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ÖSTERREICH Die Stunde des Drachentöters

Die FPÖ liegt am Boden, die Intellektuellen schäumen: Kanzler Schüssel, als Haider-Partner einst in der EU geächtet, kann gestärkt weiterregieren.
aus DER SPIEGEL 49/2002

Was würde aus Österreich, wenn künftig im Kabinett Schwarze und Grüne gemeinsam den Ton angäben? Ein Dienstleistungsparadies, vermuten Spötter: »Die Haschisch-Trafiken hätten dann rund um die Uhr geöffnet.«

Schwarzer Humor, nicht nur zu Lasten Grüner, regiert derzeit im roten Wien. Lästermäuler und Lagertheoretiker versuchen das Geheimnis des beispiellosen Wahlerfolgs von Bundeskanzler Wolfgang Schüssels konservativer ÖVP bei den Nationalratswahlen - plus 15,4 Prozent - am vorvergangenen Sonntag zu entschlüsseln.

Noch vor gut zwei Jahren war Schüssel ein weithin angefeindeter Regierungschef von Jörg Haiders Gnaden und Adressat von EU-Sanktionen. Jetzt, mit mehr als 42 Prozent der Stimmen, hat er die Qual der Partnerwahl.

Ob seine Christsozialen schon reif seien für eine Koalition mit den Grünen, fragen sich die politischen Spurenleser im Land. Oder ob sie noch einmal mit den chaotischen Blauen unter der Fuchtel Haiders zusammengehen werden? Oder gar, wie früher die Regel, mit den Roten, die 32 Jahre lang die stärkste Partei in Österreich waren?

Unabhängig vom Ausgang der Verhandlungen beschäftigt das »Vordringen des geistigen Wadelstutzens«, das heißt: das drohende reaktionäre Klima durch fortdauernde Regentschaft der Konservativen, die liberalen Leitmedien zwischen Arlberg und Wienerwald. Kabarettisten pinseln bereits am Schreckensbild einer kulturellen Sahelzone entlang dem Alpenhauptkamm - konservative Förderung von Tanztheater ausgenommen, weil dort »am wenigsten politische Aussagen« zu befürchten seien.

Und die Künstler? Beschimpfen in ihrer Mehrzahl das Volk, statt sich an Karl Kraus zu halten: »Wer etwas zu sagen hat, trete vor und schweige!«

Verkannte Seher treten auf, allerorten: »Österreich war immer ein rechtes Land«, klagt so berechtigt wie sinnlos beleidigt die Schriftstellerin Elfriede Jelinek. Besserung sei politisch erst zu erwarten, assistiert André Heller, wenn auch der letzte »Masochist den Schmerz nicht mehr ertragen« könne - über Schüssel und Konsorten. Heller therapiert in der Zwischenzeit sich und andere, indem er Grappa an den unterlegenen sozialdemokratischen Spitzenkandidaten Alfred Gusenbauer und dessen Kamarilla ausschenkt.

»Man muss akzeptieren, dass die Österreicher ein bisschen weniger schnell lernen und dadurch etwas länger leiden«, spottet der Dichter Robert Schindel, dekoriert immerhin mit Erich-Fried- und Mörike-Preis. Und der für gewöhnlich hellsichtigere Robert Menasse kapituliert im Angesicht des ÖVP-Rekordergebnisses gleichzeitig vor Grammatik und Logik: »Schüssels Wahlsieg ist zugleich seine intellektuelle Selbstentmannung.«

Die Neigung dieser als widerständig kanonisierten Österreicher, persönlichen Zorn mit nationalem Unglück zu verwechseln, hat schon Haiders Aufstieg begünstigt. Was sie sich als antifaschistische Bürgerpflicht anrechnen, ist dem Wesen nach in Wirklichkeit ein typisch österreichisches Missverständnis - der Glaube, dass der Reifegrad einer Gesellschaft sich gleich bleibend daran bemesse, wie viele ihrer Bürger einer bestimmten Partei die Stimme geben.

Waren im Kabinett von Schüssel noch Anfang 2000, nach Besiegelung des Koalitionspakts mit Haider, Sanktionsbeschlüsse und frostige Grüße aus dem Rest Europas eingetroffen, dominieren jetzt Glückwünsche. »Ich bin begeistert«, schreibt der einstige Zar von Bulgarien, Simeon Sakskoburggotski. EU-Kommissionspräsident Romano Prodi gratuliert Schüssel noch am Wahlabend. Und auch die Armada der Ex-EU-Sanktionsbefürworter, den geostrategischen Schlachtenlenker »Fischka« (Wien-Code für den deutschen Außenminister) eingeschlossen, dreht bei.

»Wolfgang Schüssel wird in die Geschichte der Zweiten Republik eingehen als der Drachentöter«, sagt der Philosoph Rudolf Burger. Das heißt: Schüssel hat Jörg Haider den Garaus gemacht. Durch Einbindung, Umarmung, besser: Spaltung. Denn Haider, der seine Partei seit 1986 von 5 auf 26,9 Prozent geführt hatte, und der sich schon an der Tür zum Kanzleramt sah, war schließlich im Februar 2000 auf Druck der EU und sehr zur Freude des Taktikers Schüssel doch nicht dabei, als seine Partei in Wien das Regieren mit der ÖVP begann.

Er retirierte gezwungenermaßen nach Kärnten, zündelte in der Folge von dort aus, zettelte mit Irak-Reisen und Volksbegehren Streit an. Und brach schließlich, grenzenlos gekränkt von der Erkenntnis, dass die FPÖ auch ohne ihn zu regieren verstand, Neuwahlen vom Zaun. Dabei schrumpfte dann seine Partei, »das aufgeblasene giftige Nockerl« (der Publizist Armin Thurnher), mit einem Schlag wieder auf jenes Volumen, das sie zu Beginn der Haider-Zeit hatte - um die zehn Prozent.

Seit der Wahl irrlichtert Haider mit immer neuen Ansagen durch die politische Landschaft Österreichs, sprunghafter noch als zuletzt, zwanghafter als je schwankend zwischen endgültigem Abschied und Neuanfang auf den Trümmern der alten Partei, seiner Partei. Er hat sich sichtbar müde gestrahlt, sein bubenhafter Charme ist gewichen - geblieben ist etwas, was aussieht wie Dorian Gray am Fuß der Karawanken.

Und Haider hat nun den galoppierenden Zerfall der einst bündisch strukturierten FPÖ-Truppe mannhaft hinzunehmen: Sein ehemaliger Aktenkoffer-Träger Peter Westenthaler, ein Freund der frühen Jahre und zuletzt FPÖ-Fraktionschef, forderte inzwischen Haiders Parteiausschluss; Haiders Ziehkind Karl-Heinz Grasser, zuletzt Finanzminister, wechselte mit fliegenden Fahnen in Schüssels Lager über; und Haiders einst engste Vertraute Susanne Riess-Passer, zuletzt Vizekanzlerin, ließ wissen, die FPÖ sei nicht mehr ihre Partei.

Mit dem feinen Lächeln des Sprengstoffexperten, der die selbst verursachten Detonationen in sicherer Entfernung genießt, beobachtet Wolfgang Schüssel, wie die politische Landschaft um ihn herum erodiert. Die ehemals chronisch zerstrittene ÖVP, seine ÖVP, hat er zur stromlinienförmigen Kanzlerpartei geformt. Die FPÖ hat er von der zweitstärksten Kraft im Lande in einen Trümmerhaufen verwandeln helfen. Die Grünen hat er durch regelmäßige Verweise auf das rot-grüne Chaos in Deutschland in enge Wählerschranken verwiesen.

Was bleibt? Die SPÖ. Die Partei Bruno Kreiskys. Die Partei, die von 1970 bis 2000 ununterbrochen den Kanzler stellte. Die Partei, die jetzt zum ersten Mal seit Menschengedenken nicht mehr die Nummer eins im Land ist.

Schüssel wäre nicht Schüssel, wenn er vergessen hätte, wie er unter den sozialdemokratischen Kanzlern Vranitzky und Klima den Junior abgeben musste. Wenn er sich nicht mehr erinnern könnte, wie Bundespräsident Thomas Klestil im Februar 2000, nach insgesamt 124 Tagen Verhandlung und allen erdenklichen Bemühungen, die SPÖ mit ins Regierungsboot zu holen, schließlich mit vom Faschismus-Verdacht zerfurchter Stirn das neue, von ihm und Jörg Haider verantwortete Kabinett vereidigt hat.

Schüssel würde seine strategische Begabung verleugnen, unternähme er nicht zumindest den Versuch, mit der SPÖ zu wiederholen, was mit der FPÖ so wunderbar klappte.

Erst umarmen, dann ersticken.

WALTER MAYR

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