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SOWJETZONE Die Stalinsche Epoche

aus DER SPIEGEL 1/1952

Mit freundlichem Lächeln sucht Else Zaisser, 48, Staatssekretärin in Minister Paul Wandels sowjetzonalem Volksbildungsministerium, nach neuen Geschichtsschreibern.

Die intellektuelle Gattin von Wilhelm Piecks oberstem Stapochef, Wilhelm Zaisser, bekam vom SED-Zentralkomitee den Auftrag, einen Autoren - Stab von Historikern aufzustellen. Er soll in zweijähriger Klausur die deutsche Vergangenheit - von Hermann, dem Cherusker, bis zum »Befreiungssturm der Roten Armee« auf Berlin - marxistisch-leninistisch durchleuchten und neu aufzeichnen.

Auf der siebenten Tagung des SED-Zentralkomitees war es als dringend notwendig befunden worden, die deutsche Geschichte umzuschreiben, da alle bisherigen deutschen Geschichtsschreiber, von Einhard, Historiograph Karls des Großen, bis Franz Mehring, Geschichtsschreiber der alten SPD, die Vergangenheit »unwissenschaftlich und objektivistisch« widergespiegelt hätten.

»Sie haben allenfalls Geschichten, aber nicht Geschichte geschrieben. Keiner von ihnen hat das Verhängnisvolle des imperialistischen Weges und die Notwendigkeit friedlicher Zusammenarbeit mit den Völkern des Ostens aufgezeigt.«

Unter Else Zaissers Regie soll diese Geschichtslücke bis 1953 geschlossen werden. Staatssekretärin Zaisser hat während ihrer zwölfjährigen Emigration das »fortschrittliche« Geschichtsprinzip am Urquell studiert und wurde, bevor sie 1948 von Moskau nach Halle kam, mit dem russischen Professorentitel ausgezeichnet. Mit der »tonangebenden« Sowjet-Historikerin Prof. Anna M. Pankratowa ist sie befreundet.

Die ehrgeizige Pankratowa hat die Weltgeschichte schon vor 19 Jahren für die Sowjetunion so korrigiert, wie es Stalin ins sowjetpatriotische Konzept paßt. Durch Regierungsdekret wurden damals - am 16. Mai 1934 - die bis dahin als Geschichts-Evangelium geltenden Werke des 1932 verstorbenen Leninfreundes Prokowski als sowjetfeindlich geächtet.

Prokowski hatte sich vermessen, die Slawen ihrem Ursprung und ihrer Sprache nach zu den primitiven Rassen zu rechnen, die auf russischem Boden erst durch die Invasion der Normannen zu einer staatlichen Organisation gelangt seien.

Stalin ließ Prokowskis Bücher verbrennen, obwohl ihr Verfasser zwei Jahre vorher wegen seiner »Verdienste um die Geschichtsforschung« mit militärischen Ehren, nicht weit vom Mausoleum seines toten Freundes Lenin, in der Kremlmauer beigesetzt worden war.

In Wilhelm Piecks »Deutscher Demokratischer Republik« wird diese Geschichtskorrektur - parallel mit ähnlichen Umdeutungen in den Volksdemokratien - jetzt nachgeholt. Sie begann mit einer Weisung des Volksbildungsministeriums an alle Schulleitungen der Sowjetzone, in Zukunft

die solange gebräuchliche Einteilung des historischen Zeitablaufs nach dem Kulturinventar (in Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit) durch eine soziologische Periodizierung zu ersetzen. Danach gliedert sich die Weltgeschichte in:

* Urgesellschaft

* Sklavenhalterzeit

* Feudalstaat

* Bürgerlicher Kapitalismus

* Imperialistischer Monopolkapitalismus.

Bis 1950 wurden in den Schulen der Ostzone ausschließlich Uebersetzungen russischer Geschichtsbücher verwendet. Dann redigierte Volksbildungsminister Paul Wandel selbst den Entwurf eines deutschen Geschichtslehrbuches, den der volkseigene pädagogische Verlag »Volk und Wissen« vorher vergeblich dem Schulbuchkontrolleur in Karlshorst, Sowjetprofessor Mitropolski, eingereicht hatte.

Der gnomenhaft verwachsene, aber geistig sehr lebendige 60jährige Volksbildungszwerg Mitropolski und sein sechsköpfiger Zensurstab sagten zu diesem Geschichtsabriß - trotz mehrfacher Ueberarbeitungen - so lange »njet«, bis Wandel hinzufügte, daß die Russen nicht erst 1945 über die »faschistischen Landräuber« siegten, sondern schon 1410 die »Landräuber des Deutschritter-Ordens« heftig attackierten,

und zwar in der Schlacht bei Grünwald (so nennt die Sowjet - Geschichtsschreibung das ostpreußische Tannenberg).

In diesem Genre hat »Volk und Wissen« jetzt weitere Geschichtsbücher (für die sowjetzonalen Oberklassen) herausgegeben. Der Geschichtsablauf wird aus der Entwicklung der Produktivkräfte und Produktionsmittel erklärt. Sie führt zu Klassenbildung, Klassenkampf und Revolutionen. Der Grieche Solon ist der erste, Stalin der letzte und größte Revolutionär.

Nach ihm wird die ganze neue Geschichte die »Stalinsche Epoche« genannt, »weil alle großen historischen Ereignisse der letzten Jahrzehnte unmittelbar mit seinem Namen verknüpft sind«.

Krönung der Geschichtsumschreibung soll nun die »Enzyklopädie deutscher Geschichte« werden, die Staatssekretärin Zaisser mit ihrem Autorenkollektiv vorbereitet. Doch die meisten sowjetzonalen Geschichtsprofessoren zeigten - trotz der in Aussicht gestellten Nationalpreise - wenig Neigung, sich daran zu beteiligen.

Genossin Zaisser reiste von Universität zu Universität und rüffelte die zurückhaltenden alten Historiker, so den Greifswalder Professor Hofmeister, der - wie es in der offiziellen Rüge heißt - »immer noch zuviel Zeit für die Liebesgeschichten mittelalterlicher Grafen verschwendet, anstatt die Studenten über die sittliche Verwahrlosung der Junker während der Zeit des Feudalismus aufzuklären, als der Landadel sich des jus primae noctis mit Wollust bediente«.

Solche »schmachvollen Taten der herrschenden Klasse« sollen sowohl im Geschichtsunterricht als auch in der neuen Geschichtsschreibung herausgestellt werden; daneben aber ebenfalls die »freiheitlichen Taten der großen Söhne und Töchter des deutschen Volkes«.

Als »große Söhne« gelten nach einer vom ZK der SED aufgestellten Liste außer Karl Marx, Friedrich Engels, Wilhelm und Karl Liebknecht auch Hegel, Heine, Börne und Ernst Thälmann. Ihnen sollen an Stelle der gestürzten Denkmäler der Berliner Sieges-Allee »neue würdige Gedächtnisstätten« errichtet werden.

Auch Bauernrebell Thomas Münzer gilt noch als großer Sohn. »Leider fehlte ihm vor 400 Jahren die geschlossene Organisation der Arbeiter und Bauern, die Partei.«

Bei Martin Luther ist die Einstufung noch fragwürdig. Laut Else Zaisser hat Martin Luther »eine revolutionäre Bewegung entfacht, um die Kapitalausfuhr aus Deutschland nach Italien mit Hilfe des Ablaßschwindels zu verhindern. Er unterstützte zuerst die aufständischen Bauern, verriet sie aber dann und kam völlig in reaktionäres Fahrwasser ...«.

Zur Klärung solcher historischen Zweifelsfälle sollen jetzt - ebenfalls nach Z.K.-Beschluß - in Berlin und Leipzig »Institute für Deutsche Geschichte« gegründet werden. Außerdem soll das ehemalige Zeughaus in Berlin zu einem »fortschrittlichen Museum deutscher Geschichte« ausgebaut werden.

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