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OSTBLOCK / SATELLITEN-ARMEEN Die Totgeglaubten

aus DER SPIEGEL 50/1956

Mit pathetischen Kundgebungen feierten

die Staaten des Ostblocks vor einem

halben Jahr das einjährige Bestehen des Warschauer Pakt-Systems, des östlichen Gegenstücks zur Nato. »Der Warschauer Pakt, jubilierte der sowjetische Armeegeneral Antonow, »ist das große Bollwerk der friedlichen Nationen in ihrem Kampf um Frieden und Sicherheit.« In den letzten Wochen jedoch versank dieses Bollwerk in der politischen Sturmflut, die gegen die Sowjet-Deiche Osteuropas heranbrandet.

Anderthalb Jahre nach der Gründung des Warschauer Pakt-Systems muß der sowjetische Generalstab die 80 Divisionen, über die Sowjet-Rußlands osteuropäische Satellitenstaaten verfügen, wieder aus seiner Kriegsplanung ausradieren:

- Nach der Ausschaltung des sowjetischen

Marschalls Rokossowski und 32 hoher Sowjetoffiziere in Polen hat der Kreml die Kontrolle über die polnische Wehrmacht verloren.

- Die ungarischen Streitkräfte haben sich während des Volksaufstandes in Ungarn politisch als völlig unzuverlässig erwiesen, sie sind außerdem militärisch zerschlagen worden.

- Die rumänische Wehrmacht mußte wegen ihrer politischen Unzuverlässigkeit von sowjetischen Truppen entwaffnet werden.

- Der Einmarsch sowjetischerTruppen in Bulgarien und die Massenentlassungen bulgarischer Offiziere und Unteroffiziere zeigen, daß auch die Streitkräfte Bulgariens nicht als zuverlässig gelten.

Wie gering der Wert von Satelliten-Truppen im Ernstfall sein würde, offenbarte das Verhalten der rumänischen Armee in den Tagen des ungarischen Aufstandes.

Seit mehr als zehn Jahren nahm die rumänische Wehrmacht in den Plänen des sowjetischen Generalstabes einen besonderen Platz ein. Mehr als jede andere Armee der Ostblockstaaten war die rumänische Wehrmacht nach sowjetischen Vorschriften gedrillt worden.

Die sowjetischen Umerzieher konnten beim Aufbau der rumänischen Satelliten -Wehrmacht an eine alte Tradition anknüpfen: Russische Generale hatten einst im 19. Jahrhundert die erste rumänische Armee geschaffen - in den damaligen Fürstentümern Moldau und Walachei, die später zu dem Königreich Rumänien vereinigt wurden. Russische Dienstreglements, russische Uniformen und russische Waffen beherrschten das Leben des rumänischen Soldaten vor hundert Jahren.

Russische Generale waren es auch, die im zweiten Weltkrieg in sowjetischen Kriegsgefangenenlagern die Kader der künftigen volksdemokratisch-rumänischen Armee drillten. An der Spitze der Umerzieher stand der rumänisierte Ukrainer Bodnarenko, ein ehemaliger rumänischer Artillerie-Oberleutnant, der 1928 in die Sowjet-Union geflüchtet war. Bodnarenko oder, wie er sich jetzt nennt, Emil Bodnaras leitete seit 1943/44 den Aufbau einer neuen rumänischen Armee, während sein Bruder noch in der großdeutschen Waffen-SS diente.

In den sowjetischen Gefangenenlagern heuerte er den Generalleutnant Mihai Lascar, der noch wenige Monate zuvor von Adolf Hitler als erster Ausländer das Eichenlaub zum Ritterkreuz empfangen hatte, und den jungen Gebirgsjäger-Major Cambrea als Kommandeure zweier rumänischer Divisionen an, die im Verband sowjetischer Armeekorps gegen die Deutschen kämpften. Cambrea nannte seine Einheit die »Division der Totgeglaubten«. Beide Divisionen wurden nach 1944 zur Keimzelle der volksdemokratischen Armee Rumäniens.

Zunächst verzichteten die Sowjets und Bodnaras darauf, die alte rumänische Armee, die nach der Kapitulation Rumäniens auf sowjetischer Seite kämpfte, völlig zu sowjetisieren. Fürs erste überließ man die Armee einem kleinen Kreis ehrgeiziger Generale, der den rumänischen Kommunisten im Februar 1945 bei dem Sturz des nichtkommunistischen Premiers Radescu behilflich gewesen war. Die Gruppe durfte in den nächsten zwei Jahren wichtige Kommandoposten der Armee besetzen und das Offizierskorps von antikommunistischen Elementen säubern.

Erst am 24. Dezember 1947 übernahm Emil Bodnaras als rumänischer Kriegsminister und oberster Soldat die Macht in der Armee. Auch Lascar und Cambrea rückten nach vorn. Aber während sich Lascar immer mehr den Sowjets verschrieb, zeigte der inzwischen zum General avancierte Cambrea eine Haltung, die ihn den Sowjets verdächtig machte.

Je intensiver Bodnaras die rumänische Armee nach sowjetischem Vorbild umbaute - wobei er unter anderem mehr als 10 000 Offiziere aus der Armee entfernte -, um so verbissener kritisierte Cambrea die Sowjetisierung. Er fiel schließlich in Ungnade und wurde seiner sämtlichen Ämter enthoben.

Nach dem Sturz Cambreas vollzog sich die Sowjetisierung der rumänischen Volksarmee reibungslos - so reibungslos, daß der amerikanische Ostexperte und Nachrichtenoffizier Grayson noch im Januar 1956 in dem Generalstabsorgan »Military Review« beeindruckt schreiben konnte: »Auf keinen Fall dürfen wir die Leistungsfähigkeit der rumänischen Armee unterschätzen. Das wäre furchtbar gefährlich für die Wohlfahrt der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten.«

In den letzten Monaten drangen jedoch aus Rumänien Informationen nach Westen, die den militärischen Wert und die politische Zuverlässigkeit der rumänischen Armee in Frage stellten. Auch zeigten die sich ständig wiederholenden Säuberungsaktionen deutlich, daß selbst das rumänische Kriegsministerium von der volksdemokratischen Treue seiner Soldaten nicht allzuviel hielt.

Gleichwohl versuchte die amtliche rumänische Propaganda immer wieder, die sowjetischen Bundesgenossen und den Westen gleichermaßen über die Stärke der rumänischen Volksarmee zu täuschen. Sie wies darauf hin, daß die 250 000-Mann-Wehrmacht Rumäniens zu den stärksten Kontingenten des Warschauer Pakt-Systems gehörte.

Im sowjetischen Generalstab scheint man den militärischen Tiraden der rumänischen Propaganda Wert beigemessen zu haben. Bald nach dem Ausbruch des ungarischen Volksaufstandes erhielt der - mit den Aufständischen sympathisierende

- militärische Geheimdienst der Honved -Armee die Nachricht, der sowjetische Generalstab habe beschlossen, sowjetische und rumänische Truppen sollten gemeinsam das Feuer der ungarischen Revolution austrampeln.

Offenbar hatte ein historisches Beispiel die Überlegungen der sowjetischen Generalstäbler beflügelt. Schon einmal hatten rumänische Truppen einen ungarischen Aufstand niedergeschlagen: 1919, als Rumänien den antikommunistischen Truppen des Admirals Horthy gegen den kommunistischen Aufrührer Bela Kun zu Hilfe eilte. Diesmal nun sollte Rumänien Kuns Nachfahren unter die Arme greifen.

Kurze Zeit darauf erhielten die ungarischen Geheimdienstler Kenntnis von einem dramatischen Zwischenspiel sowjetischer Ostblock-Politik:

Zwei Tage vor der geplanten Sowjetintervention in Ungarn kletterte der sowjetische Parteichef Chruschtschew in ein Flugzeug nach Bukarest, um den Einmarsch rumänischer Einheiten in Ungarn politisch vorzubereiten. Chruschtschew hatte es dabei so eilig, daß sein bevorstehendes Eintreffen in Bukarest der rumänischen Regierung nicht mehr angekündigt werden konnte.

In der darauffolgenden Nacht wurden die wichtigsten Mitglieder der rumänischen Regierung aus dem Schlaf telephoniert. Chruschtschew war in der rumänischen Hauptstadt eingetroffen und wünschte die Genossen Minister sofort zu sehen. Wenig später versammelte er das rumänische Kabinett zu einer gespenstischen Sitzung um sich.

Der sowjetische Parteiführer erklärte, das Oberkommando der Sowjetarmee ersuche die rumänische Regierung, starke militärische Verbände bereitzustellen, die in der Lage seien, gleichzeitig mit der militärischen Intervention der UdSSR in Ungarn einzumarschieren. Nach dieser Mitteilung schwiegen die Rumänen betreten.

Schließlich ermannte sich Bodnaras und klärte den verblüfften Chruschtschew über die wahre Situation der rumänischen Wehrmacht auf. Er bedaure, mitteilen zu müssen, meinte Generaloberst Bodnaras,

daß die Armee nicht in der Lage sei, sich an der Intervention in Ungarn zu beteiligen. Er müsse dringend davon abraten, auf einem Einsatz rumänischer Truppen in Ungarn zu bestehen.

Bodnaras begründete: Die rumänische Armee sei mit ungarischen Siebenbürgenern durchsetzt und bereits von der »ungarischen Stimmung« angesteckt. Es bestehe die Gefahr, daß große Teile der Armee zu den ungarischen Aufständischen überlaufen würden. In den rumänischen Einheiten, die in den an Ungarn grenzenden Westgebieten des Landes stationiert sind, sei es bereits zu bedenklichen Zwischenfällen gekommen.

Ärgerlich verließ Chruschtschew die nächtliche Sitzung. Vor seinem Abflug nach Moskau meinte er, der Sowjet-Union bleibe also nichts anderes übrig, als nun auch in Rumänien die »Sicherheitsfrage« zu lösen.

Moskau ließ Chruschtschews dunklen Worten rasche Taten folgen. Noch vor dem Beginn der sowjetischen Militärintervention in Ungarn wurde der rumänischen Regierung mitgeteilt, daß die Lage in der rumänischen Armee die Anwesenheit größerer sowjetischer Truppeneinheiten in Rumänien erforderlich mache. Während die sowjetischen Panzer den Aufstand in Budapest niederrollten, wurden Verbände des sowjetischen Übungsbereiches Kamenez Podolsk - unter ihnen die 17. mechanisierte Division - nach Rumänien verlegt.

Das war jedoch nur das Vorspiel zu dem Schlag, mit dem sich das sowjetische Oberkommando des rumänischen Unsicherheitsfaktors entledigte: Am 12. November - eine Woche nach dem sowjetischen Angriff auf die ungarische Hauptstadt - umstellten sowjetische Einheiten die Kasernen der rumänischen Wehrmacht und entwaffneten ihre rumänischen Bundesgenossen. Seitdem darf nur noch die rumänische Sicherheitspolizei Waffen tragen.

Am Montag der letzten Woche stimmte eine in Moskau erschienene rumänische Regierungsdelegation dem Plan des Kremls zu, die sowjetischen Truppen in Rumänien zu verstärken.

Rumanischer General Lascar (1943)

Übergelaufen, ausgenutzt, enttäuscht ...

Generaloberst Bodnaras

... demoralisiert und nun entwaffnet

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