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»Die Stimmung ist schlecht und aggressiv«

»Bei uns ist jeder Ordinarius«, sagte vor Jahren der Kölner Medizin-Professor Hans Schulten, »ein Herrscher in seinem selbständigen Königreich:« Als im West-Berliner Stadtteil Steglitz Europas größtes Krankenhaus, das Klinikum der FU, geplant und gebaut wurde, keimte die Hoffnung, mit neuer Architektur werde ein neuer Geist einziehen: Verzicht auf überkommene Ordinarien-Macht und Abbau allzu üppiger Chefarzt-Pfründen. Doch die Hoffnung trog, wie Ärzte des Steglitzer Klinikums in einer internen Denkschrift für den SPIEGEL dokumentierten.
aus DER SPIEGEL 15/1972

Das Klinikum Steglitz«, sprach sein damaliger Ärztlicher Direktor Professor Heinz Goerke zur Eröffnung, »ist nicht einfach nur ein ganz neues und sehr modernes Krankenhaus mit einer imponierenden Größe, nicht ein neues Forschungs- und Unterrichtszentrum schlechthin.«

In der Tat, als Unikum muß das Uni-Klinikum gelten. Ursprünglich als mittleres städtisches Krankenhaus (für acht Millionen Mark) geplant, wurde der Klinik-Koloß sodann auf 60 Millionen Mark Baukosten geschätzt -- doch als er fertig war, hatte er das Fünffache verschlungen: 302 Millionen Mark.

Doch Klinikum-Chef Goerke sprach auch von einer Hoffnung: »Hier wird der Versuch gemacht, die neuesten Erkenntnisse und Entwicklungen ... der medizinischen Technik in eine Synthese zu bringen mit den Traditionen der Berliner Medizin.«

Die Formulierung schien zweideutig: Welche Berliner Tradition war gemeint, die der ruhmreichen Charité mit wissenschaftlicher Weltgeltung und dem sozialen Engagement eines Rudolf Virchow -- oder das Vorbild des Berliner Gynäkologie-Papstes Walter Stoeckel, der 1926 als erster durchsetzte, daß in Preußen Krankenhausärzte neben ihrem Gehalt Privathonorare berechnen durften?

Goerke, der erste Leiter des Klinikums, trug nichts mehr dazu bei, solche Zweifel aufzuklären. Er verließ das Klinikum noch im Herbst des Eröffnungsjahres -- als der West-Berliner Senat Goerkes Forderung nicht zustimmte, sein Gehalt um 64 Prozent heraufzusetzen.

Doch nun, drei Jahre nach Einzug der ersten Patienten, scheint offenkundig: Hoffnungen, die von Planern und Gründern einst geäußert wurden, haben sich nicht erfüllt.

Das neue Klinikum, im »Dienst am Ganzen«, hieß es danach, werde »Verzicht auf manche Gewohnheitsrechte« mit sich bringen, das »deutsche Geheimratdenken« werde darin »keine Chance mehr haben«.

Nun aber kann das Klinikum Steglitz -- Jahresetat: 124 Millionen Mark -- als abschreckendes Beispiel gelten, in mehrfacher Hinsicht:

* Es wurde unzulänglich und konfus geplant -- in Dimensionen, die einem sinnvollen und wirtschaftlichen Klinik-Betrieb nicht angemessen sind.

* Ein desolates Management, durchkreuzt noch dazu von Eigeninteressen einzelner Klinikchefs, drückt medizinischen Standard und Effizienz des Unternehmens.

* Trotz aller Reformen durch das neue Berliner Hochschulgesetz haben es die meisten Chefärzte am Klinikum verstanden, hierarchische Strukturen und ökonomische Privilegien weithin zu bewahren.

»Das medizinische Niveau«, so berichtet ein Klinik-Insider, »ist das eines guten Kreiskrankenhauses, die verschiedenen Kliniken agieren neben- und gegeneinander, die Verwaltung ist insuffizient, erst nach dreijährigen Bemühungen gab es ein Telephonbuch, die Stimmung ist schlecht und aggressiv und kann wohl nie besser werden, denn das Haus ist wegen seiner Größe inhuman.«

»Schwere Fehler«, mußte der Anästhesie-Professor und damalige Sprecher des Klinikums, Ulrich Henneberg, Ende letzten Jahres vor dem Hauptausschuß des West-Berliner Abgeordnetenhauses einräumen, seien bei der Planung des Klinikums gemacht worden. Ein Beispiel dafür sind Planung, Beschaffung und schließlich Fehleinsatz der klinikeigenen EDV-Anlage.

Erst vier Jahre nach Baubeginn erkannte die Klinikum-Konferenz, der die Planung oblag, daß es notwendig sei, eine Computer-Anlage zu installieren. Daraufhin wurde ein Ordinarius für Medizinische Dokumentation und Statistik ans Klinikum berufen.

Ohne ein Fachgutachten für die Computerbeschaffung eingeholt zu haben, plädierten die Planer zunächst für eine IBM-Maschine. Doch nach erstem Kontakt mit IBM im September 1967 wurde, auf Betreiben des Ärztlichen Direktors Goerke, plötzlich die Firma Siemens herangezogen -- gegen den Willen des inzwischen bestallten Dokumentations- und Statistik-Professors Günter Fuchs. Zwei Monate später begann die Firma Siemens »unverbindlich« mit Vorarbeiten im Klinikum.

Anfang 1968 bewilligte der West-Berliner Senat die Anschaffung der EDV-Anlage -- allerdings nur, wenn sie allein dem medizinischen Bereich diene, nicht der Krankenhausverwaltung.

Gleichwohl wurde in dem zwischen Klinikumdirektion und der Firma Siemens abgeschlossenen Vertrag vereinbart, daß die Firma 79 fertige Computer-Programme liefert, die allesamt der Verwaltung dienen -- keines der Medizin.

Projektiert waren beispielsweise eine Computer-Dokumentation für die Hautklinik und eine elektronische EKG-Auswertung -- beide Vorhaben scheiterten am Desinteresse der jeweiligen Klinikchefs. Gegenwärtig läuft über den Computer lediglich -- im Stadium »erster Versuche« -- ein Programm zur Erfassung und Verarbeitung von Labor-Daten.

In Betrieb ist der Großrechner von Siemens seit Januar letzten Jahres. Jahresmiete: mehr als 800 000 Mark. Aber das teure Rechenwerk war nur ein Musterfall für die teils dilettantische, teils von persönlichen Interessen bestimmte Planung des Berliner Klinikums.

Das Verfahren, das bei der Raum- und Bettenzuteilung offenbar vorherrschte, beschreibt ein Steglitzer Assistenzarzt so: »Wer (von den nach Berlin berufenen Professoren) zuerst im Klinikum war, bekam den meisten Platz.«

So fanden etwa die Professoren Hugo Hager, Johann Schliack und Wilhelm Umbach, die 1969 und 1970 als letzte ins Klinikum einzogen, fast keinen Laborraum mehr vor.

Augenkliniker Hager hatte, laut Plansoll, Anspruch auf 120 Quadratmeter Laborfläche -- doch bei seinem Einzug waren nur noch 38 Quadratmeter übrig. Neurologe Schliack mußte sich bei seinem Antritt, so ein Steglitzer Mediziner, »die Arbeitsräume praktisch zusammenbetteln«.

Entsprechend dem Einfluß, den ein Ordinarius geltend machen konnte, wurde offenbar auch das Personal zugeteilt. So erhielt Ende 1968, als die Klinikum-Konferenz einen Plan für die Verteilung medizinisch-technischer Assistentinnen entwarf, die HNO-Klinik (deren Direktor als Dekan wirkte) elf Planstellen, hingegen die Augenklinik (deren Direktor noch nicht berufen war) nur eine MTA-Stelle zugewiesen. Die neurologische Abteilung (deren Chef gleichfalls noch nicht im Hause und zudem kein Ordinarius war) blieb vollends ausgespart.

Über die Bettenverteilung schließlich berichten Klinikumärzte, sie sei zwischen dem Klinikdirektor und dem Ärztlichen Direktor des Klinikums »ausgemauschelt« worden. Jedenfalls hat die Klinikum-Konferenz zwischen 1964 und 1970, auf den insgesamt 61 Sitzungen während dieses Zeitraums, nicht ein einziges Mal über die Kriterien diskutiert, nach denen etwa den verschiedenen Abteilungen Betten zugeordnet werden sollten.

Gegenwärtig, im vierten Jahr des Steglitzer Klinikums, sind noch immer erst knapp zwei Drittel der vorgesehenen Krankenhausbetten verfügbar: 992 von, wie die Planung vorsieht, 1417 Betten. Die jährlichen Mindereinnahmen infolge der Unterbelegung mit Patienten werden auf neun Millionen Mark geschätzt.

Hauptursache der dürftigen Auslastung des medizinischen Mammut-Unternehmens ist offenbar der Mangel an Krankenschwestern. Mancherorts freilich sind Schwestern auch falsch eingesetzt. Fünf Schwestern beispielsweise, die offiziell als Kolleg-Schwestern geführt werden, sind in Privatsprechstunden beschäftigt.

Doch das blieb nicht die einzige Fehlleistung der Steglitzer Klinikum-Verwaltung. So wurden beispielsweise Verträge mit Lieferfirmen -- zum Schaden des Steglitzer Unternehmens -- nur vage und unvollständig formuliert. Und bis heute gelang es nicht, eine sogenannte Geräte-Datei zusammenzustellen.

Die Folge: Im Februar 1971 meldeten Klinik-Abteilungen Bedarf für eine Ultrazentrifuge (zum Preis von 60 000 Mark), obwohl es davon schon 14 im Haus gab, mindestens drei davon unbenutzt, und für ein Packard-Tricarb-Szintillationsspektrometer (im Wert von 100 000 Mark), obwohl es davon schon zehn gab, mindestens vier nicht ausgenutzt.

Die Dunkelziffer der vielfach angeschafften, kaum oder gar nicht benutzten Geräte ist erheblich und entspricht nach Schätzungen dem Gegenwert von mehreren Millionen Mark.

Drei Jahre nach Inbetriebnahme der Klinik gibt es auch noch keinen sogenannten Leistungskatalog für die einzelnen Bereiche des Hauses. Das bedeutet: Niemand weiß, wieviel Geld die einzelnen Kliniken oder Abteilungen jährlich verbrauchen.

Schon im Juli 1967 hatte die Klinikum-Verwaltung einen Herrn Ludwig aus Köln als Organisationsberater hinzugezogen (veranschlagtes Honorar: 20 000 Mark). Begründet wurde die Auswahl dieses Beraters mit dem Hinweis auf seine »Unabhängigkeit«, auf Grund derer »nicht zu befürchten« sei, »daß Lieferaufträge präjudiziert bzw. beeinflußt werden«.

Erst später stellte sich heraus: Herr Ludwig war leitender Angestellter in der »Gesellschaft für Krankenhaustechnik und Büroorganisation mbH«, einer Firma, die vor allem Krankenhausformulare druckt.

Am Ende der Ludwigschen Beratungstätigkeit gab es im Klinikum 1127 Formulare -- eine Glosse im »Berliner Ärzteblatt« umschrieb es mit »Zettels Traum« (SPIEGEL 6/1971).

Für die Anschaffung von Klinik-Formularen wurden 1969 und 1970 insgesamt 914 463,11 Mark aufgewendet. Herr Ludwig erhielt für seine Beratertätigkeit und für ein Abschlußgutachten, das er mündlich erstattete, ein Honorar von 40 000 Mark. Die Vorschriften für das Anlegen einer Krankengeschichte im Steglitzer Klinikum umfassen nun 14 DIN-A-4-Seiten.

Verwaltungs-Fehlschläge solchen Kalibers mögen seltener geworden sein, seit mit der Einführung des neuen Herliner Hochschulgesetzes der Verwaltungsdirektor nicht mehr in völlig unkontrollierter Selbstherrlichkeit über Klinikausgaben beschließen kann.

Doch alle Demokratisierung in den Steglitzer Beschlußgremien konnte bislang nicht verhüten, daß beispielsweise bei ambulanten Privatpatienten, wenn sie neuerlich, aber diesmal in eine andere Abteilung des Klinikums kommen, ihre Krankengeschichte nicht greifbar ist. Denn bisher haben die Ordinarien vermieden, die Untersuchungsunterlagen ihrer ambulanten Privatpatienten dem zentralen Archiv zu übermitteln (ausgenommen, seit einigen Monaten, Röntgenaufnahmen).

Eingeweihte vermuten, daß die Archiv-Scheu mancher Professoren das Ausmaß ihrer Privatpraxis im Klinikum verschleiern helfen soll.

Nach Nr. 5, Absatz 1 der sogenannten Nebentätigkeitsverordnung des Landes Berlin ist den Direktoren der Uni-Kliniken gestattet, Kranke der ersten und zweiten Pflegeklasse privat zu behandeln und dafür ein besonderes Honorar zu fordern.

Assistenten des Klinikums, so notierte 1969 das »Berliner Ärzteblatt«, gedächten noch oft »des kraftvollen Goerke-Wortes vom Herbst 1968 über die gerechte Verteilung der Millionen-Einnahmen« aus den Privatstationen.

»Noch ehe der erste Privatpatient im Frühjahr nächsten Jahres eingeliefert wird«, hatte der Ärztliche Direktor damals zugesichert, »haben wir einen Weg gefunden.« Kommentar des »Berliner Ärzteblatts": »Falls Goerke und die Ordinarien einen Weg gesucht haben -- gefunden haben sie bisher keinen.« Das blieb so bis heute.

Einmal, am 24. Mai 1968, beschloß die (von den Ordinarien gebildete) Honorarkommission des Klinikums wahrhaftig, die Höhe der Liquidation für sogenannte Sekundärleistungen zu begrenzen: auf 200, beziehungsweise 250 Mark je Patient und je nach der Dauer seines Aufenthalts im Klinikum.

Was es mit den Sekundärleistungen bei Privatpatienten auf sich hat, erläuterte in der internen Klinikum-Dokumentation ein Mitglied des Steglitzer Ärztestabes -- am Beispiel einer chemischen Laboruntersuchung:

Der Internist zum Beispiel ordnet eine Blutuntersuchung an, die Krankenschwester (die aus öffentlichen Mitteln bezahlt wird) nimmt das Blut ab. Ein Angestellter (der aus öffentlichen Mitteln bezahlt wird) transportiert das Blut in das Labor. Die MTA (die aus öffentlichen Mitteln bezahlt wird) macht die Untersuchung mit Apparaten, die aus öffentlichen Mitteln bezahlt werden. Überwacht und angeleitet wird die Untersuchung von einem Assistenzarzt (der aus öffentlichen Mitteln bezahlt wird). Das Ergebnis kontrolliert eben dieser Assistenzarzt. Die Auswertung des Ergebnisses ist Sache des obengenannten Internisten.

Der Direktor des chemischen Labors aber, in dem das Blut untersucht wurde, ließ nun eine Rechnung schreiben, von einer Sekretärin (die aus öffentlichen Mitteln bezahlt wird), für sein privates Konto. Selbst das Porto für die Rechnungen wird aus öffentlichen Mitteln bezahlt.

Schon fünf Monate nach Aufnahme der ersten Patienten im Klinikum mußte der Ärztliche Direktor seine Kollegen mahnen, sich an die beschlossene Limitierung ihrer Rechnungen zu halten. Immer häufiger beschwerten sich Patienten über die Höhe der Honorarforderungen. In einem Fall war die Rechnung über die sogenannte Sekundärleistung fast so hoch wie für eine Operation: 2200 Mark. Nach Einspruch des Patienten wurde das Honorar auf 1500 Mark herabgesetzt.

Für die normale privatärztliche Tätigkeit liquidieren Steglitzer Klinikchefs bis zum 13fachen Satz der GOÄ (Gebührenordnung für Ärzte). Die Verwaltung des Klinikums sah sich in einem Fall veranlaßt, an die »Würde« des Professors zu appellieren, und ging schließlich dazu über, sich von den Patienten vorher bescheinigen zu lassen, daß sie etwaige Honorarbeschwerden nicht mehr an die Verwaltung, sondern direkt an die Klinikdirektoren richten würden.

Nach dem West-Berliner Hochschullehrergesetz sind die zur Privatliquidation berechtigten Hochschullehrer verpflichtet, 15 Prozent ihrer Einnahmen aus ambulanter Behandlung, beziehungsweise ein Bettengeld von 2,75 Mark je stationärem Patient und Tag an die FU abzuliefern -- dafür, daß sie Personal, Material und Einrichtungen des Klinikums für ihre privatärztliche Tätigkeit benutzen.

Doch schon seit Jahren hatte der Berliner Rechnungshof beklagt, daß die Chefs der FU-Kliniken es (mit einer Ausnahme) schlankweg unterlassen hätten, das Bettengeld abzuführen. Am Steglitzer Klinikum, das doch »neue Wege« hatte suchen wollen, wurde es damit nicht viel anders.

Von den 23 damals am Steglitzer Klinikum tätigen Klinikdirektoren oder liquidationsberechtigten Abteilungsleitern zahlten im Jahre 1970

* ein Klinik-Direktor überhaupt nichts,

* zwei weitere Klinik-Direktoren kein Bettengeld,

* 17 der 23 Schuldner keinen 15-Prozent-Anteil für die von ihnen stationär behandelten Patienten,

* drei nur einen Bruchteil des geforderten 15-Prozent-Anteils;

* für die Behandlung ambulanter Privatpatienten führten nur 14 der 23 Liquidationsberechtigten ihren vollen gesetzlichen Anteil ab.

Insgesamt hatte der Verwaltungsdirektor des Klinikums die jährlichen Einnahmen aus der 15-Prozent-Abgabe für Privathonorare (ohne Bettengeld, Gutachteranteil und ähnliches) auf eine Million Mark vorausgeschätzt.

Tatsächlich aber ging im Jahre 1970 von den zur Nebentätigkeit Berechtigten (einschließlich Bettengeld und Abgaben für Gutachtertätigkeit) wenig mehr als ein Zehntel dieser Summe ein: 118 426,72 Mark.

Wieviel die Klinik-Direktoren und liquidationsberechtigten Abteilungsleiter von ihren Privatpatienten kassieren, erfährt -- allenfalls -- das Finanzamt.

Die geschätzte Abgabensumme von einer Million Mark aber läßt den Schluß zu, daß die 23 Honorar-Berechtigten mit Einnahmen in einer Größenordnung von insgesamt sechs Millionen Mark rechnen können.

Das Ausmaß ihrer privatärztlichen Nebentätigkeit unterliegt keiner gesetzlichen Beschränkung -- und nicht selten wird sie zur Haupttätigkeit.

* Bei der Einweihung des Klinikums Steglitz im Oktober 1968.

So ergab eine Übersicht über rund 1000 operative Eingriffe, die im November 1970 im Klinikum vorgenommen wurden, daß sieben Ordinarien insgesamt 120 dieser Operationen ausgeführt hatten. Von den 120 Operierten freilich waren 58 Privatpatienten. Einer der Klinikdirektoren war an 23 Eingriffen beteiligt, von denen nur einer einem Kassenpatienten galt.

Durchschnittlich zwei bis drei Assistenten (die aus öffentlichen Mitteln bezahlt werden) und das Team der Operationsschwestern helfen dem Chef. Aber nach wie vor gibt es in Steglitz eine Honorarbeteiligung für Assistenzärzte und Krankenschwestern, wie die Betroffenen mitteilen, »nur sporadisch, in geringem Umfang und dann als Geschenk«.

Jeden Tag bringen Steuerzahler für jedes Steglitzer Klinikbett -- von je 200 000 Mark Grundinvestition abgesehen -- Unterhaltskosten in Höhe von 180 Mark auf.

Das ergibt pro Jahr bei den rund 100 Steglitzer Privatbetten eine Summe von sechs Millionen Mark -- die Klinik-Direktoren erwirtschaften daraus für sich eine gerade so hohe Summe als jährliches Privathonorar. Dennoch hat das West-Berliner Klinikum Schwierigkeiten bei der Berufung von Professoren aus der Bundesrepublik.

Nach Ansicht der professoralen »Notgemeinschaft für eine freie Universität« liegt das vornehmlich am neuen Berliner Hochschulgesetz, das westdeutsche Akademiker abschrecke und überdies »die Krankenversorgung im klinischen Bereich gefährdet«.

Nach Ansicht von Eingeweihten freilich liegt es eher daran, daß klinischen Hochschullehrern, so die Klinikum-interne Denkschrift, »in Westdeutschland noch bessere Verdienstmöglichkeiten und bessere Positionen in der Hierarchie der Krankenhäuser geboten werden« als im Steglitzer Klinikum.

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