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Zaire Die Sintflut kommt

Die Ebola-Seuche trifft ein verzweifeltes Land. Doch wie alle Katastrophen in Zaire nützt auch diese Diktator Mobutu.
aus DER SPIEGEL 21/1995

Kinshasas größter Möbelhersteller hat den Betrieb umgestellt - er baut nur noch Särge. Anders als Schränke oder Tische würden die sich verkaufen, sagt der belgische Besitzer. Er offeriert zum Sarg gegen Extragebühr ein Grabkreuz und den Transport des Verstorbenen zum Friedhof - seine Firma setzt jetzt ganz auf das Geschäft mit dem Tod.

Im afrikanischen Katastrophenstaat Zaire sterben Menschen wie die Fliegen: an Unterernährung, Malaria, Tuberkulose, Schlafkrankheit, Aids, Verletzungen infolge von Gewalttaten. Nun ist zu diesen Todesursachen eine neue hinzugekommen: die Ebola-Seuche.

In der vergangenen Woche war das zuerst in der Stadt Kikwit festgestellte Killervirus an weiteren Orten aufgetreten. In Panik versuchten Menschen aus Quarantänezonen zu entkommen. Gesundheitsbeamte in Kinshasa fingen nach einer dramatischen Jagd eine Krankenschwester und einen Binnenschiffer wieder ein, die aus der Isolierstation eines Hospitals getürmt waren. »Rührt keine Verstorbenen an«, warnen Plakate die Menschen, die gewohnt sind, ihre Toten rituell zu waschen.

Das Ebola-Fieber fordert immer neue Opfer. Bis Freitag abend meldete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 89 Todesfälle. WHO-Experten vor Ort erwarten, daß die Zahl der Infizierten noch einmal dramatisch ansteigen wird. Denn Ebola-Kranke leben zu Hause nicht - wie ursprünglich angenommen - mit zwei Angehörigen in einem Raum, sondern mit fünf bis zehn Personen.

An der Fernstraße zwischen Kikwit und Kinshasa stauten sich während der letzten Woche bei der Ortschaft Mongata Hunderte von Lastkraftwagen mit über 3000 Menschen. Die Armee stoppte 150 Kilometer vor der Hauptstadt alle Reisenden. Männer, Frauen und Kinder haben sich zu beiden Seiten der Straße niedergelassen und kampieren dort, denn kaum jemand will zurück in die Seuchenregion.

Die so entstehenden Lager ohne Wasserversorgung und sanitäre Anlagen bilden einen neuen Gefahrenherd. »Wo sind die Einrichtungen, um 3000 Menschen unter Quarantäne zu stellen«, fragte empört WHO-Regionaldirektor Deo Barakamfitiye. In Kikwit durchkämmt ein inzwischen stadtbekannter orangefarbener Lkw die Straßen, um Leichen einzusammeln. Er bringt die Toten zu einer neuen Begräbnisstelle in der Nähe des Flughafens. Die Menschen sind verzweifelt.

Da wollte Präsident Mobutu Sese Seko, 64, seine »Solidarität mit dem Volk zeigen«. Doch einen Flug ins Krankheitszentrum Kikwit unterließ er schließlich, angeblich auf Anraten seiner Ärzte. Immerhin war der zairische Diktator angesichts der Ebola-Krise zum erstenmal seit neun Monaten aus seinem 1600 Kilometer entfernten Heimatort Gbadolite wieder in die Hauptstadt gekommen.

Mobutu residiert in seiner Herkunftsregion in einer Luxus-Enklave, die Besucher »Versailles im Busch« tauften. In Kinshasa lebt der Präsident an Bord eines gutbewachten Schiffes auf dem Zaire-Fluß; unters Volk getraut er sich nur noch selten. Aus gutem Grund: In fast 30 Jahren an der Macht hat Mobutu ein Privatvermögen von etwa fünf Milliarden Dollar zusammengerafft und überwiegend außer Landes angelegt: in Schweizer Schlössern, in Grundbesitz an der Cote d'Azur. Mobutus Zaire ist eine Kleptokratie; der »Guide« (Führer) zählt zu den reichsten Männern der Welt, sein Volk zu den ärmsten.

Zaire - siebenmal so groß wie Deutschland, 39 Millionen Einwohner - ist mit zehn Milliarden Dollar im Ausland verschuldet, obwohl es über weltweit gefragte Edelmetalle, fruchtbaren Boden und wertvolle Waldbestände verfügt. Aber statt zu blühen, versinkt der potentiell reichste Staat des Schwarzen Kontinents in Elend, Chaos und Gewalt. Plantagen und Fabriken arbeiten nicht mehr. Menschen hungern; Schulen sind geschlossen; Krankenhäuser machen dicht, weil Medikamente fehlen.

Zaire hat seit drei Jahren keinen Regierungshaushalt verabschiedet. Weltbank und Internationaler Währungsfonds haben sich aus dem Land zurückgezogen. Das Mobutu-Regime finanziert sich über die Notenpresse und illegale Geschäfte. So werden jährlich Diamanten und Gold im Wert von schätzungsweise 400 Millionen Dollar aus dem Land geschmuggelt, deutlich mehr als der legale Export.

Die Bevölkerung pilgert mit Bündeln wertloser Banknoten zu den Märkten; die Inflation erreicht Wahnsinnsraten. Während sich Minister Monatsgehälter von umgerechnet über 20 000 Mark bewilligen, verdient ein Lehrer keine zehn Mark, ein Polizist oder Soldat weniger als acht Mark.

In einigen Landesteilen nennen die Leute die schlecht ernährten Soldaten in ihren abgerissenen Uniformen »Fakire«. Mehrmals haben Armee-Einheiten ganze Ortsteile geplündert und anschließend vor Kasernen in Kinshasa gestohlene Güter zum Kauf angeboten.

Von 145 000 Kilometern Straße zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit von Belgien 1960 ist weniger als ein Zehntel noch befahrbar. Lkw schafften früher die 350 Kilometer von der Hauptstadt zum Atlantikhafen Matadi in fünf Stunden; heute sind sie zuweilen fünf Tage unterwegs. Zaire zerfällt in einzelne Gebiete, die weitgehend voneinander abgeschnitten sind.

So ist Kisangani, Zaires fünftgrößte Stadt, von Kinshasa aus auf dem Landweg nicht mehr zu erreichen, auch Schiffe auf dem Zaire-Fluß kommen kaum noch so weit. Kisanganis Postamt hat geschlossen, Telefonverbindungen sind tot; niemand bedient in der Niederlassung der Staatsbank. Ohne die katholische Kirche gäbe es auch keine offene Schule und kein Krankenhaus mehr.

Doch das von der Hauptstadt weitgehend abgekoppelte Kisangani überlebt, weil es Verbindung zu Nachbarstaaten hält. Aus Uganda und Kenia werden notwendige Waren bezogen. Nahrungsmittel produzieren die Bauern der Umgebung. Anstelle von Zaire-Geld nehmen die Menschen ausländische Währung.

Hinter Zaires Staatszerfall sehen viele eine Absicht Mobutus: Niemand, so das Kalkül des Präsidenten, könne in einem Land die Macht übernehmen, dessen Einheit nur auf dem Papier existiere. Wenn sich aber in einem der Teilgebiete echte Opposition gegen Mobutu formiere, könne der immer seine gefürchtete Eingreiftruppe schicken und den Widerstand brechen.

Für solche Zwecke hält sich Mobutu eine 15 000 Mann starke Division Speciale Presidentielle (DSP). Sie ist, anders als die reguläre Armee, bestens ausgerüstet und wird großzügig bezahlt. DSP-Offiziere rekrutiert der Diktator vorzugsweise aus seinem Ngbandi-Stamm.

Mobutus Selbstbewußtsein grenzt an Größenwahn. »Vor mir war die Anarchie, und nach mir kommt die Sintflut«, sagt er. Der Westen nahm seine Menschenrechtsverletzungen wie seine hemmungslose Bereicherung hin, weil er in Zeiten des Kalten Kriegs Zaire zum »Bollwerk gegen den Kommunismus« ausbaute. Noch US-Präsident Reagan schätzte den Diktator als »Stimme der Vernunft und des guten Willens«. Heute fürchtet die US-Regierung, daß in Zaire ein Bürgerkrieg »wie in Somalia und Liberia zusammengenommen« ausbrechen könnte, mit der Aussicht auf »immense Flüchtlingsströme und die Destabilisierung der gesamten Region«. Und setzt wieder auf ihn.

»Der Demokratisierungsprozeß, das bin ich«, sagt Mobutu und hat auf Washingtons Druck hin den Einparteienstaat abgeschafft. In Zaire wetteifern jetzt mehrere hundert Gruppen um Sympathien bei der Bevölkerung. In diesem Sommer sollen sogar Präsidentschafts- und Parlamentswahlen stattfinden.

Mobutu kann sich demokratische Spielchen leisten. Er ist nach vorübergehender Ächtung international wieder voll im Geschäft. Der Völkermord in Ruanda 1994 machte sein Land zum Frontstaat für Hilfsaktionen: Von Zaire aus konnten die Franzosen ihre Militäroperation »Türkis« zum Schutz von Flüchtlingen starten; in Zaire versorgen die Uno und andere internationale Organisationen über eine Million Vertriebene aus Ruanda und Burundi.

Allein Zaires Lage macht seinen Präsidenten zu einer Schlüsselfigur der afrikanischen Geopolitik. Ohne sein Mitwirken ist Frieden im benachbarten Angola unmöglich. Deswegen und wegen der Krise um Ruanda/Burundi haben in den vergangenen Monaten etliche afrikanische Staatschefs mit Mobutu verhandelt, darunter Südafrikas Nelson Mandela.

Jede Notlage in und um Zaire nützt dem Diktator. Der »Dinosaurier« (Jeune Afrique) ist der einzige Ansprechpartner in dem riesigen Chaos-Staat. Jetzt profitiert Mobutu wohl als einziger auch vom Ebola-Fieber. Y

Die USA fürchten Bürgerkrieg in Zaire

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