehr marschierte in ein anderes Land ein, sondern die Nationale Volksarmee der DDR schickte ihre Truppen 1968 nach Prag.

Was treibt Menschen, deren Beruf das Denken ist, einen Staat mit dieser Geschichte, dazu mit einer ruinierten Wirtschaft und einer demoralisierten Bevölkerung, zum Hort der eigenen Utopie zu erklären? Und, was schwerer wiegt, woher nehmen sie das Recht, jene, die ihrer Logik nicht folgen wollen, nationalistischer, sogar rechtsradikaler Motive zu verdächtigen?

Die deutsche Geschichte berechtigt zu jedem Mißtrauen, aber zur deutschen Geschichte gehört auch der Zwiespalt zwischen Intellektuellen und Volk. Denen, die nach einem vereinten Deutschland schreien als einziger Hoffnung auf ein besseres Leben vor ihrem Tode, den Mund zu verbieten mit dem Verweis auf die alte Schuld, hieße, die Geschichte zum Stillstand zwingen zu wollen. Das hieße wieder Diktatur im Namen einer Idee, wie die Androhung des nächsten sozialistischen Experiments befürchten läßt. Allein das Wort Experiment belegt den elitären Anspruch solcher Vision: der wiederholte Labortest an unfreiwilligen Versuchspersonen.

Diese Revolution war kein Aufbruch in die Utopie, sondern ein verzweifelter Sprung aus der Vergangenheit in die Gegenwart, aus einer autoritären kleinbürgerlich-feudalen Machtstruktur in eine offene bürgerliche Demokratie.

Die Klagen über das falsche Ergebnis der Revolution setzen die falsche Bewertung der eigentlichen Geschehnisse voraus. Es fing an mit dem Ruf: Weg aus der DDR und endete - über den Umweg des trotzigen Satzes: Wir bleiben hier - folgerichtig mit dem Urteil: Weg mit der DDR. Ein Begriff wie Revolution verführt offenbar dazu, die Ereignisse und Ziele zu heroisieren. Im Fall der Revolution in der DDR geschieht das, indem die Rolle der oppositionellen Gruppen, deren Ziel ein demokratischer Sozialismus war, nicht in ihrer moralischen Kraft und ihren organisatorischen Fähigkeiten, wohl aber in ihrer Präsenz überschätzt wird, die Macht aber, die von den flüchtenden und für das profane Ziel eines besseren Lebens demonstrierenden Massen ausging, unterschätzt.

Nur das führt zu der These, die Revolution hätte ihre ersten Kinder schon gefressen. Die ersten waren die Kinder derer, die später »Deutschland, einig Vaterland« gerufen haben. Die ersten Kinder der Revolution waren die Flüchtlinge. Ein zweiter Irrtum ist nötig, um guten Gewissens eine eigenstaatliche oder relativ eigenstaatliche DDR zu wünschen, und von der westdeutschen Linken wird er bewahrt wie eine Kostbarkeit: der Irrtum, es existiere eine besondere DDR-Identität. Wenn sich etwas so Benennbares überhaupt artikuliert, dann als Angst: Angst vor der Marktwirtschaft, Angst vor Drogen und Aids, Angst vor Ausländern, Angst vor der Zukunft und dem Phantom der Freiheit. Wer ihr begegnen will, muß die Tore in der Mauer wieder schließen.

Günter Graß, befragt, was die DDR in eine wie immer geartete Zweisamkeit der beiden deutschen Staaten einbringen könne, sagte: »Etwas, das vielleicht jedem aufgefallen ist, der mehrmals in der DDR gewesen ist, etwas, das uns hier fehlt: ein langsameres Lebenstempo, entsprechend mehr Zeit für Gespräche. Eine interne Nischengesellschaft ( . . .) ist da entstanden, etwas Biedermeierliches wie zu Metternichs Zeiten.«

Graß fügt seinem Lob aufs Biedermeierliche hinzu, er wisse nicht, ob das »mit der Öffnung zur Straße und zur Demokratie nicht schon wieder vorbei« sei, weil er weiß, daß die Voraussetzung für das idyllische Detail die geschlossene Gesellschaft war. Dann aber hat die DDR nichts einzubringen. Dann gibt es nichts in ihr zu bewahren. Außer dem, was überall zu Hause sein kann: die Hoffnung auf die Stärke der Vernunft und der Kampf für soziale Gerechtigkeit und Demokratie, was manche Menschen noch Sozialismus nennen können, ich nicht. Die Utopie lebt in den Köpfen. Mit der Macht gepaart, wird sie zur Diktatur. Sie ist das Maß für die Wirklichkeit, aber sie kann die Wirklichkeit nicht sein.

Ich freue mich auf die Zeit, in der im Streit um Utopien das eine Deutschland für das andere nicht mehr herhalten kann, in der sich nicht mehr alle Tatenlust westdeutscher Utopisten auf das Brachland DDR richtet, weil ihnen die eigene Kultur unvollkommen geraten ist. Ich freue mich darauf, wieder mit denen einig zu sein, zu denen ich mich zähle. Die aus der DDR stammende Autorin lebt und arbeitet seit 1988 in Hamburg.

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