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»Die sind uns immer voraus«

Mit beachtlichem Erfindergeist basteln Gefangene Geräte und Waffen, um auszubrechen.
Von Hans-Jörg Vehlewald
aus DER SPIEGEL 5/1999

Das kleine Einwegfeuerzeug Marke Atomic, das Besuchern im Celler Gefängnis bei Bedarf gereicht wird, trägt die Aufschrift JVA Celle. Nach Taschenleerung und Leibesvisitation bekommen Besucher das Gastgeschenk gereicht. Eigene Feuerzeuge, besonders solche der Marke Bic, müssen sie hingegen im Wertfach einschließen.

Der Grund für die Vorsichtsmaßnahme: Auf der Reibfläche eines jeden Bic-Feuerzeugs klebte ein aufgespulter Draht, dessen rauhe Oberfläche gewöhnlich aus dem Feuerstein Funken schlägt. Findige Knackis entdeckten jedoch eine weitere Möglichkeit, den Metallfaden zu nutzen: Vorsichtig abgespult und mit weiteren Drähten verzwirbelt, lassen sich mit dem unauffälligen Utensil auch Gitterstäbe durchsägen.

»Der Erfindungsreichtum von Häftlingen ist nahezu unerschöpflich«, klagt Franz Hellstern, Vorsitzender des Bundes der Strafvollzugsbediensteten: »Die sind uns immer ein Stück voraus.« Akute Personalnot und chronische Überbelegung der Knäste machten den Strafvollzug immer unsicherer, warnt Hellstern: »Was vielerorts fehlt, ist eine gezielte Schulung, um Gefängnisse und Beamte auf den neuesten Stand der Technik zu bringen.«

Prominentes Beispiel für die Sicherheitsprobleme in vielen Gefängnissen war der Ausbruch des brutalen Entführers Sergej Serow, der im Herbst 1997 den Gastwirtssohn Matthias Hintze in einem Erdloch qualvoll sterben ließ. Im November 1998, nach gut einem Jahr Haft in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Potsdam, knackte Serow das Schloß seiner Zellentür mit einem Plastikdietrich, geschnitzt aus einer WC-Brille, öffnete weitere Türen und Luken der Anstalt und verschwand schließlich über das Dach in die Freiheit.

Wie der Russe ohne einen Abdruck der Originalschlüssel mit Rasierklinge und Nagelfeile einen passenden Nachschlüssel fertigen konnte, ist den Ermittlern bis heute ein Rätsel. Unüblich ist derlei kriminelle Feinarbeit in bundesdeutschen Gefängnissen jedoch nicht.

Was Knackis in langer Haftzeit alles austüfteln, um sich kleine Freiheiten im Knastalltag oder die große Freiheit außerhalb der Gefängnistore zu verschaffen, haben Vollzugsbeamte in Celle und Wolfenbüttel in eigens eingerichteten Asservatenkammern gesammelt. Auffällig dabei: Nachschlüssel sind selten geworden, denn die meisten Knäste verfügen inzwischen über aufwendigste Schließanlagen.

Weit beliebter sind selbstgebaute Stich- und Schußwaffen, die bei Bedarf den Weg nach draußen frei machen sollen. Kunstvollstes Exponat der Wolfenbüttler Sammlung: ein aufwendig geschnitztes Holzkreuz mit unchristlichem Inhalt - einer 30 Zentimeter langen Klinge, die der Häftling in der Anstaltsschlosserei selbst gefertigt hatte.

»Die Fluchtwege werden immer weniger, also versuchen es die Gefangenen mit Geiselnahmen«, sagt Rüdiger Wohlgemuth, Leiter der JVA Celle. Eine der spektakulärsten fand im Oktober 1991 im Celler Knast statt: Vier Männer banden mehreren Aufsehern Halskrausen aus den Alu-Bechern von Teelichten um, die sie zuvor mit Streichholzköpfen gefüllt und mit Knetmasse abgedichtet hatten. Als Zünder dienten Batterien aus den Radios in ihren Zellen und der Draht einer Taschenlampenbirne. Zwischengeschaltet hatten die Ausbrecher als Schalter eine Wäscheklammer mit zwei Kontakten aus Reißzwecken.

Hätte einer der Beamten die Klammer losgelassen, wäre der Kontakt geschlossen und die Halskrause gezündet worden. Die Täter erpreßten mit der Konstruktion den Weg in die Freiheit, wurden aber zwei Tage später wieder gefaßt.

»Kriminalexperten haben die Wirkung der Bombe später getestet«, berichtet Hans-Dieter Klemmstein, Vollzugsbeamter in Celle: »Dem hätte es glatt den Kopf weggerissen.« Seitdem stehen Streichhölzer in fast allen bundesdeutschen Anstalten auf dem Index.

Das Verbot hat freilich noch einen anderen Grund: Die Schwefelköpfe können auch als Treibsatz für Schußwaffen Marke Eigenbau verwendet werden. So hatten Häftlinge in Celle bereits zuvor aus Metallrohren ihrer Zellenbetten Pistolen gebastelt. Im Lauf der Waffen steckten neben den Streichholzköpfen Bleikugeln aus Gardinenbändern. Als Zünder dienten ebenfalls Batterien samt Glühdraht.

Die Schußkraft der Konstruktionen, so ein Beamter, sei »vergleichbar mit einer Pumpgun«. Bei einem Test schossen Kriminaltechniker zum eigenen Erstaunen ein handtellergroßes Loch ins Stahlblech einer Autotür.

Selbst Gefängnisküchen können ein Sicherheitsrisiko sein - zumindest wenn Häftlinge dort Mandelaroma und Pökelsalz abgreifen können: Eine fachgerechte Mischung der harmlosen Küchenzutaten hat ähnliche Sprengkraft wie TNT.

In Baden-Württemberg unterhält das Justizministerium seit Jahren eine Sicherungsgruppe, um die Indexliste auf aktuellem Stand zu halten. Die zwölfköpfige Truppe besteht aus ehemaligen Vollzugsbeamten mit Zusatzausbildungen als Tischler, Schlosser und Fernmeldetechniker. Sie spüren jedem neuen Knacki-Trick hinterher.

Die Gruppe verfügt über eine eigene Musterzelle mit Dutzenden von Verstecken für Drogen, Waffen und andere Utensilien, wie sie von Gefangenen irgendwann erdacht oder benutzt worden sind. So wurden unter Holzfußböden schon ganze Schnapsbrennanlagen getarnt, und Drogen landen auch mal zwischen Papier- und Fotoschicht von Polaroidbildern.

Die meiste Phantasie brauchen Kontrollbeamte allerdings, um Ausbruchswerkzeuge zu sehen, die gar nicht erst versteckt werden. Beliebt sind bei Gefangenen etwa Kerzenständer aus Eisen, die sie in der Schlosserei als angebliche Fleißarbeit herstellen - und die sich schon des öfteren als Wurfanker beim Abseilen über die Gefängnismauer bewährt haben.

Mitunter lohnt es sich auch, wenn Beamte die eigenen Diensträume filzen. So plazierte ein Gefangener in Wolfenbüttel eine selbstgebaute Wanze in der Wachstube seines Zellentrakts. Die Apparatur, gebastelt aus Radioteilen und getarnt als Steckdose, lieferte dem gelernten Fernmeldetechniker Hinweise auf den Zeitpunkt der nächsten Zellenkontrolle.

»Die größte Sorge allerdings bereiten uns derzeit die Handys in den Gefängnissen«, klagt Rüdiger Rehring, Leiter der JVA Bruchsal: »Die Dinger werden immer kleiner.« Beim Besuch in der JVA Mannheim erwischten Wärter vor kurzem sogar eine Frau, die ein Handy, verborgen in ihrer Scheide, einschmuggeln wollte.

Einziger Trost für die Experten der Justiz: Die meisten Flüchtigen werden kurz nach ihrem Ausbruch wieder eingefangen. »Fast alle«, weiß der Celler Vollzugsbeamte Klemmstein, »wollen bei der Familie nach dem Rechten sehen.« Und da werden sie in der Regel geschnappt.

Einen Geschwindigkeitsrekord bei der Rückkehr in die Zelle dürfte ein Ausbrecher in Celle aufgestellt haben. Vor zwei Jahren türmte er mit einem Gehilfen über die Mauer des Gefängnisses nahe der Innenstadt. Kaum in der City angekommen, wurde er durch Zufall von Polizisten kontrolliert. Als Wohnadresse gab er arglos »Trift 14« an.

Die Anschrift war den Beamten gut bekannt. Es ist die Adresse der JVA Celle. HANS-JÖRG VEHLEWALD

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