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SKANDINAVIEN / STRASSENVERKEHR Die Schwedenfalle

aus DER SPIEGEL 42/1955

Zweieinhalb Jahrhunderte nach seinem Tode ist Schwedens großer König Karl XII. (1697 bis 1718) als einer der fortschrittlichsten Herrscher des Landes zu neuem Ruhm gekommen: Im Februar 1718, kurz vor seinem Tode, hatte er ein Dekret erlassen, das auf allen Straßen seines Reiches den Rechtsverkehr zur Pflicht machte.

Karl XII. war ein großer Kriegsherr. Er kämpfte gegen die Dänen, die Polen, die Russen und die Norweger. Auf seinen Heerstraßen mußte also Ordnung herrschen.

Doch mit dem Tode Karl XII. schied Schweden aus der Reihe der europäischen Großmächte aus und rutschte in den nördlichen Schmollwinkel Europas. Karls Schwager, Friedrich I. (1720 bis 1751), ordnete 1734 an, man habe sich auf den Straßen Schwedens links zu halten. Friedrich lag nämlich die Bequemlichkeit seiner damals schon recht altmodischen Kavaliere am Herzen, die den Degen links am Pferd trugen und nach rechts fochten, wozu der Straßenräuber wegen nicht selten Anlaß war. Seither blieb es in Schweden beim Linksverkehr.

Als jedoch das Zeitalter der Motorisierung begann, kam es zu Unzuträglichkeiten. Die Welt hatte sich mittlerweile (mit wenigen Ausnahmen) auf den Rechtsverkehr geeinigt, die Unfallquote schwedischer Autofahrer im Ausland stieg besorgniserregend an, und in den dreißiger Jahren geschah ein denkwürdiger Unfall, der drastisch deutlich machte, wohin es führt, sich internationalen Verkehrsgepflogenheiten nicht anzupassen.

An einem klaren Wintertag setzte ein Passagierflugzeug auf einem zugefrorenen See bei Stockholm, dem Stora Värtan, zur Landung an. (Zugefrorene Gewässer werden in Schweden häufig als Flugplätze und Verkehrswege benutzt.) Als die Maschine über das Eis rollte, sah der Pilot einen Kraftwagen auf sich zukommen. Da in der Luft nach internationalem Brauch

Rechtsverkehr herrscht, wich der Pilot nach rechts aus, der Kraftwagen dagegen nach links, wie es die schwedischen Verkehrsregeln vorschreiben. Sekunden später vereinigten sich Flugzeug und Auto zu einem wüsten Trümmerknäuel.

Das Gericht, das über den absonderlichen Zusammenstoß zu befinden hatte, stand vor einer schweren Aufgabe. Beide Beteiligten beriefen sich darauf, vorschriftsmäßig gehandelt zu haben.

Die Richter kamen zu einem recht salomonischen Urteilsspruch: Ein See sei auch im zugefrorenen Zustand eine Wasserstraße, der Autofahrer hätte sich deshalb nach den international einheitlichen Seeverkehrsregeln richten müssen, die Rechtsverkehr vorschreiben. Folglich trage er die Schuld.

Erst 1953 bequemte sich der Reichstag, einen Ausschuß einzusetzen, der das Problem untersuchen sollte. Der Ausschuß sprach sich - wie schon ein weniger amtliches Komitee im Jahre 1940 - dafür aus, die altmodische Verkehrsordnung zu Lande den modernen Verhältnissen in der Luft und auf dem Wasser und den Gewohnheiten der übrigen Welt anzugleichen. Bis 1959 soll die Umstellung erfolgt sein.

Da nun aber Schweden den Anspruch darauf erhebt, eine fortschrittliche Demokratie zu sein, beschloß der Reichstag, am kommenden Sonntag eine Volksabstimmung über das schwierige Problem abzuhalten.

Um - nach den Spielregeln einer Musterdemokratie - beiden Parteien die gleichen Chancen für den Sieg zu geben und die wahre Volksmeinung in einer von Beeinflussungen sterilen Atmosphäre zu destillieren, wurden alsbald ein Rechtsverkehrskomitee und ein Linksverkehrskomitee gegründet. Jedes Komitee erhielt aus dem Staatssäckel einen Propagandafonds in Höhe von einer Million Schwedenkronen (rund 810 000 Mark).

In dem Kampf um die Stimmen des Volkes genießen die »Rechten« unter ihrem Vorsitzenden, dem Sozialisten und ehemaligen Gewerkschaftschef August Lindberg, den Vorteil, den Verkehrsminister, die Mehrzahl der Autofahrer und die Motorsport- und Fachpresse hinter sich zu haben.

Die Hauptkampftruppe der »Linken« dagegen sind die Fußgänger, vor allem unter der Landbevölkerung.

Ein Autojournalist warf außenpolitische Aspekte in die Debatte. Es nütze dem Ansehen Schwedens wenig, schrieb er, wenn sich seine Bürger im Ausland immer wieder in »Schwedenfallen« fingen und zum Gespött der anderen Nationen würden.

»Schwedenfallen« nennt man in Skandinavien die Drehtüren der Hotels, mit denen die auslandsreisenden Schweden ständig in Konflikt geraten, weil sie immer wieder versuchen, die Türen nach schwedischer Linksverkehrsart linksherum zu durchschreiten. Die Dichtungsborsten am Boden und an den Seiten nehmen das in der Regel recht übel, richten sich auf, verklemmen sich und blockieren so plötzlich die Tür - den verzweifelt ringenden Schweden einsperrend.

Wo den konservativen »Linken« die Argumente fehlen, ziehen sie sich auf den Nationalstolz neutraler Eigenbrötler zurück. Die Zeitung »Svenska Landsbygden« meuterte: »Nichts spricht dafür, daß wir uns mit den anderen Nationen solidarisch zeigen müssen. Ebensogut können unsere Nachbarländer sich mit uns solidarisch zeigen und zum Linksverkehr übergehen.«

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