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DEBATTE DIE STUMPFE LOGIK DER SCHLACHT

aus DER SPIEGEL 32/2001

VON ELKE SCHMITTER

Nun heulen sie wieder. Wehklagen und schreien, halten sich den schmerzenden Kopf, den gebrochenen Arm und das lädierte Kreuz. Wer nicht selbst blutet, der sieht das Blut des Nachbarn, oder er hat davon gehört; und wer selbst nicht schrie, dem klingen noch die Ohren vom Geschrei der anderen.

Die Polizei hat gewütet, vollkommen außer Rand und Band; es gab Übergriffe sonder Zahl, die hatten wahrscheinlich System; man hat sie eingekesselt, den Schwarzen Block in die Friedlichen mitten hineingetrieben, Agents provocateurs waren am Werk, der reinste Faschismus, chilenische Verhältnisse, viel schlimmer als beim letzten Mal. Und wir beklagen einen Toten.

Das alles ist wahr und schrecklich. Es bedarf der Empörung sowie der Untersuchung, es ist tatsächlich ein Skandal. Nur: Überraschend ist es nicht.

Es ist nicht einmal überraschend, dass kein Politiker, kein Regierungschef und kein Berater zur Beerdigung von Carlo Giuliani erschien; nur traurig ist es. Vielleicht ist einer wenigstens auf die Idee gekommen und wurde fürsorglich beraten, dass eben das womöglich Anlass zu Unruhen am Grab ...

Eine Beileidsbekundung von Seiten der glorreichen acht wäre nicht wirklich gefährlich gewesen. Dass es die nicht einmal gab, macht die Erstarrung deutlich. Denn dieses Schweigen sagt: Es ist ja euer Toter.

Man könnte es komisch finden, wenn es nicht so traurig wäre. Beschämend ist es auch. Es ist Politik als Gipfel der Dummheit. Nicht, was die Argumente der Demonstranten betrifft: Die sind so klar und so verwirrt, wie die Lage eben ist. Man kann mit guten Gründen meinen, dass ein Gipfeltreffen von Staatsmännern, von denen einer durch zweifelhafte Zählprozeduren an die Macht gekommen ist, der Zweite in diverse Strafprozesse verwickelt war, der Dritte wegen eines allzu glücklichen Umgangs mit Geld Untersuchungsverfahren erdulden muss und der Vierte ein Land zurück in die Steinzeit bombte, keine erlesene Versammlung darstellt.

Man kann mit Recht beklagen, dass die Veranstaltung ihre prekäre Legitimation kaum zum Wohle der Menschheit, sondern weit eher zur Mehrung des Wohlstands nutzt, wo derselbe schon reichlich vorhanden. Man kann mit Überzeugung rufen, klagen, schreien: Wo bleibt die Kapitalbesteuerung, ein wirksames Klimaschutzabkommen, wo die Entschuldung der Drittweltländer? Wie wenig wird gegen die Armut getan, fast nichts für Afrika und gegen Aids, die Kinderprostitution, die Versklavung von Arbeitskräften, die allgemeine Deregulierung - von der Versteppung weiter Landstriche, vom internationalen Waffenhandel ganz zu schweigen.

Man kann ins Nachdenken geraten, wenn man feststellt, dass in Deutschland die SPD und die Grünen regieren, die allerlei im Munde führen, das der guten, großen Sache dient: die Entschuldung propagieren, die Klimazerstörung bekämpfen und mit der Beinahe-Homo-Ehe die Liberalisierung der Gesellschaft fördern. Man kann sich darüber wundern, dass Leute wie Klaus Töpfer, Hermann Scheer und die unverdrossene Christa Nickels als Funktionäre auf jener Seite der Absperrung zu finden sind, auf die ein Vorwurf und diverse Steine zielen. Die meisten tun das auch. Sie denken nach und handeln trotzdem, und sie verpflichten sich (wie zum Beispiel Attac, wie Lilliput, wie die NGOs) zu nicht gewaltsamen Aktionen. Aber es geht immer wieder schief.

Und das gilt - irgendwie, dann doch und leider, leider - als Erfolg: nämlich als strategischer.

Seattle, Göteborg und Genua: Das sind die bisher größten Perlen auf einer Kette, die an einem Faden hängt - der allgemeinen Aufmerksamkeit.

Können denn wir dafür, heißt es in aller Unschuld im Lager der Friedfertigen, dass die Polizei so brutal und unverhältnismäßig (siehe oben) agiert? Und ist es am Ende unser Vergehen, dass die Presse erst reagiert, wenn es Krawalle gibt, wenn man blutige Bilder zeigen kann? Wer hat über Porto Alegre, den friedlichen Gipfel der Globalisierungskritiker vor gerade mal sechs Monaten, denn nur halb so ausführlich berichtet wie über die Barrikaden von Göteborg, über den Kampf in Seattle (der immerhin zu einer Verschiebung von einem ganzen Tag führte)?

Die Welt ist auf Skandale aus, und wir begehren, im Namen der Erde und der Armen, nicht schuld daran zu sein.

So weit, so schlecht. Man kann von der 17-jährigen Dortmunder Schülerin, die nach Genua fährt, weil sie vom Elend der Welt zu Recht ergriffen ist und sich nicht abfinden mag mit einer »Politik der ruhigen Hand«, mit Fug nicht mehr erwarten, als dass sie ihren Leib hingibt für die Gerechtigkeit und einfach gern Gebrauch macht vom Demonstrationsrecht der Demokratie. Auch von einem Arbeitslosen aus Nizza, einer Gärtnerin aus Malmö und einem kanadischen Computerspezialisten nicht, die strategische Fragen nicht interessieren, sondern nur nicht so werden wollen wie ihre Eltern, welche seufzend die Zeitung lesen und im Übrigen auf den Wahlzettel verweisen.

Es gibt auch keinen Vorwurf her, sondern bleibt nur eine Feststellung, dass das gute Gefühl der Gemeinschaftlichkeit, für eine gute Sache zumal, gepaart ist mit einem gewissen Thrill, der nicht nur aus einer weiten Reise und Übernachtungen in Turnhallen resultiert.

»Dein Körper kribbelt geradezu vor Hoffnung, wenn du unter so vielen bist, die beschlossen haben, eine bessere Welt zu schaffen«, wie es die Aktivistin Juliette Beck beschreibt - und es schmälert die Hoffnung nicht, wenn das Gefühl der grenzenlosen Freiheit einen kleinen Zusatz-Kick gibt, die Masse der Menschen eine auch erotische Lebendigkeit und die irgendwo lauernde Gefahr ein tiefes Gefühl der Verschworenheit.

Das alles gehört zu einer Erfahrung des Politischseins, die nach Konkretion und Gemeinschaft sucht, nach emphatischeren Bindungen, als nur gemeinsame Überzeugungen zu schaffen vermögen; es ist die Grundlage des Engagements, weil wir nicht nur denken, sondern auch fühlen, schmecken und uns verbinden wollen.

Gar nichts dagegen zu sagen. Es ist nur entsetzlich leicht auszunutzen.

Ein Engagement dieses Typs folgt, zunächst, einer Logik der Sucht: Die Steigerung der Lebendigkeit, die seltene Intensität, die diese Anti-Gipfel erzeugen, fordern eine Wiederholung und, wo möglich, eine Steigerung. Es gibt etwas zu erzählen, etwas Unerhörtes ist passiert, und jede Überbietung will wieder überboten werden.

Es folgt, danach, einer ödipalen Logik, der Lust an der Herausforderung: Das Schema »die da oben - wir da unten« weicht das moralische Bewusstsein auf so wie die Selbstprüfung, weil das erste Unrecht ja bereits begangen wurde - und zwar von denen da oben, die den Armen das Brot wegnehmen und uns allen die Luft zum Atmen. Früher galt es, die Charaktermasken zu entreißen, und heute gilt es, den Staat als Unterdrücker zu entlarven: Klappt immer und gibt Kraft für's nächste Mal, munitioniert nun durch Erfahrung.

Drittens lässt es sich ein auf einen Kampf der Stellvertreter: Da man die Mächtigen nicht erreicht (die hinter stacheldrahtbewehrten Mauern tagen, auf einem Traumschiff Zigarren rauchen, im Helikopter entfliegen), liefert man sich das Gefecht mit ihrem Büttel, der brutalen Polizei. Man meint den Sack und schlägt den Esel, und der tritt zu und beißt - worauf die nächste Runde beginnen kann, denn Esel gibt es genug.

Schließlich folgt es der Logik der Masse und so einem Grundgedanken der Demokratie: Die Mehrheit wie die Minderheit soll sichtbar werden. Die Situation selbst aber - das wissen zumindest die Veranstalter, die »erfahrenen AktivistInnen«, die Wortführer und Planer - ist nicht zu kontrollieren: weder gefühlsmäßig noch körperlich noch intellektuell.

Es gibt den Schwarzen Block, es gibt Agents provocateurs, und die Polizeitaktik ist nicht berechenbar. Muss man dennoch, um der Erde und der Armen willen, hunderttausend unversehrte Leiber in eine Schlacht schicken, deren einziges Ergebnis ein Blutopfer ist - nebst der entsprechenden Aufmerksamkeit und einem neuen Märtyrer der Bewegung?

Das ist die Logik eines vergangenen Jahrhunderts. Vor gut hundert Jahren hat man im wilhelminischen Deutschland noch ungeniert hineingeknüppelt und -geschossen; das Bürgertum hatte bessere Nerven. Die Klassenlage war übersichtlich, und wer da auf die Straße ging, war Mob, gehörte irgendwie dahin.

Das hat sich zwiefach verändert: Das Bürgertum geht nun selbst auf die Straße und ist empfindlicher geworden; es wird bei einem Toten bereits nervös. Man kann also, von daher betrachtet, das Verfahren nur empfehlen.

Es bleibt aber atavistisch. Nicht im Prinzip, sondern in der Verbindung mit Gewalt - und in der Wiederholung. Seattle war ein Ereignis, weil es unerwartet war, ein weithin sichtbares Zeichen. Und viele, die selbst nicht mehr zu Demos fahren und nur noch seufzend die Zeitung lesen, atmeten auf: Endlich passiert etwas. Plötzlich schien es wieder möglich, dem Kapitalismus Grenzen zu setzen; auf eine jähe, gar nicht berechenbare und vielgestaltige Weise kehrte das Politische zurück in eine geisterhaft abstrakte Sphäre der permanenten Exekution.

Das war einmal. Inzwischen ist die Gipfelstörung selbst zum Ritual geworden und zeigt, hilflos, ihren anachronistischen Charakter. In einer Zeit, in der die Staaten selbst auf Aufmärsche verzichten, also auf die Demonstration ihrer Macht durch die ihnen verfügbare Masse, hat jeder Ostermarsch den Charme des Ewigen und Gestrigen, und wenig mehr für sich als seine Zahl: Waren es über Hunderttausend, weniger? Der Fahnenappell war Symbolpolitik so wie der Friedensmarsch, aber auch Zeichen haben ihre Zeit.

Erst wenn es Krawalle gibt, ist eine Demo inzwischen mehr als eine Meldung und ein Bild. Und - ob Wackersdorf, ob Castor-Transport - es ist immer dasselbe, stupide Muster: Wir zeigen uns, wir zeigen's euch. Und am Ende diskutiert man, wie jetzt, mal wieder über die polizeilichen Übergriffe, beschwört das Recht auf Demonstration - und bereitet sich vor auf die nächste Schlacht.

Warum nicht ein bisschen mehr Klugheit bemühen? Viele Aktionen der deutschen Nachkriegszeit waren strategisch einfallsreich und regelverachtend, und von großer symbolischer Kraft: Fritz Teufels ironischer Satz »Wenn's denn der Wahrheitsfindung dient«. Beate Klarsfelds Ohrfeige für Kiesinger, die ersten Sitzblockaden und die Menschenkette gegen die Nachrüstung, die Selbstankettung des jungen Mädchen in Lüchow-Dannenberg.

Auch international: Was im Gedächtnis haften bleibt, das ist Lennons und Onos Sleep-in im Amsterdamer Hilton, das ist der Pfarrer Ernst Sieber, der bei den Züricher Krawallen mit einem Esel zwischen den Fronten für Verblüffung sorgte, die junge Amerikanerin Julia Hill, die zwei Jahre in einer Baumkrone lebte, schließlich die kleine McDonald's-Schleifung des französischen Bauern José Bové - das waren nicht selten heitere Spektakel von großem politischen Ernst. Sie waren insofern modern, als sie das Argument in zweiter Linie gebrauchten - sie stellten zunächst Öffentlichkeit her. Der Erfolg von Greenpeace beruht auf dieser Strategie.

Nicht jeder Erfolg wird mit Masse gemacht. Die Formen wechseln, das muss so sein. Die Streiter der jetzigen Protestbewegung sind, jeder für sich, phantasiebegabt und menschenfreundlich, nicht selten witzig, oft strategisch klug. Warum lassen sie sich bei

jedem Massenauftritt in eine Logik zwingen, die längst nicht mehr die ihre ist?

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