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»Die Stasi läßt keinen verkommen«

aus DER SPIEGEL 9/1993

Alles war vorbereitet. Alfred Spuhler, Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes in der Pullacher Zentrale und zugleich Agent des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), sollte zusammen mit Bruder Ludwig abtauchen; beiden drohte im Wendeherbst 1989 Gefahr.

Ihr Führungsoffizier, der Stasi-General Harry Schütt, hatte auch schon Geld bereit: knapp 350 000 Mark der DDR, abgehoben von einem Konto bei der Sparkasse des MfS.

Im November 1989 aber wurden die Brüder Spuhler verhaftet. Ein Schütt-Adlatus mit dem Aliasnamen »Müller« behielt das Stasi-Geld ein - und die Zeit vergoldete es: Nach der Währungsunion am 1. Juli 1990 waren die schlappen Ost-Mark plötzlich etwa 170 000 harte D-Mark wert.

Die umgerubelten Stasi-Groschen halfen einem anderen MfS-Spion aus der Patsche: 150 000 West-Mark ließ »Müller« dem Kollegen Hansjoachim Tiedge, 55, zukommen. Bis zu seiner Flucht 1985 war Tiedge Verfassungsschützer in Köln und seither, als Professor Fischer oder schlichter Bürger Tappert, in Ost-Berlin Hätschelkind der Staatssicherheit.

Mit dem Stasi-Lohn setzte Tiedge sich im September 1990 in die damalige Sowjetunion ab, wo er Asyl beantragte. Seither lebt er angeblich mal in Moskau, mal am Schwarzen Meer. »Die Stasi«, sagt ein früherer MfS-Oberst, »läßt halt keinen verkommen.«

Aus schwarzen Kassen zweigten Ex-MfSler riesige Summen ab, nach ersten Berechnungen der zuständigen Berliner Ermittler »mindestens 200 Millionen Mark«, die nach dem Einigungsvertrag der Bundesrepublik Deutschland gehören. Bislang sind den Ermittlern 500 Fälle bekannt, Hunderte werden nach ihrer Schätzung noch hinzukommen.

Die Troupiers aus Erich Mielkes Unterdrückungs- und Spionageapparat kassierten nicht nur cash. Nach Erkenntnissen von Ermittlern *___versilberten sie Autos aus dem Fuhrpark des MfS, *___verscherbelten sie Grundstücke und konspirative ____Wohnungen, *___wandelten sie marode Stasi-Firmen in florierende ____kapitalistische GmbH um.

Schon unmittelbar nach der Wende, als das MfS unter dem SED/PDS-Ministerpräsidenten Hans Modrow zunächst zum Amt für Nationale Sicherheit (AfNS) mutierte, häuften sich Hinweise über »Abschaltprämien« (Stasi-Jargon) vor allem für frühere Agenten und Offiziere der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA); die war für die Auslandsspionage des MfS zuständig. Auch Zahlen wurden damals genannt: 30 000 bis 100 000 Mark pro Kopf.

Monatelang konnten die Stasisten kräftig abräumen, im Trubel der Vereinigungszeit kümmerte sich kaum einer um sie. Erst am 3. Januar 1991 beauftragte Bonns damaliger Innenminister Wolfgang Schäuble das Kölner Bundesverwaltungsamt, »das bewegliche und unbewegliche Vermögen sowie das Finanzvermögen des ehemaligen MfS/AfNS . . . aufzuklären, zu erfassen und zu sichern«. Kein leichter Job: Die Stasi-Sparkasse verwaltete mehr als 100 000 Konten.

Im Keller des Hauses 41 an der Ost-Berliner Gotlindestraße wurden Prüfer fündig. Sie entdeckten »ein Bündel schriftlicher Unterlagen« der MfS-Abteilung »Finanzen« mit Hinweisen »auf legendierte Sonderkonten« - es waren Konten, die nach Schweizer Art unter einer Nummer oder nach Stasi-Art unter einem Decknamen geführt wurden.

»Die Unterlagen«, hielten die Ermittler fest, »geben Aufschluß über . . . Nummer des eingerichteten Kontos, Registriernummer oder Deckname des legendierten Kontoinhabers . . . Zeitpunkt der Kontoauflösung und Verfügung über das Kontoguthaben.« »Zum Zeitpunkt ihrer Auflösung« hätten die Stasi-Konten »erhebliche Guthaben« aufgewiesen - möglicherweise »bis zu 70 Millionen Mark«.

Die Gelder aus der schwarzen Kasse flossen nach Erkenntnissen des Bundesverwaltungsamtes auf dreierlei Wegen ab: durch *___Barauszahlung an Verfügungsberechtigte »mit unklarem ____Verbleib«, *___Überweisung auf Konten bei einer anderen Bank »mit ____bisher unbekanntem Inhaber«, *___Überweisung auf ein Konto des damaligen Komitees zur ____Auflösung des MfS.

Die Liquidatoren der Stasi packten damals Gelder in Schuhkartons. Die Scheine überbrachten Kuriere bündelweise an handverlesene Adressaten, zwischen 50 000 und einer viertel Million Ost-Mark pro Hausbesuch. »Zur Absicherung der Eingliederung in die DDR« oder »für die Gesamtheit der geleisteten Arbeit« stand auf Begleitschreiben, die 79 Ex-Spione der HVA quittieren mußten.

Daß die alten Stasi-Chefs die Zeichen der Zeit schnell erkannt hatten, dokumentiert eine »vertrauliche Verschlußsache« vom 20. November 1989. Darin forderte Generaloberst Rudi Mittig, einer der Stellvertreter Mielkes, die Leiter der Diensteinheiten auf, sämtliche konspirativen Wohnungen, Objekte und Grundstücke zu überprüfen und »Änderungsvorschläge zur Rechtsträgerschaft« einzureichen - Auftakt einer großangelegten Verschiebeaktion.

Wieviel Bargeld aus dem MfS-Vermögen zur Gründung neuer Firmen abfloß, ist unbekannt. Fest steht, daß viele Ehemalige als Gesellschafter und Geschäftsführer von Unternehmen mit wohlklingenden Namen Karriere gemacht haben.

Etwa Rolf Thier, Offizier im Bereich Operativ-Technischer Sektor. Thier ist heute Gesellschafter und Geschäftsführer der Lan-Com-East in Berlin, die sich mit Datennetzen und Rechnerkommunikation beschäftigt. Der Oktogon Immobilien Vermittlung GmbH in Berlin steht als Geschäftsführer Tilo Kretzschmar vor. Der ehemalige Oberst ist für diesen Posten besonders geeignet: Kretzschmar war Chef der Rückwärtigen Dienste der HVA und hatte damit Zugriff auf alle inländischen konspirativen Objekte der Auslandsspionage.

Als Gesellschafterin der am 1. Juni 1990 gegründeten Oktogon taucht auch Helga Erdmann auf, deren Ehemann als Stasi-Offizier im besonderen Einsatz einen Großteil der über den Versorgungsbetrieb des Ministerrats verwalteten MfS-Objekte bewirtschaftete.

Tiedge beglich aus der Stasi-Kasse auch Altschulden im Westen. Seine Kölner Anwältin Vera Vest-Linke erhielt als Honorar für jahrelange Beratung 6500 Mark. Absender: Kollege Wolfgang Vogel, bis zur Wende Erich Honeckers Mann für viele Fälle.

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