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Die serbische Tragödie

aus DER SPIEGEL 26/1992

Ja, Bosnien ist ein Land des Hasses«, hat unser großer Schriftsteller und Nobelpreisträger Ivo Andric einmal geschrieben, und diesen prophetischen Satz müssen wir von Bosnien auf das gesamte Jugoslawien übertragen: auf seine staatstragenden wie staatszerstörenden Traditionen. Jugoslawien wurde 1918 von zwei unabhängigen serbischen Staaten gebildet, Serbien und Montenegro, Siegermächten aus dem Ersten Weltkrieg. Das serbische Volk investierte viel in Jugoslawien mit der Überzeugung, es könne seine nationale Frage und seine Vereinigung nur im breiteren südslawischen Rahmen lösen.

Zwei weitere damalige staatstragende Nationen, Kroaten und Slowenen, haben sich ebenfalls freiwillig Jugoslawien angeschlossen, jedoch aus einem fremden und besiegten Staat, Österreich-Ungarn, heraus (dieses gilt auch für die dort lebenden Serben). Im Gegensatz zu den Serben offenbarten viele Kroaten von Anfang an eine fast obsessive Bestrebung nach einem selbständigen Staat, um so mehr, als das erste Jugoslawien ein unitaristisches und kein föderalistisches Gebilde war. Die jüngste Zeit zeigte, daß ähnliche Bestrebungen auch Slowenen, Mazedonier und die slawischen Moslems verfolgten.

Das serbische Volk bildete zweifellos wegen der territorialen Ausweitung und der staatstragenden Rolle objektiv einen »Störfaktor« (ein kroatisch-antiserbisches Syntagma) für die Bestrebungen, Jugoslawien zu zerschlagen, um statt dessen unabhängige ethnische Staaten zu bilden.

Wegen des allgemeinen Entsetzens über den interreligiös-interethnischen Krieg in Jugoslawien wächst jetzt wieder die Neigung, Titos Herrschaft, unter der nichts Ähnliches passierte, mehr oder weniger positiv zu bewerten. Was ist darüber zu sagen?

Der Titoismus verdient gewiß eine positive Beurteilung hinsichtlich seiner zwei großen Neins, die er setzte - das eine gegen Hitler und das andere gegen Stalin. Dennoch war sein Gesamtkonzept mehr gauklerisch und kurzsichtig als solide und weitreichend. Auch bei der Lösung der nationalen Frage hat der Marschall als Diktator die Probleme unterdrückt und nicht gelöst, hat zudem wichtige Keimlinge der staatlichen Desintegration gelegt.

Sicherlich gilt für keine Politik, daß sie gut ist, wenn sie nicht erfolgreich ist. Nach dem Tode des Marschalls brauchte der Titoismus nur zehn Jahre, um als Ideologie, als Staatssystem, mit seiner Innen- und Außenpolitik zu Bruch zu gehen. Titos Platz in der Geschichte wäre um ein vielfaches günstiger, hätte er früher die Herrschaft aufgegeben. Oder wäre er wesentlich früher gestorben. Geherrscht hat er aber bis ins höchste Alter, und er hinterließ drittklassigen Politikern Top-Probleme zur Lösung.

Doch seien wir auch Tito gegenüber gerecht. Übersehen wir nicht die überraschenden und radikalen Veränderungen in der internationalen Umgebung Jugoslawiens. Seinerzeit hat die Komintern (und auch Tito in ihrem Dienst) alle möglichen Nationalismen und Separatismen - sogar jene mit faschistischer Provenienz - genutzt mit der Absicht, kapitalistische Staaten, unter ihnen auch Jugoslawien, zu zerstören. Der Kapitalismus hat diese Waffe gegen den Kommunismus gedreht. Er hat die Nationalismen und Separatismus-Bestrebungen in der UdSSR sowie den antisowjetischen Patriotismus in Osteuropa für die Zerstörung des Kommunismus erfolgreich ausgenutzt.

Zu Zeiten der Bipolarität war der Westen an einem einheitlichen und starken Jugoslawien interessiert. Das änderte sich, als die UdSSR schwächer wurde und sich zu zersetzen begann. Bei der Entscheidung, Jugoslawiens Zerstückelung zu unterstützen, verstrickte der Westen sich in Widersprüche: Einerseits unterstützte er die Sezession und berief sich auf das Recht der Nationen auf Selbstbestimmung; andererseits aber beharrte er auf der Erhaltung der bestehenden Binnengrenzen Jugoslawiens.

Dieser Widerspruch wurde dann jedoch de facto »gelöst«, indem das Recht auf Selbstbestimmung nur den bestehenden Territorien - Republiken als Einheiten - zuerkannt wurde. Das mochte Slowenen, Kroaten, slawische Moslems und Mazedonier zufriedenstellen, nicht aber auch die Serben. Es ist doch schon ziemlich absurd, die Änderung der Staatsgrenzen Jugoslawiens zu akzeptieren, aber gleichzeitig um jeden Preis auf den Binnengrenzen zu bestehen.

Statt aus dem Krieg zwischen Serben und Kroaten die Lehre zu ziehen und in Bosnien-Herzegowina äußerst vorsichtig zu sein, wurde auch diese Sezession übereilt anerkannt. Obwohl die Führer der slawischen Moslems in Bosnien-Herzegowina einem Referendum der Bürger des restlichen Jugoslawien über sein Schicksal nicht zustimmen wollten, um nach der Abspaltung Sloweniens und Kroatiens von den Serben nicht überstimmt zu werden, haben sie selbst in ihrem Referendum gegen den Willen der Serben beschlossen, sich von Jugoslawien abzuspalten. Der Westen stimmte dem zu.

Das war eine Torheit. Es gab genügend Warnungen, Bosnien-Herzegowina als unabhängigen und souveränen Staat anzuerkennen, ehe nicht unter westlichem Druck alle drei konstitutiven Völker (slawische Moslems, Serben und Kroaten) eine Übereinkunft über die Kantonisierung erzielt haben. Denn andernfalls mußte ein interethnischer Krieg provoziert werden, weil slawische Moslems die Anerkennung als stillschweigende Akzeptanz einer unitaristischen Ordnung Bosnien-Herzegowinas deuten und die Serben zu den Waffen greifen würden in der Angst um ihr Recht auf Selbstbestimmung.

Letztlich fordert der Westen vom serbischen Volk, in Kroatien und Bosnien-Herzegowina praktisch auf das Recht der Selbstbestimmung aus pragmatischen Gründen zu verzichten. Eine Änderung der Binnengrenzen Jugoslawiens könnte nämlich einen gefährlichen Präzedenzfall bedeuten - mit womöglich apokalyptischen Folgen in der ehemaligen Sowjetunion. Auch wenn dem so wäre, dann sollte Serbien nicht bestraft, vielmehr freundlich überzeugt werden, daß es dieses Opfer leisten muß.

Erstaunen muß schon, daß ausgerechnet in Deutschland, Österreich und Italien eine so rüde antiserbische Hysterie zu spüren ist, obwohl doch im Zweiten Weltkrieg das nazistische Deutschland, das nazistische Österreich und das faschistische Italien mitverantwortlich für den Völkermord an Serben im Unabhängigen Staat Kroatien unter dem Ustascha-Führer Pavelic waren. Hat man denn schon vergessen, daß sich dieser Unabhängige Staat Kroatien auch nach Bosnien-Herzegowina erstreckte und zahlreiche moslemische Ustaschas am Völkermord an Serben beteiligt waren? Natürlich dürfen auch die rachsüchtigen Verbrechen einiger serbischer Tschetnik-Einheiten an der unschuldigen moslemischen Zivilbevölkerung zu jener Zeit nicht unterschlagen werden.

Ganz offenbar will der Westen durch die Bestrafung Serbiens und Montenegros eine Änderung der dortigen Regime erwirken. Die ehemalige Jugoslawische Volksarmee soll gezwungen werden, sich vollständig aus Bosnien-Herzegowina zurückzuziehen oder wenigstens ihre Entwaffnung hinzunehmen. Unter fünf bis sechs etwa gleich starken Kleinstaaten, so das Kalkül, wird es dann schon keine Kriege geben. Erneut droht der Westen sich in gefährlichen Irrtümern zu verstricken.

Auch neue Regierungen in Serbien und Montenegro werden sich nicht lange halten können, sollten sie gezwungen werden, die Obhut für Millionen Serben in den abgespaltenen Staaten aufzugeben.

Zuwenig beachtet wurde bislang, daß es in diesem Krieg von Anfang an auch um die Kontrolle der Jugoslawischen Volksarmee ging. Die stellte einen selbständigen Faktor dar und führte als solcher einen Krieg für den Erhalt der eigenen Existenz und die ihrer Angehörigen.

Die Führungen Sloweniens, Kroatiens und der slawischen Moslems suchten an möglichst viele Waffen des abziehenden Militärs zu kommen und die vertriebene restliche Jugoslawische Volksarmee noch kleiner und schwächer _(* Bei Nova Kasaba Ende Mai. ) zu machen. Bezeichnenderweise kam es in Mazedonien aber zu keinem Konflikt, weil dort der Armee der friedliche Abzug gestattet wurde.

Wie kommt es überdies, daß der Westen volles Verständnis für einen mehrjährigen stufenweisen Rückzug der Sowjettruppen aus Ostdeutschland aufbringt, von der Jugoslawischen Volksarmee aber gleichzeitig fordert, sich im Handumdrehen aus Bosnien-Herzegowina zurückzuziehen?

Gewiß ist auch der zeitweise unverantwortliche und übermäßige Einsatz der Jugoslawischen Volksarmee in Kroatien und Bosnien-Herzegowina zu kritisieren. Nur: Auf welcher Grundlage wird eigentlich von serbischen Offizieren und Soldaten, die in Bosnien-Herzegowina geboren wurden und seine Staatsbürger sind, verlangt, aus ihrem Vaterland nach Serbien und Montenegro abzuziehen? Oder sich entwaffnen zu lassen, bevor dies slawische Moslems und Kroaten getan haben?

Es ist einfach unverständlich, daß ausgerechnet das serbische Volk, das einen fürchterlichen Völkermord erlebt hat, sich wegen übergreifender Interessen jetzt aufopfern und in Selbstverzicht üben soll. Hat denn ein Volk mit diesem Schicksal nicht eher verdient, einen Sonderstatus und besondere Garantien der internationalen Gemeinschaft zu genießen?

Es ist ein großer Fehlschluß zu glauben, die jugoslawische Krise und ein potentieller Balkankonflikt könnten befriedet werden, ohne auch die serbische nationale Frage einigermaßen gerecht zu lösen. *VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Svetozar Stojanovic *

machte in den siebziger Jahren in Jugoslawien Furore mit seiner auf Marschall Tito zielenden Theorie vom »charismatischen Führer«, der Krisen bewußt schafft, um dann selbst als Retter auftreten zu können. Der 1931 in Serbien geborene Soziologe und Philosoph gehörte zu den profiliertesten Köpfen der kritisch-marxistischen »Praxis«-Gruppe. Heute macht Stojanovic Front gegen den Nationalbolschewismus des Großserben-Führers Milosevic, er attackiert aber auch das angebliche Unverständnis des Westens für die nationale Selbstverwirklichung des Serbentums. Der Schriftsteller Dobrica Cosic, soeben gewählter Präsident von Rumpf-Jugoslawien, ernannte Stojanovic zu seinem persönlichen Berater.

Von Serben ermordete Moslems in Bosnien*: »Zeitweise unverantwortlicher und übermäßiger Einsatz«

* Bei Nova Kasaba Ende Mai.

Svetozar Stojanovic
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