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AUSLÄNDER Die Sprache der Gewalt

Vor zwei Jahren demonstrierte in Berlin ein Palästinenser, der seiner Tochter eine Sprengstoffattrappe umgebunden hatte. Nun kommt die Sache erneut vor Gericht.
aus DER SPIEGEL 19/2004

An der Wohnzimmerwand klebt eines dieser Tierposter aus der Apotheke, die Kinder so süß finden: zwei Wale, die so aussehen, als würden sie gerade miteinander knutschen. Und auf der blauen Couch daneben sitzt der Mann, der am 12. Mai vor dem Kriminalgericht Moabit stehen wird, weil er vor zwei Jahren einem sechsjährigen Kind eine Sprengstoffattrappe um den Bauch gebunden hatte. Salih, seiner Tochter, die er, ausstaffiert wie eine Selbstmordattentäterin, zu einer Palästina-Demo auf den Berliner Alexanderplatz mitnahm.

Das Bild schaffte es damals in so gut wie jede deutsche Zeitung und auch in einige israelische. In der ersten Instanz vor dem Amtsgericht Tiergarten bekam Mohammed al-Rahal, 34, fünf Monate auf Bewährung und 300 Stunden gemeinnützige Arbeit wegen Billigung von Straftaten, vor allem aber, so steht es im Urteil, wegen der »enormen Aufmerksamkeit«, die er erregte. In der Berufung wehrt er sich nun gegen die Strafe. Aber mehr noch will Rahal das Bild aus der Welt schaffen, obwohl es schon um die halbe Welt ging: das eines Ausländers, der sein Kind zur lebenden Bombe abrichtet, mitten in Deutschland.

»Was der mit dem Mädchen gemacht hat«, sagt Oberstaatsanwalt Jürgen Heinke, »das war doch unsäglich.« Rahal aber sagt, dass es ihm Leid tue, dass er es nicht so gemeint habe. Nur dass er dann noch erklären muss, wie er es denn gemeint hat, und dass ihm das ziemlich schwer fällt.

»Als Aufschrei«, sagt er, wegen der Lage in Palästina, keineswegs als Aufforderung zum Mord, nicht als Drohung. Der Richter hat dafür kein Verständnis gehabt, hat das eine Schutzbehauptung genannt, was Rahal wiederum nicht verstand. Brutal ist für ihn viel eher die Sprache der Gewalt, mit der er aufgewachsen ist.

Seine ersten beiden Toten sah Rahal 1978, mit acht Jahren; das entschuldigt nichts, erklärt aber viel. Ein israelisches Geschoss, sagt er, habe in einem Palästinenserlager im Südlibanon die Tochter seines Onkels und ihre Schwiegermutter so zerfetzt, dass sie hinterher die Leichen-teile hätten sortieren müssen.

1996 beschloss er, seine Frau und seine drei Kinder aus dem Libanon zu bringen. Er zahlte einem Schleuser 2100 Dollar, 1500 für die Frau, 200 für jedes Kind. Er selbst arbeitete in einer Plantage vier Jahre den Kredit ab, bis es für ihn zu spät war. Als er sich im November 2000 in einem Blechcontainer nach Berlin schmuggeln ließ, war er für seine Frau nur noch der Mann, der sie vier Jahre lang mit den Kindern hatte sitzen lassen. Drei Tage vor der Demonstration wurde Rahal geschieden.

Er hat im Libanon nicht gekämpft, sagt er, er war nicht bei der Hamas, sagt er, er sei kein Islamist, er gehe ja nicht mal in die Moschee. Und Selbstmordanschläge seien »sinnlos«, ein Verbrechen an Zivilisten. Sagt er - und hat seinen Kindern Sprengstoffattrappen umgebunden. Der Salih, 6, dem Nadir, 10, dem Hassan, 12.

Salih, behauptet er, habe das mit dem Gürtel im Satellitenfernsehen bei einer Demo in Schweden gesehen. Zusammen hätten sie die Papprollen gebastelt, mit Schuhbändern, die wie Zündschnüre herausbaumelten. Die Polizisten, die sie vor der Demonstration durchsucht hätten, hätten nur gegrinst. Zwei Tage später aber las er in der Zeitung, dass die Polizei ihn sucht, und da habe er sich erschrocken und sich gestellt. Der Polizei und der empörten Frage: Wie konnte er nur?

Der Mann in der Einzimmerwohnung im Berliner Wedding hat Schmied und Hydraulikmechaniker gelernt, doch als Geduldeter darf er hier nicht arbeiten. Er lebt von 180 Euro Sozialhilfe, darf Berlin nicht verlassen, aber abgeschoben wird er auch nicht: Die Libanesen stellen ihm keinen Pass aus; so kann das noch eine Ewigkeit gehen. Morgens schlägt er die Zeit mit Spaziergängen im Park tot, nachmittags zeichnet er mit dem Bleistift Vögel, Bäume, Gesichter.

»Ich bin wie eine Kerze, die langsam ausgeht«, sagt er, und deshalb wäre die einfachste Antwort auf die Frage, wie er »denn nur konnte«, dass er eben nichts zu verlieren hatte: Nicht mal wenn ihn das Gericht in Moabit jetzt rechtskräftig verurteilt, kann er in den Libanon abgeschoben werden.

Tatsächlich aber hätte er durch die Maskerade fast das Wichtigste verloren. Morgens im Park wartet er nur auf jene zehn Minuten des Tages, in denen er die Kinder von der Schule abholen und zu ihrer Mutter bringen darf. Und von freitags bis sonntags hat er sie ganz, »dann bin ich glücklich«.

Zuerst hatte ihm seine Frau die Kinder nach der Demonstration ganz wegnehmen wollen. Es wäre so einfach gewesen, jeder hätte es verstanden. Rahal weiß, was für ein Glück er hat, dass er sie noch sehen darf.

»Ich liebe sie über alles«, sagt er. Weil aber bereits dieser Widerspruch zwischen Sprengstoffattrappen und Kinderliebe unerklärlich bleibt, lebt er auch mit einem anderen: Wenn Rahal schon keine Perspektive mehr für sich sieht - seine Kinder sollen eine haben. Aber nicht in Palästina, für das er sie demonstrieren ließ. »In Deutschland.« JÜRGEN DAHLKAMP

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