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DIE TEILUNG DER WELT

aus DER SPIEGEL 17/1965

1. Fortsetzung

VIERTER TAG

Mittwoch, 7. Februar 1945.

Die Außenminister tagen heute im Jussupow-Palast. Vorher haben sie einen kleinen Spaziergang im Park gemacht, an einem Weiher entlang bei herrlichem Sonnenschein, unter dem blauen Himmel, den während der ganzen Konferenzdauer noch kein Wölkchen getrübt hat.

Am frühen Morgen ist vom State Department in Washington ein Funktelegramm mit der Nachricht von einem Flugzeugunglück eingetroffen, bei dem Konstantin A. Umanski, sowjetischer Botschafter in Mexiko und vorher Botschafter in Washington, ums Leben gekommen ist. Roosevelt und Stettinius haben gleich nach Eingang der Depesche Stalin einen Kondolenzbrief geschrieben und ein amerikanisches Militärflugzeug für die Überführung der sterblichen Hülle des verunglückten Botschafters nach Rußland angeboten.

Doch weder der gemeinsame Spaziergang in der herrlichen Landschaft noch diese Freundschaftsbekundung haben die politische Atmosphäre entspannt.

Molotow bemerkt bei Beginn recht trocken, daß er noch keine Zeit gehabt habe, sich auf eine Erörterung aller mit dem Abstimmungsverfahren in der Organisation der Vereinten Nationen zusammenhängenden Fragen vorzubereiten.

Das Thema - der Zerstückelung Deutschlands bildet den Anlaß zu langen, verzwickten Palavern. Molotow schlägt vor, die Frage zunächst von einer in London einzusetzenden Kommission untersuchen zu lassen, ehe man sie an die seit einem Jahr bestehende Europäische Beratungskommission (EAC) zur Prüfung verweist.

Eden erklärt, daß, wenn die Frage an die EAC verwiesen werde, die Franzosen an der Arbeit teilnehmen würden, wohingegen die Konferenz ja noch nicht entschieden habe, inwieweit Frankreich an der Kontrolle Deutschlands zu beteiligen sei.

Zu guter Letzt wird einfach beschlossen, der Plenarsitzung einen Bericht mit dem Vorschlag zu unterbreiten, daß Frankreich grundsätzlich eine Besatzungszone zugebilligt werde, während die Großen Drei selber die Frage einer Beteiligung Frankreichs an der Kontrollkommission klären sollen.

Bezüglich der von Deutschland zu zahlenden Reparationen legt Molotow eine Denkschrift vor: Darin ist ausgeführt, daß die Entschädigungen in erster Linie von jenen Ländern zu erheben sind, die am schwersten unter dem Krieg gelitten haben. Die Reparationen seien, auf einen Zeitraum von zehn Jahren verteilt, in Form von Sachlieferungen zu leisten.

Aus dem Nationalvermögen Deutschlands - im Inland wie im Ausland seien zwei Jahre lang Vorauszahlungen in Form von Industrieanlagen, Werkzeugmaschinen, Schiffen und rollendem Material zu leisten, wodurch gleichzeitig die militärische und wirtschaftliche Abrüstung Deutschlands sichergestellt werde.

Nach sowjetischer Berechnung belaufen sich die gesamten deutschen Reparationen, nämlich die Vorleistungen aus dem Nationalvermögen und die jährlichen Lieferungen aus der laufenden Produktion, auf 20 Milliarden Dollar, die wie folgt zu verteilen seien: zehn Milliarden für die Sowjet-Union, acht Milliarden für die beiden anderen Großmächte und zwei Milliarden für alle übrigen Länder zusammen.

Eden erklärt, das sowjetische Schriftstück müsse erst eingehend studiert werden, bevor man mit der Diskussion fortfahren könne. Da Stettinius der Erklärung des Engländers beipflichtet, soll die Angelegenheit noch einmal den Chefs der Delegationen unterbreitet werden.

Die Plenarsitzung wird, wie üblich, um 16 Uhr im Liwadia-Palast eröffnet.

Sie bringt eine große Überraschung: Die Russen teilen mit, daß sie den am Vortag von der amerikanischen Delegation eingebrachten Vorschlag zur Frage der Zusammensetzung des Sicherheitsrats der Weltorganisation und des in ihm anzuwendenden Abstimmverfahrens in vollem Umfang akzeptieren. »Ich habe den Eindruck«, fügt Molotow hinzu, »daß die neuen Vorschläge die Einigkeit der großen Mächte in jeder Weise garantieren.« Sie seien für die Sowjet-Union durchaus annehmbar, und so bestehe »vollkommene Übereinstimmung über dieses Thema«.

Es klingt fast unglaublich. »Vollkommene Übereinstimmung« - solche Worte hören die Engländer und Amerikaner sehr selten aus dem Munde eines Sowjetmenschen.

Gleichwohl fordert Molotow für die Sowjet-Union nicht nur einen Sitz in der Vollversammlung der Uno, sondern noch drei zusätzliche für die Ukraine, Weißrußland und Litauen. Diese drei Republiken hätten im Kriege die furchtbarsten Leiden durchgemacht und seien seit Februar 1944 »autonome Staaten mit eigener Regierung und eigenem Außenministerium«.

Er glaube, daß es nur recht und billig sei, wenn drei oder wenigstens zwei dieser Sowjetrepubliken als Gründungsmitglieder der Organisation der Vereinten Nationen zugelassen würden. Die Sowjet-Union habe ja auch keinen Einwand gegen die Zulassung gewisser Dominien des Britischen Empires erhoben, wie zum Beispiel Australien und Kanada.

Roosevelt, der sich bei Beginn von Molotows Erklärung in den Siebenten Himmel versetzt glaubte, ist jetzt weniger zufrieden: Wie will er dem amerikanischen Volk beibringen, daß die Sowjet-Union entgegen der These von »nur einer Stimme für jede Nation« über mehrere Sitze verfügen würde?

Aber die grundsätzliche Zustimmung der Sowjet-Union zum Aufbau der Weltorganisation erscheint ihm als so überaus bedeutsam, daß er Befürchtungen zurückdrängt. Also spricht er der sowjetischen Delegation herzlichen Dank aus: »Dies ist ein großer Schritt vorwärts, der von allen Völkern der Welt begrüßt werden wird.« Und sogleich schlägt er einen Termin für die Einberufung der ersten Konferenz der Vereinten Nationen vor: Ende März.

Auch Churchill spricht von einem »großen Schritt vorwärts«, der den Völkern der Welt Erleichterung bringen werde. Aber Molotows Vorschlag bedürfe sorgfältiger Erwägung. Was die von dem sowjetischen Außenminister erwähnten Dominien angehe, so müsse darauf hingewiesen werden, daß diese sich seit 25 Jahren selbst regieren und seit langem einen festen Platz im Konzert der Völker einnehmen.

Churchill äußert auch Bedenken wegen des Termins für die erste Konferenz der Vereinten Nationen. Der März sei viel zu früh. Die Kämpfe an den Fronten näherten sich dem Höhepunkt. Die von zahlreichen Sorgen heimgesuchten Völker Europas würden im März noch zu sehr von ihren Nöten in Anspruch genommen sein.

Hopkins schiebt Roosevelt wieder einmal einen Zettel zu:

Herr Präsident,

hinter Churchills Äußerungen steckt etwas, das wir im Grundsätzlichen nicht kennen ... Vielleicht warten wir besser bis heute abend, dann erfahren wir, was er im Sinn hat. Die ganze Sache ist faul! Ich bin jetzt ganz sicher, er denkt an die nächste Wahl in England.

Harry

Roosevelt nimmt, nachdem er den Zettel gelesen hat, seinen Bleistift, streicht das Wort »faul« durch und setzt an dessen Stelle: »Ja, Lokalpolitik.« Dann reicht er den Zettel an Hopkins zurück.

Churchill hat unterdessen seine Einwände gegen den Termin weiter begründet: »Wie viele Menschen werden dann noch unter Deutschlands Knechtschaft sein! Wir wissen es nicht, wie diese ihr Volk vertreten werden. Andere darben in furchtbarem Elend.«

Präsident Roosevelt spricht daraufhin die Hoffnung aus, daß sich mit der Not in Europa und anderen Ländern die neue Organisation der Vereinten Nationen befassen möge.

Die britische Delegation bittet darum, eine Pause von zehn Minuten einzulegen, ehe man die Diskussion über die polnische Frage wiederaufnehme.

Als Churchill auf seinen Platz zurückkehrt, bemerkt Cadogan, daß es der Premier unterlassen hat, seinen Hosenschlitz zuzuknöpfen. Er macht ihn mit einer kurzen Notiz darauf aufmerksam: »Achtung! Ihr Taubenschlag steht offen!«

Churchill schreibt, nachdem er das Erforderliche besorgt hat, auf denselben Zettel: »Aber der Vogel gehört zu der Gattung, die nicht wegfliegen kann.«

Sir Alexander Cadogan, die britische Würde in Person, zerreißt den Zettel und lächelt im stillen bei dem Gedanken, welche Verlegenheit die Fetzen den Entzifferern des sowjetischen Geheimdienstes bereiten werden, die den Auftrag haben, regelmäßig die Papierkörbe durchzustöbern.

Vor der Wiederaufnahme der Diskussion über Polen gibt Stalin seiner Befriedigung über den ihm von Roosevelt zugesandten persönlichen Brief Ausdruck. Danach verliest Molotow die aus sechs Punkten bestehenden sowjetischen Vorschläge, die eine Antwort auf Roosevelts Brief darstellen.

Die Ostgrenze Polens soll die Curzon-Linie sein, in einigen Gebieten mit Abweichungen von fünf bis acht Kilometer zugunsten Polens. Polens Westgrenze soll von der künftig polnischen Stadt Stettin aus entlang der Oder und weiter südlich entlang der westlichen Neiße verlaufen; es wird als wünschenswert erachtet, »einige demokratische Politiker aus polnischen Emigrantenkreisen in die Polnische Provisorische Regierung aufzunehmen; daraufhin wird die auf diese Weise erweiterte Polnische Provisorische Regierung von den alliierten Regierungen anerkannt«; diese Regierung wird die polnische Bevölkerung so bald wie möglich »zu allgemeinen Wahlen« aufrufen, aufgrund deren die Bildung einer ständigen Polnischen Regierung erfolgen soll.

Es ist offenkundig, daß Stalin seine Zustimmung zu Roosevelts Memorandum über die Vereinten Nationen nur aus der Berechnung heraus gab, dafür von den Engländern und Amerikanern die Annahme seiner Thesen über Polen und darüber hinaus die Anerkennung der Bierut-Regierung zu erlangen, die einen wesentlichen Teil seiner Strategie ausmachen. Eine deutlichere Aufforderung zu wechselseitigem Entgegenkommen hätte es nicht geben können.

Roosevelt erklärt indes, daß Molotows Vorschläge einen wichtigen Fortschritt bedeuteten. Nur ein Wort gefalle ihm nicht, sagt er mit sanfter Stimme, nämlich das Wort »Emigrant«. Sonst sei er durchaus geneigt, sich mit Stettinius auf der Grundlage des Molotowschen Textes zu beraten.

Churchill drückt sich deutlicher aus. Auch ihm mißfalle das Wort »Emigrant«. Es stamme aus der Französischen Revolution und bezeichne in England eine Person, die vom eigenen Volk aus dem Lande gejagt worden sei. Er empfiehlt statt dessen die Bezeichnung »zeitweilig im Ausland befindliche Polen«.

Bezüglich des zweiten sowjetischen Vorschlags - Polens neue Westgrenze - gibt er den Rat, den Polen nicht mehr Land zuzuteilen als sie verwalten können: »Es wäre ein Jammer, die polnische Gans mit deutschem Futter vollzustopfen, so daß sie an Verdauungsstörungen eingeht.« Hinzu komme noch das Problem der »Bevölkerungsumsiedlung": Ein großer Teil der öffentlichen, Meinung in Großbritannien werde entsetzt sein, wenn eine zu große Anzahl Deutscher umgesiedelt würde.

Stalin: »Die meisten Deutschen in diesen Gebieten sind bereits vor der Roten Armee geflohen.«

Churchill beharrt auf seinem Standpunkt. Nicht das Problem der Bevölkerungsumsiedlung an sich mache ihm Sorge, sondern die Fähigkeit der Polen, es zu bewältigen, und die Fähigkeit der Deutschen, so viele Menschen aufzunehmen.

Stalins Miene verdüstert sich.

Daher schiebt Hopkins dem Präsidenten wieder einen Zettel zu:

Herr Präsident,

ich glaube, Sie sollten dies lieber den Außenministern überlassen, ehe es Arger gibt.

Harry

Diesmal liegt bei dem Zettel eine von Stettinius auf einen gewöhnlichen Briefumschlag gekritzelte Frage: »Haben wir die erforderliche Ermächtigung, ein Grenzproblem dieser Art zu behandeln und eine Garantie zu geben?«

Als Churchill auf die Verwendung polnischer Demokraten in der Provisorischen Regierung zurückkommt und bemerkt, es sei notwendig, den entsprechenden Satz in dem sowjetischen Exposé durch die Worte »und einiger (Demokraten) aus Polen selbst« zu ergänzen, sagt Roosevelt, es wäre besser, darüber noch einmal zu schlafen und das Problem am nächsten Tag zu erörtern.

Zur Debatte steht auch noch einmal die Frage der Teilnahme Frankreichs an der Kontrollkommission. Nachdem Molotow über die Ergebnisse der diesbezüglichen Außenministerbesprechung berichtet hat, wiederholt er, es sei durchaus möglich, Frankreich eine Besatzungszone zuzuteilen, ohne ihm einen Sitz in der Kontrollkommission zu geben.

Churchill entgegnet, wenn man ein solches Verfahren anwende, werde es zu endlosen Scherereien mit den Franzosen kommen. Die Teilnahme Frankreichs sei nach seiner Ansicht äußerst wichtig, um die Einheitlichkeit in der Behandlung Deutschlands zu sichern.

Die vierte Plenarsitzung wird sehr spät vertagt. Sie hat fast fünf Stunden gedauert.

Den Amerikanern und Engländern ist aufgefallen, daß Stalin weniger scharf war als am Vortag und daß sich die ganze sowjetische Delegation entspannter gegeben hat.

In den Gängen des Liwadia-Palastes taucht plötzlich der Kommissar für die Ukraine auf: Nikita Chruschtschow. (Auf dieser Konferenz steht er - noch - im dritten Glied der Sowjet-Prominenz.) Stalin verläßt eilig das Grand Palais.

Der britische Premier, in sein Quartier zurückgekehrt, labt sich an einem kräftigen Abendessen und schickt dann, wie jeden Abend, ein langes erläuterndes Telegramm an seinen Stellvertreter Clement Attlee ab.

Roosevelt, etwas abgespannt, aber zufrieden, berät sich nach seiner Massage - mit Stettinius über die Zusammensetzung der amerikanischen Delegation für die erste Konferenz der Vereinten Nationen.

Nach einem leichten Abendimbiß unterhält sich der Präsident noch lange mit Hopkins. Sein Assistent erzählt ihm von einem seltsamen Gespräch mit Stalin:

Als er beim Tee mit dem sowjetischen Premier ein paar Worte wechselte, habe er von seiner Reise über London und Paris nach Rom und von seiner Audienz beim Papst erzählt. »Der Papst! Der Papst!« habe Stalin gebrummt: »Wie viele Divisionen hat er?«

FÜNFTER TAG

Donnerstag, 8. Februar

Dieser Tag war von allen Konferenztagen zweifellos der bedeutsamste, von früh bis spät angefüllt mit Sitzungen und Besprechungen.

Es gab zwei Zusammenkünfte der englischen und amerikanischen Stabschefs, die übliche Außenministersitzung, eine Zusammenkunft der russischen und amerikanischen Stabschefs, ein Tete-ä-tête Stalin-Roosevelt, die Plenarsitzung und ein von Stalin im Jussupow-Palast zu Ehren seiner Gäste gegebenes Dreier-Diner.

Bevor Stettinius Liwadia verlassen hatte, um sich zur Außenministersitzung zu begeben, war er zu Hopkins gebeten worden; Es sei wünschenswert, hatte Hopkins gesagt, daß die Leute vom State Department so bald wie möglich ein Memorandum über den künftigen Weltsicherheitsrat ausarbeiteten.

»Wenn wir das nicht tun«, meint der kranke Mann, dessen Gesicht schon vom nahen Tod gezeichnet ist, »dann wird sich Winston eines schönen Morgens im Bett aufrichten und im Handumdrehen ein eigenes Memorandum abfassen.«

Um Mittag nehmen die drei Außenminister unter dem Vorsitz Edens ihre Arbeit wieder auf.

Stettinius unterbreitet seinen beiden Kollegen die Absicht der amerikanischen Regierung, die großen Alliierten offiziell einzuladen, sich in den Vereinigten Staaten zur ersten. Konferenz der Vereinten Nationen zusammenzufinden. Er sei zu dem Schluß gekommen, die Einladungen auf diejenigen Nationen zu beschränken, die dem gemeinsamen Feind den Krieg erklärt und die Deklaration der Vereinten Nationen unterzeichnet hätten.

Eden erklärt, er würde sich freuen, wenn die erste Tagung der Vereinten Nationen im Lande Roosevelts abgehalten werde, wiewohl er bemerken müsse, daß bisher noch keine große internationale Konferenz in London stattgefunden habe. Eden bestätigt dann, daß er dem sowjetischen Ersuchen, zwei oder drei Sowjetrepubliken in die Organisation aufzunehmen, wohlwollend gegenüberstehe.

Die englischen und amerikanischen Stabschefs halten ihre erste Sitzung um 10 Uhr, die zweite um 12 Uhr ab, beide im Liwadia-Palast. Es geht um den Einsatz von mit Sprengstoff beladenen pilotenlosen Flugzeugen gegen Deutschland und Japan, um die Treibstoffversorgung auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen, um die Beschleunigung von Fracht- und Truppenverschiffungen für die europäische und die ostasiatische Front und um die Kriegsgefangenenfrage.

Um 15 Uhr treffen sich die amerikanischen Stabschefs Admiral Leahy, General Marshall, Großadmiral King, und General Kuter mit den sowjetischen Stabschefs - General Antonow, Luftmarschall Chudjakow und Großadmiral Kusnezow - im Jussupow-Palast.

Leahy eröffnet die Sitzung mit der Erklärung, die Amerikaner hätten eine Reihe von Fragen zusammengestellt, die sich auf die Intensivierung der Operationen gegen Japan nach dem Zusammenbruch Deutschlands bezögen, und seien in dieser Hinsicht sehr an der Stellungnahme der Russen interessiert, zumal die amerikanischen Pläne die Anlage bestimmter Stützpunkte auf russischem Gebiet vorsähen.

Antonow weist darauf hin, daß die Japaner - falls Rußland in den Krieg gegen Japan eintreten würde - den Verkehr auf der Transsibirischen Eisenbahn »unterbinden« könnten. Da aber die Sowjets auf den pazifischen Versorgungsweg angewiesen seien und sich im Kriegsfall nicht mehr auf diese Eisenbahnlinie verlassen könnten, müsse er die Amerikaner fragen, ob sie imstande seien, Luft- und Seewege über den Pazifik offenzuhalten und die Versorgung der sowjetischen Streitkräfte in Sibirien mit Treibstoff und Lebensmitteln sicherzustellen. General Marshall und Admiral King geben Antonow die gewünschten Zusicherungen.

Angesichts der von den Amerikanern in Aussicht genommenen großen strategischen Maßnahmen spricht ihnen Antonow seine Bewunderung aus. Gleichwohl könne er erst nach Rücksprache mit Generalissimus Stalin endgültig zu den amerikanischen Plänen Stellung nehmen.

Das Gespräch zwischen Stalin und Roosevelt, der eigentliche »Gipfel« der Konferenz, beginnt gegen 15.30 Uhr im Arbeitszimmer des Präsidenten. Anwesend sind außerdem nur noch Molotow und Harriman sowie die beiden Dolmetscher Pawlow und Bohlen.

Eingangs sagt Roosevelt, mit dem Fall von Manila habe der Krieg im Pazifik ein neues Stadium erreicht. Die Zeit sei nun gekommen, eine Verstärkung der Luftangriffe auf japanische Städte ins Auge zu fassen. Er selbst hoffe im übrigen, daß eine Landung auf den japanischen Inseln, wo der Gegner vier Millionen Mann stehen habe, nicht erforderlich sein werde: Durch intensive Bombardierung aus der Luft könnte man das Leben vieler tausend Amerikaner sparen. Es sei auch von größter Wichtigkeit, daß die Sowjet-Union so bald wie möglich Japan den Krieg erkläre.

Dann wird folgendes vereinbart: Rußland tritt drei Monate nach der Niederwerfung Deutschlands in den Krieg gegen Japan ein; die für diesen Zweck einzusetzenden sowjetischen Streitkräfte werden, vor allem in Sibirien und auf der Halbinsel Kamtschatka, von den Vereinigten Staaten unterstützt; bereits jetzt kann mit der Errichtung amerikanischer Luftstützpunkte in Komsomolsk und Nikolajewsk sowie am Unterlauf des Amur begonnen werden, vorausgesetzt, daß die mit der Vermessung des Geländes beauftragten amerikanischen Geometer sowjetische Uniformen tragen, die eigens für sie von den Schneidern des Kreml angefertigt werden.

Aber Stalin hat vorher wissen wollen, mit welchen politischen Kompensationen er für die von ihm einzugehenden Risiken rechnen könne, und Roosevelt hat sogleich eine Reihe präziser Zusagen gemacht. Rußland soll nach Kriegsende die Südhälfte der Insel Sachalin und die Kurilen (eine über 1400 Kilometer sich erstreckende Inselgruppe unter japanischer Hoheit) bekommen. Um Rußland einen eisfreien Hafen am Endpunkt der südmandschurischen Eisenbahnlinie zu verschaffen, soll ihm nach Möglichkeit Dairen auf der Halbinsel Kwangtung zugesprochen werden.

Da diese Frage erst mit Marschall Tschiang Kai-schek verhandelt werden müsse, sei zu empfehlen, daß Stalin Dairen nicht einfach annektiere, sondern der Umwandlung dieses Hafens in einen Freihafen unter internationaler Verwaltung zustimme. Auf diese Weise könne man vielleicht Churchill für eine Internationalisierung von Hongkong erwärmen.

Stalin macht kein Hehl daraus, daß Rußland noch auf etwas anderes großen Wert legt: den Besitz der mandschurischen Haupteisenbahnlinien. Es sei klar, daß es für ihn und Molotow, falls diese Bedingungen nicht erfüllt würden, sehr schwer wäre, vor dem sowjetischen Volk den Kriegseintritt gegen Japan zu rechtfertigen.

Um das russische Volk zu überzeugen und auch eine solche Entscheidung vor den Obersten Sowjet bringen zu können, müsse man auf eine greifbare Weise demonstrieren, daß es hier um ein Nationalinteresse ginge.

Roosevelt bekundet Verlegenheit: Er würde das mandschurische Problem mit Tschiang Kai-schek besprechen müssen, und wenn er dies tue, werde innerhalb von 24 Stunden die ganze Welt wissen, was er, Roosevelt, dem Marschall gesagt habe. Ob Stalin sich mit einer einfachen Absprache der Großen Drei ohne Rücksprache mit Tschiang Kai-schek zufriedengebe?

Stalin: »Ja, wenn diese Vereinbarung schriftlich festgelegt wird.«

Roosevelt: »Nach meiner Meinung kann dies geschehen.«

So kommt es im Verlauf weniger Minuten zu einem phänomenalen Abkommen. Für das bloße Versprechen, in den Krieg gegen ein Land einzutreten, das sozusagen bereits geschlagen war und nach Meldungen der Geheimdienste daran dachte, die Waffen zu strecken, erlangte Stalin ohne große Anstrengung die schriftliche Zusicherung, daß Rußland Südsachalin, die Inselgruppe der Kurilen, die gesamten mandschurischen Eisenbahnen und der Hafen Dairen zugesprochen werde.

Was Korea anlangt, hat Roosevelt ein Dreier-Mandat im Sinn, bestehend aus einem sowjetischen, einem amerikanischen und einem chinesischen Vertreter. Nur gäbe es da einen heiklen Punkt: Er, Roosevelt, habe nicht die Absicht, die Engländer zur Teilnahme an der Treuhandschaft aufzufordern, und sie würden sich dadurch gewiß vor den Kopf gestoßen fühlen.

Stalin: »Das allerdings. Churchill wird uns umbringen. Es wäre besser, die Briten zu beteiligen.«

Roosevelt sagt dann, daß er an eine ähnliche Lösung für Indochina denke. In diesem Fall jedoch wäre todsicher mit dem energischen Widerstand der Engländer zu rechnen, die zweifellos Auswirkungen auf Burma befürchten würden.

Frankreich habe, seit es diese Kolonie besitze, »nichts getan, um die Lage der Eingeborenen zu bessern«. Im übrigen, fügt er hinzu, habe de Gaulle die Alliierten um Schiffe für den Transport französischer Truppen nach Indochina gebeten.

Stalin: »Wo will deGaulie die Truppen hernehmen?«

Roosevelt: »Er hat mir gesagt, wenn ich für ihn Schiffe auftreibe, wird er auch Truppen auftreiben.«

Der Präsident unterrichtet dann Stalin über die Entwicklung in China, das er, wie er jetzt hoffe, »am Leben erhalten« könne. Wenn es nicht zur Bildung einer Nationalregierung komme, in der alle Parteien vertreten seien, dann liege der Fehler mehr bei der Kuomintang- und der Tschungking-Regierung als bei den »sogenannten Kommunisten«.

Stalin: »Sie haben recht, die chinesischen Kommunisten sind keine richtigen Kommunisten.«

Die Plenarsitzung kann, wie jeden Tag, Punkt 16 Uhr beginnen.

Roosevelt strahlt. Er ist von dem Bewußtsein durchdrungen, seine beiden Hauptziele erreicht zu haben: die Gründung der Organisation der Vereinten Nationen und Rußlands Kriegseintritt gegen Japan.

Auch Stalins Augen verraten Zufriedenheit. Auch er ist überzeugt, seine Zeit nicht vergeudet zu haben.

Churchill hat, im Unterschied zu einigen anderen Mitgliedern der britischen Delegation, keinen Argwohn geschöpft, als ihn Roosevelt und Stalin vor der Tür ließen. Vielleicht ist ihm bereits aufgegangen, daß sich sein Land in Zukunft »auf einer Stufe tiefer« wird einrichten müssen.

Als erstes Thema der Sitzung schlägt Roosevelt die Weltsicherheitsorganisation vor. Der von den Außenministern empfohlene Termin des 25. April 1945 für die Eröffnungskonferenz wird allgemein angenommen. Eden und Roosevelt verpflichten sich, vor der Vollversammlung der Uno den Antrag der UdSSR um Zulassung von zwei seiner Sowjetrepubliken als Gründungsmitglieder zu unterstützen.

Eden verliest den Bericht der Außenminister, wonach alle Länder, die die »Deklaration der Vereinten Nationen« unterzeichnet haben, zur Konferenz eingeladen werden sollen«.

Stalin bemerkt, daß mindestens zehn dieser Länder keine diplomatischen Beziehungen zur Sowjet-Union unterhielten. Wie könne man über die künftige

Sicherheit in der Welt mit Nationen diskutieren, die von der Existenz der UdSSR keine Notiz nähmen?

Roosevelt erwidert, er glaube zu wissen, daß alle diese Länder die Sowjet-Union »gern« anerkennen würden, nur wage keines, den ersten Schritt zu tun. Die Sache könne indes leicht geregelt werden, da ja die Sowjet-Union bereits auf der UNRRA-Konferenz mit diesen Staaten an einem Tisch gesessen habe.

Nach Roosevelts Ansicht sollten nur die assoziierten Nationen eingeladen werden, die Deutschland den Krieg erklärt haben: »Was halten Sie davon, eine Zeitgrenze zu setzen und nur die Staaten In die Organisation aufzunehmen, die Hitler bis zum 1. März 1945 den Krieg erklärt haben?«

Der Vorschlag wird angenommen. Noch am Konferenztisch setzt Stettinius ein Telegramm an Nelson Rockefeller, seinen Stellvertreter im State Department, auf: Er bittet ihn, unverzüglich den Regierungen Perus, Chiles, Paraguays, Uruguays und Venezuelas nahezulegen, Deutschland sofort, in jedem Fall aber vor dem 1. März, den Krieg zu erklären.

Sodann geht es an den zweiten Punkt der heutigen Tagesordnung: Polen.

Die amerikanische Delegation unterbreitet einen Alternativvorschlag zu Molotows Sechs-Punkte-Memorandum. Sie ist einverstanden, daß die stellenweise um fünf bis acht Kilometer zugunsten Polens modifizierte Curzon-Linie Polens Ostgrenze sein wird, ebenso damit, daß Polen auf Kosten Deutschlands mit einem Teil Ostpreußens, mit Oberschlesien und der Oder-Linie unter Einschluß Stettins entschädigt wird. In bezug auf die Neiße-Linie sei zu untersuchen, ob es nicht eine bessere Lösung gebe, da diese Linie wenig berechtigt erscheine.

In Polen soll ein Dreier-Präsidialkomitee gebildet werden, bestehend aus Bierut, Grabski und Erzbischof Sapieha. Dieses Komitee übernimmt die Bildung einer Regierung, die sich zusammensetzen wird aus führenden Persönlichkeiten der gegenwärtigen Polnischen Provisorischen Regierung in Warschau, aus anderen in Polen lebenden demokratischen Elementen und aus führenden polnischen Demokraten, die sich vorübergehend im Ausland aufhalten.

Diese Regierung soll, sobald es die Verhältnisse erlauben, freie Wahlen für eine konstituierende Nationalversammlung abhalten, die eine neue Verfassung ausarbeiten wird. Die drei Alliierten verpflichten sich, »die Polnische Regierung Nationaler Einheit« anzuerkennen, sobald sie zustande gekommen ist.

Molotow: »Bedeutet der letzte Punkt des amerikanischen Vorschlags, daß die polnische Exilregierung in London ipso facto verschwinden wird?«

Churchill: »Natürlich.«

Stalin: »Und was geschieht mit ihren Guthaben?«

Churchill: »Sie werden in den Besitz der neuen Regierung Nationaler Einheit übergehen.«

Molotow: »Wir können den Vorschlägen nicht zustimmen. Es wäre besser, die gegenwärtige Warschau-Lubliner-Regierung ganz einfach zu erweitern durch Hinzunahme anderer demokratischer Elemente. Sie genießt in Polen großes Ansehen und erfreut sich ungemeiner Beliebtheit. Ihre führenden Leute sind aufs engste mit der Befreiung Polens verbunden, wohingegen Mikolajczyk und Grabski nichts dazu beigetragen haben. Ich wiederhole: Der einzige Weg ist, die Warschau-Regierung zu erweitern.«

Churchill: »Ich werde die Lublin-Regierung, unter welcher Maske sie auch immer auftritt, niemals anerkennen. Ich erinnere daran, daß an der italienischen und an der Westfront eine polnische Armee von etwa 150000 Mann steht, die tapfer für unsere gemeinsame Sache gekämpft hat. Sie würde eine Anerkerinung der Lublin-Regierung als Verrat betrachten. Denn London hat die in England bestehende Exilregierung anerkannt. Es gibt nur einen Weg zu einer gerechten Lösung: Von beiden Seiten muß unter gleichen Bedingungen ein neuer Anfang gemacht werden, so wie es der Präsident vorgeschlagen hat, und so bald wie möglich müssen Wahlen auf der Grundlage des allgemeinen und geheimen Wahlrechts abgehalten werden.«

Stalin: »De Gaulles Regierung ist ja auch nicht gewählt, und trotzdem verhandeln wir mit ihr. Warum sollen wir es mit Bierut nicht genauso machen?«

Die Frage, inzwischen ein noch heißeres Eisen geworden, wird den Außenministern zwecks weiteren Studiums zugewiesen.

Als die Sitzung aufgehoben wird, Ist es fast 20 Uhr, und um 21 Uhr beginnt schon das große Diner, zu dem Stalin geladen hat. Es findet im Jussupow-Palast stattWund ist üppiger denn je.

Angefangen beim Kaviar und endend beim kaukasischen Backwerk, sind es zwanzig Gänge erlesenster und mit höchstem Raffinement zubereiteter Gerichte.

Die Tafel ist für dreißig Personen gedeckt.

Elf Russen: Stalin, Molotow, Berija, Wyschinski, die drei Stabschefs, Gromyko, Gusew, Maiski und Pawlow.

Zehn Engländer: Churchill, Eden, Sir Alan Brooke, Sir Charles Portal, Sir Andrew Cunningham, Sir Harold Alexander, Sir Alexander Cadogan, Sir Archibald Clark Kerr, General Ismay und Frau Sarah Oliver.

Neun Amerikaner: Roosevelt, Stettinius, Leahy, Byrnes, Harriman, Flynn, Bohlen, Frau Boettiger und Fräulein Harriman.

Es ist das einzige Essen, bei dem auch Berija zugegen ist. Hopkins, der zwar eingeladen ist, muß das Bett hüten.

Nur etwas stört die Runde: die vielen Mücken. Sie stürzen sich vor allem auf die Damen und auf die Knöchel des Admirals Leahy.

Es werden 45 Trinksprüche ausgebracht. Jeder, der einen Toast ausbringt, geht mit seinem Glas zu dem von ihm Angesprochenen, um mit ihm anzustoßen, außer Roosevelt natürlich.

Der Wodka fließt in Strömen. Ein paar Unvorsichtige sprechen ihm zu stark zu.

Der Kaukasussekt wird von Roosevelt für so gut befunden, daß er fragt, ob er nicht, wenn seine Amtszeit vorüber ist, die Vertretung für die Vereinigten Staaten bekommen könne.

Stalin erhebt sein Glas und trinkt auf die Gesundheit des britischen Premiers, der »unerschrockensten Persönlichkeit unter den Regierenden der Welt«. Es sei in großem Maße Churchills »Courage und Entschlossenheit« zu verdanken, daß England der mächtigen deutschen Wehrmacht die Stirn bot.

»Ich trinke auf Mr. Churchill, den mutigsten Kapitän, meinen Kampfgefährten, denn ich kenne nur wenige Beispiele in der Geschichte, wo der Mut eines einzigen Mannes von so großer Bedeutung für die Zukunft der ganzen Welt gewesen ist.«

In seiner Erwiderung sagt Churchill, er trinke auf das Wohl »des mächtigen Führers eines mächtigen Landes, der den Stoß der mächtigen deutschen Kriegsmaschine aufgefangen, ihr das Rückgrat gebrochen und die Tyrannen aus dem Lande gejagt hat«.

In seinem Trinkspruch, den er auf Präsident Roosevelt ausbringt, nennt Stalin diesen den »hauptsächlichen Förderer der Mobilisierung der Welt gegen Hitler«. Er selbst und Mr. Churchill hätten in ihren Ländern relativ einfache Entscheidungen treffen müssen, da es für sie eine Existenzfrage gewesen sei, gegen Hitler-Deutschland zu kämpfen. Der »dritte Mann« jedoch habe ein Volk in einen Krieg führen müssen, von dem es nicht ohne weiteres erkennen konnte, wie weit hier nationale Interessen auf dem Spiele standen. Besondere Anerkennung verdiene Roosevelt dafür, daß er das Pacht-und-Leih-Gesetz durchgebracht habe.

Der Präsident sagt in seiner Entgegnung, er habe das Gefühl, daß bei diesem Diner eine Atmosphäre »wie in einer Familie« herrsche. Im Laufe der letzten drei Jahre sei in der Welt eine große Wandlung vor sich gegangen, und eine noch größere stehe bevor. Noch vor fünfzig Jahren hätten in weiten Gebieten der Welt die Menschen in Not und ohne Hoffnung gelebt. Inzwischen seien so große Fortschritte erzielt worden, daß man jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind auf dieser Erde Sicherheit und Wohlergehen garantieren könne und müsse.

Stalin erhebt erneut sein Glas, um auf »die Allianz der drei Großmächte« zu trinken.

Churchill ruft, sein Glas in der Hand, in einer brillanten Improvisation aus, deren er allein fähig ist: »Wir stehen auf dem Gipfel eines Hügels, und unter uns breitet sich die Herrlichkeit künftiger Möglichkeiten aus... Als Staatsmänner sind wir dazu berufen, die Völker aus düsteren Wäldern in die weiten besonnten Ebenen von Frieden und Glück zu führen... Diese wunderbare Möglichkeit ist in unsere Hände gegeben, und es wäre eine Tragödie, die uns die Geschichte niemals verzeihen würde, wenn wir uns diese Möglichkeit durch Trägheit und Unachtsamkeit entgleiten ließen.«

Richter Byrnes bringt einen Trinkspruch auf den »kleinen Mann« aus.

Fräulein Harriman erhebt unter allgemeinem Beifall ihr Glas und spricht im Namen der drei anwesenden Damen allen Personen Dank aus, »die so schwer gearbeitet haben, um uns den Aufenthalt auf der Krim so angenehm zu machen, trotz der von den Deutschen hier angerichteten Zerstörungen«.

Dieses ungewöhnliche gesellige Beisammensein dauert bis ein Uhr nachts. Hätte der erschöpfte Roosevelt nicht das Signal zum Aufbruch gegeben, wäre es bis zum Morgengrauen ausgedehnt worden.

Stalin sagt mit einem Augenzwinkern zu Churchill: »Ein Glück, daß wenigstens einer da ist, der weiß, wann es Zeit ist, sich zu verabschieden.«

SECHSTER TAG

Freitag, 9. Februar

Der Freitagvormittag geht mit Besprechungen zwischen den amerikanischen und englischen Stabschefs im Beisein Roosevelts und Churchills hin.

Roosevelt ist in bester Stimmung. Schon am Morgen, beim Aufstehen hat er ausgerufen: »Ich habe alles erreicht, weswegen ich hergekommen bin, und einen nicht zu hohen Preis gezahlt...«

Die Stabschefs unterbreiten Roosevelt und Churchill einen Bericht über das gesamtstrategische Konzept. In ihrem Schriftstück haben sie auch aufgrund ihrer Schätzungen Planungsdaten für das Ende des Krieges genannt: mit Deutschland frühestens am 1. Juli 1945, spätestens am 31. Dezember 1945, mit Japan etwa 18 Monate nach der Niederlage Hitlers.

Am Nachmittag, gegen 15.30 Uhr, treffen sich im Schloß Liwadia die amerikanischen Stabschefs - Marshall, King und Kuter - mit ihren sowjetischen Pendants - Antonow, Chudjakow und Kusnezow.

Antonow stellt fest: Vor Ausbruch der sowjetisch-japanischen Feindseligkeiten sei es absolut notwendig, seitens Amerikas die Versorgung der sowjetischen Streitkräfte mit Lebensmitteln, Waffen und Treibstoff sowohl auf dem Luftwie auf dem Seewege sicherzustellen.

Die Abreise der in Fairbanks (Alaska) bereitstehenden amerikanischen Inspektionsgruppe für Kamtschatka müsse »bis zum letzten Augenblick« hinausgeschoben werden, da ihre dortige Anwesenheit vor den Japanern nicht geheimgehalten werden könne.

Luftmarschall Chudjakow und Generalmajor Kuter besprechen die Einzelheiten der amerikanischen Luftunterstützung für die in Aussicht genommenen sowjetischen Operationen im Fernen Osten. Für den Transport sowjetischer Truppen werden die Amerikaner Transportmaschinen des Typs C-47 bereitstellen, und zwar 100 während der ersten sechs Monate und danach 40 im Monat.

In der Außenministersitzung, wie stets mit dem Mittagessen verbunden, steht ein halbes Dutzend Themen zur Debatte.

Stettinius, der als Vorsitzender fungiert, eröffnet die Besprechung mit der Erklärung, die amerikanische Delegation habe angesichts der sowjetischen Einwände gegen die Bildung eines Präsidial-Komitees in Polen diesen Vorschlag »fallengelassen«.

Stettinius stellt folgende Formel zur Erwägung: »Die gegenwärtige Polnische Provisorische Regierung soll auf der Grundlage aller demokratischen Kräfte innerhalb Polens sowie demokratischer Führer Polens im Ausland in eine voll repräsentative Regierung umgewandelt werden, die 'Provisorische Regierung der Nationalen Einheit' genannt werden soll. Sobald diese Regierung zur Zufriedenheit gebildet ist, werden unsere drei Regierungen sie anerkennen.«

Eden beeilt sich zu betonen, daß kaum jemand in Großbritannien und im übrigen Europa glauben werde, die Lubliner Regierung repräsentiere ganz Polen. Deshalb könne die britische Delegation auf die in ihrem gestrigen Vorschlag gebrauchte und von Churchill angeregte Formel »ein neuer Start auf neuer Grundlage« nicht verzichten.

Wieder einmal muß die Frage der polnischen Regierungsbildung - der Stachel der Konferenz - ins höhere Stockwerk verwiesen werden.

In der Reparationsfrage wird man sich über zwei Punkte einig. Reparationen

sollen in erster Linie solche Länder bekommen, welche die Hauptlast des Krieges getragen, die schwersten Verluste erlitten und den Sieg ermöglicht haben«.

Sodann sollen unter einstweiligem Aufschub der zu einem späteren Zeitpunkt zu erörternden Frage einer Verwendung deutscher Arbeitskräfte als Teil der Reparationsleistungen« von Deutschland zehn Jahre lang jährliche Sachlieferungen sowie sofortige Vorausleistungen aus dem Nationalvermögen verlangt werden.

Eines jedoch hat Molotow nicht erreichen können: Einstimmigkeit der drei Außenminister über den von ihm vorgeschlagenen Gesamtbetrag von 20 Milliarden Dollar. Eden will diese Zahl nicht einmal »als Diskussionsbasis« annehmen.

Der Beginn der wie üblich auf 16 Uhr angesetzten Plenarsitzung verzögert sich um eine halbe Stunde: Photographen- und Kameraleute, überwacht von den besten Geheimpolizisten des Kreml und des Weißen Hauses, bevölkern den großen Ballsaal, um das Treffen der Großen Drei für die Annalen der Geschichte festzuhalten. Nachdem sie mit ihren Geräten und Kabeln den Raum wieder verlassen haben, setzt erneut die Diskussion ein.

In der polnischen Frage schlägt Molotow vor, den im amerikanischen Memorandum enthaltenen Passus über die Regierungsbildung wie folgt abzuändern: »Die gegenwärtige Provisorische Regierung der Republik Polen soll reorganisiert werden auf einer breiteren demokratischeren Grundlage unter Einschluß der demokratischen Führer in Polen selbst und derjenigen, die sich im Ausland befinden. Nach dieser Erweiterung wird sich diese Regierung 'Provisorische Polnische Regierung der Nationalen Einheit' nennen.«

Er verlangt ferner, daß die »demokratischen« Parteien ebenfalls »nichtfaschistische oder antifaschistische demokratische Parteien« zu nennen seien und widerspricht dem Vorschlag von Stettinius, daß die freien Wahlen in Polen unter Kontrolle von Vertretern der Großen Drei stattfinden müßten. So etwas könne die Polen »beleidigen«.

Churchill: »Es wäre ein Fehler, alles zu überstürzen. Man kahn nicht, kaum daß man den Fuß im Steigbügel hat, drauflosgaloppieren. Es wäre weiser, über das ganze Problem noch etwas nachzudenken, statt übereilte Beschlüsse zu fassen.«

So wird die Diskussion über die polnische Frage um eine halbe Stunde vertagt.

Unterdessen erklärt Stettinius, daß sich die sowjetische und amerikanische Delegation in der Reparationsfrage dahingehend geeinigt hätten, die von den Russen vorgeschlagene Gesamtsumme von 20 Milliarden Dollar, von denen 50 Prozent an die Sowjet-Union gehen sollen, als »Diskussionsgrundlage« anzunehmen.

Maiski bemerkt noch, die Verrechnung der Entschädigungsleistungen müsse auf der Basis der Preise von 1938 unter Berücksichtigung möglicher Erhöhungen um 15 bis 20 Prozent vorgenommen werden. Die sowjetische Delegation überläßt, wie man sieht, nichts dem Zufall.

Doch die britische Delegation weigert sich nach wie vor, sich auf eine bestimmte Reparationssumme festzulegen.

Bei der Erörterung der jugoslawischen Frage kommt es zunächst zu einem Scharmützel zwischen Stalin und Churchill. Sie streiten darüber, ob Tito ein Diktator sei oder nicht. Doch dann beruhigen sich die Gemüter.

Stettinius verliest dann einen von Alger Hiss verfaßten Bericht, demzufolge die fünf Regierungen, die ständige Sitze im Weltsicherheitsrat haben werden, einander konsultieren sollen, bevor die Konferenz der Vereinten Nationen im Rahmen der Welt-Charta eine Institution schafft, die sich mit territorialen Treuhänderschaften und abhängigen Gebieten zu befassen hat.

Churchill explodiert: »Niemals werde

ich das zulassen. Niemals. Im übrigen bin ich in dieser Sache nicht einmal befragt worden. Unter keinen Umständen werde ich zustimmen, daß vierzig oder fünfzig Nationen ihre Finger in Lebensfragen des Britischen Empires hineinstecken.«

Vergebens bemüht sich Stettinius, Churchill klarzumachen, daß sich die Treuhänderschaften nicht auf das Britische Empire, sondern auf Korea, Indochina und andere nichtenglische, von der japanischen Besetzung zu befreiende Gebiete beziehen.

Churchill erinnert sich nur zu gut der verletzenden Worte, die Roosevelt ein Jahr zuvor in Teheran geäußert hat: »Die Engländer würden sich Land nehmen, ganz gleich wo in der Welt, und wenn es nur eine Klippe oder eine Sandbank wäre.«

Stalin versucht ihn zu beruhigen.

Churchill: »Marschall Stalin, wie würden Sie sich dazu stellen, wenn man beschließen wollte, die Krim unter Mandat zu stellen, um aus ihr einen internationalen Sommerkurort zu machen?«

Roosevelt beeilt sich, eine kurze Unterbrechung der Sitzung zu empfehlen, und beauftragt Alger Hiss mit der Abfassung eines Textes, der geeignet sei, die Engländer völlig zu beruhigen.

Nach Wiederaufnahme der Besprechungen befaßt man sich erneut mit der polnischen Frage.

Roosevelt macht Vorbehalte bezüglich der von Molotow angeregten Bezeichnung »Provisorische Regierung«. Er sähe lieber eine Formulierung wie etwa »die zur Zeit in Polen amtierende Regierung«. Er betont auch, die Freiheit der Wahlen müsse unbedingt garantiert werden, und aus diesem Grunde sei amerikanischerseits die überwachung durch Vertreter der Großen Drei vorgeschlagen worden.:

Churchill sagt, er halte es für wünschenswert, dem amerikanischen Deklarationsentwurf folgenden Satz voranzustellen: »Die durch die Befreiung Polens durch die Rote Armee geschaffene neue Lage erfordert die Bildung einer Regierung auf einer Basis, die breiter ist als die

der gegenwärtigen

Regierung.« Er stimme mit dem Präsidenten darin überein, die Wahlen in Polen durch Beobachter der drei Großmächte überwachen zu lassen.

Ihm sei zu Ohren gekommen, daß die Lublin-Regierung beabsichtige, die Angehörigen der polnischen Geheimarmee und die Untergrundkämpfer als Verräter abzuurteilen.

Er sei überzeugt, daß zum Beispiel Tito nichts gegen die Anwesenheit ausländischer Beobachter einwenden würde, wenn man In Jugoslawien Wahlen abhalte. Und England werde es begrüßen, wenn die Vereinigten Staaten und die Sowjet-Union Beobachter zu den Wahlen in Griechenland und Italien schicke.

Warum widersetze sich die Sowjet-Union der Entsendung amerikanischer und britischer Beobachter nach Polen? Dies sei weder eine kränkende noch eine unbegründete Forderung. In einem Lande wie Ägypten zum Beispiel gewinne eine Regierung, solange sie, amtiere, jede Wahl, wenn man nicht für Ordnung sorge.

Stalin: »Ägypten! Da verbringen selbst die größten Politiker ihre Zeit damit, sich gegenseitig zu kaufen. Man kann es nicht mit Polen vergleichen, wo der Bildungsstand viel höher ist.«

Churchill: »Ich möchte wissen, ob man wohl einen Mann wie Mikolajczyk am Wahlkampf teilnehmen läßt.«

Stalin: »Warum nicht? Mikolajczyk Ist Mitglied der Bauernpartei, also einer nichtfaschistischen Parteli«.

Churchill: »Eine Kontrolle ist jedenfalls unerläßlich.«

Stalin: »Damit würde man ein Volk kränken, das alles andere als rückständig ist. Die Polen haben große Gelehrte hervorgebracht, zum Beispiel Kopernikus.«

Eine Einigung erscheint unmöglich, zumal diesmal auch Roosevelt beharrlich im gleichen Sinne wie der britische Premier opponiert.

Später wird die von der amerikanischen Delegation entworfene »Deklaration über das befreite Europa ohne Widerspruch angenommen (siehe Kasten).

Die Sitzung schließt mit einem Gedankenaustausch über die Kriegsverbrecherfrage. Churchill plädiert dafür, schon hier in Jalta eine Liste der Hauptkriegsverbrecher aufzustellen, die, sobald sie identifiziert seien, erschossen werden sollten.

Stalin fragt ihn, nicht ohne Bosheit, nach Rudolf Heß. Churchill: »Auch ihn wird sein Schicksal ereilen.«

Nachdem Stalin sich noch nach dem Fortgang der am Tag zuvor begonnenen Offensive an der Westfront erkundigt hat, wird die Sitzung aufgehoben.

Churchill und Stalin begeben sich in ihre jeweiligen Quartiere.

Roosevelt nimmt sein Diner im engsten Kreis und verbringt den Rest des Abends mit dem Studium von Nachrichten aus dem Weißen Haus. Einige Generale und Admirale pokern.

Die drei Außenminister treffen sich um 22.30 Uhr im Jussupow-Palast, um noch einmal die polnische Frage zu diskutieren. Nach einer bisweilen lebhaften und unangenehmen Auseinandersetzung einigen sie sich auf folgende Formel:

»Eine neue Lage ist durch die vollständige Befreiung Polens durch die Rote Armee geschaffen worden. Dies verlangt nach der Errichtung einer auf breiterer Grundlage beruhenden Provisorischen Polnischen Regierung als dies vor der kürzlich erfolgten Befreiung des westlichen Teils von Polen möglich war.

»Die jetzt in Polen amtierende Provisorische Regierung soll auf einer breiteren demokratischen Grundlage unter Einschluß der demokratischen Führer in Polen selbst und derjenigen, die im, Auslande leben, reorganisiert werden. Diese neue Regierung wird alsdann die Polnische Provisorische Regierung der Nationalen Einheit' genannt werden.

»Diese 'Polnische Provisorische Regierung der Nationalen Einheit' würde verpflichtet sein, so bald wie möglich freie und unbehinderte Wahlen auf der Grundlage allgemeinen Stimmrechts und geheimer Abstimmung abzuhalten. An diesen Wahlen teilzunehmen und für sie Kandidaten aufzustellen, würden alle demokratischen und antinazistischen Parteien das Recht haben.

»Sobald eine 'Polnische Provisorische Regierung der Nationalen Einheit' in genauer Übereinstimmung mit Obigem gebildet worden ist, werden die drei Regierungen sie anerkennen.«

IM NÄCHSTEN HEFT:

Die Zerstückelung Deutschlands

- Polens Westgrenze erst

durch Friedensvertrag - Reparationen werden erzwungen

- Die Folgen von Jalta Copyright by Karl Rauch Verlag, Düsseldorf.

Aus dem Französischen von Wilhelm und Modeste Pferdekamp.

Unterzeichnet wurde die Deklaration am 1. Januar 1942 von den USA, Großbritannien, Sowjet-Union, China, Australien, Belgien. Kanada, Kostarika, Kuba, Guatemala, Haiti, Honduras, Indien, Luxemburg, Holland, Neuseeland, Nikaragua, Norwegen, Panama, Tschechoslowakei, Dominikanische Republik, El Salvador, Griechenland, Polen, Südafrika und Jugoslawien; 1942 außerdem von Mexiko, den Philippinen, Äthiopien; 1943 vom Irak, Brasilien, Bolivien, Iran; 1944 von Kolumbien, Liberia und 1945 von Frankreich und Ekuador.

- Die Unterschrift Perus kam genau am 11. Februar.)

Stalin, Churchill am 8.Februar 1945 in Schloß Liwadia: »Aus düsteren Wäldern in die besonnten Ebenen des Glücks

Roosevelt-Berater Hopkins, Außenminister Stettinius, Eden: »Die ganze Sache ist faul«

Churchill-Ratgeber Cadogan

»Deutsches Futter...

... für die polnische Gans": Deutscher Flüchtlingstreck in Ostpreußen, Januar 1945

Stalin-Gäste, Gastgeber, Stalin-Kritiker Chruschtschow

(Pfeil): »Eine große Wandlung steht bevor«

Stalin, Roosevelt, Dolmetscher:. »Die chinesischen Kommunisten ...

Nationalchinese Tschiang Kai-schek

... sind keine richtigen Kommunisten«

Plenarsitzung in Schloß Liwadia*: »Wer den Sieg ermöglicht...

Sowjetposten vor Schloß Liwadia

... erhält die meisten Reparationen«

US-Politiker Rockefeller (1945)

Kriegserklärung telegraphisch erbeten

Befreite Polen, Befreier in Lublin: »Kontrollierte Wahlen ...

... sind eine Beleidigung": Polnische Freiwillige in Frankreich

US-Politiker Hiss*

»Eine Liste von Männern ...

die erschossen werden": Hitler-Stellvertreter, Heß**, Briten Schweizer Illustrierte (1945) Entwurf für ein Siegerdenkmal

* Hinten Mitte: Admiral Leahy, daneben

(im Uhrzeigersinn) Stettinius, Roosevelt, Bohlen, Byrnes, Cadogan, Eden, Churchill, Birse, Bridges, Kerr, Wyschinski, Molotow, Stalin, Malski, Gromyko.

* Alger Hiss, Beamter im State Department, Akten-Kundiger der US-Delegation in Jalta und Fürsprecher freundschaftlicher Beziehungen Amerikas zu Sowjetrußland, wurde nach dem Kriege der Spionage für die Sowjet-Union bezichtigt und zu fünf Jahren? Gefängnis verurteilt.

** Rudolf Heß, Stellvertreter. Hitlers in der

»Parteileitung, flog am 10. Mal 1941 von Augsburg nach Schottland, um die britische Regierung für ein Bildnis gegen die Sowjet-Union zu gewinnen; 1946 in Nürnberg zu lebenslanger Haft verurteilt.

Arthur Conte
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