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Titel Die Studenten-Fabrik

Deutschlands Hochschulen hat eine Revolution erfasst: Schneller, straffer und zugleich praxisnah soll das Studium werden. Studenten stöhnen, Professoren bangen um ihre Freiheit. Die Wirtschaft aber freut sich über die neuen Turbo-Absolventen.
aus DER SPIEGEL 18/2008

Wie schön hatte sich Christian Nitsche das Studentenleben vorgestellt! Endlich den Dingen richtig auf den Grund gehen können, endlich selbst bestimmen, endlich sein eigener Herr sein. Und dann natürlich das Nachtleben und monatelange Semesterferien!

Inzwischen studiert der 22-Jährige seit fünf Semestern Internationale Betriebswirtschaft an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Inzwischen weiß er: Nichts von alledem ist wahr.

Flirten am Badesee? »Schön wär's. Auch bei 30 Grad im Sommer sitze ich in der Bibliothek und pauke für die Klausuren.« Zechen in Studentenkneipen? »Wann denn? Unter 50 Stunden pro Woche läuft im Studium nichts.« Backpacking durch Südamerika? »Von wegen. Ganze vier Tage konnte ich in den letzten Semesterferien mal nach Hause fahren. Ansonsten: büffeln, büffeln, büffeln.«

»Zu viel Stoff und zu wenig Zeit«, das findet auch Jenny Kurtz, 29. Die alleinerziehende Mutter studiert Englisch und Geschichte an der Berliner Humboldt-Universität. »Man steht ständig unter Druck«, erzählt sie. »Seit Anfang meines Studiums habe ich acht Kilo abgenommen.« Nicht Denken, sondern bloßes Pauken sei gefordert: »Nur Fakten werden abgefragt, Diskussionen sind unerwünscht.«

Kein Zweifel: Studieren in Deutschland, das ist nicht mehr, was es war. Es weht ein scharfer Wind an den Universitäten. Vorbei die Zeiten, da Selbständigkeit und Selbstverwirklichung großgeschrieben waren. Heute muss selbst manch Einser-Abiturient sich gewaltig strecken, damit er die Klausuren besteht.

Denn eine stille Revolution hat die deutschen Hochschulen erfasst. Von der Öffentlichkeit erstaunlich wenig wahrgenommen, haben die Bildungspolitiker den Unis eine Rosskur verordnet, die kaum mehr etwas in Hörsaal und Labor beim Alten belässt. Reform folgt auf Reform, jedes Semester hält neue Überraschungen bereit. »Ich habe nun schon drei Prüfungsordnungen kennengelernt«, stöhnt der Karlsruher Germanistikstudent Sebastian Felzmann.

Vor allem ein Ziel haben sich die Reformer auf ihre Fahnen geschrieben: Das gemütliche Bummelstudium von gestern hat ausgedient; ausgebildet wird nun der flexible, allzeit einsatzbereite Turbo-Absolvent. »Durchziehen, einfach durchziehen heißt meine Devise«, auf diese kurze Formel bringt es Michael Fugel, 22, der in Berlin Verkehrswesen studiert - und mit seinem Ohrring, dem Siebentagebart und der Schiebermütze sieht er nicht gerade so aus, wie man sich einen Streber vorstellt.

Das gesamte Curriculum wird neu geordnet: Schneller und straffer soll alles nun gehen. Und gleichzeitig heißt die Parole: Praxisbezug. Schon nach sechs Semestern gibt es den ersten Abschluss, knapp über 20-Jährige sollen künftig bereits reif sein für den Start in den Job.

»Akademische Bildung schließt eine Berufsorientierung doch nicht aus«, meint Rudolf Steinberg, der Uni-Chef in Frankfurt am Main. Was er da so leichthin sagt, kommt einem Umsturz gleich für die traditionelle deutsche Universität. Das Studium gilt nicht länger als Insel des Geistes. Nun heißt es: Hier wird die wirtschaftliche Elite fit für die Zukunft gemacht.

»Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte müssen die Unis klare Ziele ihrer Lehrveranstaltungen formulieren«, sagt Peer Pasternack, Forschungsdirektor am Institut für Hochschulforschung Halle-Wittenberg. »Lange Zeit dachte man, wenn die Studenten einem bedeutenden Wissenschaftler in der Vorlesung lauschen, wird schon irgendwas herauskommen.«

Vorbei - heute sammeln die Studenten für jede Vorlesung »Credit Points« nach dem europäischen »ECTS-System«. Schon ab dem ersten Semester zählen die Prüfungsleistungen für die Abschlussnote - und geprüft wird viel und scharf.

»Sämtliche Bereiche der Hochschule werden auf Effizienz getrimmt«, konstatiert Pasternack. Tatsächlich: Zunehmend verstehen sich Uni-Präsidenten als Unternehmensführer, Wirtschaftsvertreter sitzen in den Uni-Gremien, Hochschulen sieben die Bewerber für Studienplätze selbst aus, Institute wetteifern im Exzellenz-Wettbewerb um Prestige und Fördermillionen. Und Studiengebühren sind vielerorts zum Symbol des Umbaus geworden.

Besonders deutlich offenbart sich der Wandel in der wohl größten Strukturreform der deutschen Universität, seit Wilhelm von Humboldt die Einheit von Forschung und Lehre ersann: dem sogenannten Bologna-Prozess. Ziel ist die Umstellung sämtlicher Hochschulabschlüsse. Diplom und Magister werden abgeschafft; fortan gibt es nur noch Bachelor und Master: Den Bachelor-Titel bekommt, wer, gleichsam als Akademiker light, sechs Semester Crashkurs in Grundlagen bestanden hat. Der Master wartet meist nach zwei weiteren Jahren Aufbaustudium.

Am 19. Juni 1999 verständigten sich 29 Staaten im italienischen Bologna darauf, ihre Hochschulen einander anzugleichen. Ihr Beschluss: Ein einheitlicher europäischer Hochschulraum soll bis spätestens 2010 geschaffen sein. 46 Länder haben sich dem Ziel verpflichtet, darunter Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Moldawien und die Ukraine - das europäische Hochschulsystem ist zur Großbaustelle geworden.

Rund 82 Prozent aller Universitäten in Europa haben das neue System bereits eingeführt, das hat der Europäische Hochschulverband in seiner letzten Erhebung 2007 festgestellt.

Zwar hinkt Deutschland mit weniger als 70 Prozent noch hinterher. Doch dafür wird nun hierzulande umso eifriger reformiert. Radikal wie in keinem anderen Land wird die Bildung abgekürzt. In nur acht Jahren zum Abitur, dann noch drei Jahre bis zum Studienabschluss - vergessen die Zeiten, als die Deutschen die Senioren unter Europas Hochschulabgängern waren.

Gewiss, der Widerstand war groß. Doch nun beharren auch die Ingenieure nicht mehr auf ihrem »Dipl.-Ing.«. Und selbst die allerletzten Bastionen wanken: In den Staatsexamensfächern Medizin und Jura finden demnächst große Konferenzen statt. Dort wird beraten, wie man auch in diesen Disziplinen ein gestuftes Studienprogramm entwickeln kann.

Unterstützung erhoffen sich die Universitäten von der Politik. Allzu sehr habe diese die Lehranstalten bei der Bewältigung der »ungeheuren Belastung« des Strukturwandels alleingelassen, klagt Margret Wintermantel, die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz. Nun sei es Zeit für eine »Phase der Nachsteuerung«. Manche Hochschulen versuchten, »zu viel Inhalt in die kürzeren Studiengänge zu stopfen«.

Eines freilich dürfe nie in Frage stehen: »Die Reform ist nicht mehr umkehrbar, sie muss ein Erfolg werden.«

Wohl wahr. Denn in Deutschland hängen hohe Erwartungen am Uni-Komplettumbau. Der gigantische Feldversuch in Sachen Bildung dient ja nicht nur der internationalen Vergleichbarkeit. Eine zu niedrige Absolventenquote, ein Heer von Studienabbrechern, die vielen Langzeitstudenten, Klagen über fehlende Praxisnähe - das sind die Leiden, die Deutschlands Unis schon seit Jahrzehnten quälen. Und »Bologna« betrachteten viele als Wunderkur, die alle auf einmal heilen soll.

Rasant wächst nun die Zahl der Deutschen, die sich »Bachelor« nennen dürfen. 34 599 waren es bis zum Jahr 2006, schon sehr bald wird ihre Zahl in die Hunderttausende gehen. Für die deutsche Wirtschaft schlägt damit eine Schicksalsstunde. Denn nun wird sich erweisen, ob die auf den Arbeitsmarkt drängende Armee der Blitz-Akademiker hält, was man sich von ihnen versprochen hatte.

Der Preis des Umbaus, so viel ist jetzt schon klar, war hoch. Dem Kölner Rechtswissenschaftler Bernhard Kempen zum Beispiel, dem Präsidenten des Deutschen Hochschulverbands, graust es beim Trend zur allgemeinen Verschulung: »All diese haarklein festgelegten Module führen zu einem Scheuklappen-Studium, das den Blick nach rechts und links verstellt. Damit werden wir keine Innovationsträger und Funktionseliten heranziehen.« Und auch Imke Buß vom Freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften meint: »Es geht an den Unis nicht mehr um Bildung, sondern nur noch um Ausbildung.«

Was das bedeutet, hat die Hamburger Politologiestudentin Lena Brentrup schnell lernen müssen: »Ich dachte, ich kann mein Studium selbst gestalten.« Stattdessen fand die 19-Jährige einen detaillierten Plan vor, der ihr Studium vom ersten Semester an durchorganisiert: »Das hilft natürlich, das Pensum in den Griff zu bekommen. Aber ich fühle mich teilweise wie in der Schule.«

Beiden Seiten, Professoren wie Studenten, wurden enorme Opfer abverlangt. So war die Umbauarbeit in den Universitäten »mit einer irrsinnigen Bürokratie verbunden«, klagt Hochschulforscher Pasternack. Zäh musste um jede Studienordnung gerungen werden. Und wenn sich schließlich doch alle Gremien einmal einig waren, dann konnte man sich stets darauf verlassen, dass die Software versagte.

All das hat viel kostbare Zeit gekostet. Genervt stöhnt der Frankfurter Max-Planck-Forscher Wolf Singer: »Wenn Sie einen guten Wissenschaftler total inaktivieren wollen, dann lassen Sie ihn die Bologna-Reform organisieren.«

Manch ein Professor musste sich damit abfinden, dass sich seine Arbeit immer mehr der eines Lehrers angleicht, erzählt der Bochumer Erziehungswissenschaftler Franzjörg Baumgart. »Im letzten Wintersemester habe ich 400 Klausuren korrigiert - so viele kamen bei einem Hochschullehrer früher im ganzen Leben nicht zusammen«, sagt er.

Zudem sehen viele den geheiligten akademischen Schutzraum in Gefahr. Allzu sehr halte der wirtschaftsliberale Effektivitätswahn Einzug in Vorlesungen und Seminare. Die Angst geht um vor einer Uni-Welt, in der Rektoren wie CEOs auftreten und Fakultäten wie Profit-Center, die um die begehrten Drittmittel konkurrieren.

»Statt des Elfenbeinturms ist jetzt der Leuchtturm die Leitmetapher«, spottet der Münchner Sozialpsychologe Heiner Keupp. Begriffe aus der Welt der Wirtschaft tauchten immer öfter im »neuen Jargon des Hochschulmanagements auf«; Keupp nennt sie »Plastikwörter": Leistungskontrolle heißt »Benchmarking«, Studenten werden zu »Kunden«, Hochschulen »schöpfen Ressourcen aus« und »stellen Synergien her«.

Die Studenten wiederum zahlen mit Stress und Prüfungsangst. »Viele stehen durch die strengen Curricula viel stärker unter Druck«, sagt die Psychologin Sigi Oesterreich vom Studentenwerk Berlin. »Einige halten den hohen Leistungsanforderungen nicht stand. Früher hatten sie eher Probleme mit der Selbstorganisation, jetzt wird der vorgegebene Stundenplan zum Stressfaktor.«

Sprunghaft stieg die Nachfrage bei der psychologischen Beratungsstelle: Suchten im Durchschnitt der vergangenen Jahre bis zu 1000 Studenten Hilfe bei den Beratern, so waren es im Jahr 2006 schon 1300, im Jahr 2007 gar mehr als 1400 Neuanmeldungen. Früher, erzählt Oesterreich, hätten persönliche Probleme im Vordergrund gestanden. Nun sind Studien- und Leistungsprobleme an die erste Stelle gerückt.

Auch sei die Klientel deutlich jünger geworden: »Jetzt kommen Studierende schon in den ersten beiden Semestern zu uns, weil sie sich überrollt fühlen von der geballten Anforderung durch Klausuren und Hausarbeiten. Das geht bis zu Schlafstörungen und Angstzuständen.«

Ist die Bologna-Reform all das wirklich wert?

Jung, smart, formbar, flexibel: So hatte sich die Wirtschaft den Absolventen der Zukunft gewünscht. Und die Uni war auserkoren als Fabrik, die ihn liefern sollte.

Doch halten die neuen Bachelors nun, was sich Bildungsstrategen und Personalchefs von ihnen versprochen haben? Taugen sie als neue, frische Elite? Oder spucken die Unis nur Discount-Akademiker aus, denen es an Fachwissen und Lebenserfahrung mangelt?

In großer Zahl sind Bildungs- und Sozialforscher ausgeschwärmt, um die neue Spezies des Bachelors zu durchleuchten - und ihre Erkenntnisse fallen ernüchternd aus. »Praktisch alle, die vor fünf Jahren noch optimistisch waren, sagen heute: Das ist eine Katastrophe«, konstatiert der Münchner Philosophieprofessor und ehemalige Kultur-Staatsminister Julian Nida-Rümelin. Ganz so düster sehen es zwar nicht alle. Doch Grund zu großer Sorge geben die Befunde, welche die Forscher zusammengetragen haben, allerdings:

* Trotz steigender Zahl von Abiturienten nehmen in einigen Bundesländern weniger Studenten ihr Studium auf - obwohl sich alle Experten einig sind, dass Deutschland eigentlich mehr Akademiker braucht.

* Das starre Korsett des Studienplans lässt kaum Zeit für Auslandssemester und Praktika - gerade solche Erfahrungen aber gelten als wichtige Türöffner für beruflichen Erfolg.

* Manch Bachelor muss feststellen, dass sein Abschluss in anderen Ländern bisweilen nichts gilt - dabei war gerade die internationale Anerkennung das zentrale Anliegen der ganzen Umstellung.

* Für die betreuungsintensiven neuen Studiengänge fehlt es oft schlicht an Dozenten - und dies, obwohl die Politik im Hochschulpakt eigens hierfür über eine Milliarde Euro bereitgestellt hatte.

* Viele Bachelors bemühen sich nach ihrem Abschluss vergebens um einen Platz im Master-Studium - doch noch ist völlig unklar, wie viele Bachelors die Industrie überhaupt einstellen mag.

* Am meisten leiden unter der Straffung des Lehrstoffs Studenten ohne Finanzspritzen der Eltern, die neben dem Studium jobben müssen - und dies, obwohl es das deutsche Hochschulwesen verglichen mit anderen Ländern sozialen Aufsteigern ohnehin schon schwerer macht.

Besonders deprimierend aber sind Zahlen, die eine Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) in Hannover zutage förderte. Die Untersuchung befasst sich damit, ob es denn gelungen sei, die Epidemie des Studienabbrechens einzudämmen. Denn das galt als eines der wichtigsten Ziele der Reform.

Das Ergebnis fiel schlimmer aus, als es selbst lautstarke Bologna-Skeptiker befürchtet hatten: In vielen Studienfächern werfen nicht weniger, sondern mehr das Handtuch. Während insgesamt jeder Fünfte sein Studium vor dem Abschluss aufgibt, ist es unter den Bachelor-Studenten sogar jeder Vierte. Noch weniger bleiben an den Fachhochschulen bei der Stange: Dort liegt die Quote der Abbrecher bei 39 Prozent. Einziger Trost: Wenn Bachelor-Studenten hinschmeißen, tun sie es bald. Die teuren Bummelanten, die viele Jahre in den Seminaren hocken, um sich dann doch nie zur Prüfung anzumelden, gibt es unter ihnen kaum.

Die genaue Analyse erklärt den bitteren Befund: In Fächern wie Germanistik oder Politologie nämlich, in denen die Studenten einst vor lauter Freiheit bei der Gestaltung ihres Studienprogramms schnell die Orientierung verloren, scheint die Verschulung besseren Halt zu geben: Hier halten nun mehr bis zum Examen durch.

Ingenieure oder Volkswirte hingegen hatten nie viel Anlass, sich über lasche Professoren oder unklare Leistungsanforderungen zu beklagen. Hier schlägt nun zu Buche, dass die neuen Bachelor-Kurse den Stoff noch kompakter und damit noch schwerer verdaulich servieren. Deshalb nimmt die Zahl derer, die aufgeben, zu.

Gerade bei Fachhochschülern kommen häufig finanzielle Ursachen für den Abbruch hinzu. So stammen dort viele angehende Ingenieure aus sozial schwächerem Milieu. Meist müssen diese Studenten nebenbei arbeiten - fürs Jobben aber bleibt neben den Crashkursen für den Bachelor meist wenig Zeit.

Ein weiterer Grund für die frühe Flucht von der Hochschule mag mit dem Chaos der Umstellung zusammenhängen: Gerade in der Umbruchphase ist es für die Studienanfänger nicht leicht, sich im Dickicht der ständigem Wandel unterworfenen Studien- und Prüfungsordnungen zurechtzufinden. Schon die Wahl der passenden Disziplin gerät da rasch zur Wissenschaft für sich. 8781 »grundständige Studienmöglichkeiten« - also vorwiegend die kurzen Bachelor-Programme - listet die Hochschulrektorenkonferenz auf. Das geht los bei »Abfallwirtschaft und Altlasten« an der TU Dresden und endet bei »Zukunftsenergien«, einem Bachelor-Abschluss der Hochschule Ostwestfalen-Lippe.

Dem Studienanfänger 2008 ergeht es wie dem Mobilfunkkunden, der in einem Dschungel von Tarifen die für ihn vorteilhafteste Kombination finden muss. Das ist umso schwieriger, als sich hinter »Molekulare Medizin« (Bachelor, Uni Tübingen) nicht unbedingt dasselbe verbergen muss wie hinter »Medizin, molekulare« (Diplom, Uni Freiburg) oder »Molecular Life Sciences« (Bachelor, Uni Lübeck).

Der Fächerwirrwarr ist Ausdruck eines Grundproblems des föderalen deutschen Hochschulsystems. Jahrzehntelang haben Politik und Universitäten die Anpassung an den Massenbetrieb verschlafen - nun reformieren unter dem Druck von außen alle alles auf einmal und vor allem jeder, wie es ihm gerade passt.

»Es gibt in Deutschland so viele Bologna-Prozesse, wie es Hochschulen gibt«, konstatiert die Politologin Katrin Toens, die sich an der Universität Hamburg gerade über die Bachelor-Master-Umstellung in Deutschland habilitiert. »Überall finden sich Reforminseln, die nicht unbedingt viel miteinander zu tun haben.«

Das beobachtet auch Hochschulforscher Pasternack: »Mit der Begründung, international anerkannte Studienangebote schaffen zu wollen, hat man in Deutschland ein System etabliert, das nicht einmal mehr national vergleichbar ist«, spottet der Wissenschaftler. So bietet allein das Land Nordrhein-Westfalen sechs verschiedene Modelle für ein Bachelor-Master-Lehramtsstudium - da wird schon der Wechsel an die Nachbaruni zum bürokratischen Hindernislauf.

Als noch schwieriger kann sich der Wechsel ins Ausland erweisen. Denn die vorgeblich so internationalen Abschlüsse made in Germany sind keineswegs überall willkommen: Simone Stelten etwa ist »ganz schön desillusioniert«, seit sie sich um einen Master-Studiengang bewirbt. Die 21-Jährige studiert »Integrierte Europastudien« in Bremen; sie hat bereits mehrere Praktika in Brüssel gemacht und schreibt gerade an ihrer Bachelor-Arbeit über die Beteiligung der Bürger an Entscheidungen der EU-Kommission. Eine zentrale Lektion in Sachen europäisches Chaos aber hat ihr erst die persönliche Erfahrung erteilt.

Das erste Problem ließ sich noch lösen: Stelten wollte ein Auslandssemester in England einlegen. Doch die Vorlesungszeiten und Semesterferien sind nicht einheitlich geregelt. Die University of Essex hat Trimester, ihre Heimatuni aber Semester - Stelten sollte im Januar in England erscheinen, doch in Bremen lief der Lehrbetrieb noch bis Februar. »Da hat sich die Bremer Universität flexibel gezeigt und einige Klausuren vorgezogen«, sagt sie.

Richtig kompliziert wurde es, als sich Stelten für einen Master-Studiengang bewerben wollte. Das renommierte Europa-Kolleg, eine Vorzeige-Institution in Brügge und Warschau, beschied sie, »dass ein Drei-Jahres-Bachelor-Abschluss nicht ausreichend ist«. Hier seien zuvor vier Jahre Studium verlangt. Dumm nur, dass Steltens Bachelor-Programm - so wie fast alle entsprechenden Programme in Deutschland - eine Regelstudienzeit von sechs Semestern vorsieht.

»Niemand hat den Deutschen vorgeschrieben, dass ein Bachelor nur drei Jahre dauern darf«, konstatiert Doris Pack nüchtern, die Bildungsexpertin der christdemokratischen Fraktion im Europaparlament. »In den neuen EU-Mitgliedstaaten sind vier Jahre die Regel.«

Wütend schrieb Stelten eine E-Mail nach Brügge: »In meinen Augen widerspricht dies der europäischen Angleichung der Abschlüsse!« Sie bewirbt sich nun an anderen Hochschulen. Einer ihrer Aufsätze liegt mit in der Bewerbungsmappe. Arbeitstitel: »Das Bologna-Dilemma«.

Das deutsche Hochschulsystem steht unterdessen erst jetzt vor einer der wichtigsten Weichenstellungen. Denn nun wird sich entscheiden müssen, was mit den fertigen Bachelors geschieht. Soll die Mehrheit von ihnen künftig direkt ins Berufsleben entlassen werden? Oder sollen die Hochschulen möglichst viele von ihnen weiter zum Master qualifizieren?

Lange haben die Universitäten die Antwort auf diese Frage vor sich hergeschoben. Doch nun wächst rasant die Zahl der Studenten, die den Bachelor-Status erreichen - und schon zeigt sich, dass die meisten weiterstudieren wollen. Erste Erfahrungen deuten darauf hin, dass in den meisten Studienfächern nur etwa 20 Prozent von ihnen auf den Arbeitsmarkt drängen. Die große Masse dagegen, so scheint es, bleibt der Uni erhalten - falls sie denn dort willkommen ist.

Verzweifelt versuchen nun viele Universitäten, sich auf den Ansturm auf das Master-Studium vorzubereiten. Denn in welchen Hörsälen, Seminarräumen und Labors sollen denn alle unterkommen?

»Eine einfache Rechnung macht klar, dass es Engpässe geben wird«, erklärt die Bologna-Expertin Johanna Witte vom Bayerischen Staatsinstitut für Hochschulforschung: »Viele Universitäten haben so viele personelle und finanzielle Ressourcen in den Bachelor gesteckt, dass die im Master zwangsläufig fehlen.« Einige Bundesländer sahen sich bereits gezwungen, rigorose Übergangsquoten beim Wechsel vom Bachelor zum Master zu verordnen.

Für die Studenten kann dies fatale Folgen haben. Lehramtsstudenten zum Beispiel können ohne den »Master of Education« nicht in den Schuldienst starten, für Bachelors kommen allenfalls Hilfslehrertätigkeiten in Frage. Jedes Bundesland geht mit diesem Problem auf seine eigene Weise um: Nordrhein-Westfalen etwa rang sich durch, sämtlichen Lehreranwärtern nach bestandenem Bachelor den Zugang zum Master-Studium zu gewähren. So großzügig sind die Hochschulrektoren in Baden-Württemberg nicht. Wenn es nach ihnen geht, soll hier nur weiterstudieren dürfen, wer gute Noten hat.

Ähnliche Probleme zeichnen sich in den Staatsexamensfächern Jura und Medizin ab. Ein Jura-Bachelor mag noch unterkommen, wenn auch nicht als Staatsanwalt oder Richter - doch was ist mit den Medizinern? Sollen sie nach sechs Semestern Studium Patienten behandeln dürfen?

Auch in vielen Naturwissenschaften ist das Berufsbild des Bachelor-Absolventen noch nebulös. »Wir können mit dem Abschluss praktisch gar nichts anfangen«, meint etwa der Hamburger Chemiestudent Alexander Littig. »Jeder Laborant wäre uns überlegen.« Wer Chemiker einstelle, sei eben verwöhnt, meint der 23-Jährige. Denn es habe sich bereits im alten System eingebürgert, dass fast 90 Prozent aller Diplomchemiker auch noch einen Doktor machen. »Da brauchen wir alle schon mindestens den Master, um uns überhaupt bewerben zu können«, sagt Littig.

Wenig anders sieht die Stimmung in dem als vorbildlich geltenden Studiengang Biowissenschaften an der Uni Münster aus: Aus den ersten drei Jahrgängen zog es fast alle in den Master. »Die guten Aussichten für hochqualifizierte Naturwissenschaftler auf dem Arbeitsmarkt und die Unsicherheit, wie der Bachelor von den Firmen aufgenommen wird, führen dazu, dass fast alle weiterstudieren wollen«, berichtet der Biochemiker Bruno Moerschbacher, der den Studiengang konzipiert hat. Zudem zeichne sich eine fatale Eigendynamik ab: »Die Guten studieren weiter, die Schlechten bleiben übrig.« Wenn diese Bodensatz-Bachelors dann auf Jobsuche gingen, fürchtet er, »dann könnte es schnell heißen, der Bachelor tauge nichts«.

Bei den Bachelor-kritischen Ingenieurwissenschaften sind es sogar die Universitäten selbst, die auf einem Master als Regelabschluss beharren. »Dieser ist für uns der berufsqualifizierende Abschluss«, erklären die »TU9« kategorisch.

Die neun großen Technischen Universitäten in Deutschland handeln damit durchaus im eigenen Sinn: Wegen des Ingenieurmangels müssten sich Bachelor wenig Sorgen machen, nach dem Abschluss ohne Job dazustehen. Wohl aber fürchten die Hochschulen, auf wichtige Hilfskräfte verzichten zu müssen: »Wenn wir unsere Bachelor-Absolventen an die Industrie verlieren, haben wir gar nicht mehr genug Leute für unsere Forschungsprojekte«, gesteht Heinz-Herbert Kaußen, stellvertretender Kanzler der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen.

Vergleichsweise leicht haben es die Wirtschaftswissenschaftler mit der Jobsuche nach dem Bachelor-Abschluss. Fast 80 Prozent von ihnen hatten einer HIS-Studie zufolge ein Jahr nach ihrer letzten Uni-Prüfung eine Anstellung gefunden.

Matthias Bieletzki zum Beispiel kam bei Siemens in Essen unter. Er hat Wirtschaftsingenieurwesen an der Universität Duisburg-Essen studiert, und was er über seine Arbeit im Vertrieb von Turbinen berichtet, klingt nicht nach Schmalspurjob: »Weder beim Gehalt noch bei meinen Aufgaben muss ich als Bachelor irgendwelche Abstriche machen«, erzählt er.

Aber schon bei den Geisteswissenschaftlern sieht es deutlich düsterer aus. Noch immer klingt dem Karlsruher Germanistikstudenten Sebastian Felzmann der Vortrag eines Wirtschaftsbosses in den Ohren, der sie auf die Wirklichkeit des Berufs einstimmen sollte. »Ein Bachelor ist doch nichts anderes als ein zertifizierter Studienabbrecher«, hatte der Mann gehöhnt und damit nur die Ängste geschürt, die ohnehin alle im Hörsaal umtrieben. »Uns war doch von Anfang an klar, dass wir mit einem rein geisteswissenschaftlichen Bachelor-Abschluss niemals einen Job finden werden«, meint Felzmann. »Daher ist es pure Ironie, dass ausgerechnet in diesen Fächern die Plätze für Master-Studenten knappgehalten werden.«

Planungschaos, Klausurenstress und Zukunftsangst - Gründe für Unmut gibt es genug. In den siebziger und achtziger Jahren zogen die Studenten bei weitaus geringerem Anlass durch die Straßen, warfen Farbbeutel, trafen sich zu Sit-ins, und Streik war an manch einer Fakultät der Dauerzustand. Eine Generation, die ihre Zeit mit Diskussionen am WG-Küchentisch verbrachte, reagierte allergisch, sobald von mehr Klausuren oder kürzerer Studienzeit die Rede war.

Wie anders jedoch ist das Volk, das sich im Jahr 2008 in Seminarräumen und Hörsälen einfindet. Das stellten die HIS-Forscher in Hannover fest, als sie in einer Umfrage die Gemütslage der neuen Turbo-Akademiker zu erfassen versuchten. 22 000 Studenten an 150 Hochschulen baten sie um Auskunft. Das verblüffende Ergebnis: Insgesamt zeichnet sich ein keineswegs nur negatives Stimmungsbild ab. Immerhin 46 Prozent der Bachelor-Studenten an Unis fühlten sich rundum gut betreut - das sind signifikant mehr als bei den Studenten der herkömmlichen Studiengänge.

Außerdem zeigt die Statistik: An deutschen Unis wird inzwischen kürzer studiert. Wie erhofft ist die Studiendauer drastisch gesunken. Der durchschnittliche Bachelor hat sein Examen nach 6,9 Semestern in der Tasche. Er liegt damit gerade einmal ein halbes Semester über der Regelstudienzeit - undenkbar im alten Deutschland der Bummelstudenten.

Solche Zahlen offenbaren: Vielerorts ist ein neuer pragmatischer Studententyp auf den Plan getreten. Fleiß und Hartnäckigkeit verdammt er nicht mehr als Strebertum. Selbstfindung gilt ihm als Zeitverschwendung.

An der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität lässt sich die Generation Bachelor am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften besichtigen. Daniela Schlosser, 20, startet gerade ins zweite Semester. Schon in der 11. Klasse hatte sich die Nürnbergerin auf Abi-Messen informiert; ehe sie sich einschrieb, reiste sie zweimal eigens zu Info-Veranstaltungen nach Frankfurt an. Im ersten Semester hat sie neben den Pflichtfächern Mathematik, Finanzen, Rechnungswesen und VWL auch schon Wirtschaftsrecht belegt. »Das brauche ich sowieso für mein Schwerpunktfach.«

Schlosser würde gern schon nach dem Bachelor-Abschluss in den Job starten, am liebsten in der Erwachsenenbildung als Wirtschaftspädagogin. Sie glaubt zu wissen, worauf es ankommt: »Die Unternehmen wollen junge Leute, die sie noch formen können und die ungebunden sind.«

Ihr Kommilitone Stefan Bachmann hat sich vor allem wegen der neuen Abschlüsse für Frankfurt entschieden. »Ich hätte auch in Mannheim anfangen können«, erzählt er, »aber da wäre ich einer der letzten Diplomstudenten gewesen - dann bin ich doch lieber einer der ersten Bachelors.«

Die straffe Organisation des Studiengangs schreckt den 22-Jährigen nicht: »Die Zeit ist zwar knapp, aber es ist zu schaffen.« Gerade genehmigte ihm die Uni ein Urlaubssemester für ein sechsmonatiges Praktikum bei der Fondsgesellschaft der Deutschen Bank; bei den Beratern von PricewaterhouseCoopers hat er auch schon hospitiert, ebenso im Deutschen Bundestag. »So brauche ich zwar ein Semester länger bis zum Bachelor, dafür habe ich schon sehr viel Praxiserfahrung«, erklärt Bachmann.

Im Winter zieht es den künftigen Finanzexperten zum Auslandsstudium nach Boston. »In meinem Hauptfach habe ich dann sicher genauso viel drauf wie die früheren Diplomer«, sagt Bachmann, »dafür bin ich vielleicht in der Breite nicht ganz so gut aufgestellt.« Nach ein paar Jahren Berufserfahrung will er deswegen noch einen Master dranhängen - »im Job muss man ja ohnehin immer Neues dazulernen, man ist nie fertig ausgebildet«.

Selbst bei den Asten, lange Zeit ein letzter Rückzugswinkel der Protestgeneration, ist der neue Geist eingekehrt. Der Asta-Flur der Uni Hamburg etwa, der noch vor kurzem mit seinen verdreckten Sofas, dem ramponierten Mobiliar und den schmutzgelben Wänden eher an ein Möbellager der Caritas erinnerte, präsentiert sich nun wie das Chefbüro einer Agentur: Ein einheitliches Logo ziert frischgestrichene Wände und Türen, die Studentenvertreter residieren hinter einer Glastür. »Zugang über Office« steht am Büro der Asta-Chefs Benjamin Gildemeister und Olaf Holst. Corporate Identity und Vorzimmersekretariat - die Insignien der Macht haben die neuen Regenten bereits verinnerlicht.

Auch der politische Kurs ist moderater geworden. Einst konnte dem Asta nichts recht sein, was »Raketen-Moni« anpackte, die Hamburger Uni-Präsidentin und Raumfahrttechnikerin Monika Auweter-Kurtz. Nun setzen Juso Gildemeister und sein Kollege Holst auf das Gespräch mit ihr. Heißes Diskussionsthema derzeit: die Übergangsquoten von Bachelor-Absolventen zu den weiterführenden Master-Studiengängen.

Und Gildemeister kann auch schon stolz einen Erfolg verkünden: »Wir haben 36 Millionen Euro mehr herausverhandelt. Damit können jetzt 80 Prozent der Bachelors auch den Master machen.«

Überhaupt ist seine Kritik an der Bologna-Reform verhalten. »Viele Befürchtungen sind nicht unbedingt eingetroffen«, sagt Gildemeister beispielsweise. Selbst für jene, die beim Gerangel um einen Platz im Master-Studium leer ausgehen, sehen die Aussichten zumindest in den wirtschaftsnahen Fächern gar nicht so düster aus.

Es waren ja nicht zuletzt Wünsche aus der Industrie gewesen, die den Bologna-Reformern als Ansporn dienten: Zu alt und zu praxisfern seien die Uni-Absolventen, pflegten Personalchefs zu klagen. Der Wechsel zum Bachelor und Master müsse »so schnell wie möglich erfolgen«, drängelten die Personalvorstände von 22 großen deutschen Unternehmen in einer gemeinsamen Erklärung vor zwei Jahren.

Wenn es um Fähigkeiten der Absolventen geht, stehen auf der Wunschliste der Firmen einer aktuellen Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags zufolge ganz oben: Teamfähigkeit, Selbständigkeit und Selbstmanagement, Einsatzbereitschaft sowie Kommunikationsfähigkeit. »Beschäftigungsbefähigung« oder »Employability« heißt der Strauß solcher Qualifikationen im Personalchefsprech.

Gerade in dieser Disziplin aber stellte das Gütersloher Centrum für Hochschulentwicklung vielen Bachelor-Studiengängen ein gutes Zeugnis aus. Zwar weigerten sich einige Hochschulen immer noch, ihre Absolventen auf die Arbeitswelt vorzubereiten, insgesamt aber, so das Fazit, »haben wir eine erfreuliche Zunahme von Studiengängen, die eines der in Europa vereinbarten Ziele vorbildlich erfüllen, nämlich die Förderung der Beschäftigungsbefähigung in die Curricula einzubauen«.

Auch das Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) kommt zu einer vorsichtig optimistischen Einschätzung: »Zu Beginn war die Skepsis gegenüber den neuen Abschlüssen wesentlich größer, doch das beginnt sich zu wandeln«, sagt Thorsten Lang, Arbeitsmarktexperte des Instituts.

Unternehmensberater und Banken zählten zu den Ersten, die unter dem Motto »Bachelor welcome« gezielt um die Neulinge warben. Denn diese Branchen rekrutieren ihren Nachwuchs ohnehin seit langem auch im angelsächsischen Raum und sind deshalb mit Bachelors und Masters bestens vertraut. »Wir machen damit international schon seit vielen Jahren sehr gute Erfahrungen«, heißt es etwa bei der Deutschen Bank. Auch in Deutschland würden nun »kontinuierlich vermehrt Bachelors« eingestellt.

Etwas schwerer taten sich zunächst die mittelständischen Unternehmen. Doch langsam verlieren die Personalchefs ihre Scheu. So befragte die Arbeitsgemeinschaft hessischer Industrie- und Handelskammern die Unternehmen des Landes nach ihren Erfahrungen mit den neuen Bachelors. Drei Viertel von ihnen äußerten sich zufrieden.

Zwar klagt mancher Chef über vereinzelte Lücken in der Breite des Fachwissens. Auch bringen viele der Blitz-Akademiker den Unternehmen nicht genügend Erfahrung mit. »Ich stelle niemanden ein, bloß weil er 23 ist«, sagt etwa Volker Westedt, Leiter Nachwuchsgewinnung und Hochschulmarketing bei der Deutschen Bahn AG. Das starre Korsett des Studiums lasse vielfach keine Zeit für Praktika oder Auslandssemester - für Westedt neben der Examensnote entscheidende Einstellungsvoraussetzungen. »Da kommen dann 22-Jährige von der Uni, die außer dem Hörsaal nichts gesehen haben«, sagt er, »und die Hochschulen sagen uns, ihr wolltet doch junge Absolventen.«

Trotz solcher Kritik erweist sich die Sorge als unberechtigt, die Bachelors könnten vor allem als billige Hilfskräfte beschäftigt werden. »Die Vermutung, Absolventen mit Bachelor-Abschluss würden unterhalb des Hochschulniveaus eingestellt, wird nicht gestützt«, heißt es in einer IW-Studie, bei der über 600 Unternehmen befragt wurden.

An eine wesentliche Chance der Reform allerdings müssen sich in Deutschland sowohl Studenten wie auch Unternehmen noch gewöhnen: Nach dem ersten Abschluss nämlich können die Absolventen erst einmal Arbeitserfahrung sammeln, um dann einige Jahre später das Master-Studium anzuhängen. »Leider haben wir in Deutschland diese Tradition bisher nicht«, sagt Burkhard Schwenker, der Vorsitzende der Geschäftsführung der Unternehmensberatung Roland Berger. »In England dagegen ist es längst üblich, dass junge Leute Literatur studieren, dann in die Wirtschaft gehen und erst anschließend ihren Master machen.«

Der britische Master-Absolvent ist deshalb rund ein Jahr älter als der durchschnittliche deutsche Hochschulabgänger, fand eine Studie der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin vor drei Jahren heraus. Viele Briten würden nach dem Bachelor-Abschluss eben erst einmal arbeiten, bevor sie an die Hochschule zurückkehren.

Doch auch in Deutschland gibt es erste Hinweise darauf, dass sich solche akademischen Patchwork-Lebensläufe durchsetzen könnten. Die Duisburger Buchhändlerin Miriam Driever, 26, zum Beispiel liebäugelt damit, in einigen Jahren einen zusätzlichen Abschluss auf ihren Bachelor in Geschichte und Spanisch draufzusatteln. Der Philosophie- und Wirtschafts-Bachelor Moritz Delbrück, 29, will nach zwei, drei Jahren im Job bei einer Kölner Unternehmensberatung ebenfalls wieder an die Uni zurück.

Und auch Philipp Schuchall, 26, besucht derzeit nebenher die Kurse des Master-Studiums. Bereits vor drei Jahren kam er zu einem Posten als Controller bei der Deutschen Bahn AG in Frankfurt am Main - eher zufällig, wie sich Schuchall erinnert: »Eigentlich wollte ich gleich meinen Master machen«, erzählt der Betriebswirt. Auf einer Rekrutierungsmesse nahm er dann aber an einem Auswahlverfahren der Bahn teil - und ging mit einem Jobangebot nach Hause. Jetzt rechnet Schuchall für den Transportriesen aus, welche Umsätze bestimmte Strecken im Fernverkehr bringen sollten.

»Der frühe Einstieg ins Berufsleben hat auf jeden Fall Vorteile«, erklärt Schuchall. »An der Uni oder auch im Praktikum kann man niemals so viel Praxiserfahrung sammeln, weil man einfach nicht die Verantwortung bekommt, die ich jetzt schon habe.«

Die im Job schon erfolgreichen Bachelor-Absolventen sind denn auch eher geneigt, vor allem die Vorteile der Bologna-Reform zu sehen. Das Studium verstehen sie als Stufenleiter auf dem Weg zur beruflichen Karriere. Leistungsdruck und Planungschaos nehmen sie hin.

Zwar mögen sich nicht alle in diesen neuen Pragmatismus fügen. Allerdings sind es weniger die Studenten als vor allem Professoren, die einer Zeit Humboldtscher Ideale nachtrauern, als das Studium noch als Schonraum zur Reifung von Geist und Persönlichkeit galt.

»Aber was sollten wir machen?«, fragt Franzjörg Baumgart, der in Bochum als einer der Ersten in Deutschland den Umbau des Pädagogikstudiums organisiert hat - weniger aus Enthusiasmus, sondern aus der Einsicht, dass er eben notwendig war. Alarmiert wurden er und seine Kollegen vor ein paar Jahren von einer deprimierenden Statistik aus dem eigenen Fachbereich: Danach schafften es im Fach Pädagogik nur traurige 17 Prozent der Studienanfänger bis zum Abschluss; andere Geisteswissenschaften meldeten ähnliche Desaster-Zahlen. Baumgart: »Bei solchen Befunden konnten wir nicht weitermachen wie bisher.«

Den Schwenk Richtung Verschulung hält Baumgart für ebenso bedauerlich wie unvermeidlich: »Wenn die Humboldtsche Universität funktionieren würde, wäre das natürlich sehr viel attraktiver«, sagt er. »Wenn sich die Bedingungen aber so stark gewandelt haben, kann ich doch nicht ernsthaft an diesem Ideal festhalten.«

Diese Einsicht scheint sich auch unter den Studenten durchgesetzt zu haben. Die Protestler haben weitgehend aufgegeben. »Es gibt ja ohnehin niemanden, bei dem man sich beschweren kann«, klagt die Berliner Anglistikstudentin Jenny Kurtz. »Ja, sicher, es gibt jede Menge Demos, aber da geht eben keiner mehr hin.«

JAN FRIEDMANN, PER HINRICHS, SIMONE KAISER, JULIA KOCH, MICHAEL SONTHEIMER, MARKUS VERBEET

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