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»Die sind total bescheuert«

Hochstimmung beim Hochwasser am Rhein *
aus DER SPIEGEL 14/1988

Raketen zischten in den Nachthimmel, Schampusflaschen wurden geköpft, Bier floß in Strömen, das Volk sang und prügelte sich um die besten Plätze - es war wie Karneval am Rhein.

In Köln und um Köln herum lungerten die Hochwasser- Voyeure zu Tausenden an den Ufern und feierten, wie die Polizei offiziell im täglichen Bulletin vermeldete, »in Erwartung der Wassermassen regelrechte Hochwasser-Parties«.

Absperrungen wurden von Schaulustigen durchbrochen, auf den Brücken krachten Autos aufeinander, weil die Blicke der Fahrer nur der seegewordenen Flußlandschaft galten und nicht dem Vordermann; aus Hubschraubern mahnten Polizisten über Megaphon zur Weiterfahrt. »Die sind total bescheuert«, klagte ein Hauptkommissar aus der Schimanski-Stadt Duisburg, »für drei Sekunden gestillter Neugierde riskieren die teure Blechschäden.«

Als sich der Pegelstand des Rheins Zentimeter um Zentimeter der Überschwemmungsmarke näherte und das Wasser in die Kölner Altstadt zu schwappen drohte, skandierten Dutzende Zuschauer wie von Sinnen: »Wasser marsch, Wasser marsch!«

Andere johlten vor Begeisterung, sobald die schmutzigbraune Brühe über die Schutzmauer lief. »Ich arbeite hier seit fast 40 Jahren«, wunderte sich ein Kellner, »aber das habe ich noch nie erlebt.«

Aus den hochklappbaren Stahlwänden, die seit der Überschwemmungskatastrophe von 1983 die Rhein-Anrainer vor größeren Schäden bewahren sollen, drehten Hochwasser-Bummler zentimeterlange Schrauben - Souvenirs vom Tatort.

Eine Schulklasse aus Aachen verkürzte den Besuch im Römisch-Germanischen Museum und wanderte geschlossen zum Ufer: »Ist viel geiler hier.« Ein Senioren-Klub hatte eine Bus-Sonderfahrt organisiert, »zum Hochwasser in Köln«.

Zahlreiche Ausflügler zechten die ganze Nacht durch und hofften auf den Durchbruch des Wassers. Zwei Männer schlugen auf einen Beamten ein, der sie beim Niederreißen einer Absperrung ertappt hatte. Einer von beiden, so der Polizeibericht, »leistete erheblichen Widerstand und mußte unter Anlegen von Handfesseln mit vereinten Kräften zur Wache verbracht werden«.

Fliegende Händler kreuzten auf und verkauften den Gaffern, wie am Düsseldorfer Mannesmann-Ufer, Altbier oder, wie in Bonn, Würstchen. In Köln boten sie Kölsch und Korn an, das Gedeck zu 2,50 Mark.

In Speyer erschien am Deich ein Eisverkäufer. Mit dem Auto sei er einfach, so Polizeichef Gerhard Matz, »in den abgesperrten Bereich eingefahren«.

Am Oberlauf des Rheins schickten Schaulustige ihre Hunde auf die Jagd. Die Vierbeiner hetzten aufgescheuchtes Wild in die Fluten, etliche Hasen verendeten im Hochwasser. »Immer wieder«, notierte die Speyerer »Tagespost«, habe »die Polizei mit Lautsprecherdurchsagen den Anordnungen zum Schutz des bedrohten Wildes Geltung verschaffen« müssen.

Das fröhliche Treiben an Deutschlands Schicksalsstrom stieß nicht überall auf Kritik. Im Westdeutschen Rundfunk teilte Kommentator Klaus-Jürgen Haller Millionen Hörern mit, daß es »keine Schande« sei, »die Welt in Augenschein zu nehmen«.

Hallers Empfehlung: »Mitbürger, die ihr wissen wollt, wie die Welt wirklich aussieht, laßt euch nicht irremachen, schaut euch um. Der Voyeurismus fällt einem immer nur bei den anderen auf.«

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