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»Die Seuche wird kommen«

Wie sich deutsche Behörden auf den Ausbruch von MKS vorbereiten.
aus DER SPIEGEL 12/2001

Zu den ersten Opfern der Seuche gehörten die Gymnasiasten der 10a im bayerischen Aichach. Ihre Fahrt ins französische Mayenne, wo vergangenen Mittwoch die Maul- und Klauenseuche (MKS) ausbrach, fiel aus. Denn das Virus, warnt der Bauernverband, kann »in jeder Hosentasche« eingeschleppt werden.

Abgesagte Schulausflüge, Auto-Schlangen an den Grenzen, ein geschlossener Zoo in Karlsruhe: Noch steht Deutschland nur am Rand eines Ausnahmezustands, doch dass die Seuche, die bereits den Ärmelkanal übersprungen hat, am Rhein Halt macht, glaubt kaum jemand. Der niedersächsische Landwirtschaftsminister Uwe Bartels sagt nüchtern: »Die Frage ist nicht mehr, ob die Seuche kommt, sondern nur noch wann.«

Mehrere hundert Kilometer, so die Vermutung, fliegt das Picornavirus mit Vögeln und Winden, es bleibt in Milch und Fleisch monatelang infektiös. Veterinäre rechnen deshalb mit einem Horrorszenario, bayerische Viehzüchter angesichts brennender Kadaverhaufen in England mit infernalischen Szenen: »Dann werden wir nur noch lachen über BSE.«

Vermutlich trügt die Ahnung nicht. Auf der Insel hat sich die Seuche explosionsartig ausgebreitet. Bartels meint: »Es kann sein, dass dort kein einziges Klauentier überlebt.«

Auch der Krisenrat des Bundeslandwirtschaftsministeriums sieht die nahende Katastrophe realistisch. »In dicht besiedelten Bereichen ist eine Ausbreitung schwer aufzuhalten«, stellt Verbraucherministerin Renate Künast fest. Sie hat veranlasst, dass Tiertransporte auf ein Minimum reduziert werden. Wie ein Bittgebet klingt ihre Forderung, Menschen sollten keine Bauernhöfe mehr besuchen oder sich wenigstens gründlich desinfizieren. Doch in den Stuben der Veterinärämter rüstet man sich schon für den Tag X, stapelt Kisten mit Desinfektionsmitteln und Schutzanzügen. Urlaubssperren werden verhängt, Notfallpläne durchgespielt.

Der Bundesmaßnahmenkatalog für Tierseuchen regelt den Einsatz. Demnach lassen Veterinäre in einem MKS-Betrieb alle Tiere keulen, außerdem in einer Drei-Kilometer-Zone auch das Klauenvieh auf jenen Nachbarhöfen, die Kontakt zum Seuchenherd hatten. Die Polizei sperrt Straßen, Tiertransporte sind untersagt, Nachbarn, die zur Arbeit müssen, werden durch Desinfektionsbecken geschleust, Schulen können geschlossen werden.

Künast hält auch Notimpfungen für sinnvoll, um das Virus schnell zu stoppen - die Nebenwirkungen könnten aber katastrophal sein: Bis Freitag verriet die EU-Kommission nicht, ob sie dann ganz Deutschland oder nur die betroffene Region mit einem Exportverbot für Klauentiere belegen würde. Bislang blieb Brüssel hart: Noch vergangenen Mittwoch ließ die Kommission durchblicken, selbst das Impfen von Zootieren werde zu umfassenden Handelsbeschränkungen führen. Deutschland würde dann den Status »MKS-frei ohne Impfung« verlieren.

Doch ob mit oder ohne Notimpfung - die Seuche ist unberechenbar, das zeigen länderübergreifende MKS-Übungen. Die Bayern wählten dabei bequemerweise gemeinsam mit Baden-Württemberg und Tirol eine abgelegene Alpe im Allgäu als Seuchenherd.

In der niedersächsischen Grafschaft Bentheim erfuhren die Behörden 1999 in einem realistischeren Planspiel, wie schwer es ist, das Virus in einem Zentrum der Landwirtschaft abzuschotten. Nach simuliertem Seuchenausbruch wurden alle Kontaktwege des betroffenen Hofes 14 Tage zurückverfolgt. Ergebnis: Der Lkw der Tierkörperbeseitigung hatte in dieser Zeit noch 54 weitere Höfe angefahren, der Besamungstechniker 8, der Milchwagen 17. Die Familie besuchte Freunde auf Nachbarhöfen, der Azubi Betriebe in den Niederlanden.

Wer wann das Virus wohin geschleppt hat, ließe sich also kaum feststellen. Hinzu kommt die Übertragung durch Mäuse und Ratten. In Nordrhein-Westfalen überlegt man, in der MKS-Zone Wild abzuschießen.

Am Ende wird Personal fehlen. Die Polizei, so wird in Nordrhein-Westfalen befürchtet, wird für MKS-Kontrollen benötigt. Landwirtschaftsministerin Bärbel Höhn hatte deshalb gefordert, die Verschiebung des geplanten Castor-Transports nach Gorleben zu prüfen. Nun erwägt auch Künast, den Castor-Zug zumindest umzuleiten: »Sollte feststehen, dass die Behälter das Seuchengebiet bei Mayenne durchqueren, dann würde gelten, dass er nicht nach Deutschland darf.« CONNY NEUMANN

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