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SPIEGEL Essay Die touristische Bananenrepublik

Peter Turrini, 42, ist Österreichs politisch gewichtigster Schriftsteller. Mit Theaterstücken ("Rozznjogd«, »Die Bürger") und einer Fernsehserie ("Die Alpensaga") wurde er auch international bekannt. _____« Wandern in Österreich unterscheidet sich auch » _____« dadurch, daß Förstertochter Resi dem Biologiestudenten » _____« aus Göttingen gern die Abkürzung durch den Wald zeigt, » _____« weil dadurch der Weg ein Viertelstündchen länger wird. » _____« Österreichische Fremdenverkehrswerbung in der » _____« Bundesrepublik 1986. » _____« Die Bevölkerung des Landes ist dazu angehalten, dem » _____« reisenden und nächtigenden Fremden den lieblicheren Teil » _____« ihres Wesens nicht vorzuenthalten. Aus einem Aufruf der » _____« Kärntner Landesregierung im Jahre 1891. » *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Von den nicht vorzuenthaltenden lieblicheren Teilen der Kärntner Bevölkerung bis zu dem in Aussicht gestellten Schnellfick der Förstertochter Resi spannt sich der Bogen einer touristischen Begegnung, die ihrem Wesen nach einem Rollenspiel gleicht, wobei dem Österreicher die Rolle der Hure und dem Deutschen die ihres Gastes zufällt. Die Geschichte des österreichischen Tourismus ist daher die Geschichte einer Hurerei.

Wie jede Hurerei, so ist auch diese von zwei sehr unterschiedlichen Empfindungen geprägt. Der österreichische Wirt braucht den deutschen Gast in einem durchaus existentiellen Sinne.

Er hat alles, Weib, Kinder, Verwandte, das Personal, das Haus, die Landschaft auf den Tourismus abgerichtet, er ist mit 60 Milliarden Schilling verschuldet, die rote Lampe hängt Tag und Nacht vor den Türen und Toren seines Landes. Das Ausbleiben des deutschen Gastes würde nicht nur eine finanzielle Einbuße bedeuten, es würde ihn buchstäblich in seiner materiellen und psychischen Existenz vernichten. Der Österreicher braucht den Deutschen nicht nur für sein Fortkommen, er braucht ihn geradezu für sein Fortleben. Ein solch umfassendes Maß an Abhängigkeit gebiert Verachtung, ja Haß gegenüber demjenigen, von dem man sich abhängig fühlt und es in der Tat ja auch ist.

Der deutsche Gast betritt ein österreichisches Wirtshaus, und es umfängt ihn die Atmosphäre einer Anpassung, einer Hurerei: Der Wirt ahmt die Sprache des Deutschen nach, serviert ihm »seine« Gerichte, läßt ihn in »seiner« Währung bezahlen und schunkelt mit ihm zu den martialischen Klängen »seiner« Fröhlichkeit.

Kaum aber hat der deutsche Gast das österreichische Wirtshaus verlassen, nennt ihn der Wirt einen Scheißpiefke, einen präpotenten Schrumpfgermanen, der glaube, er könne mit seiner »Demark« alles und jedes kaufen. Wen man von Angesicht zu Angesicht lieben muß, dem sagt man jegliche Gemeinheit in den Rücken.

Mit dem Ausbruch des industriell organisierten Tourismus und dem Einbruch deutscher Menschenmassen in österreichische Lande und Wirtshäuser mußte aus der inszenierten, also vorgespielten Anpassung eine tatsächliche werden. Wenn der Wirt, seine Frau, seine Kinder, die Verwandten, das Personal Tag und Nacht »anders« sein müssen, dann werden sie zu anderen. Die sprachliche, die zeitliche, die seelische Abrichtung auf den Fremden hat sie selber zu Fremden gemacht: Sie sind sich und ihren Nächsten fremd geworden.

All die Jahre haben die österreichischen Fremdenverkehrsbehörden Jubelmeldungen über steigende »Nächtigungsziffern« und »voll ausgelastete Kapazitäten« veröffentlicht. Es wird Zeit, einmal eine ganz andere Bilanz öffentlich zu machen: das ganze Ausmaß der familiären und zwischenmenschlichen Beziehungen, die aus Mangel an Zeit und Kraft gestorben sind, all die Weihnachts- und Festtage, an denen kein privates Wort und Gefühl mehr möglich war, weil sich alle und alles wie eine bauchtanzende, sprich schuhplattelnde Hure um den Gast drehte.

Im Bereiche der Sexualität verhält es sich mit der Anpassung genau umgekehrt, sie ist eine inszenierte, eine vorgespielte und keine tatsächliche. Der osterreichische Fremdenverkehr und seine Organe können ja diese touristischen Massen nicht »tatsächlich« befriedigen.

So viele Resis, die wir mit all den Göttinger Studenten - wenn auch nur auf eine Viertelstunde - hinter die Büsche schicken könnten, haben wir ja gar nicht, und müßten die Tiroler Skilehrer »tatsächlich« jene Zünftigkeit und Brünftigkeit einlösen, über die sie laut Prospekt verfügen, sie würden wahnsinnig werden.

Es geht hier also um das Vormachen und nicht um das Machen von etwas. Im gleitenden Übergang dieser beiden Begriffe hat sich eine ganze Industrie eingenistet. Sie suggeriert dem deutschen Gast - bei wahrhaft obszönen Heimatabenden - die permanente Geilheit der österreichischen Madln und Buam und versetzt ihn in einen Zustand dauernder Erregung.

Äußerten die Vertreter des Fremdenverkehrs in der österreichisch-ungarischen Monarchie des Jahres 1914 noch schwerste Bedenken gegen einen möglichen Krieg ("Krieg und Fremdenverkehr sind absolute Gegensätze. Besonders in Kampfgebieten kann der Fremdenverkehr völlig lahmgelegt werden"), so legten sie schon wenig später gemeinsam mit dem deutschen Alpenverein die neuen Reiserouten fest: »Die Karpaten haben als Schlachtfeld in diesem Krieg eine solche Berühmtheit erlangt, daß jeder Deutsche das Bestreben haben muß, sie mit eigenen Augen zu schauen.« Was der Krieg unmöglich zu machen schien, wurde durch ihn erst möglich.

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges ging nicht nur diese spezifische Form des Tourismus verloren, sondern auch die Gebiete, in denen er stattfand. »Wenn man die Bedingungen der Friedensverhandlungen zu St. Germain betrachtet«, jammerte die »Wiener Zeitung« Ende 1919, »so sieht man sofort, welche gewaltigen Einbußen, vor allem an Fremdenverkehrsgebieten, Österreich durch diesen Krieg erleiden mußte.«

Doch schon ab 1924 entwickelte sich der deutsch-österreichische Tourismus »auf das prächtigste«, wie die amtliche Statistik vermeldete.

Das »Prächtige« lief so lange prächtig, bis Hitler in Deutschland an die Macht kam und die sogenannte 1000-Mark-Sperre verfügte. Jeder deutsche Tourist, der nach Österreich wollte mußte an der deutschen Grenze 1000 Mark hinlegen, und wer, außer den von Hitler geschickten Unruhestiftern, konnte das schon.

Nach dem Anschluß 1938 wurde in Österreich vernichtet, was immer man an Fremdem im eigenen Lande vorzufinden glaubte. Aus dem Dilemma, als Wirt in einen Staat geraten zu sein, in dem es keine Fremden mehr gab, befreite sich der Österreicher auf seine Weise. Er ergriff seine historische Chance, endlich aus der Rolle des Wirtes auszusteigen und in die des Reisenden einzusteigen - unter Führung des obersten Reiseleiters, der selbstverständlich auch ein Österreicher war.

Um seinen neu gewonnenen Status als Eroberungsreisender voll empfinden zu können, mußte er in den bereisten Gebieten alles vernichten, was ihn am Erleben und Ausleben dieses neuen und berauschenden Gefühls behinderte. Besonders bei der Errichtung und Verwaltung dazu notwendiger Vernichtungslager erwarben sich österreichische Reiseleiter wie Eichmann, Kaltenbrunner und Globocnik große Verdienste.

Wie sehr der Österreicher den Krieg als großen Ausflug empfand, spiegelt sich nicht nur in Feldpostkarten und Photos dieser Zeit wider, sondern auch in Erzählungen, die ich in meiner Jugend in Kärntner Gasthäusern gehört habe. Hier war von Städten wie Paris, Narvik, Kiew, von Gegenden wie den Ardennen,

der Krim, dem Peloponnes die Rede, als seien es Bilder aus einem Prospekt gewesen und nicht Orte entsetzlicher Gewalttaten. Gewiß, es gab Unangenehmes, ja Schreckliches, aber gerade das machte das Reisen erst zum Reiseabenteuer, von dem man ein Leben lang erzählen konnte.

Es ist das Drama des Österreichers daß er für seine besten Ideen, für seine kühnsten Unternehmungen vom Rest der Welt verachtet wird. Seine Idee, die Kriegsschauplätze des Ersten Weltkrieges zu Tourismusgebieten zu erklären, sein Versuch, die Rolle des Gastwirtes abzustreifen und zum Reisenden, ja zum Welteroberungsreisenden zu werden, scheiterte in den Augen der Weltöffentlichkeit ebenso wie sein letztes Experiment, mittels Glykol die Herstellung des Weines von der Rebe unabhängig zu machen.

Im Jahre 1945 gelang es ihm auf jeden Fall mit affenartiger Geschwindigkeit, dieser Weltverachtung zu entkommen. Der politischen Reinwaschung entsprach, noch vor dem Abschluß des Staatsvertrages im Jahre 1955, eine ästhetische: Kurz nach dem Krieg begannen die Österreicher wie wild Filme zu produzieren. Sie hießen »Maresi«, »Der Herr Kanzleirat«, »Der Engel mit der Posaune«, »Die Glücksmühle«, »Triumph der Liebe« und hatten nur einen Zweck: Man wollte sich und die Welt von seiner absoluten Unschuld und Harmlosigkeit überzeugen.

Man muß sich das vorstellen: Während die Menschen in den zerbombten Städten hungerten, saß die Försterstochter Maresi auf dem Schoß des alten Herrn Kanzleirats und ließ sich mit ihm von den Klängen des Engels mit der Posaune in die Glücksmühle entführen, um dort den gemeinsamen Triumph der Liebe zu erleben.

Manchmal ging die ästhetische Reinwaschung schneller als die politische. Der Film »Erde« konnte lange Zeit nicht in die Kinos kommen, weil die meisten Mitwirkenden noch in sogenannte Entnazifizierungsverfahren verwickelt waren.

Nach nur drei Jahren und 42 Spielfilmen, in denen sich der Österreicher als beschwingter, gastfreundlicher und liebessüchtiger Todel offerierte, griffen die Amerikaner das Angebot auf. Am 2. April 1948 verabschiedete der amerikanische Kongreß den »Economic Cooperation Act«, dessen Kernstück das »European Recovery Program« darstellte. Dieses Programm ging als »Marshall-Plan« in die Geschichte ein. Die Deutschen bekamen Millionen von Dollar zum Wiederaufbau ihrer Industrie und die Österreicher Millionen zum Wiederaufbau ihres Fremdenverkehrs.

Damit waren zwei Rollen im Nachkriegseuropa zugeteilt. Die Deutschen sollten schaffen und die Österreicher für ihre Erholung sorgen. Österreich war zum Hawaii Mitteleuropas geworden, zur touristischen Bananenrepublik.

Der Touristenfluß der Ersten Republik wurde zum Strom, der Strom zu Strömen, der österreichische Wirt zur Hure, die österreichische Landschaft zum Vierfarbenprospekt.

So wie die Hure den Gast braucht, so braucht er sie. Ich habe Ende der sechziger Jahre in Frankfurt gearbeitet, mich sehr einsam gefühlt und Kontakt mit Huren gehabt. Sie erzählten mir immer wieder, daß ihr deutscher Freier das Fremde, das Außergewöhnliche suche, aber zu fremd sollte es nun auch wieder nicht sein.

Ein bißchen Schweinigeln im sauberen Wohnzimmer, das ist der tiefste Wunsch des deutschen Freiers. Die echte Hure erfüllt ihm diesen Wunsch mit einem »Ficken wie bei Muttern« und die österreichische Wirtshure mit einem »Futtern wie bei Muttern«. Der deutsche Gast kommt nach Österreich, weil er ins Ausland will, aber es soll ihm nicht zu ausländisch vorkommen.

Deshalb überzieht er dieses Land mit der Erwartung, »seine« Sprache vorzufinden, »seine« Lieder, und die österreichische Wirtshure erfüllt ihm diese Erwartung voll und ganz. Österreichische Touristenorte sind in der Hochsaison von deutschen Provinzstädten nicht mehr zu unterscheiden.

Wie jedem Freier, so ist auch dem deutschen Gast die Anpassung seiner Hure zu wenig, er will auch noch ihr Herz. Bei ihm, und nur bei ihm soll sie einen Orgasmus haben, ihn soll sie wirklich mögen. Er wird Stammkunde, kommt Jahr für Jahr ins Land und versteht nicht, daß das Herz der österreichischen Wirtshure an vielen, zu vielen schunkelnden Heimatabenden ausgeronnen ist.

Es gibt ein Aussetzen, ein völliges Verschwinden dieses Mechanismus von Anpassung und Verachtung zwischen der Hure und ihrem Freier: Wenn ein österreichischer Wirt und sein deutscher Gast plötzlich die gemeinsam erlebte Wehrmachtszeit entdecken, fallen sie sich ergriffen in die Arme, und Namen von Truppenteilen und Vorgesetzten schwirren durch den biergeschwängerten Gastraum.

Auch das sind Szenen meiner Kindheit und Jugend: Der noch eben devot grinsende Wirt verwandelte sich von einem Augenblick zum anderen in den Kameraden Schnürschuh, und der gerade gönnerhaft den Hintern der Wirtstochter tätschelnde Gast wurde zum Obergefreiten Müller, mit dem man in Narvik den Gefrierfleischorden erhalten hatte. Der Wirt sprach nicht mehr zum Gast, der Freier nicht mehr zur Hure, sondern der Mensch zum Menschen, der Kamerad zum Kameraden.

Der österreichische Wirt, die österreichische Wirtsgesellschaft opfert dem Tourismus nicht nur die Familie, sondern auch und vor allem die österreichische Landschaft.

Wenn ich Berghänge sehe, in die der Skiwinter tiefe Furchen gezogen hat, sehe ich ein anderes Bild vor mir: Der österreichische Wirt, der diese Landschaft braucht, weil sie der Magnet ist mit dem er die Gäste ins Land lockt, haßt diese Landschaft gleichzeitig für dieses Brauchen, für diese Abhängigkeit und schlägt auf sie ein, blind wütend, bis die Wunden nicht mehr schließen und die Landschaft stirbt.

In den letzten Jahren, genau seit 1981, kommen immer weniger deutsche Gäste nach Österreich. Im Zeitalter der industriellen Befriedieung von Urlauberwünschen können andere, was wir nicht mehr können, und sie können es billiger.

So wie die amerikanische Schuhfirma Saniped ihre Produktionsstätte vom Burgenland nach Spanien verfrachtet hat, weil sie die österreichischen Arbeiter schon zuviel kosten, so läßt sich der deutsche Tourist den Katalog mit den thailändischen Madln und Buam inzwischen aus Bangkok schicken. Die sind auch immer geil, kosten weniger als die österreichischen Resis und leisten mehr, weil sie aus einem echten Entwicklungsland kommen.

Unser letzter Versuch, verlorenes Terrain wieder aufzuholen, indem wir einen Mann zum Bundespräsidenten gewählt haben, der unsere Vergangenheit repräsentiert, aber mit der Diskretion und Gewandtheit eines Oberkellners darüber hinweggehen kann, ist uns in den Augen der Welt schon wieder übelgenommen worden.

Auch ich hin ein Gefangener meiner Biographie. Mein Vater war ein italienischer Gastarbeiter. Der Mechanismus von Anpassung und Verachtung, den ich beschrieben habe, gilt nur für zahlende Fremde. Wer nur ein Fremder ist, den trifft nur die Verachtung.

Ich weiß, daß sich zu allen meinen Ausführungen ein Gegenbeispiel finden läßt. Aber die Regeln, nach denen diese touristische Begegnung seit etlichen Jahrzehnten zwischen Deutschen und Österreichern abläuft, werden dadurch nicht außer Kraft gesetzt.

Ich bin für das Ende dieses Tourismus und für das Ausprobieren eines anderen. Die Fremden, die uns nichts bezahlen können, die uns aber etwas geben könnten, wohnen gleich um die Ecke.

Wandern in Österreich unterscheidet sich auch dadurch, daß

Förstertochter Resi dem Biologiestudenten aus Göttingen gern die

Abkürzung durch den Wald zeigt, weil dadurch der Weg ein

Viertelstündchen länger wird. Österreichische Fremdenverkehrswerbung

in der Bundesrepublik 1986.

Die Bevölkerung des Landes ist dazu angehalten, dem reisenden und

nächtigenden Fremden den lieblicheren Teil ihres Wesens nicht

vorzuenthalten. Aus einem Aufruf der Kärntner Landesregierung im

Jahre 1891.

Peter Turrini
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