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»Die Stadt Roubaix ist krank vor Angst«

Porträt einer Hochburg des rechtsradikalen »Front national« in Nordfrankreich *
aus DER SPIEGEL 13/1986

Andre Diligent klopft dreimal auf das Edelholzfurnier seines antiken Schreibtisches und lächelt verlegen. Nein. Straßenkämpfe und Rassenkrawalle habe es in Roubaix bisher nicht gegeben, Gott sei Dank: »Soweit wie in Liverpool oder in Birmingham sind wir hier noch nicht.«

Der Bürgermeister sitzt am Abend der Parlamentswahl einsam in seinem Büro, das, wie das ganze Rathaus, ein bißchen zu monumental wirkt für diese heruntergekommene Industriestadt in Frankreichs tristem Norden. Zu feiern gibt es nichts, das Wahlergebnis ist peinlich.

Denn Roubaix, wegen seiner Textilmanufakturen einst eine der reichsten Städte des Landes, sozialistische Bastion seit 1910, hat dem rechtsradikalen Front national einen unerhörten Triumph beschert. Jeder fünfte Wähler - 21,18 Prozent - stimmte für Jean-Marie Le Pens Rassistenpartei, noch zwei Prozent mehr als bei der Wahl zum Europaparlament im Juni 1984, bei der die rechten Ultras zum erstenmal landesweit antraten.

Die Nationale Front hat die Gaullisten geschlagen und ist zur zweitstärksten Partei nach den Sozialisten in der Stadt geworden - mit einem der besten Stimmenergebnisse des ganzen Landes. »Jugendliche, bürgerliche Rechtswähler, Kommunisten - sie haben überall gewildert, keine Gesellschaftsschicht ist mehr frei von ihnen«, klagt der Geschäftsführer der Sozialisten, Bernard Carton. In Roubaix sind die von der Konkurrenz als Rabauken verschrienen Le-Pen-Leute eine Volkspartei geworden.

Für Bürgermeister Diligent ist die Erklärung ganz einfach: »Das war eine Wahl aus Überdruß und Verzweiflung«, sagt er: »Die Stadt ist krank, krank vor Angst.«

Die Angst läßt sich statistisch deuten. In zehn Jahren hat Roubaix 30 Prozent seiner Arbeitsplätze verloren. Spinnereien und Webereien, auf die sich hundert Jahre lang der Wohlstand der Stadt gründete, machten eine nach der anderen dicht. Die Ruinen verlassener Fabriken säumen die Straßen wie häßliche Bunker: zugemauerte Tore, zerbrochene Fenster, bröckelnde Schornsteine. Die Arbeitslosenquote in Roubaix beträgt 18 Prozent, eine der höchsten in ganz Frankreich. Die Hälfte davon sind junge Leute unter 25.

Wer es sich leisten kann, ist in die Gemeinden der Umgebung gezogen. In der Stadt steht jedes siebte Haus leer; über 4000 Wohnungen sind abbruchreif, schäbige Reihenhäuser zumeist, durch einen engen, stinkenden Hof getrennt, auf dem sich zuweilen noch die Wasserpumpe und das Gemeinschaftsklo befinden. Diese »courees« genannten Bruchbuden kann man für 100 oder 150 Franc (30 bis 50 Mark) mieten - ein Unterschlupf für die Verelendeten und die Ausländer der Stadt.

Mit der Not stieg die Kriminalität. Die Zahl der Verbrechen hat sich, so Diligent, in den letzten 15 Jahren vervierfacht. Nichts wirklich Schlimmes: Diebstahl, kleine Einbrüche. Autoknacken, wenig Gewaltverbrechen. Aber wenn einem das Radio aus dem Wagen herausgebrochen wird, erfahren hundert davon und fühlen sich mitbedroht »Das hat

sich zu einer allgemeinen Psychose ausgewachsen«, sagt Carton.

Vor zwei Jahren schlossen sich ein paar Dutzend Bürger zu einem Verein zusammen, der sich »Ritter von Roubaix nennt. Ihr Chef, der Taxifahrer Bernard Dewaele, wollte daraus eine Truppe von Vigilanten und Verbrechensbekämpfern machen.

Nachts fuhren die Streife und meldeten der Polizei Verdächtiges. Verdächtig ist jedes fremdländische Gesicht nach 22 Uhr. Der Wachdienst wurde auf die Dauer zwar zu strapaziös, doch die Ritter sind immer noch aktiv, mit angeblich fast 2000 Mitgliedern. Sie helfen alten Leuten und kümmern sich um Verbrechensopfer. Ihre Vereinshymne - Marschmusik - ist auf Platte gepreßt ihre Aufkleber verkünden: »Ich schütze die Omis und Opis.«

Le Pen, das ist der Faschismus der armen Leute. Die Nationale Front lenkt die Furcht und die Wut auf ein Ziel: die Maghrebiner, wie die Franzosen die Einwanderer aus Marokko. Algerien und Tunesien nennen. Von den 100000 Roubaisiens sind über 20 Prozent Ausländer die meisten davon Algerier. Die Textilfabriken holten sie vor 25 Jahren als billigen Ersatz in die Stadt, als nach einer Abwertung des französischen Franc die Wanderarbeiter aus dem nahen Belgien ausblieben. Hinzu kommt eine unbestimmte Zahl von Arabern mit französischer Staatsangehörigkeit.

Die Maghrebiner haben den sonntäglichen Markt in einen orientalischen Basar verwandelt, auf dem Gewürze, exotische Früchte und erstaunliche Mengen an Koffern gehandelt werden. Sie haben ganze Viertel okkupiert, wo sie nachmittags

schwatzend in der Frühlingssonne vor der Haustür sitzen. Und sie haben eine Moschee eröffnet, in der sie freitags zu Tausenden beten. Das Minarett mußte auf Geheiß der Stadtverwaltung gekappt werden, weil der Turm angeblich nicht in den Bebauungsplan paßte.

Und, natürlich, sie stehlen, wie jeder in Roubaix weiß.

Yann Phelippeau ist der Mann, der ganz laut sagt, was viele andere denken. »Glauben Sie mir, Monsieur, ich kenne die Araber«, führt er nach jedem dritten Satz ein. Phelippeau, 55, Stadtrat und Lokalgröße des Front national, ist in Marokko geboren. Während des algerischen Unabhängigkeitskrieges war er Leutnant in der französischen Armee und wurde zweimal verwundet. Ein schmaler, eleganter Herr, keine physisch bedrohliche Erscheinung wie sein Führer Le Pen, der Ex-Fallschirmjäger. Nur: Was er sagt, klingt zuweilen, als wäre er nicht ganz bei Verstand.

Die Araber werden straffällig aus Not, weil sie keinen Job haben? O nein, sie klauen, weil es ihnen Spaß macht. Sie sind sogar so unverschämt, ihre Diebstähle ideologisch zu rechtfertigen, sagt Phelippeau: »Das ist für sie eine legitime Rache an uns Franzosen, eine normale Form von Umverteilung.«

Die zweite Einwanderer-Generation, meist in Frankreich geboren, erstrebe die Integration, weil Roubaix ihre Heimat ist? Falsch, sagt Phelippeau, sie wollen vielmehr die Vorteile der französischen Staatsangehörigkeit nutzen und sich zugleich als islamische Gemeinschaft behaupten"Sie bilden einen Staat im Staat. Entweder sie sind gute Franzosen, dann sind sie schlechte Moslems. Oder sie sind gute Moslems, dann sind sie schlechte Franzosen.«

Die Araber werden ins Getto getrieben, weil sie unter der alltäglichen Diskriminierung leiden, vom Geduztwerden auf der Straße bis zur Benachteiligung bei der Jobsuche? Phelippeau lacht über so viel Naivität. Diese Leute würden doch in Wahrheit geschont, vor allem von der Polizei, weil man den Vorwurf des Rassismus fürchte »Die Araber kommen mit der westlichen Liberalität nicht zurecht, sie sind nicht für die Demokratie gemacht. In ihrer Heimat greift die Polizei sehr hart durch, warum wohl? Weil sie ihre Brüder kennt.«

Die große Konfrontation zwischen dem christlichen Europa und dem islamischen Orient scheint ihm unausweichlich. In Roubaix kündigt sie sich bereits an. Bis zum Ende des Jahrhunderts, erklärt Phelippeau, werde es 100 Millionen Maghrebiner geben, davon, wenn nichts geschieht, zehn Millionen in Frankreich, eine gefährliche fünfte Kolonne. Die fundamentalistische Welle, die derzeit die islamische Welt erfasse, werde unter den Arabern große Unruhen auslösen und sie zur Aggression aufstacheln. Und dann, prophezeit der Stadtrat"werden wir hier Zustände wie im Libanon haben. Sein junger Assistent ist überzeugt, daß die »immigres« heimlich Waffendepots anlegen.

Um den Rassenkrieg zu verhindern, propagiert Phelippeau Todesstrafe, Sippenhaft und Internierungslager für Rückfalltäter. Daß er mit solchen Thesen den Konflikt womöglich erst recht herbeiführt, scheint ihm nicht in den Sinn zu kommen. Der Mann ist nicht zynisch, er glaubt offenbar, was er sagt. Aber daß er mit diesem absurden Gemisch aus Rassismus und Ranküne über 20 Prozent der Stimmen holen konnte, scheint kaum begreiflich, auch wenn man weiß, daß Le-Pen-Wähler keine Kopfwähler sind.

»Am Anfang nimmt man sie nicht ernst, weil es so verrückte Typen sind«, sagt Slimane Tir, ein junger algerischer Erzieher, über die Repräsentanten des Front national. Zusammen mit Freunden hat er ein Kollektiv für die Verteidigung der Bürgerrechte in Roubaix gegründet. Mit der Parole »Ich bin, also wähle ich' haben sich junge Maghrebiner französischer Nationalität geschlossen in die Wahllisten eintragen lassen.

Wenn es mit Roubaix nicht bald wieder wirtschaftlich aufwärtsgehe, glaubt einer von ihnen, könne die Nationale Front beim nächsten Mal gar stärkste Partei werden »Dagegen müssen wir uns organisieren, oder wir werden zerschmettert.«

In Bradford, der englischen Patenstadt von Roubaix, hatte diese Art von Resistance Erfolg. Dort regiert seit fast einem Jahr Bürgermeister Muhammad Ajeeb, ein gebürtiger Pakistaner.

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