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»Die Seele des Volkes verbogen«

Die Morde an drei Türkinnen in Mölln haben Deutschland verändert: Fremdenhaß und Gewalt gegen Ausländer, so wird plötzlich klar, haben sich krebsartig in der Gesellschaft ausgebreitet - Folge jahrelanger Verharmlosung und Verdrängung des rechten Terrors durch Justiz und Regierende.
aus DER SPIEGEL 49/1992

Die jungen Männer in Springerstiefeln und uniformähnlichen Klamotten, die sich Mitte November in der Hamburger Innenstadt zu einer Marschkolonne formieren, haben ihren lärmenden Spaß.

Sie trinken Bier und zerdeppern die leeren Flaschen auf dem Pflaster. Beim Abmarsch in Richtung Hauptbahnhof entfalten sie eine rote Reichskriegsflagge der deutschen Wehrmacht und recken die Arme zum Hitler-Gruß. Dabei grölen sie immer wieder »Deutschland den Deutschen« und »Ausländer raus«.

Ein Dutzend Polizisten, die hinter dem Zug laufen, beobachten das Spektakel ebenso gelassen wie die meisten Passanten. Nur eine Frau, sichtlich aufgeregt, fragt einen Schutzmann, ob denn »diese Demonstration genehmigt« sei. Der Ordnungshüter versucht, die Passantin zu beruhigen. Es handele sich »nur um Fußballfans«, das sei alles »ganz normal«.

Seit Montag letzter Woche gelten Szenen wie diese auch in Deutschland nicht mehr als harmlose Folklore. Nachdem Unbekannte zwei von türkischen Familien bewohnte Häuser im schleswig-holsteinischen Mölln in Brand steckten und dabei drei _(* Am 2. September nach einem ) _(Brandanschlag auf eine ) _(Asylantenunterkunft. ) Menschen ermordeten und neun weitere schwer verletzten, ist, so scheint es, erstmals klargeworden, wie weit es mit dem angeblich freiesten und liberalsten Staat gekommen ist, den es je auf deutschem Boden gegeben hat. Die Mörder von Mölln, darauf deutete am vergangenen Wochenende vieles hin, kamen aus dem neubraunen Milieu, wenngleich die Polizei auch in andere Richtungen ermittelt.

Der Brandanschlag in der schleswigholsteinischen Kleinstadt läßt endgültig den Nebel aus Beschwichtigungen und Schönfärberei zerstieben, hinter dem Politiker selbst nach den terroristischen Exzessen von Hoyerswerda, Hünxe und Rostock die Bedrohung von rechts zu verharmlosen suchten.

Zum Vorschein gekommen ist eine andere Republik.

Als fromme Lüge erweist sich die ständige Beteuerung von Bundeskanzler Helmut Kohl, die überwiegende Mehrheit der Deutschen sei fremdenfreundlich: Rund ein Viertel aller Bundesbürger stehen nach einer Meinungsumfrage hinter der Parole »Ausländer raus«. 37 Prozent sind der Meinung, es sei »so weit gekommen, daß sich die Deutschen im eigenen Land gegen die Ausländer wehren« müßten.

Der Terror der Mörder von rechts ist explodiert. Allein in diesem Jahr registrierte die Polizei bislang mehr als 1600 _(* Oben: Am 24. August bringt ein ) _(Feuerwehrmann nach dem Angriff auf ein ) _(Vietnamesen-Wohnheim einen Bewohner in ) _(Sicherheit; unten: im November 1991. ) Gewalttaten, davon über 500 Brand- und Sprengstoffanschläge. Die Bilanz: 17 Tote, mehr als 800 Verletzte (siehe Grafik Seite 15).

Bedroht sind nicht nur sechs Millionen ausländische Arbeitnehmer, Asylbewerber und Flüchtlinge in Deutschland. Opfer der alltäglichen rechten Gewalt sind zunehmend Angehörige von Minderheiten, die zuletzt nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 ins Fadenkreuz rassistischer Peiniger gerieten.

Sprunghaft angestiegen sind Ausschreitungen gegen *___jüdische Einrichtungen wie Friedhöfe und ____Holocaust-Gedenkstätten, *___Homosexuelle und Schwulen-Treffs, *___geistig oder körperlich Behinderte.

Judenwitze und rassistische Reime sind wieder salonfähig. Fremdenfeindliche Hetzgedichte hängen in Polizeipräsidien und Landratsämtern. »Viele trauen sich jetzt auszusprechen, was sie früher nur gedacht haben«, sagt Ignatz Bubis, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Angehörige bedrohter Minderheiten fühlen sich vom Staat und seinen Organen im Stich gelassen. Der Schriftsteller Ralph Giordano, der den Holocaust überlebte, telegrafierte an Bundeskanzler Helmut Kohl, er und andere Juden seien dazu übergegangen, sich selber zu verteidigen, »und zwar bis in den bewaffneten Selbstschutz hinein«.

Türkische Jugendliche schworen vor Fernsehkameras, die Opfer zu rächen; ein türkischer Familienvater aus Mölln appellierte an seine Landsleute, in jeden türkischen Haushalt in der Bundesrepublik gehöre ein Strick, damit sich die Bewohner nach Brandanschlägen schnell abseilen könnten.

Die Angst im Innern korrespondiert mit dem Verfall des deutschen Ansehens draußen. Noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg lösten Ereignisse in Deutschland ein so verheerendes Echo im Ausland aus wie die Morde von Mölln. Deutsche Urlauber im US-Staat Florida wurden letzte Woche an Tankstellen mit »Heil Hitler« begrüßt. Reiseveranstalter aus Frankreich, England und den USA stornierten ihre Deutschland-Kontingente für 1993.

Die Bundesregierung, die dem Nato-Partner Türkei stets Folterpraktiken und Demokratiedefizite vorhielt, mußte sich von der rechtsgerichteten Zeitung Tercüman die Schlagzeile gefallen lassen: »Die Enkel Hitlers gehen auf Fremdenjagd«. Das türkische Außenministerium warf den deutschen Behörden Unfähigkeit vor.

»Die rassistische Gewalt in Deutschland hat eine Grenze überschritten«, formulierte, noch moderat, das Turiner Blatt La Stampa, die italienische Zeitung La Repubblica beschrieb die Bundesrepublik als Land des »rassistischen Horrors«. Die New York Times empfahl, die außer Rand und Band geratenen Deutschen notfalls mit einem Boykott zur Räson zu bringen.

Die Bundesrepublik als Paria in der Weltgemeinschaft, isoliert wie Südafrika zu Zeiten der Apartheid - eine Vision, die nicht mehr abwegig ist, wenn die Deutschen und ihre Regierung nicht ihre »unerklärliche Lähmung« (die Londoner Times) überwinden.

Daß Ausländer Angst um ihr Leben haben müssen, Behinderten die Gaskammer angedroht wird und Juden wieder auswandern wollen, hat die Regierenden endlich aufgerüttelt.

Kanzler Helmut Kohl nannte im Bundestag den feigen Anschlag von Mölln ein »bedrückendes Signal«. Bundespräsident Richard von Weizsäcker mahnte die Deutschen, sie sollten »wirklich alle aufwachen«. Und Außenminister Klaus Kinkel gestand bei der Trauerfeier für die Opfer von Mölln am Freitag letzter Woche in Hamburg: »Deutschland erlebt eine traurige Zeit.«

Zur symbolischen Geste, einem Besuch an den Brandhäusern von Mölln, mochte sich jedoch keiner der Bonner Regierenden aufraffen.

Statt dessen wurde, wie gehabt, Trauer, Abscheu und Empörung bekundet. Unionschristen forderten, auch das nicht neu, schärfere Gesetze gegen terroristische Gewalttäter; Sozis und Freidemokraten wollten nur die geltenden strenger angewendet wissen.

Immerhin: Generalbundesanwalt Alexander von Stahl, der noch vor wenigen Wochen die innere Sicherheit durch einzelne Brandanschläge Rechtsradikaler nicht gefährdet sah, übernahm erstmals bei rechtem Terror spontan die Ermittlungen.

Letzte Woche wurden neun Verdächtige aus Mecklenburg-Vorpommern wegen »Gründung beziehungsweise Mitgliedschaft einer rechtsterroristischen Vereinigung« festgenommen, darunter auch der Rechtsradikale Michael Peters, 25, aus Gudow. Die Verhafteten sollen versucht haben, mehrere Asylbewerberheime _(* Von Rechtsradikalen niedergeschlagener ) _(Vietnamese im Juni 1990 auf dem ) _(Alexanderplatz. ) in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern anzugreifen. Ob die Gruppe, die angeblich von Peters angeführt wird, das Attentat in Mölln verübte, erschien Freitag letzter Woche fraglich (siehe Seite 26).

Der Schlag gegen rechte Gewalttäter war überfällig. Mit lächerlich geringen Strafen gegen rechte Totschläger und Brandstifter hatte die deutsche Justiz, die mit großer Härte gegen die linken Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) vorgegangen war, ihren Ruf als unabhängige dritte Gewalt aufs Spiel gesetzt (siehe Interview Seite 16).

Erst jetzt, fünf Minuten nach zwölf, dämmerte es Strafverfolgern wie dem Schweriner Generalstaatsanwalt Alexander Prechtel, daß der Gebrauch von Molotow-Cocktails in jedem Fall als »Tötungsdelikt« zu werten sei.

Auch Bundesinnenminister Rudolf Seiters (CDU) entwickelte längst überfällige Aktivitäten. Ende letzter Woche verkündete er demonstrativ eine Verbotsverfügung gegen die Nationalistische Front (NF), eine seit 1985 bekannte rechtsextreme Organisation. Ein großes Polizeiaufgebot stürmte Büros und Wohnungen der knapp 100 Mitglieder starken Gruppierung; NF-Führer Meinolf Schönborn, 36, hatte sich bereits abgesetzt.

Erstmals sind auch aus den Reihen der Regierungskoalition kritische Untertöne über den bisherigen Umgang mit dem Terror von rechts zu hören: Die allzu laschen Reaktionen von Justiz und Polizei bei den Angriffen auf Ausländerheime, räumten Bonner Politiker von CDU und FDP ein, hätten als versteckte Sympathie für die Brandstifter mißverstanden werden können.

»Langsam setzt sich die Einsicht durch«, behauptet der Ex-Generalsekretär der CDU Heiner Geißler, »daß der eigentliche Grund für diese Verbrechen in der Enttabuisierung rechtsradikaler Themen liegt.« Dabei habe vor allem »die unselige Diskussion über Asylbewerber enthemmend gewirkt«. Beim Streit um die Fremden habe sich »die Seele des Volkes verbogen«.

Der latente Neo-Nazismus, die alltägliche Fremdenfeindlichkeit haben sich, manchmal laut, manchmal leise, seit langem bemerkbar gemacht. Die Deutschen hatten sich schon an vieles gewöhnt, was noch vor zehn Jahren undenkbar gewesen wäre.

Auf Fußballplätzen der Bundesliga etwa skandieren Fans, die sich über den Schiedsrichter ärgern, Sonnabend für Sonnabend den Schmähruf »Jude nach Auschwitz«, ohne daß auch nur einer aufmuckt. Ganz normal.

In süddeutschen Städten wie Mannheim und Heilbronn lehnen es immer mehr Einheimische ab, von ausländischen Taxifahrern chauffiert zu werden. Jeder dritte deutsche Fahrgast, ermittelte eine Lokalzeitung, will nur noch von Deutschen gefahren werden. Ganz normal.

In Bayern hat der CSU-Bundestagsabgeordnete Gerhard Scheu vorgeschlagen, homosexuellen Ausländern kein Asyl mehr zu gewähren. Ganz normal.

In Kneipen des Hamburger Bahnhofsviertels deklamieren deutsche Gäste zur Weihnachtszeit ein umgewandeltes Adventsgedicht: »Advent, Advent, ein Türke brennt.« Ganz normal.

Bei der Polizei in Dresden kündigt ein anonymer Anrufer mehrfach Gewalttaten gegen Ausländer an, er selber werde »ein Blutbad anrichten«. Der Anrufer, stellt sich dank Fangschaltung heraus, ist der Dresdner Stadtkämmerer Günter Rühlemann (CDU). Rühlemann bleibt im Amt. Ganz normal.

Im deutschen Fernsehen zählen Rechtsradikale zu den begehrten Stammgästen. Beim Kampf um Einschaltquoten gehören vor allem bei den Privaten Sieg-Heil-Rufe und Nazi-Parolen aus dem Publikum inzwischen zur Show wie die Tortenwürfe bei Hella von Sinnen.

In der Krawallsendung »Der heiße Stuhl« von RTL muß sich der Schriftsteller Gerhard Zwerenz nicht nur mit CDU-Grenzgänger Heinrich Lummer, sondern auch mit brüllenden Rechtsradikalen auseinandersetzen, beim »Einspruch«-Talk von Sat 1 fordern rechte Rocker unter dem Jubel ihrer Anhänger »Kampfkraft für Deutschland«. Ganz normal.

An Stammtischen, in Büros und Ämtern kursieren seit Monaten fremdenfeindliche Schmähschriften, die von den Verfassern häufig unter Angabe ihres vollen Namens per Telefax oder Rundbrief weiterverbreitet werden.

Ein 52jähriger Polizeibeamter aus Mühlheim tat sich als Autor einer abgewandelten Nationalhymne hervor, das Machwerk prangte alsbald als Aushang in Polizeistationen von Frankfurt, Idstein und Hanau. Textauszug: »Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt, Polen, Türken, Libanesen, alles lebt von unserem Geld.« Ganz normal.

Republikweit kursiert ein Hetzgedicht gegen Asylbewerber. Der anonyme Verfasser bündelte in wenigen Zeilen die dumpfen Ängste und Vorurteile unzähliger Deutscher: _____« Herr Asylbetrüger, na, wie geht''s? Oh ganz gut, » _____« bring'' Deutschen Aids. Komm'' direkt aus Übersee, hab'' » _____« Rauschgift mit, so weiß wie Schnee, verteil'' im Sommer » _____« wie im Winter sehr viel davon an deutsche Kinder. Muß » _____« nicht zur Arbeit, denn zum Glück schafft deutsches » _____« Arschloch in Fabrik. Hab'' Kabelfernsehen, lieg'' im Bett, » _____« werd'' langsam wieder dick und fett. »

Ein Sachbearbeiter des Landratsamts Lindau am Bodensee, der beim Verteilen des Pamphlets in seiner Behörde erwischt _(* Oben: im württembergischen Vaihingen; ) _(unten: beim Selbstverteidigungstraining ) _(in Berlin. ) wurde, ist bisher nicht disziplinarrechtlich belangt worden. Amtsleiter Klaus Henninger verteidigt seinen Mitarbeiter mit dem Hinweis, die Verse richteten sich »nicht schlechthin gegen alle Asylbewerber, vielmehr nur gegen Asylbetrüger«. Ganz normal.

Erst nachdem die alltäglichen Ressentiments, die augenzwinkernde Fremdenhäme in Gewalt umgeschlagen sind, kommt allenthalben Bestürzung auf, wird getrauert und protestiert. Aus Brandstiftern sind wieder Biedermänner geworden.

Ins grelle Licht rücken statt dessen die Täter. Und die gehen, Nacht für Nacht, Woche für Woche, brutaler vor. Eines der schlimmsten Beispiele aus jüngster Zeit ist die Tötung des Frührentners Karl-Hans Rohn, 53.

Der Mann hatte in der Wuppertaler Gaststätte »Laternchen« mit zwei Skinheads gezecht, als es zum Streit kam. Der Wirt soll die Skins mit dem Hinweis in Rage gebracht haben, daß Rohn »ein Jude« sei - das Signal zum Angriff.

Das Opfer wurde vom Kneipenhocker geworfen, die Skins trampelten mit ihren schweren Springerstiefeln so lange auf dem am Boden liegenden Mann herum, bis Rohn das Bewußtsein verlor. Mit dem Schlachtruf »Juden muß man verbrennen« wurde der Schwerverletzte mit hochprozentigem Schnaps übergossen und angezündet. Rohns Leiche packten die Skinheads in ihr Auto, warfen sie später in den Wald. Die betrunkenen Totschläger sollen Mitglieder der rechtsradikalen »Nationalistischen Front« gewesen sein.

Die meisten rechten Gewalttäter sind jedoch unorganisiert. Die 76 rechtsextremen Organisationen, die in der Bundesrepublik erfaßt sind, melden aber regen Zuwachs. Vor allem im Osten laufen überregionalen Neonazi-Organisationen wie der »Deutschen Alternative« (DA), der »Nationalen Liste« (NL) mit dem Hamburger Christian Worch oder der »Nationalen Offensive« (NO) fast täglich neue Mitglieder zu.

Schon jetzt sind mehr als 40 000 Rechtsradikale stramm organisiert, darunter 2000 militante Neonazis; dazu kommen rund 4200 Skinheads, erkennbar an ihren glattgeschorenen Schädeln.

Die Gewalttäter von rechtsaußen sind überwiegend jung, meist zwischen 14 und 20 Jahren alt. Die jüngsten, die von der Polizei in diesem Jahr festgenommen wurden - wegen Schändung eines jüdischen Friedhofs in Wuppertal -, waren gerade mal 13 und 14.

Mädchen oder junge Frauen, in der linksextremen Szene oft führend, sind in der von alten Herrschaftsklischees geprägten Rechtsszene die Ausnahme. Unter 232 Tatverdächtigen, die vom baden-württembergischen Landeskriminalamt (LKA) in Stuttgart erfaßt wurden, waren nur 3 Frauen.

Erkenntnisse des LKA Stuttgart entkräften auch das Argument, Motiv für die Gewalt der jungen Wilden sei zumeist Frust über Arbeitslosigkeit: Nur neun Prozent der Verdächtigten hatten keinen Job.

Dagegen stammten die meisten Gewalttäter, behauptet Fritz-Achim Baumann vom Düsseldorfer Verfassungsschutz, »aus gestörten Familien«, wo Konflikte schon mal handgreiflich ausgetragen würden. »Doch kommst du dann wieder spät nach Haus, ist es mit deinen Träumen gleich aus; dein Alter schlägt dir ins Gesicht, denn er versteht deine Träume nicht«, heißt es in einem Skinhead-Song.

Viele Jugendliche, die von rechtsradikalen Parolen fasziniert sind, gehören selber zu den sozial Benachteiligten, die sie attackieren. Sie wohnen häufig in den trostlosen Ghettos der Großstädte, wo Prügeleien zwischen rivalisierenden Gruppen oft die einzige Abwechslung darstellen.

Die meisten haben nur die Hauptschule besucht, lernen wenig, informieren sich kaum, bilden sich ihre krude Weltsicht durch den Konsum von Horrorvideos oder rechtsradikaler Rockmusik. »Da Skinheads kein Interesse an einer geistigen politischen Auseinandersetzung haben«, heißt es in einer Studie des Verfassungsschutzes, »ist Gewalt ihr einziges Artikulationsmittel.«

Rechtsradikale Jugendliche besitzen wenig, worauf sie stolz sein können. In Ostdeutschland, wo nicht nur die soziale _(* Sanitäter bergen am 24. August in ) _(Koblenz die Leiche von Frank Bönisch. ) Sicherheit weggebrochen ist, sondern sich auch alle Ideale in Luft aufgelöst haben, hat der Bielefelder Rechtsextremismus-Experte Wilhelm Heitmeyer eine »Wiederkehr von Naturkategorien wie Hautfarbe, Rasse und Nation« beobachtet. Da bleibe vielen Kids am Ende »nur noch die Gewißheit, Deutscher zu sein«.

Argumentationshilfe für ihren Haß auf Minderheiten beziehen gewaltbereite Jugendliche und Skinheads längst per Post. Von Verfassungsschützern und Polizei nahezu unbehelligt, verbreiten Rechtsradikale rassistische Pamphlete und Hetzblätter.

Sogenannte Fanzines (Abkürzung für Fan-Magazine) drucken seit Jahren nicht nur Konzerthinweise für rassistische Rock-Gruppen wie »Böhse Onkelz« oder »Radikahl«, sondern auch Parolen gegen Juden, das »Asylantenpack« oder ausländische »Schmarotzer«.

Im NS-Kampfruf, einer der Lieblingspostillen jungrechter Brandstifter, wurden kürzlich die »volksaufstandähnlichen Angriffe« auf »sogenannte Asylheime« verherrlicht, in der Skinhead-Zeitung aus Wendelstein hetzte Herausgeber Stefan Scharrer gegen linke »Zeckenbrut«.

Mitschnitte rechter Kultbands werden ebenfalls per Post verschickt, etwa der »Kanakensong« der Gruppe »Endsieg«, der ungehindert zum Hit der rechten Szene werden konnte. Textauszug: _____« Siehst Du einen Türken in einer Straßenbahn, schaut » _____« er Dich irgendwie provozierend an, dann stehst Du einfach » _____« auf und haust ihm eine rein, Du ziehst Dein Messer und » _____« stichst siebzehnmal hinein. »

Neben den Ausländern sind wieder einmal Homosexuelle, die schon im Dritten Reich in Konzentrationslager gesperrt und getötet wurden, bevorzugtes Ziel von Aggressionen. »Ihr werdet alle vernichtet, ihr seid der letzte Dreck«, prophezeite ein Anrufer, der sich letzte Woche bei der Berliner Homosexuellenorganisation »Mannometer« meldete - kein Einzelfall. Fast täglich, berichtet Schwulensprecher Bastian Finke, gingen im Büro »Heil-Hitler-Anrufe« ein, dies sei »Normalität«.

Aus dem Rahmen fiel allerdings ein Brief, mit dem ein völlig verängstigter Schwuler zu »Mannometer« kam. In dem Schreiben, datiert vom 30. Oktober 1992, heißt es wörtlich: _____« Deine Anschrift haben wir. Ein schwarzer Audi 80 holt » _____« Dich ab. Zwei nette Männer, grau-meliert, packen Dich » _____« ein. Die Fahrt dauert zweieinhalb Stunden, und Du bist » _____« bei uns. Viele junge Männer verschwinden in Deutschland. » _____« Keiner sucht nach ihnen, und Dein Abfall, vorher in Säure » _____« aufgelöst, landet in der Elbe. Na, ist das nicht schön? » _____« Braucht keiner das Grab pflegen. Es grüßt Dich Dein » _____« Töter. »

Den Worten folgen Taten. Bei »Mannometer«, wo im Juni 1990 ein Überfalltelefon für Homosexuelle eingerichtet wurde, sind allein in diesem Jahr über 160 Gewalttaten gegen Schwule registriert worden, Tendenz steigend.

Die Spur der Gewalt zieht sich quer durch die Republik. Auf dem Frankfurter Hauptbahnhof wurde ein 18jähriger, der es gewagt hatte, sich von seinem Freund mit einem Kuß zu verabschieden, krankenhausreif geschlagen. In Berlin flogen Molotow-Cocktails in das Homosexuellenlokal »Golden Gate«.

Im Ostseebad Scharbeutz griff eine zwölfköpfige Skinhead-Bande Homosexuelle mit Baseballschlägern und abgeschlagenen Flaschenhälsen an; mehrere Schwule wurden schwer verletzt. In Heidelberg töteten drei Jugendliche einen 26jährigen homosexuellen Juristen mit sieben Messerstichen.

Auch die Hatz auf Behinderte gehört wieder zum Repertoire. Neonazis beginnen selbst gegenüber völlig Wehrlosen, ihren braunen Vorbildern nachzueifern: Im Rahmen des nationalsozialistischen Euthanasie-Programms wurden zwischen 1939 und 1945 Hunderttausende ermordet, hinter Klinikmauern totgespritzt, von Sonderkommandos vergast oder erschossen.

Die erkennbar Schwachen - Rollstuhlfahrer, Amputierte, Blinde - sind plötzlich auch im neuen Deutschland nicht mehr sicher. »Vor allem Mehrfachbehinderte werden gewalttätig bedroht«, sagt der Hamburger Behindertenbeauftragte Gerhard Koll.

Seitdem die Polizei bei den rechtsradikalen Krawallen in Rostock wegtauchte, häufen sich bei den Behindertenorganisationen Meldungen über Gewalttaten von rechts: *___In der Fußgängerzone von Hannover traten Rechtsradikale ____einer schwerbehinderten Frau, die nach einer Operation ____erste Gehversuche machte, die Krücken weg; *___ebenfalls in Niedersachsen wurde eine Rollstuhlfahrerin ____von Skins überfallen, mißhandelt und aus dem Rollstuhl ____gekippt; *___in Halle schlugen Neonazis fünf Schüler einer ____Gehörlosenschule zusammen, die Opfer wurden schwer ____verletzt.

Regelrecht gefoltert wurde Peter Kammer, 49. Der geistig behinderte Mann, der in einem Heim lebt, wurde bei einem Kinobesuch entführt. Der Täter schleppte ihn zu einem alten Wohnwagen und sperrte ihn ein.

Fünf Tage lang wurde das Opfer geschlagen, getreten und gequält. Als Polizeibeamte den Behinderten befreiten, entdeckten sie im Wohnwagen die Spuren des Täters: Hakenkreuz-Schmierereien und SS-Runen.

Günter Schirmer, 46, aus Großburgwedel bei Hannover, der 1979 bei einem Autounfall ein Bein verloren und schwere Hirnverletzungen erlitten hatte, schluckte eine Überdosis Tabletten, nachdem Rechtsradikale ihn mehrfach überfallen hatten. Behinderte hätten »in dieser Welt wohl nie mehr eine Chance«, schrieb er im Abschiedsbrief an seine Ehefrau.

Letzten Anstoß zu Schirmers Verzweiflungstat gaben einheimische Schüler. »Bei Hitler hätten sie dich vergast«, riefen die Jugendlichen, die ihr Opfer auf offener Straße traten und bespuckten, »du lebst von unseren Steuergeldern.«

Als Schädlinge der Gesellschaft werden aus der verqueren Sicht rechter Gewalttäter auch Obdachlose angesehen, die mit Plastiktüten durch Großstädte ziehen, in Mülltonnen nach Eßbarem wühlen und sich abends einen Schlafplatz unter Brücken oder in den beheizten Eingängen von Kaufhäusern suchen.

Seit dem Frühjahr kamen sechs dieser Gestrauchelten, im Amtsdeutsch »Wohnsitzlose«, als Opfer rechtsradikaler Gewalt um.

Im März wirft ein Skinhead den wohnungslosen Ingo Finnern, 31, in Flensburg ins Hafenbecken, der Mann ertrinkt. Am 1. Juli wird im brandenburgischen Neuruppin der Obdachlose Emil Wendland, 50, von einem Skin erstochen. Durch Messerstiche stirbt, am 1. August, auch Klaus Dieter Klein, 49, im rheinland-pfälzischen Bad Breisig; der Obdachlose Frank Bönisch, 35, wird, am 24. August, in Koblenz erschossen.

Die Gewalteskalation von rechts hat auch die Gewaltbereitschaft linksradikaler Autonomer neu angefacht. Die Militanten, die schon immer »diesen Scheißstaat brennen« sehen wollten, haben endlich Gegner, die in ihr Feindbild passen.

In der rechten wie in der linken Szene kursieren regelrechte Steckbriefe von Feinden, wird zu Mord und Totschlag aufgerufen. »Das geht bald los«, prophezeit ein hessischer Verfassungsschützer, »da schaukelt sich was auf.« Schon jetzt vergeht _(* Am Montag letzter Woche in Mölln. ) kaum eine Woche, ohne daß sich linke Kids und junge Skins Straßenschlachten liefern. Eckart Werthebach, Präsident des Bundesamtes für den Verfassungsschutz, sieht schon »Parallelen zu Weimar« (siehe Kasten Seite 18).

Was der Republik droht, zeigte sich beim gewaltsamen Tod des Berliner Hausbesetzers Silvio Meier, 27. Der Druckereiarbeiter, in der DDR-Zeit als Bürgerrechtler aktiv, hatte sich wegen eines schwarzrotgoldenen Aufnähers auf eine Rangelei mit rechten Hooligans eingelassen. Dabei stachen zwei der Hooligans, 16 und 17, Meier mit ihren Messern nieder; das Opfer verblutete, zwei seiner Begleiter wurden verletzt.

Hilflose Versuche der Berliner Polizei, das Verbrechen zunächst mit dem Hinweis zu bagatellisieren, es gebe keine Anzeichen für einen politischen Hintergrund, verstärkten bei in- und ausländischen Beobachtern den Eindruck, die deutsche Polizei sei auf dem rechten Auge blind - ein Vorwurf, der immer wieder erhoben wird, seit Uniformierte in Rostock-Lichtenhagen, in Quedlinburg und anderswo vor dem rechten Mob davonliefen oder, wie bereits 1990 in Eberswalde, tatenlos zuguckten, als der Angolaner Antonio Amadeu von Skinheads totgetreten wurde.

Der Vergleich mit dem angeblich ungleich effektiveren Polizeieinsatz bei der Bekämpfung des linken Terrors hinkt allerdings. Denn während die RAF nur eine begrenzte Zahl hochrangiger Politiker und Wirtschaftsführer im Visier hatte, sind jetzt viele Millionen bedroht. »Ich kann doch nicht vor jedes Wohnhaus, in dem ein Ausländer lebt, einen Polizisten stellen«, klagt Berlins Innen-Staatssekretär Armin Jäger (CDU).

Wohl nicht. Denn die Wurzeln für Fremdenhaß und Gewalt liegen tiefer: Seit die zunächst bejubelte Einheit teurer als erwartet geworden ist, haben die Deutschen den Konsens darüber verloren, was sie zusammenhält. Das politische System sei nicht durch einige Sekten am äußersten rechten Rand gefährdet, behauptet der Extremismus-Experte Eberhard Seidel-Pielen, sondern »durch den Kern der Gesellschaft«. Die Deutschen seien unfähig, mit den augenblicklichen ökonomischen, sozialen und politischen Unsicherheiten demokratisch-selbstbewußt umzugehen.

Vor allem die Politiker haben bis heute die doppelte Herausforderung der deutschen Einheit und des ins Land drängenden Stroms von Fremden nicht begriffen. Bonn treibt business as usual.

Daß der Staat nicht vor den Rechten kapitulieren muß, demonstriert der Freistaat Sachsen. Dort wurde eine »Sonderkommission Rechtsextremismus« (Soko Rex) gegründet, die mit Beschlagnahme von Propagandamaterial, Hausdurchsuchungen und Festnahmen die Szene tief verunsichert hat. Seit einer Großrazzia, bei der Mitte September 47 Rechtsradikale verhaftet wurden, ist in Sachsen die Zahl der Brandanschläge auf Asylbewerberheime um zwei Drittel zurückgegangen.

Das ist, im Deutschland des Jahres 1992, ein außergewöhnlicher Erfolg.

* Am 2. September nach einem Brandanschlag auf eineAsylantenunterkunft.* Oben: Am 24. August bringt ein Feuerwehrmann nach dem Angriff aufein Vietnamesen-Wohnheim einen Bewohner in Sicherheit; unten: imNovember 1991.* Von Rechtsradikalen niedergeschlagener Vietnamese im Juni 1990 aufdem Alexanderplatz.* Oben: im württembergischen Vaihingen; unten: beimSelbstverteidigungstraining in Berlin.* Sanitäter bergen am 24. August in Koblenz die Leiche von FrankBönisch.* Am Montag letzter Woche in Mölln.

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