Zur Ausgabe
Artikel 36 / 70

Die siebziger Jahre

Nichts wird in den achtziger Jahren so sein wie in den siebziger -- nichts. Helmut Schmidt
aus DER SPIEGEL 52/1979

Der Bundeskanzler sprach es, kürzlich, vor deutschen Arbeitgebern. Es kennzeichnet die Stimmung am Ende des Jahrzehnts, daß man dieses Schmidt-Wort eher pessimistisch als hoffnungsfroh versteht.

In den Siebzigern wurden den westlichen Industriegesellschaften Grenzen des Wachstums und der Sicherheit aufgezeigt, ungeahnte Anfälligkeiten ihres Wohlstands und Friedens. Sie lernten die ölwaffe und die Ölpest fürchten, den Energiemangel und die Umweltzerstörung, Terroristen und Schnelle Brüter, Hijacking und Harrisburg.

Mit Optimismus in die Achtziger zu gehen, fällt schwer. Fortschrittsunglauben auch auf der Linken. Von Abrüstung keine Spur. Und der Welt gefährlichstes Gelände seit mehr als einem Jahrzehnt, Nah- und Mittel-Ost, wo das Öl fließt und der Islam fiebert, ist alles andere als friedensreif. Die frühen siebziger Jahre erweckten Hoffnungen, ihr Hauptwort heißt Entspannung. Die Ostpolitik der Bonner sozialliberalen Koalition erlebte ihren Durchbruch: Moskauer und Warschauer Vertrag, Berlin-Abkommen, deutsch-deutscher Grundvertrag. Honecker löste Ulbricht ab. Amerika arrangierte sich mit China und zog sich aus Vietnam zurück. Amerikaner und Sowjets verhandelten und vereinbarten Rüstungsbeschränkungen. Innerhalb des »sozialistischen Lagers« freilich wurde eine besondere Entspannungsbeschränkung notwendig: Unterdrückung und Exodus der Dissidenten. In Südostasien wird weitergekämpft: Kommunisten gegen Kommunisten. Und am Ende des Jahrzehnts bezeichnet ein anderes, weniger schön klingendes Wort die Ost-West-Lage: Nachrüstung.

Das Jahrzehnt wurde markiert von gesellschaftlichen Emanzipationsbewegungen. Während die Studentenrevolte vom Ende der sechziger Jahre zerlief und erlahmte, kam »Women"s Lib« in Fahrt. Homosexuelle formierten sich zu öffentlich-offensiver Interessenvertretung. Doch in den Siebzigern schlug auch Revolte in Resignation, Aufklärung in Irrationalismus um. Vom Aufstand gegen das »System« zum Ausstieg aus dem way of life der Wettbewerbsgesellschaft. Flucht aus Zwang und Kälte, Sinnleere und Aussichtslosigkeit in Drogen und Sekten -- und massenhaft in den Tod.

Die siebziger Jahre -- ein Jahrzehnt, in dem sogenannte Wunder der Technik nur noch wenig bewundert, mehr schon mit Mißtrauen und Sorge betrachtet wurden, in dem Wissenschaft oft eher Verdacht als Vertrauen erweckte, die Menschen manchen Fortschritt nur noch als weiteren Schritt fort vom Menschen empfanden.

Die Techniker des Atoms wurden zu Furchterregern wie die Pioniere der Gen-Technologie: Angst vor dem GAU, dem Größten Anzunehmenden Unfall, Grusel vor der Manipulation am Erbgut. Der Wissenschaftler als Risikofaktor, das Expertentum als Glaubwürdigkeitsproblem.

Warum muß man in drei Stunden von Europa nach Amerika kommen? Was haben wir am Saturn zu suchen? Ist Fitness gleich Gesundheit und jede Liberalisierung auch eine Befreiung? Nicht alles, was machbar ist, sollte gemacht werden -- auch dies ein Kanzlerwort 1979.

Zur Ausgabe
Artikel 36 / 70
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.