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DIE SITUATION IST DA

aus DER SPIEGEL 51/1964

Alles, was die Gemeinde noch von Konrad Adenauer sehen kann, während sie ihr »Tauet, Himmel, den Gerechten, Wolken regnet ihn herab« anstimmt, das ist ein Dürer-Motiv, wie es in den Herrgottswinkeln frommer Bürgerhäuser hängt, nahe den respektvoll eingerahmten Bildern der Abgeschiedenen.

Der Alte kniet zur Linken des Altars in einem kleinen Nebengelaß, das aussieht wie ein behelfsmäßiger Beichtstuhl. Dort steht ein Sessel für ihn mit einer Betbank, auf deren blaßroten Plüsch er im Knien die Arme stützt. Nur seine gefalteten Hände ragen hinein in den Altarraum und vor die Augen der Singenden.

Manchmal halten diese Hände auch ein kleines schwarzes Meßbuch und blättern, hin und wieder leis erbebend, die Texte des Tages darin auf. Oder, wenn der Priester den bußwilligen Betern die konsekrierte Hostie zeigt, dann findet die Rechte des Alten gar den Weg an die eigene Brust und schlägt, wenn schon mit steifen, ungebeugten Fingern, dreimal dagegen: Domine, non sum dignus ...

Jeden Sonntagmorgen von zehn bis um viertel vor elf Uhr kniet Westdeutschlands erster Bundeskanzler hier, in der Kapelle des Rhöndorfer Mütterkurheims, das der Landvolkhochschule Egidius Schneider angeschlossen ist. Rhöndorfs Kirche, in der Konrad Adenauer nicht nur einen besser sichtbaren Platz hat, sondern sogar eigene, ihm von den deutschen Bischöfen zweckgebunden dedizierte Kirchenfenster, wird

nämlich seit bald zwei Jahren renoviert.

Der Alte kommt zu Fuß und allein. Sein Sohn Paul, der Monsignore, der mit ihm im Zennigsweg 8a wohnt, muß meist in Scheuren bei Unkel selber Messe lesen. Und Sohn Georg, der sich ein modernes Flachdach-Haus am Hang unterhalb der väterlichen Villa gebaut hat, geht mit seiner Familie nach Honnef zur Kirche; der Behelfsgottesdienst mit Harmoniumbegleitung im Mütterkurheim entbehrt ihm zu sehr der Feierlichkeit.

Nach der Messe verläßt der Patriarch als letzter die Kapelle. An der modernen, schmiedeeisernen Kommunionbank stützt er sich ab zur halbhohen Kniebeuge. Dann geht er, zwei oder drei Hundertschaften emsig drängelnder Glaubensgeschwister in einigem Abstand vor sich, den Gang zwischen den Bänken entlang; sehr korrekt, sehr herausgehoben; den grauen Homburg noch in der Hand und unter dem Mantel, den er anbehalten hat, einen Stresemann.

So geht er: unablässig im Zielkreuz eines Trommelfeuers deutscher Blicke, die noch immer rückwärts über die Schulter geworfen werden, aber nun nicht mehr mißtrauisch und gehetzt, sondern furchtlos und treu.

Er geht, um es mit dem Volksmund zu sagen, als ob er einen Besenstiel verschluckt hätte. Aber diese Alterssteifheit bleibt nicht im Kreuz stecken, sondern verzweigt sich in die Beine und setzt sich fort in den Schritten. Und damit verliert sie das Klinische; damit wird sie, jedenfalls im Effekt, sozusagen preußisch.

Erweckt dies den Eindruck, als habe der Alte gar nicht aufgehört zu wachsen, so scheint sein Gesicht immer mehr zu schrumpfen. Das wölbungsreiche, zur Stirn hin sich stark verbreiternde Oval, in dem man nach dem Konsensus deutscher Adenauer-Schilderung einen indianischen Grundzug zu erkennen hat, war längst Maske; jetzt wird es Mumie, freilich eine bewegliche.

Die Mundpartie tritt immer deutlicher hervor, und zwar nicht nur Kinn, sondern auch Oberkiefer, während die Lippen immer schmaler werden. Die Augen dagegen mit den schweren Tränensäcken sinken mehr und mehr zurück in die Schattenzone zwischen den hohen Bakkenknochen und der Stirn, auf der die Pigmentverfärbungen inmitten einer beharrlichen, doch indifferenten Bräune immer schärfer umrandete Flecken bilden.

Dieses Gesicht erwarten im Garten des Rhöndorfer Mütterkurheims sechs oder acht bislang schamhaft verborgene Photoapparate. Vielleicht doppelt so viele Autogrammkarten werden in Anschlag gehalten. Aber die fromme Scheu ist noch nicht so recht gewichen. Außerdem schließt sich vor der Kapelle eine Nachbarin dem Pensionär an, mit Handschlag und Neuigkeiten über den Gesundheitszustand eines gemeinsamen Bekannten, den Adenauers Leibärztin, Frau Bebber -Buch, behandelt.

Jenseits des Gartentores, auf dem ungeschotterten Fußweg, der schließlich in die Dr.-Konrad-Adenauer-Straße mündet, werden die Souvenirjäger zahlreicher und kühner. Gibt der Alte gleichmütig ein Autogramm, so sieht er sich im Augenblick umringt und aufgehalten. Und dann erst wird offenbar, daß ein Zivilbewacher ihm gefolgt ist, um in solchen Fällen den Weg wieder frei zu machen und die Autogrammfreunde auf die Wachstube zu Füßen des Adenauer-Hauses zu verweisen, wo der Diensthabende ihre Wünsche entgegennimmt und dann postalisch befriedigt.

Aber nicht wenige in dem halben Hundert Neugieriger säumen einfach deshalb den Heimweg des Alten, weil sie einen lauten Gruß auf ihn abfeuern und dann erleben wollen, wie er mit der gelassenen Höflichkeit eines abgedankten Souveräns den Hut vor ihnen zieht.

Erst auf dem letzten steilen Wegstück, das statt des patrouillierenden Postens aus der aktiven Kanzlerzeit nun ein Holztor ohne Namensschild und Klingelknopf vom Zennigsweg abschließt, ist der Urkanzler wieder allein. Er nimmt die Steigung sehr langsam, aber auch sehr gleichmäßig. Oben erst ficht ihn ein Wanken an und bringt den zähen Rhythmus seiner Schritte durcheinander. Für die 54 Stufen bis zum Hauseingang muß er neuen Anlauf nehmen. Banges Sympathiegemurmel der Zaungäste begleitet diesen Abgang.

Ihre Zahl ist, seit Adenauers Abschied vom Kanzleramt im Oktober 1963, nicht im Fallen, sondern im Steigen. Und nicht nur Europa-Touristen, sondern immer mehr deutsche Menschen machen im Bann der ewig drängenden Frage, warum es denn nur am Rhein so schön sei, zwischen Loreley und Schunkelei ein besinnliches Päuschen am Zennigsweg, derweil die Omnibusse warten.

Hier bildet sich sichtbar und mit erstaunlicher Geschwindigkeit ein populärer Mythos, dessen Wachstum durch die vielen Unbotmäßigkeiten des Alten eher gefördert statt beeinträchtigt worden ist. Der Ärger, den Adenauer macht, erinnert an den Ärger, den man weiland mit ihm hatte, und die Erinnerung wiederum verklärt diesen Ärger ins Anekdotische.

Das biblische Alter, einst Stein des Anstoßes einer überdehnten Kanzlerschaft, ist nur noch Gegenstand schier fassungsloser Bewunderung. Und angesichts des griffschwachen Volkskanzlertums eines Ludwig Erhard tritt die Autoritätskonstante des Alleinherrschers Adenauer retrospektiv desto erhabener hervor.

Von Ruhestand kann denn ja auch keine Rede sein. Die Bedenk- und Einkehrzeit des Zurückgetretenen, in der man ihn verstimmt und verstummt wähnte, dauerte ganze drei Monate. So lange brauchte Adenauer, um der Erkenntnis Herr zu werden, daß seine unmittelbare Wirkmacht tatsächlich, wie er stets vorausgesehen hatte, mit der Stunde des Abschieds aus dem Amt erlosch; daß die subalterne Bonner Bürokratenphilosophie - »Gott ahnt es, der Kanzler weiß es, und uns geht es nichts an« - nur in jähe Abkehr umschlagen konnte; ja daß selbst Hinterbänkler in seiner Gegenwart ihre Zigarren nicht mehr wie früher löschten und das Gesäß nur noch halb vom Ledersitz hoben, wenn er unverhofft an ihre Tische trat.

Doch diese Phase endete mit seinem 88. Geburtstag am 5. Januar 1964. Eine große Gratulationscour in der Godesberger Redoute, bei der von den Spitzenleuten nur Gerhard Schröder fehlte, und das große Tanzmariechen-Turnier um den Konrad-Adenauer-Pokal am gleichen Tag in der Beethovenhalle - das alles nebst vielen Präsenten und Telegrammen mag ihn davon überzeugt haben, daß ihm doch noch etwas zu bestellen bleibe.

Wenige Tage später jedenfalls übte er im Vereinssaal des »Rhöndorfer Hofs« bereits wieder forsche Manöverkritik an einer lokalen Nachfeier mit voraufgegangenem Gottesdienst und Umbenennung einer Quergasse des Zennigswegs in Dr.-Konrad-Adenauer-Straße. »Der Gottesdienst war gut und schön. Nur hätte ich gern zum Ende und zum Anfang den Klang der Kirchenglocken gehört. War das nicht möglich?« Wie er es denn überhaupt bedauerte, »daß der Herr Pfarrer den Weg hierhin nicht gefunden hat«.

Zum Neunzigsten wünschte er sich bei der Gelegenheit gleich eine weitere Umbenennung. »Vielleicht kann man dann den Hügel, auf dem mein Haus steht, Adenauer-Hügel nennen. Denn der heißt jetzt der Faule Berg. Aber, meine Damen und Herren, den Namen hatte der lange, ehe ich dahin zog.«

Die erste politische Attacke ritt er kurz darauf in der Fraktionssitzung vom 21. Januar - gegen Gerhard Schröder, dem er riet, »an die Fragen der europäischen Einigung mit mehr Optimismus heranzugehen«. Die Fraktion staunte. Und als der Alte fortfuhr, wenn man etwas durchsetzen wolle, dann müsse man »über den Graben springen«, rief der Bauer Wilhelm Brese aus Marwede bei Celle dazwischen: »Aber nicht reinfallen!« Adenauer, unwirsch: »Was haben Sie da gesagt?« Brese: »Nicht reinfallen!« Adenauer: »Passen Sie bloß auf, daß Sie nicht in ganz andere Gräben reinfallen!«

Selber reinzufallen, schreckte den Alten nicht mehr. Eher im Gegenteil. Er hatte eine neue Möglichkeit zu wirken entdeckt, eine neue Wertigkeit: das, was die Amerikaner »nuisance value« nennen; die Befähigung des Berühmten

also, so lange unangenehm zu werden, bis man ihm den Stein des Anstoßes zähneknirschend und womöglich wider besseres Wissen aus dem Wege räumt.

Sozusagen als Schießstand hielt Querschütze Adenauer den Parteivorsitz besetzt. Zwar ließ er sich weiterhin nicht im CDU-Hauptquartier in der Nassestraße sehen, wo er überhaupt nur einmal, zu einer Weihnachtsfeier, gewesen ist. Auch hielt er - mit der einzigen Ausnahme einer Zwischenfrage während der Haushaltsdebatte - keine Rede im Parlament. Dafür aber schoß er sich in bis heute rund 15 Interviews auf die beiden Fixpunkte in seinem politischen Visier ein:

- Sein »Lebenswerk«, das deutsch französische Kernbündnis, muß in unserem eigenen Interesse verteidigt werden; auch gegen die Amerikaner. Aber der Schröder tut das nicht.

- Es muß wieder mehr regiert werden; es muß fester zugepackt werden, damit Ordnung und Zufriedenheit einkehren und damit die Wahlen gewonnen werden. Aber der Erhard kann das nicht.

Nach seinem »Bild am Sonntag«-Interview ("Es ist sehr komisch, aber ich meine, ich habe heute mehr Ansehen als vor einem Jahr") hatte der Alte die Partei dann immerhin so weit, daß plötzlich überall die blanken Messer herausfuhren (SPIEGEL 46/1964). Und wieder einmal bewahrte allein der Überlebenswille der vereinigten Vorder- und Hinterbänkler die Union der Christdemokraten samt ihrem Vorsitzenden, der ihr schließlich fast alle ihre Probleme ungelöst vererbt hat, vor dem Schlimmsten.

Konrad Adenauer lebt noch immer gefährlich, wenngleich er die Gefahrenzone jetzt mit der Rot -Kreuz-Flagge am Stander befährt. So erinnert er verzweifelte Parteifreunde manchmal auch an den Mann mit den drei Punkten auf der gelben Armbinde, der etwas außerhalb der Zebrastreifen den Verkehr gefährdet und sich dabei ganz erstaunt fragt, warum wohl plötzlich überall die Bremsen kreischen.

Schaltet man ihm freilich In spätem Gehorsam die Ampel auf Grün, dann schreitet der Alte, selbst in den Augen seiner widersetzlichen Nachkommenschaft, plötzlich wieder wie ein König. Denn so quer er sich auch legen mag, wenn man seinen Adenaullismus schändet, so peinlich bemüht er sich um gute Zensuren und weithin sichtbare Preisverteilung, wenn man ihm bei der Erhaltung seines »Lebenswerks« behilflich ist

Beweist Kanzler Erhard zur Abwechslung einmal, daß er, wie jüngst beim Getreidepreis, richtig erkannt habe, wohin er umzufallen hat, wenn er es seinem Vorgänger recht machen will, dann ist diesem wirklich kein Händedruck zuviel (SPIEGEL 50/1964). Dann ist der pensionierte Censor Germaniae vorübergehend sogar bereit, zu beschließen, daß der Erhard doch noch ein Politiker werde.

Memoiren schreibende Ruheständler leben im allgemeinen nicht so. Tatsächlich hat der Alte monatelang keinen Strich an seinen Erinnerungen getan, sondern bloß Material durchgeforstet. Die Akten aus dem Kanzleramt hilft ihm der Münchner Historiker Buchheim jr. sichten; die Partei muß zum Beispiel sämtliche Lageberichte Adenauers aus den Vorstandssitzungen beibringen; und Anneliese Poppinga, Sekretärin schon in Kanzler-Tagen, besorgt aus Zettelkästen und im Korrespondenzwege den Rest, besser: die Hauptsache.

Aber Bücher schreiben, so weiß auch Kanzler-Sohn Georg, ist »nicht ganz das richtige« für den alten Herrn. Er hat nicht einmal Tagebuch geführt. In einer Dichterklause, alleingelassen mit der historischen Wahrheit, kriegt er wohl bald Zustände. Er sucht den Dialog, diktiert lieber oder läßt sich vorlesen, derzeit zum Beispiel aus den Sammelbänden der amerikanischen »Neuen Zeitung«; oder er benutzt das Tonband, aber nicht so gern.

Richtig angefangen, an den Memoiren zu arbeiten, hat Autor Adenauer erst im Herbst während seines letzten Cadenabbia-Urlaubs, wohin man ihm die Akten per Transporter schickte. Doch dann bekam Anneliese Poppinga, ein empfindsames Mädchen Mitte dreißig, dessen Wirken für Adenauer mit »hingebungsvoll« nur unvollkommen bezeichnet ist, einen Kreislaufkollaps, der sich später in Bonn wiederholte. Jetzt ist sie schon einen Monat, total überarbeitet, in Königstein im Sanatorium und wird dieser Tage zurückerwartet.

Klagt der Witwer Adenauer, der zwei Frauen ins Grab geblickt hat, 1916 der ersten, 1948 der zweiten: »Sie fehlt mir doch sehr. Jetzt muß ich doppelt soviel arbeiten.«

Aber der Alte bleibt nun trotzdem dran. Er hat einen Termin vor Augen, der ihn antreibt und der gar nichts zu tun hat mit den Gezeiten des Buchhandels oder den Ambitionen der beiden Verleger (Hachette, Paris, und Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart). Adenauer hat beschlossen, den ersten Teil seiner Erinnerungen zunächst einfach

wegzulassen und mit dem zweiten Teil zu beginnen: mit der Zeit von 1945 bis 1963. Und dieser Teil soll, in zwei Büchern, deren Blindbände die DVA bereits nach Bonn geschickt hat, auf alle Fälle rechtzeitig zum Wahlkampf auf dem Markt sein.

Ob der Anekdotiker Adenauer dieses umfangreiche, noch unbetitelte Werk ohne Zuhilfenahme der zunächst verschmähten Ghostwriter bis zum Frühjahr schaffen wird, ist nicht ohne Spannung, da alle Indizien darauf deuten, daß er sich gerade erst mit dem Werden der Nachkriegsparteien beschäftigt, und da er mit Müh und Not einen Tag in der Woche zum Schreiben zu Hause bleibt.

Dann sitzt er an seinem alten Schreibtisch aus dem Palais Schaumburg in dem neuneckigen, verglasten

Garten-Pavillon, den ihm Schwiegersohn Multhaupt entworfen hat: Weiter Blick über den Rhein; dazu Intarsienparkett, in neun Segmenten der Mitte zustrebend, zwei Perserbrücken drauf; an den Wänden der Hangseite Bücherschränke für Memoiren-Akten und ringsum Deckenbeleuchtung; winters geheizt,

aber im Sommer, wenn die Sonne auf das Kupferdach brennt, wegen mangelnder Kühlung kaum zu benutzen.

Adenauers übliches Tagesprogramm freilich sieht noch immer anders aus. Gegen sieben Uhr, oft auch früher, hat er ausgeschlafen. Sein Verhältnis zum Schlaf ist längst nicht mehr intim, aber auch nicht ungesund; er benutzt selten Schlafmittel. Mit dem Frühstück wartet er womöglich, bis Sohn Paul von der Frühmesse kommt. Vorher liest er den »Nachrichtenspiegel«, der vom Bundespresseamt herübergebracht wird, und blättert die »Bonner Rundschau« durch.

Der tägliche Morgenspaziergang ist, zum Bedauern der Familie, eine Legende, obwohl Sohn Georg dafür gesorgt hat, daß der Vater bis unmittelbar an den Waldrand gefahren werden kann. Der Alte aber entschuldigt sich immer häufiger mit Zeitmangel und mit dem zutreffenden Umstand, daß derzeit weder seine oberen Luftwege noch seine allgemeine Konstitution irgendwelchen Grund zu akuter Besorgnis geben.

Um halb neun etwa bringt Fahrer Peter Seibert, der mit 61 Jahren rund sieben Jahre älter ist als sein pensionierter Vorgänger Klockner, den Wagen. Es ist Adenauers alter Kanzler-Dreihunderter SU-A 254, den er bei Kilometerstand 43 000 zum Schätzpreis privat erworben hat und den die Partei für ihn auftankt und wartet. Der gewohnte schwarze Polizei-Porsche ist nicht mehr dabei, wohl aber ein Beamter der Sicherungsgruppe Bonn mit dem klangvollen Namen Viola. Der legt dem schutzbefohlenen Geheimnisträger dann eine beige Kamelhaardecke mit aufgenähten Frakturbuchstaben K A auf die Knie und schnallt ihn mit Flugzeuggurten, Marke »Air Associates Inc.«, an.

Die Rheinfähren Königswinter-Mehlem und Niederdollendorf - Bad Godesberg warten auch heute noch, wenn Adenauer kommt. Verständigt werden sie von einem Peterwagen, den die von der Kreispolizei Bonn gestellte Tag-und -Nacht-Besatzung der Adenauer-Wache am Zennigsweg zusätzlich zu den regulären beiden Fahrzeugen ihres Bezirks zur Verfügung hat. Abends, auf dem Heimweg, ruft Viola über Polizeifunk diese Wache an, und dann fährt alsbald der Peterwagen los und bedeutet der jeweils benutzten Fähre mit Hilfe von Blaulicht, daß sie auf der Bonner Rheinseite warten möge, bis der eskortenlose Adenauer-Wagen da ist. Das geschieht selten vor acht Uhr. Die Zwischenzeit verbringt der Alte im Büro 119 des Bundeshauses, genauer: des Bundesratsflügels, an einem Schreibtisch, auf dem nie Akten liegen bleiben. Dafür stehen immer drei Uhren drauf, eine davon mit Stundenschlag, und mindestens ebensoviele Barometer in diversen Ausführungen, plus einem Meßgerät für den »Luft-Index«, mit dem die Wirksamkeit des im Hintergrund am Boden rauschenden Luftbefeuchtungsgeräts kontrolliert wird.

Zur Linken kann Konrad Adenauer jetzt durch die großen Fenster hinunter in den Friseursalon des Bundeshauses sehen oder auch diesseits der Gardinen einen großen, beleuchtbaren Globus betrachten, der aber nie beleuchtet wird. Geradeaus vor sich hat er eine schöne, geschnitzte Madonna, deren Plazierung er lange bedacht und für die er selber einen tiefgrünen Samt als Hintergrund -Draperie ausgesucht hat. Die mächtige, ockerfarbene Sitzgruppe zur Rechten ist von elf Uhr an mit Besuch fast ausgelastet. Häufig hat Konrad Adenauer sechs oder acht Gäste pro Tag. Von der Fraktion kommen regelmäßig Barzel und Rasner, von der Partei Minister Dufhues und Geschäftsführer Kraske. Aus dem Kanzleramt erscheint Manager Westrick als bemühter Mediator. Erhard selber war etwa dreimal hier; jetzt besteht Adenauer darauf, zu ihm ins Palais Schaumburg hinüber zu gehen. Freund Krone ist öfter mal da, und dann holt der Alte gern telephonisch den Dritten im alten Bunde hinzu: Globke.

Durchreisende Notabeln und noch amtierende Gesprächspartner von einst, die eigentlich bloß auf einen Höflichkeitsbesuch vorbeikommen wollten, pflegt der Alte nach Strich und Faden auszufragen. Sie sind seine wichtigsten Informationsquellen, seit er nur noch die dpa-Meldungen, ein rundes Dutzend Tageszeitungen und vier Wochenblätter (darunter den SPIEGEL), aber keine vertraulichen Depeschen mehr bekommt. Hier findet Konrad Adenauer belebenden Zuspruch, aber auch Stoff für jene Interviews, gegen deren Brisanz selbst die kontrollbefugten Pressereferenten von Partei und Fraktion bisher noch keine hundertprozentig wirksame Abwehr gefunden haben.

Neben seinem persönlichen Referenten Josef Selbach, der noch immer im Palais Schaumburg sitzt, beschäftigt der Exkanzler in drei kleinen Vorzimmern mindestens zwei, meistens aber drei junge, taufrische Sekretärinnen unter anderem mit dem täglichen Posteingang von 30 bis 100 Briefen; ein Drittel davon Bittschreiben. Vier Fünftel der Briefe, die er zum Beispiel auf sein Plädoyer für die Todesstrafe bekam, waren Beifallskundgebungen.

Viermal am Tag brutzelt ihm seine gewohnte Köchin, Frau Plata, in einer Kochnische kleine Mahlzeiten: zweites Frühstück, Mittagessen, Tee mit Gebäck und so um sieben oft noch ein wenig Abendbrot. Der Alte bevorzugt Leichtes, vor allem Gemüse und auch Suppen, besonders Sauerampfersuppe. Er ißt am Couchtisch und macht von halb zwei bis halb drei auf dem Besuchersofa ein Nickerchen.

Vor der Heimfahrt läßt er sich im Bedarfsfall aus dem Leitungshahn das in Bonn gebräuchliche Wasser der Wahnbachtalsperre in Milchkannen abfüllen und nimmt es mit nach Hause, weil er das Rhöndorfer Wasser ungenießbar findet und nicht erlaubt, daß Tee oder Kaffee damit gekocht werden.

Politik ist im Zennigsweg in aller Regel kein Thema. Wenn Sohn Paul in seiner Eigenschaft als Leiter des Katholischen Zentralinstituts für Ehe- und Familienfragen auf Reisen ist, erwartet Sohn Georg, telephonisch vorgewarnt, den Vater an der Ecke, geht mit ihm ins Haus und leistet ihm bei Pfefferminztee und familiären Gesprächen noch ein wenig Gesellschaft. Wein gibt es nur zu festlichen Gelegenheiten.

Zur Feier seines Abschieds aus dem Kanzleramt hat Erzvater Adenauer im engeren Familienkreise eine Serie Porträtskizzen verlosen lassen. Sohn Georg, der von Beruf Notar ist, hat die Ziehung leiten müssen. Und erst dann haben die Familienglieder ihre erlosten Präsente untereinander, je nach Geschmack, wieder austauschen dürfen.

Konrad Adenauer geht niemals aus, und es kommen auch keine Freunde. Das Fernsehgerät steht im Vorraum zur Küche und ist eigentlich nur für die Haushälterin da, die Witwe Schlief aus Unkel, und für die beiden langjährigen Dienstmädchen; man kann auch nur das Erste Programm damit empfangen.

Bei einer Edgar-Wallace-Sendung hat der Alte mal ein bißchen zugesehen. Aber sie war ihm dann doch zu modern. Er läßt sich lieber Platten auflegen, Schumann-Lieder, Haydn, auch ein

Beethoven-Klavierkonzert, und blättert in den Kosmos-Heften, auf die er abonniert ist.

Nur zum Geburtstag und zu Weihnachten kommt die ganze Familie; und »Brando vom Poppelsdorfer Schloß«, der Rottweiler, den der Alte viel lieber Rolf oder Cäsar genannt hätte wie seine Vorgänger, bekommt den traditionellen Ring Blutwurst.

Aber alltags braucht der Adenauer immer wieder zwölf Stunden Betrieb und viele Gespräche und ein paar Schritte auf der Kommandobrücke. Das ist sein Lebensrhythmus, und er kann ihn so wenig mehr ändern wie seine wahre Meinung über Ludwig Erhard; er stürbe denn.

Und er braucht den Kampf. »Denn in der Politik«, sagt der Patriarch, »finde ich den Kampf, namentlich wenn er erfolgreich ist, wunderbar und schön.« So wird er also in seinem neunzigsten Jahr wieder Wahlkampf machen und auch für den Wahlkreis Bonn-Stadt und -Land von neuem kandidieren; er stürbe denn.

»Diese Partei hätte Tinte gesoffen«, findet Bundesgeschäftsführer Kraske, »wenn sie das Kapital des Alten nicht einsetzen würde.«

Aber alle zittern sie vor den Wahlreden, die Konrad Adenauer wohl wieder halten wird.

Das ist die Situation. Und die Situation ist da.

Kirchgänger Adenauer in der Kapelle des Rhöndorfer Mütterkurheimes: Domine, non sum dignus

Adenauer-Villen am Faulen Berg*: Mythos am Zennigsweg

Adenauers Garten-Pavillon

Allein mit der historischen Wahrheit ...

Memoiren-Schreiber Adenauer

... und den Zettelkästen aus der Kanzlerzeit

Adenauer-Söhne Georg, Paul: Plausch bei Pfefferminztee

Adenauer-Sekretärin Anneliese Poppinga

Täglich zwölf Stunden Betrieb ...

Adenauer-Rottweiler Brando

... aber zu Hause nie Gäste

Pensionär Adenauer

»Kampf ist wunderbar und schön«

* Im Vordergrund die Villa des Adenauer -Sohnes Georg, oben die Villa Konrad Adenauers.

Hermann Schreiber
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