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Briefe

Die Schuldigen werden verschont
aus DER SPIEGEL 39/2009

Die Schuldigen werden verschont

Nr. 38/2009, Titel: Ein Jahr danach - Warum die Welt durch die Finanzkrise ärmer, aber nicht klüger wurde

Der Verlauf und der Umgang mit der Finanzkrise machen deutlich, dass uns unsere genetischen Determinanten, Gier, Neid, Narzissmus und Machtstreben, fest im Griff haben. Wir vermögen uns aus dieser Fesselung weder herauszudenken noch herauszuhandeln.

BERLIN DAVID GERHARDS

Kaum ist das Zündholz, das vor einem Jahr an das Weltfinanzsystem gelegt wurde, verloschen, leuchtet schon das nächste Feuer unten auf. Wer hat es diesmal angezündet? Sind es wieder die angelsächsischen Investmentbanken mit ihrer kurzfristigen Gewinnmaximierungsideologie, die amerikanische Notenbank mit ihrer Politik des billigen Geldes für die Banken oder die Wirtschaft, die Parteien mit Spendengeldern sponsert? Hoffen wir, dass der G-20-Gipfel dieses neue Feuer noch löschen kann.

AACHEN DR. RALPH THEILE

Es fällt schwer zu lernen, dass es extreme soziale Ungleichheiten sind, die diese Krise auslösten und aufrechterhalten. Ein Bankdirektor verdient in den USA 2000mal mehr als der Durchschnitt. Es fällt daher auch schwer, drei ganz einfache ökonomische Mittel zur Anwendung zu bringen, die Gleichheit einführen, ohne Freiheit zu verhindern: die Tobin-Steuer, ein Minimum und ein Maximum des Einkommens. Wie schwer fällt die Überredung zum Besseren, und wer vermag sie zu leisten?

HANNOVER PROF. DR. BERNHARD H. F. TAURECK

Schade, dass es so wenig Verursacherprinzip, so wenig Haftung für jene Finanzjongleure gibt, die Milliardenrisiken zu Lasten der Allgemeinheit eingehen. Es gibt keine allgemein verankerte Rücksichtspflicht gegenüber den Steuerzahlern, und in diesem Sinn gibt es keinen Schutz der Konsumenten und Verbraucher, die die weltweiten negativen Folgen der Krise auszulöffeln haben. Das pauschale Wort von der »Gier« lenkt ab und macht alle zu gleich wichtigen Verantwortungsträgern, was selbstverständlich nicht zutrifft und die relativ wenigen wirklich Schuldigen verschont. Ob Drogen- oder Menschenhandel, hier gibt es klare Sanktionen. Beim Finanzhandel, der ganz offensichtlich viele Kleine schädigt oder finanziell ruiniert, gibt es keine oder keine nennenswerte Bestrafung und also auch keinen Abschreckungsfaktor.

KLAGENFURT (ÖSTERREICH) KARL BRUNNER

Gewissen Bankern wird zurzeit oft vorgeworfen, sie hätten aus der Krise »nichts gelernt«. Das Gegenteil ist der Fall: Sie haben gelernt, dass ihre Milliardenschäden vom Staat im Eiltempo mit Steuergeldern aufgefangen werden. Sie haben gelernt, dass sie auch bei erheblichem Fehlverhalten mit üppigen Bonuszahlungen rechnen können. Und dass sie dabei - im Gegensatz zu Politikern - moralisches Auftreten und Verhalten nicht einmal heucheln müssen.

GERBRUNN (BAYERN) PROF. DR. JÜRGEN APPELL

Jeder Handwerker und Bauer wird für seine Dienstleistungen und Waren bis auf den letzten Cent diszipliniert. Warum trauen sich die Politiker, die mit irrsinnigen Beträgen in der Finanzkrise Feuerwehr spielen durften, nicht an die feinen Herren im Nadelstreif heran, die mit ihrer Gier die ganze Welt geschädigt haben?!

KASTELRUTH (ITALIEN) JOSEF FULTERER

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