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»Die Spreu vom Weizen trennen«

SPIEGEL-Serie über Asylanten und Scheinasylanten in der Bundesrepublik (I): Die Tamilen *
aus DER SPIEGEL 35/1986

Nach den Erfahrunyen von Peter Hugler, Sri-Lanka-Fachmann beim Zirndorfer Asyl-Bundesamt, sind die Tamilen Flüchtlinge von besonderer Seriösität: »Unheimlich ruhige Zeitgenossen. Krämer- und Buchhaltertypen. Das erste, was diese Asylanten in Deutschland kauften, sagt er, sei ein Ringbuch: »Um den Asylantrag abzuheften.«

»Freundlich lächelnd und stets gepflegt, so beobachtete eine Sozialarbeiterin im Landkreis Stade an der Elbe ihre Klientel aus Sri Lanka, treten die Asiaten im Supermarkt auf, um von der knappen Sozialhilfe Zahnpasta und Reis zu erstehen - richtig gute Deutsche.

Doch seit dem 12. August mag das kaum einer mehr so sehen. Im Morgengrauen jenes Tages nämlich entdeckte im Nebel vor der Küste Neufundlands der Fischer Gus Dalton auf dem Radarschirm seines Kutters zwei kleine Punkte: Rettungsboote, in denen 154 Tamilen aus Deutschland eine Irrfahrt über den Atlantik absolviert hatten.

Ihre Geschichte, die sie nach anfänglichem Verwirrspiel preisgaben, klang ungewöhnlich unseriös: Sie seien, Sozialhilfeanspruch und Asylverfahren im Stich lassend, aus Deutschland geflohen, hätten auf einem hochseeuntauglichen Küstenmotorschiff von schimmeligem Brot, ranziger Dosensuppe und brackigem Wasser gelebt, in der Gewalt eines Kapitäns, der sie »wie Tiere« behandelt habe - und das alles, um nach Kanada zu kommen, ein Land, das unter Tamilen als großzügig und gastfreundlich gilt (siehe Kasten Seite 82).

Desperados, diese Tamilen? Besessen von »Auswanderergeist«, wie die »Welt mutmaßte? Vertrieben von »der Ausländerfeindlichkeit der deutschen Behörden«, wie die alternative »Tageszeitung« meinte? Terroristen gar, die, wie Radio Bremen vermutete, von einer tamilischen Separatistenorganisation nach Kanada gesandt worden waren, um dort Unterstützung für den Bürgerkrieg in Sri Lanka zu beschaffen?

Nun ermittelt die Polizei den freundlichen Leuten mit den Ringbüchern allerorten hinterher. Doch alles, was letzte Woche ans Licht kam, ließ die »Verwirrung um Tamilen« ("Frankfurter Rundschau") nur wachsen.

Da wird nach tamilischen und deutschen Menschenhändlern gefahndet, die angeblich Zigtausende verdienen, indem sie Tamilen nach Kanada locken - doch zwei festgenommene Verdächtige mußten wenig später auf freien Fuß gesetzt werden.

Da lassen Ermittlungen des Generalbundesanwalts über tamilische Schutzgelderpresser die Spekulation blühen, ob hinter der Fluchthilfeorganisation die tamilische Terrorgruppe der »Tiger« steckt, die in Europa und Kanada Stützpunkte aufbauen will - doch Genaues weiß man nicht.

Da entdeckt die Bremer Polizei in einer Wohnung einen Tamilen, der von seinen Landsleuten festgehalten wurde, weil er an der Organisation der Seefahrt beteiligt gewesen sein soll - doch solche Erkenntnisse bleiben vage.

Vor allem fügen sich die wenigen Fakten nicht in die seit Monaten so heftig _(Im Garten eines zum Wohnheim umgebauten ) _(Gasthofs im niedersächsischen Horneburg. )

geführte Asylanten-Diskussion - eine Debatte, die geprägt ist von den Wahlkampfparolen der Union: Hungerleider aus aller Welt überfluteten das Land, um sich von der westdeutschen Sozialhilfe ernähren zu lassen.

Was immer in den letzten Wochen über die mehr als 30000 Tamilen in der Bundesrepublik publik wurde - es erleichterte den Westdeutschen nicht eben, der CSU-Forderung nachzukommen, »die Spreu vom Weizen zu trennen«, die Scheinasylanten von den Asylanten zu scheiden. Doch einfach haben es die Tamilen dem Land, das sich brüstet, das liberalste Asylrecht der Welt zu haben, noch nie gemacht.

Die Leute von der Insel vom anderen Ende der Erde haben in der seit Jahren anhaltenden Asylanten-Debatte wie kaum eine andere Volksgruppe immer wieder für Zündstoff gesorgt: *___Die Tamilen erweckten als erste bei den Westdeutschen ____den Verdacht daß das Asylgrundrecht mißbraucht werde; ____denn niemandem war plausibel, warum Zigtausende ihr ____ganzes Vermögen in ein Flugticket investieren, um in ____die ferne Bundesrepublik zu kommen, wo es doch mit dem ____Fischerboot nur ein Katzensprung ins rettende Indien ____ist. *___Die Tamilen, zumeist auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg ____in ihrem Land, lösten mit ihrem Asylbegehren in ____Westdeutschland eine Prozeßlawine aus - keine andere ____Volksgruppe hat um die Asylanerkennung einen so ____folgenreichen Juristenstreit gesät. *___Der massenhafte Andrang der Tami len über die ____DDR-Hauptstadt provozierte eines der heikelsten ____Ost-West-Geschäfte der letzten Jahrzehnte: Gegen die ____Erhöhung ihres zinslosen Überziehungskredites ("Swing") ____bei den Westdeutschen erklärte sich die DDR-Regierung ____1985 erstmals- und bislang einmalig - bereit, Asylanten ____nicht mehr nach West-Berlin durchzulassen.

Der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Botho Prinz von Sayn-Wittgenstein, brachte - während einer Reise auf der Bürgerkriegsinsel - die Verständnislosigkeit der Bundesdeutschen auf den Punkt: »Warum kommen die in unser Land und holen sich Erkältungen, wenn sie es hier doch so warm haben können?«

Den Tamilen ist es schon seit Jahren viel zu heiß auf ihrem Eiland das für den Entdecker Marco Polo die »schönste Insel dieser Größe auf der Welt« war den britischen Kolonialherren als »Perle am Ohr Indiens« und deutschen Touristen noch bis vor kurzem als Ferienparadies galt.

Schätzungsweise 8000 Tote hat der Bürgerkrieg zwischen den überwiegend hinduistischen Tamilen und den buddhistischen Singhalesen in den letzten drei Jahren gefordert. Wie in Nordirland oder im spanischen Baskenland gibt es keine einheitliche Front, sondern Brandanschläge und Bombenattentate, Gefechte zwischen tamilischen Guerrilleros und singhalesischer Armee und, vor allem, Terror von Regierungssoldaten gegen tamilische Fischer und Bauern.

Meist im Morgengrauen besetzen die singhalesischen Militärs die Tamilendörfer im Norden und Osten, zünden die Häuser an und schießen auf die Bewohner, die um ihr Leben rennen. Wer verdächtig ist, auch nur Flugblätter für tamilische Separatistenorganisationen verteilt zu haben, wird in Militärlager verschleppt, verprügelt, oft gefoltert.

»Massenverhaftungen meist junger Tamilen« registrierte die bundesdeutsche Botschaft in Colombo schon im Dezember 1984: »Dabei kommt es wegen rücksichtslosem Schußwaffengebrauch durch Sicherheitskräfte zu Todesfällen.« Die Diplomaten meldeten »erhebliche Menschenrechtsverletzungen gegenüber der tamilischen Zivilbevölkerung durch die Sicherheitskräfte« nach

Bonn - aber auch dies: »Sie finden leider zunehmend ihre Entsprechung in Gegenterrorhandlungen der tamilischen Widerstandsgruppen. »

Im Norden und Osten der Insel fordern die Separatisten ein »Tamil Eelam«, einen unabhängigen Tamilen-Staat.

De facto beherrschen die »Tiger« die stärkste und brutalste der fünf Guerilla-Organisationen, bereits die Halbinsel Dschaffna im Norden, wo die rein tamilische Bevölkerung sie zärtlich als »unsere Jungs« bezeichnet und das singhalesische Militär sich nur noch im Konvoi aus den Militärlagern heraustraut.

Die Spannungen zwischen drawidischen Tamilen (heute 2,8 Millionen) und arischen Singhalesen (11 Millionen) hatten schon im 19. Jahrhundert begonnen als die Kolonialmacht England beide Völker, die 2000 Jahre lang in getrennten Reichen auf der Insel gelebt hatten, zwangsweise zur Kronkolonie Ceylon vereinigte.

Die Tamilen, anpassungsfähig und in Missionsschulen gut ausgebildet, arrangierten sich schnell mit den neuen Herren und betätigten sich als verlängerter Arm der Briten bei der Verwaltung der singhalesischen Untertanen.

Sie sahen aber auch ungerührt zu, wie die Engländer Hunderttausende von verwandten, aber kastenniederen Tamilen aus der benachbarten indischen Provinz Tamil Nadu holten, um sie als Kulis auf den Teeplantagen im Hochland Ceylons schuften zu lassen.

Als Ceylon 1948 unabhängig wurde, brachen schlechte Zeiten für die Inseltamilen an: Sie verloren nach und nach die Privilegien, die sie zu Kolonialzeiten von den Briten bekommen hatten. 1956 kam der singhalesische Politiker Solomon Bandaranaike mit einem einzigen Programmpunkt an die Macht: »Singhalese only.« Singhalesisch wurde Landessprache, Tamilisch diskriminiert. Seither halten

die Singhalesen die tamilische Elite weitgehend von höheren Ämtern fern, von Armee und Universitäten, die früher ganz selbstverständlich beiden Völkern offenstanden. »Wir wurden zu Analphabeten im eigenen Land gemacht«, klagen Tamilen.

Schlimmer noch erging es den Teeplantagen-Tamilen indischer Abstammung: Sie wurden nach 1948 einfach für staatenlos erklärt, und 1964 schloß die singhalesische Regierung mit Indien einen Pakt über eine Zwangsumsiedlung von 600000 Tamilen. Mehr als 400000 Indo-Tamilen wurden nach Indien deportiert, zurück blieben 375000, zum Teil jahrzehntelang staaten- und rechtlos. Inzwischen erteilte die Regierung ihnen die srilankische Staatsbürgerschaft.

Mit der Einbürgerung der Teeplantagen-Tamilen wollte die Regierung verhindern, daß die Separatistenbewegung des heißen, trockenen Nordens auf die meist analphabetischen Teekulis im nebligen Hochland übergreift. Unter denen wächst die Unruhe, seit im Juli 1983 der singhalesische Mob durch die Straßen der Hauptstadt Colombo tobte, unter dem Ruf »Tamil maro, tamil maro« ("Tötet die Tamilen") eine grausame Menschenjagd veranstaltete und die Läden der Tamilen anzündete.

Mittlerweile fühlen sich auch die Kulis nicht mehr sicher. Viele flohen zu ihren tamilischen Brüdern in Dschaffna oder nach Indien. Und allen Separatistengruppen agitieren bereits im Teeplantagenland, drohten sogar, den Tee zu vergiften, Sri Lankas Hauptexportartikel.

Früher fühlten sich wenigstens die Bürger von Colombo, überwiegend singhalesischer Mittelstand, sicher. Doch nun ist der Krieg auch in die Hauptstadt gekommen: Eine mit den »Tigern rivalisierende Separatistengruppe sprengte eine Air-Lanka-Passagiermaschine auf dem Flughafen von Colombo in die Luft, legte Bomben in der Hauptpost in der Innenstadt und in einer Fabrik; mehr als 40 Menschen starben. Niemand kann sich mehr sicher fühlen: Mal explodieren vollbesetzte Busse, mal fliegt ein Militärlaster in die Luft. Eisenbahnfahrten sind lebensgefährlich geworden.

»Schlimmer als die Bomben sind die Haßwellen, die sie gegen uns auslösen« sagt eine Tamilin in Colombo, die noch mutig den Tilak, den roten Punkt der Hindufrauen, auf der Stirn trägt. Das trauen sich nur noch wenige Tamilen in singhalesischer Umgebung - immer mehr setzen sich ab.

Der kürzeste Fluchtweg führt nicht nach Europa, sondern nach Indien - dorthin, wo sich nach Auffassung deutscher Unionspolitiker, die, wie der Stuttgarter Innenminister Dietmar Schlee, eine globale »Regionalisierung des Flüchtlingsproblems« propagieren, alle verfolgten Tamilen um Obdach bemühen sollten; schließlich seien die Inder im Süden mit den Sri-Lanka-Tamilen familiär und kulturell eng verwandt.

In den Lagern des indischen Bundesstaates Tamil Nadu, wo bereits 140000 Tamilen aus Sri Lanka leben, könnten sich die Flüchtlinge fast wie zu Hause fühlen. In den Unterkünften spendieren die Inder den Verwandten von der Insel immerhin einen täglichen Sozialhilfesatz. Reis und Zucker gratis, auch etwas anzuziehen. Einen Schnupfen holen sie sich da nicht, dafür aber die Malaria, die sich in den Baracken ausbreitet.

Die Wohlhabenden unter den Flüchtlingen sind auf so etwas nicht angewiesen. Sie suchen Hotels oder Pensionen auf, für den Lebensunterhalt verscherbeln sie mitgebrachtes Gold oder den Familienschmuck. »In manchen südindischen Gegenden«, erfuhr eine Mitarbeiterin des Wuppertaler »Südasienbüros« vor Ort, lebten die Tamilen »richtig etabliert«. Sie haben den armen Brüdern sogar die Preise verdorben. Immobilien und Baumaterial sind teuer geworden, seit die Flüchtlinge da sind.

Jede Woche stellen beim indischen Hochkommissariat in Colombo 500 Tamilen einen Einreiseantrag. In Deutschland würde man von einer »Asylantenflut« sprechen.

Doch leicht ist es nicht, das rettende Asylland Indien zu erreichen. Zwar sind es vom Nordzipfel der Insel über die Palkstraße nur 28 Kilometer bis zur Palmenstrandküste von Tamil Nadu-das ist auch mit einem Fischerboot zu schaffen. Doch die nächtliche Überfahrt ist lebensgefährlich.

Schon oft hat die Marine Flüchtlingsboote aufgegriffen und samt Besatzung versenkt, sogar Frauen und Kinder. Vor der Insel Mandaitiwu nahe der Küstenstadt Dschaffna metzelten die Marinesoldaten letzten Monat 37 Flüchtlinge im seichten Wasser nieder. »Die Chance, daß man durchkommt, ist fünfzig zu fünfzig sagt der Flüchtling Soosaipillai Nikolous, 22, der dann doch lieber nach Wuppertal floh als nach Tamil Nadu.

Die singhalesische Armee hat ihre Gründe, mit Bomben und Kanonen auf

die Fischerboote zu zielen: Die Palkstraße ist der wichtigste Nachschubweg für die tamilischen Terrorgruppen, die vom indischen Festland aus agieren.

Obwohl die Marine auf der Lauer liegt, pendeln Nacht für Nacht die getarnten Polyesterboote der »Tiger« und anderer Rebellengruppen mit Waffennachschub zwischen Festland und Insel. Die Separatisten unterhalten in Indien Informationsbüros und Trainingscamps sowie mehrere Rundfunkstationen, »Freiheitssender« für Propaganda. Die senden in singhalesischer Sprache, damit die Gegner auch was davon haben.

Mittlerweile ist es Flüchtlingen schon kaum noch möglich, überhaupt von der Insel abzulegen: Viele Fischerdörfer entlang der Nord- und Ostküste, wo früher tonnenweise die berühmten Sri-Lanka-Shrimps aus dem Wasser gezogen wurden, sind von der Armee evakuiert, die Häuser verbrannt, die Bewohner umgebracht.

Bleibt nur der Weg mit dem Flugzeug. Doch ohne Visum lassen auch die Inder keinen Tamilen vom Flughafen - und Visa gibt es selten. »Ich hab'' es doch versucht«, sagt Anthoninuthu Francis Xavier, 30, ein Arzt aus Kandy der nun in Deutschland lebt, »die Botschaft in Colombo war einfach zu.«

Schlecht ergeht es Tamilen, die sich ohne Visum mit einem Ticket nach Indien auf dem Flughafen in Colombo erwischen lassen. »Die halten einen sofort für einen Terroristen, der mit den ''Tigern'' in Tamil Nadu zusammenarbeiten will, und sperren einen ein«, sagt Xavier. Wie unverdächtig ist da eine Passage nach Holland oder in die Schweiz.

Wer dennoch den Weg nach Indien schafft, hat auch keine Ruhe: In Tamil Nadu wird jeder zum »Tiger« gemacht.

Seevarathnam Nithigananthan, _(Name von der Redaktion geändert. ) 27, ein Fischer aus Mannar, hat es erlebt. Mit einem Boot war er den singhalesischen Verfolgern entkommen. Im indischen Madras suchte er sich ein Zimmer - zwei Tage später waren seine Landsleute mit den entschlossenen Gesichtern da: »Die finden dich immer, setzen dich unter Druck, bis du mitmachst.«

Die da mitmachen, sind zwei Wochen später wieder mit dem Boot unterwegs - diesmal in umgekehrter Richtung, beladen mit Waffen und Medizin.

»Ich wollte einfach weg aus dem Terror - nicht noch mal in die Hände von Singhalesen geraten«, begründet der Eisenbahner Ramasundaram _(Name von der Redaktion geändert. )

aus Manippay bei Dschaffna seine Entscheidung, nach Deutschland statt nach Indien zu gehen. Schon mal stand er im Verdacht, ein Terror-Tamile zu sein, 1983, als Landsleute eine Eisenbahnlinie überfielen.

Damals wurde Ramasundaram monatelang in Haft genommen, »mit Prügeln malträtiert«, zu trinken bekam er tagelang nur Salzwasser. Jetzt lebt er in einem Lager im hessischen Schwalbach und jobbt bei McDonald''s.

Der Weg nach Europa war jahrelang zwar teuer, aber sicher. Reisebüros und Schlepperorganisationen in der Metropole Colombo boten ihre Dienste ganz offen an. Gefälschte Visa und gefälschte Pässe, ein Ticket von Interflug - das alles gab es im Paket zum Preis zwischen 20000 und 40000 Rupies, bis zu einem Jahresgehalt eines ordentlich verdienenden Familienvaters.

Doch Geld ist für die meisten, die wegwollen, kein Problem: Das sind keine Hungerleider, sondern Ärzte und Ingenieure, Söhne aus wohlhabendem Hause, Leute mit Familienschmuck. Wegen der paar Mark deutscher Sozialhilfe kam da keiner. »Ich dachte, ich werde in

Deutschland sofort akzeptiert, und ich könnte arbeiten, berichtet der Tamile Nikolous, der in Wuppertal nun seit zwei Jahren auf seine Asylanerkennung wartet.

Er hatte daheim, in Tellippali im Norden der Insel, im englischsprachigen Wochenblatt »Weekend« eine Reportage über die Massenflucht seiner Landsleute via Ost-Berlin gelesen. Die fiel ihm wieder ein, als er bei einer Razzia in seinem Phono- und Video-Shop von Singhalesen verhaftet wurde.

Die Sicherheitskräfte hatten unterm Ladentisch einen elektrischen Zeitschalter gefunden. »Die dachten. ich bastle Zeitbomben. Dabei hatte ich das Ding vom Stadtkrankenhaus zur Reparatur.« Nikolous rannte im Kugelhagel seinen singhalesischen Verfolgern davon, versteckte sich und kaufte ein Ticket nach Deutschland.

Wie Nikolous dachten zu viele. Die Zahl der schmächtigen, freundlichen Leute, die in Reisegruppen, mit Koffern bepackt, vom Ost-Berliner Flughafen Schönefeld per S-Bahn in West-Berlin eintrudelten, schwoll seit den Pogromen 1983 gegen die Insel-Tamilen enorm an - 20000 kamen auf diesem Weg bis zum Sommer 1985 in den deutschen Westen.

Doch am 15. Juli 1985 kam plötzlich keiner mehr: die DDR hatte dichtgemacht.

Ost-Berlin- Interflug teilte allen betroffenen Fluggesellschaften mit, daß künftig nur jene Bürger aus Sri Lanka in Schönefeld passieren dürften, die über gültige Einreisepapiere für die Bundesrepublik oder über Durchreisevisa verfügten. Die anderen, so die DDR-Gesellschaft, dürften gar nicht erst das Flugzeug verlassen.

In aller Stille war ein kompliziertes deutsch-deutsches Geschäft aufgegangen. Wenige Tage zuvor hatte Bonn mitgeteilt, daß der Swing-Kredit von 600 Millionen auf 850 Millionen Mark erhöht worden sei.

Dieses Ziel hatte die DDR in der Vergangenheit genauso hartnäckig angestrebt, wie, umgekehrt, die Westdeutschen auf Schließung der Tamilen-Schleuse gedrängt hatten.

»Die peinliche Kumpanei« ("Zeit") zwischen Ost und West wurde fortan zum Modellfall für eine mögliche Lösung des westdeutschen Asylanten-Problems: Immer neue Anläufe unternehmen die Bonner Unterhändler in Ost-Berlin, damit der Schönefelder Flughafen auch für Flüchtlinge aus Ghana, Äthiopien und dem Iran dichtgemacht wird.

Das Exempel, das die Westdeutschen auf Druck des damaligen Berliner Innensenators Heinrich Lummer (CDU) an den Tamilen praktizierten, schien das Patentrezept, wie sich das Land vor der Inanspruchnahme seines weltweit berühmten Grundrechts schützen könnte - des Grundrechts auf Asyl.

Lummer ("Grundrecht hin, Grundrecht her") hatte unermüdlich mobil gemacht gegen den Strom der Asylanten, die über die Halbstadt nach Westdeutschland kamen. Nach dem Deal mit der DDR war Berlin erstmals, wie ein Mitarbeiter der Ausländerbehörde formulierte, »tamilenfrei«, »Grundrecht weg«, kommentierte die »taz«.

Die Abschaffung des freien Zugangs zum freien Teil Berlins für eine ganze Bevölkerungsgruppe war zugleich der Schlußstein einer Mauer von Hindernissen, mit denen sich in den letzten Jahren die Bundesrepublik umgeben hat, um die Flüchtlingsscharen aus der Dritten Welt aufzuhalten.

Für die Bewohner Sri Lankas wie von Äthiopien, der Türkei und Afghanistan war schon 1980 der Visumzwang eingeführt worden. Zugleich wurden die Fluggesellschaften angewiesen, niemanden mehr ohne Sichtvermerk ins Bundesgebiet zu fliegen.

Die Konstruktion ist infam: Zwar muß nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts jeder an den westdeutschen Grenzen durchgelassen werden, der Asyl begehrt- auch wenn er kein Visum hat. Doch an die Grenze muß er erst mal kommen.

Keine Fluggesellschaft jedoch darf ihn nach Europa mitnehmen, wenn er kein Visum hat. Das Visum wiederum muß er sich auf der deutschen Botschaft in seinem Heimatland besorgen, wo die Beamten beim Stichwort Asyl nur mit den Schultern zucken: Asyl gibt es, wie gehabt, nur vor Ort in Westdeutschland.

Die Konstruktion wirkte: Waren es 1985 noch 17400 Von der Insel, die in der Bundesrepublik Asyl begehrten, so sank die Zahl im ersten Halbjahr 1986 auf gut 1800 Leute.

Die immer noch den Weg in den Westen finden, kommen nach wie vor über Ost-Berlin - nunmehr mit gefälschten indischen Pässen; denn für Indien hat Bonn mit der DDR noch keine Berlin-Blockade vereinbart. Oder sie kommen aus anderen europäischen Ländern - wo sie sich ebenfalls mit gefälschten Pässen Zutritt verschafft haben.

So registrieren westdeutsche Grenzer zunehmend tamilische Ankömmlinge aus den Niederlanden. Die haben sich, fanden die Grenzbeamten heraus, den Weg nach Europa mit Pässen ehemaliger Kolonial-Holländer geebnet.

Reisepässe der Holländer aus den Kolonien, heißt es in einem internen Grenzschutzbericht, »sind sehr begehrt, da das äußere Erscheinungsbild dieser Personen mit dem der Tamilen verglichen werden kann«.

Schlepperorganisationen in Amsterdam, Colombo und Frankfurt, so vermuten die westdeutschen Ermittler, sorgen dafür, daß der Transfer läuft. In Mülheim und Hamm zum Beispiel haben sich Kontakt-Tamilen niedergelassen, die auch bewerkstelligen, daß Landsleute, die in Deutschland leben, ihre Familien aus Sri Lanka nachholen können.

Doch das ist teuer, zu teuer etwa für den 48jährigen Chellappah Sivaananthan, der seit zwei Jahren mit seiner 15jährigen Tochter und seinem 13jährigen Sohn in Münster eine Dreizimmer-Übergangswohnung bewohnt. Seine Frau und zwei Söhne ließ er daheim in Dschaffna - sie sollten nachkommen,

sobald Vater in Deutschland Quartier gemacht hat.

Doch die DDR machte den Familien-Fluchtweg dicht. Frau und Kinder herzuholen, einen Schlepper zu bezahlen - dafür reicht Sivaananthans Einkommen nicht: knapp tausend Mark für sich und die Kinder von der Sozialhilfe. Um den Etat aufzubessern, leistet er »gemeinnützige Arbeit«, die Asylbewerbern trotz Arbeitsverbot für 1,50 Mark die Stunde von der Stadt angeboten wird.

So gräbt der Familienvater die Parks von Münster um und trägt Einnahmen und Ausgaben pfenniggenau in sein Ringbuch ein: »Aldi 42,50 Mark, Gewürze 35 Mark, Taschengeld für den Sohn 22 Mark«.

Auf der Seite für Juni steht ein Betrag, der den ganzen Monatsetat ruinierte: »Telephon 323,52 Mark.« Das war, als bei Dschaffna, wo seine Frau mit den Kindern lebt, Bomben der Singhalesen fielen: Telephonate ans andere Ende der Welt. »Fünf Tage habe ich gehungert« - nicht wegen der hohen Telephonrechnung, sondern aus Angst.

Hat das alles einen Sinn - die Flucht aus dem Fernen Osten in den deutschen Westen?

Die Tamilen stellen solche Fragen nicht. Sie beten in ihren Wohnheimen vor Behelfsaltären zu grellbunten Hindu Götterbildern - und im übrigen sind sie gut im Organisieren.

»Das sind die rührigsten unter den Asylbewerbern, die nehmen ihr Leben in die eigene Hand«, sagt Volker Hügel, der in Münster, wo von 500 Flüchtlingen die Hälfte Tamilen sind, die »Gesellschaft zur Unterstützung Asylsuchender« leitet.

Aus Frankfurt lassen sie sich ihre exotischen Kochgewürze von Landsleuten mitbringen, und am Samstagnachmittag trifft »Tamilen Münster« auf »Tamilen Dortmund« zu einem Fußballmatch. Zwar hat die Ausländerbehörde das Herumreisen verboten - doch das nimmt keiner so ernst.

Manchmal machen sich die agilen Asylanten dann doch Ärger. Als letzten Monat Pfadfinder ihre Zelte vor den Toren der Kaiserstadt Goslar aufbauten, formierten sich die Goslarer Tamilen flugs zu guten Taten: Sie schlossen sich den Jungs mit dem Knotentuch an und halfen beim Aufbau der Lagerstatt - gegen Erbsensuppe.

Der Undank der Deutschen war ihnen gewiß. Es setzte Bußgeldbescheide wegen unberechtigten Verlassens des Stadtgebietes sowie Ordnungswidrigkeitenverfahren wegen »Beschäftigungsaufnahme ohne Arbeitserlaubnis«.

In Wuppertal geben Tamilen zusammen mit dem »Südasienbüro« sogar ihre eigene Postille heraus mit Nachrichten über die Lage daheim und die Rechtslage in Deutschland. Und unter NRW-Tamilen wurde jüngst ein Verein gegründet, der Gelder sammelt, um Tamilenflüchtlinge in Indien und in den Flüchtlingslagern Sri Lankas zu unterstützen.

Der Vereinspräsident heißt Nathakunathayalan und hat den Vereinsregisterauszug

- sauber abgeheftet, mit dem deutschen Stempel drauf - stets dabei: Alles gemeinnützig, »mit den ''Tigern'' hat das nichts zu tun«.

Doch es gibt auch andere Organisationen: Ein ganzes Geflecht tamilischer Vereine agiert im Halbschatten der Asylantenhilfe - niemand weiß genau, was da eigentlich organisiert wird: Menschenhandel, Waffenhandel, Rauschgifthandel?

Presseberichte über tamilische Terroristenzentralen in Westdeutschland, so ein Sprecher des Bundesinnenministeriums, seien zwar »maßlos übertrieben«. Und »Tiger«-Funktionäre versicherten am Donnerstag vergangener Woche auf einer Pressekonferenz in Bonn, sie würden lediglich freiwillige Spenden sammeln - für welche Zwecke auch immer.

Doch »die Entwicklung«, heißt es in Zimmermanns Haus, werde »beobachtet«. Beim Stuttgarter Landeskriminalamt wurde eine »Ermittlungsgruppe Tiger« eingerichtet.

Die Polizei sammelt Hinweise, aus denen sich ergeben könnte. daß die Abgesandten der Terroristen von der Insel den Landsleuten in Deutschland die knappen Sozialhilfegroschen abpressen - mit drohendem Hinweis auf Leben und Gesundheit der Lieben daheim.

In einer Krefelder Tamilen-Unterkunft wurden Molotow-Cocktails gefunden, in Bremerhaven ermittelt die Polizei wegen Mordes an einem Tamilen. Die Tatverdächtigen: auch Tamilen.

Separatistengruppen, die um politischen Einfluß in Sri Lanka rivalisieren, könnten, befürchten Ermittler, ihre Machtkämpfe ins friedliche Deutschland ausweiten. Mehr noch: Europäische »Tiger« sind als Heroin-Dealer in Verdacht gekommen. In der Schweiz sitzen bereits an die hundert Tamilen in Untersuchungshaft, weil sie in Heroin-Schiebereien zwecks Finanzierung von Waffenkäufen verwickelt sein sollen.

Im Herzen, suggerierte »Bild« Mitte vergangener Woche seinen Lesern, seien die Tamilen allesamt »Tiger«. Asylsuchende hatten sich stolz, kämpferisch die Faust zur Wohnheimdecke geballt, für das Blatt photographieren lassen. Und einer brüstete sich, er habe daheim »Häuser zerstört, Menschen getötet«. »Bild": »Die Wahrheit über die Tami len«.

Es scheint, als habe der böse Ruf der blutigen Brüder von der Insel die geflohenen Landsleute in Europa eingeholt.

Das Problem teilen sie mit allen Volksgruppen, die irgendwo auf der Welt in Bürgerkriege verwickelt sind: Die Unterscheidung zwischen Tätern und Opfern, die Differenzierung zwischen Sympathisanten und Aufwieglern mag keiner mehr treffen - wie auch? Im Bürgerkrieg sind alle Bürger Krieger.

Weil die Singhalesen in Sri Lanka das genauso sehen, weil sie wahllos gegen friedliche wie unfriedliche Tamilen mit Waffengewalt vorgehen, flohen die Friedlichen wie die Unfriedlichen.

Nun sitzen sie auf ihren Betten in den Wohnheimen, spielen vor Langeweile Karten und warten darauf, oft schon seit Jahren, daß die Deutschen sie sortieren: in solche, die als politisch Verfolgte Asylrecht genießen, und solche, die als Guerillakämpfer wieder heim an die Front müssen.

Es gibt kaum einen Asylantrag eines Tamilen, um den nicht vor Gericht gestritten wird. Eng gespickt sind die Terminzettel vor den Sitzungssälen mit Tamilennamen - beim Verwaltungsgericht in Ansbach ebenso wie beim Bundesverwaltungsgericht in Berlin. Nun muß sich sogar das Bundesverfassungsgericht mit der Sache der Tamilen befassen.

Über kaum eine andere Rechtsfrage haben sich westdeutsche Verwaltungsjuristen so tief zerstritten wie über die Frage, ob die Bürgerkriegsflüchtlinge Asyl bekommen sollen. »Der Bürgerkrieg«, sagt der Frankfurter Asylrechtler Professor Manfred Zuleeg, »ist mittlerweile die Nagelprobe des Asylrechts.«

Kein Wunder: Wenn Flüchtlinge aus dem Bürgerkrieg als asylberechtigt angesehen werden, dann stehen Krieger aus aller Welt ins Land. Wo immer auf der Welt um die Macht im Staat gerungen wird - beide Seiten könnten nach Deutschland kommen, um ihre Wunden zu pflegen oder einander auf fremdem Boden zu bekriegen.

Doch wer, wenn nicht »verfolgte aufständische Minderheiten«, so gibt der Regensburger Asylrechtswissenschaftler Otto Kimminich zu bedenken, soll denn überhaupt noch asylberechtigt sein? Die Verfolgung der Tamilen im Inselkrieg sei geradezu »der klassische Fall politischer Verfolgung«.

Viele Gerichte sehen das nicht anders, Verwaltungsgerichte der unteren Instanzen, aber auch Obergerichte wie der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim sowie die Oberverwaltungsgerichte in Münster und Berlin, erkannten den Tamilen das begehrte Asylrecht zu. _(Im Flüchtlingslager in Neuburg an der ) _(Donau. )

So bestätigte das Verwaltungsgericht Braunschweig den singhalesischen Verfolgern, sie zeigten »gelegentlich eine Tendenz zum Völkermord«. Der »mit Rassenhaß einhergehende Vertreibungsdruck«, so die Juristen, sei »vergleichbar mit dem Verhalten der Nationalsozialisten gegenüber der jüdischen Bevölkerungsminderheit«.

Ahnlich urteilten andere Gerichte. »Gruppenverfolgung«, so das juristische Stichwort, wurde jedenfalls den jungen Tamilen-Männern zwischen 17 und 35 Jahren bescheinigt. Das bedeutet: Sie sollten ohne Ansehen der Person Asylrecht haben, weil sie ohne Ansehen der Person in ihrer Heimat verfolgt werden.

Solche tamilenfreundlichen Sprüche lösten unter den Propagandisten der »Asylantenflut« Entsetzen aus. Wütende Reaktionen auf die Urteile kamen aus dem Flüchtlingsgeplagten Berlin. Wenn »eine ganze Volksgruppe zu potentiellen Asylbewerbern erklärt« werde, heißt es in einer offiziellen Stellungnahme des Berliner Senats, dann werde »eine unübersehbare Entwicklung ausgelöst, die letztlich auch politischen Sprengstoff beinhaltet«.

Juristischen Sprengstoff lieferte der 9. Senat des Bundesverwaltungsgerichts. In einer Reihe aufsehenerregender Urteile hoben die Berliner obersten Asylrichter alle tamilenfreundlichen Urteile wieder auf. An die tausend Urteile der unteren Instanzen wurden bislang gekippt, allein dem Verwaltungsgerichtshof in Mannheim gingen 400 Tamilen-Akten postwendend zu - zur erneuten Verhandlung und Entscheidung.

Als »Dammbauer gegen die hohen Zahlen der Asylbewerber«, rügte die »Frankfurter Rundschau«, hätten sich die Berliner Richter von der Politik mißbrauchen lassen. »Kaum noch nachvollziehbare Rabulistik« bestätigten hochrangige Richterkollegen dem Asyl-Senat.

Dabei ist die Rechtsansicht des Bundesverwaltungsgerichts die bislang schlichteste Lösung des Bürgerkriegsproblems. Sie folgt dem Spruch: Wo gehobelt wird, da fliegen Späne.

Die »besonders brutalen Vergeltungsaktionen der Sicherheitskräfte«, meinen die Richter, erscheinen zwar in ihrer Überreaktion in besonderem Maße verabscheuungswürdig« - politische Verfolgung im Sinne des westdeutschen Asylgrundrechts seien sie dennoch nicht.

Begründung: Der von Singhalesen beherrschte Staat versuche nur, »seine staatliche Einheit und seinen territorialen Bestand zu sichern«. Gewalttaten, die »auf staatliche Herrschaftssicherung gerichtet« seien, dürften aber - für sich betrachtet - nicht als politische Verfolgung eingeschätzt werden.

Das Machtwort aus Berlin ist so pauschal und so wenig einleuchtend, daß sich nun, auch ein Unikum, die unteren Instanzen weigern, den vorgesetzten Richtern zu folgen: Mehrere Verwaltungsgerichte erkennen nach wie vor auf »Gruppenverfolgung«.

Beim Zirndorfer Bundesamt sank zwar nach der juristischen Vorgabe aus Berlin die Quote der akzeptierten Asylanträge von Tamilen von 39,4 Prozent (1985) auf 6,1 Prozent (erstes Halbjahr 1986). Doch auch in Zirndorf sind die Berliner Urteile umstritten. Tamilen-Fachmann Peter Hugler: »Wir sind hier echt am Schleudern.« Hugler erkennt, anders als viele seiner Kollegen, nach wie vor jeden jungen Tamilen aus dem Norden der Insel ohne weiteres an. Das Ergebnis steht fest: Spätestens in Berlin werden die Zirndorfer Anerkennungen wiederaufgehoben.

Die Gleichung der Berliner Verwaltungsrichter - wer aus dem Bürgerkrieg kommt, ist nicht politisch verfolgt - ist fatal, weil mit dem Stichwort »Bürgerkrieg« allzu Ungleiches gleichgemacht wird. »Auch die Juden im Warschauer Getto«, sagt der Frankfurter Professor Zuleeg, »waren eine aufständische Minderheit.«

Der Begriff »Bürgerkrieg«, meint der Zirndorfer Hugler, sei »zu wenig durchdacht«, um dem Schicksal seiner Klientel gerecht zu werden. Hugler muß sich die Geschichten ja täglich anhören: »Da sitzt ein Tamile und erzählt, wie Singhalesen seine Mutter gefesselt, vor einen Lastwagen gelegt und mehrmals überfahren haben.«

Frauen berichteten den Asylbeamten derart Widerwärtiges von der Mißhandlung durch die Singhalesen-Truppen daß eine Dolmetscherin sich schon mal weigerte, es zu übersetzen.

Mit dem Bürgerkrieg hat etwa Murugesu Nathakumatayala, 33, der in Münster auf einen Bescheid aus Huglers Amt wartet, gar nichts zu tun. Er war Oberbuchhalter in einer Schuhfabrik in Colombo, seine Frau arbeitete als Nachrichtenredakteurin beim Radio.

In seinem Betrieb war er der einzige Tamile, seine Chefin eine Singhalesin. Die setzte ihn auf die Straße: »Sie sagte mir: Ihr Tamilen unterstützt doch alle die Terroristen - die Zeitungen haben es ja auch geschrieben.«

Seine Frau warf ihren Job hin, nachdem sich auf dem Weg zum Frühdienst in den Sender der Chauffeur über sie hergemacht und Beschwerden beim Chef nichts geholfen hatten: »Gehen Sie lieber in den Norden - als Tamilin sind Sie hier nicht gern gesehen«, habe er ihr geantwortet.

Das Haus, in dem das Paar zur Miete wohnte, gehört einem Singhalesen. »Der hatte zwar nichts gegen uns - aber er verbot uns, Freunde einzuladen, tamilische Freunde, das sei ihm nicht recht.«

Geschichten ganz alltäglicher Verfolgung - manchmal, sagt Hugler, »erinnern die Tamilen mich tatsächlich an die Juden in Deutschland«

Mit dem Wort »Bürgerkrieg« ist es nicht schwer, Terroristen und ihre Opfer in einen Topf zu werfen. Durch solche Rechtsprechung, fürchtet der Hamburger Asylrichter am Oberverwaltungsgericht, Helmut Wolf, wurde das Asylrecht »seiner Substanz beraubt«.

Doch was Bürgerkrieg ist, wissen die Richter über Zigtausende von Flüchtlingen hierzulande auch nicht so genau, in deutschen Rechtsvorschriften kommt das Wort ja nicht vor.

Horst Säcker, ein Richter vom Asyl-Senat des Bundesverwaltungsgerichts, gesteht: »Wir haben im Brockhaus nachgeguckt.«

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Asylbewerber aus Ghana: allesamt Wirtschaftsflüchtlinge? - Mit gefälschten Papieren nach Ost-Berlin - Menschenhandel mit Prostituierten - Rassismus in westdeutschen Ausländerämtern?

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INDIEN SRI LANKA

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Im Garten eines zum Wohnheim umgebauten Gasthofs imniedersächsischen Horneburg.Name von der Redaktion geändert.Name von der Redaktion geändert.Im Flüchtlingslager in Neuburg an der Donau.

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