Zur Ausgabe
Artikel 11 / 37
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

"SIE HABEN ETWAS GUTZUMACHEN" DIE TRAGÖDIE DER US-ARMY

aus DER SPIEGEL 16/1951

Von Garrett Underhill und Ronald Schiller

Die Flucht unserer Truppen vor chinesischen Bauernsoldaten in Korea im November war die größte Schande, die amerikanische Waffen in diesem Jahrhundert erlitten.

Wie konnte es dazu kommen? In den letzten vier Jahren haben wir ein Drittel unseres gesamten Staatsbudgets - über 48 Millionen Dollar - ausgegeben, um uns gerade auf einen solchen Fall zu rüsten. Die vollständige Beherrschung des koreanischen Luftraumes und die gewaltige Ueberlegenheit unserer Feuerkraft und Ausrüstung hätte unsere zahlenmäßige Unterlegenheit mehr als wett machen müssen. Unsere Männer übertrafen die chinesischen Bauernsoldaten bei weitem an Intelligenz und Initiative, und was die Tapferkeit anlangt, so sind der Durchbruch der ersten Marine-Division von Changjin zur See und der Abwehrkampf der zweiten Division am Chongchon-Fluß zwei der heldenhaftesten Episoden aller Zeiten.

Es genügt auch nicht, nur die gröbsten und gefährlichsten Irrtümer zu untersuchen, die dem Pentagon, General Douglas MacArthur und den Truppenkommandeuren unterlaufen sind, um zu begreifen, warum wir geschlagen wurden. Denn diese Irrtümer entstanden nicht rein zufällig. Sie entstanden aus einer Einstellung, einer Krankheit, die mehr oder weniger in allen Armeen der Welt grassiert und besonders unsere eigenen Streitkräfte befallen hat.

Diese Krankheit könnte man »Kommißköpfigkeit nennen. »Kommißköpfigkeit« macht eine Armee bürokratisch, unrationell, schwerfällig, selbstzufrieden und bringt sie dazu, den einzigen Grund ihrer Existenz zu vergessen, nämlich, sich auf den Kampf gegen den Feind vorzubereiten. »Kommißköpfigkeit« entsteht, weil eine moderne Armee eine hochtechnische Angelegenheit und ein Staatsmonopol und daher nicht genügend dem frischen Wind konstruktiver Kritik oder dem gesunden Ansporn der Konkurrenz ausgesetzt ist, bis sie durch einen Krieg auf die Probe gestellt wird. Aber dann kann es schon zu spät sein.

In unserm Falle genügt es nicht, nur das Militärbudget zu vergrößern. Was können größere Armeen und mehr Waffen nützen, wenn sie so schlecht eingesetzt werden wie in Korea? Wir werden noch größeren Niederlagen entgegengehen, wenn wir unsere militärische Denkungsweise nicht bald überprüfen und berichtigen.

Die gefährlichsten Symptome der »Kommißköpfigkeit« sind die Tendenz, an den »alten und erprobten« Taktiken des letzten Krieges festzuhalten und die seltsame Einstellung, sich nicht auf einen Krieg mit dem wirklichen, sondern einem imaginären Feind vorzubereiten.

Der Feldzug in Korea war von Anfang an dadurch behindert, daß unsere militärischen Führer es nicht versuchten, die Natur des Gegners und den Krieg zu verstehen, den er führen würde.

Fünf Jahre lang haben die Streitkräfte der Vereinigten Staaten keine andere Funktion gehabt als sich auf den Krieg mit dem einzigen ernstzunehmenden Aggressor der Gegenwart vorzubereiten: Sowjetrußland und seine Satelliten.

Selten besaßen wir soviel Informationen über die militärischen Streitkräfte des vermutlichen Feindes. Jedoch, die Männer des Pentagon gingen eifrig daran, sich auf einen Krieg vorzubereiten, der nicht etwa gegen Russen oder Chinesen geführt werden sollte, sondern gegen einen imaginären Feind, der genau so dachte, kämpfte und handelte wie wir selbst. »In unseren taktischen Lehrbüchern«, schrieb ein junger amerikanischer Armee-Offizier kürzlich in einem Militär-Journal, »wird das Verhalten und jede Bewegung des Feindes gelehrt. Aber ich kann darin keine Aehnlichkeit mit irgendeiner bekannten und angewandten ausländischen Taktik erkennen. Ich kann aber darin nur unsere eigene Kampfesweise wiedererkennen. Kurz gesagt, wir lehren unsere Offiziere, wie sie einen Krieg gegen die Vereinigten Staaten zu führen hätten.«

Als sich die Führer unserer Streitkräfte zusammensetzten, um zu entscheiden, wie der nächste Krieg geführt werden müsse, wurden sie hauptsächlich von zwei Gedanken beherrscht. Das war die Atombombe und Amerikas Industrie-Potential, das unerhörte Mengen von Superwaffen jeder Art produzieren kann.

Besessen von diesen funkelnden und vernichtenden neuen Waffen bauten sie darauf unsere gesamte militärische Strategie. Atombombe und Langstreckenbomber wurden zu einer Maginot-Linie, gegen die der Feind vergebens anstürmen sollte.

Sie wollten sich auf Massen überlegener Waffen verlassen - nicht auf Ueberraschungsmomente, ausgeklügelte Strategie oder Kriegslisten - um die zahlenmäßige Ueberlegenheit der roten Menschenmassen auszugleichen. Noch größere Bomber und Wunderwaffen an Stelle von neuen Kampfmethoden, überlegener Moral oder Initiative sollten im Kriegsfall die gigantischen Landarmeen der Kommunisten vernichten.

Der einzige Fehler in diesen Plänen war jedoch, daß unsere Führer es wie die Maginot-Generale versäumt hatten, den Feind zu fragen, ob er die Rolle spielen würde, die sie für ihn vorgesehen hatten.

Jeder Fußballtrainer hätte ihnen sagen können, daß es notwendig ist, die gegnerische Mannschaft sorgfältig zu studieren,

ihre Kombinationsmethoden zu beobachten, ihre Tricks zu erraten, bevor man seine eigene Strategie für das Spiel aufstellt.

Aber ohne sich damit zu plagen, irgendeine dieser Maßnahmen zu ergreifen, bestimmten die Trainer unserer Armee praktisch, welche Formation der Gegner benutzen würde. Sie benannten sogar die Spielarten, auf die er sich einlassen würde.

Man stelle sich jedoch die Ueberraschung vor, wenn der Gegner am Sonnabend mit einer ganz neuen Aufstellung und völlig anderen Spielregeln antritt. Noch schlimmer: Da es keine bindenden Regeln gibt, kann er eine Ringermannschaft schicken, oder Baseball an Stelle von Fußball spielen - oder sogar ein vollkommen neues Spiel, das er sich selbst ausgedacht hat.

Genau so war die selbstmörderische Naivität unserer militärischen Führer, als ein Sprecher des X. Armee-Korps die Möglichkeit einer großangelegten chinesischen Intervention in Korea mit der Behauptung abtat: »Die Chinesen werden niemals große Landstreitkräfte in Bewegung setzen, ohne uns vorher aus der Luft anzugreifen. Dann werden wir so ihre Angriffsabsichten erkennen und brauchen nicht von ein paar Gefangenen zu erfahren, ob sie in diesen Krieg einsteigen wollen!«

Welche Siegeshoffnung bleibt da noch für eine Armee, die nur daran glaubt, daß man einen Krieg allein auf ihre Weise führen kann?

Wir können sicher sein, daß die Russen so wie die Chinesen den nächsten Krieg nicht nach unseren weit und breit bekannten Plänen führen werden, wenn sie es irgendwie vermeiden können. Sie werden jede Anstrengung unternehmen, die Wirkungen unserer besten Waffen zu neutralisieren und uns zu einem Krieg nach ihren Begeln zu zwingen.

An Stelle eines hitlerähnlichen Blitzkrieges auf unsere Lebenszentren könnten sie eine großangelegte Infiltrationstaktik anwenden, um unsere Strategie außer Gefecht zu setzen. Sie können eine Anzahl von kleinen Busch-Feuern entfachen, die unsere Streitkräfte über die ganze Welt verstreuen würden, wo sie nacheinander geschlagen werden können. Sie können dem Rat Lenins folgen, »Operationen zu verschieben, bis die moralische Auflösung des Feindes den Todesstoß möglich und leicht macht.«

Seit es die Atombombe gibt, haben die Russen Waffen und Vorräte in großen Mengen an verschiedenen Plätzen gelagert, so daß, selbst wenn die Fabriken durch Luftangriff zerstört würden, es an Stelle der »30 Tage«, die einige unserer höheren Luftwaffen-Generale vorgesehen haben, Jahre dauern könnte, die Russen zu schlagen. Es könnten Umstände eintreten, die es unpraktisch machen würden, die Atombombe überhaupt einzusetzen, genau so wie im letzten Krieg kein Giftgas benutzt wurde. Was wird dann aus unserer großartigen Strategie?

Daß die Planer im Pentagon diese oder andere Ausweichmöglichkeiten überhaupt nicht in Betracht gezogen haben, zeigte sich von Beginn des koreanischen Feldzuges an. Sie hatten keine strategischen oder taktischen Pläne in der Hinterhand. Sie schickten straßengebundene, motorisierte Divisionen in ein gebirgiges, straßenloses Land. Unsere Truppen wurden durch Masseninfiltrations-Taktik und Partisanenkrieg überrascht, obwohl diese Art von Kriegsführung Standardtaktik in Rußland und im Orient in allen Kriegen seit 1918 war.

Noch schlimmer: Unsere militärischen Führer, die gern in Statistiken denken, haben die Auffassung vertreten, daß wir uns nur mit Hilfe von Superwaffen gegen Streitkräfte behaupten können, die uns an Zahl überlegen sind. Es ist daher nicht überraschend, daß unsere Armee in Korea sich gegenüber den chinesischen »Horden« hilflos fühlte.

Erst 1950 wurde das erste offizielle Handbuch über die russische Armee für unsere Truppen veröffentlicht, jedoch mit der Klassifizierung »Vertraulich«, was bedeutete, daß es den meisten Soldaten, die es lesen sollten, nicht zugänglich war.

Nicht vor 1950 erkannte der Generalstab, daß eher eine taktische als eine strategische Luftwaffe benötigt würde, um die verstreuten Waffen- und Vorratsläger der Russen zu zerstören. Trotzdem ist noch immer keine taktische Luftwaffe im Bau. Die Air Force ließ sogar das Jahr 1950 verstreichen, ohne überhaupt zu entscheiden, was für taktische Bombertypen wir bauen sollten.

Noch im November 1947 hatten die Luftwaffen-Laboratorien auf dem Wright Field keine Informationen über russische Bordkanonen, obwohl sie Bomber entwerfen sollten, die gegen die Feuerkraft der russischen Jagdflugzeuge gepanzert sind. Diese Informationen wären im Grunde so leicht zu beschaffen gewesen, daß viele Laien einen großen Teil der Auskünfte hätten geben können. Aber der Geheimdienst der Luftwaffe konnte es nicht.

Noch schlimmer als dieser Mangel an Interesse am Feind ist die offen geübte Praxis der Armee, keinen Rat anzunehmen. Als Major Robert Rigg, der die Rotchinesische Armee als Beobachter bei den nationalen Streitkräften und später als Gefangener der Roten kennengelernt hatte, einen Artikel schrieb »Wie Chinas Rote Armee siegt«, wurde er getadelt und als Panzeroffizier nach Fort Knox versetzt.

Keine Armee kann einen Krieg gewinnen ohne Disziplin, Gehorsam und Respekt. Aber diese Eigenschaften können gefährliche Zwangsjacken werden,

* wenn sie so mißbraucht werden, daß ein junger Offizier getadelt wird, weil er einen wichtigen militärischen Artikel außerhalb seines Aufgabenbereichs schreibt,

* wenn ein General unentschuldbare Tolpatschigkeiten begehen kann, ohne seine Absetzung oder ernsthafte Kritik fürchten zu müssen,

* wenn junge Offiziere lieber ihr Schlachtschiff auf Grund laufen lassen, als ihre Karriere zu riskieren, indem sie dem Kapitän melden, daß er vom Kurs abgekommen ist,

* wenn ein Offiziersanwärter gesagt bekommt, daß seine Ausarbeitung einer taktischen Aufgabe, obwohl sie besser

sei, leider nicht angenommen werden könne, da sie nicht der »genehmigten Lösung« entspreche.

Alle diese Dinge haben sich erst kürzlich in unserer Armee ereignet.

In unserem System der freien Wirtschaft kann der Beste schnell zu führendem Rang aufrücken, trotz oder noch öfter wegen seiner Jugend. Bei der Armee ist das anders. Junge Offiziere, die zuviel Zeit mit dem Studium technischer Probleme und mit Nachdenken verbringen, laufen Gefahr, von ihren Kollegen als Streber mit »negativer Haltung« klassifiziert zu werden, weil sie nicht immer die »genehmigte Lösung« anerkennen. Die daraus resultierende Atmosphäre könnte man als »anti-intellektuell« bezeichnen, sie dient eher dem Kreml als dem Pentagon, mit der Ausnahme, daß in der Roten Armee Offiziere schneller befördert werden, wenn sie konstruktive Kritik üben.

Pavel Rotmistrov, ein Oberst der Roten Armee, der 1940 in einem Artikel davor warnte, daß Stalins Auffassung über die Verwendung von Panzern falsch sei, war 1944 Marschall und einer der führenden Panzergenerale der Welt. Im Gegensatz dazu haben unsere Streitkräfte den berüchtigten Ruf, hervorragende und andersdenkende Offiziere zu bestrafen. So haben unsere Schlachtschiff-Admirale 20 Jahre

lang mit eiserner Hand ihre Kritiker am Boden gehalten, die bereits klar erkannt hatten, daß die Tage des Schlachtschiffes vorbei waren.

Die Russen übernahmen sehr schnell die Panzerentwürfe des amerikanischen Ingenieur-Genies Walter Christie, von dem unser eigenes Waffenamt nichts wissen wollte. Henry Morhaupt verkaufte der US-Armee 1940 die Bazooka-Granate. Drei Jahre später war er noch immer nur einfacher Soldat auf dem Schießplatz in Aberdeen.

Während unsere Armee einerseits Meister der Organisation, der Technik und des Nachschubs ist und die Welt in Erstaunen versetzt durch die Schnelligkeit, mit der sie Straßen- und Flugplätze baut, so hat sie andererseits das Handwerkszeug des Soldatentums vollständig vernachlässigt: eingehende taktische Kenntnisse. Im Gegensatz zu allen Spezialisten auf anderen Gebieten zeigen unsere Militärs zu wenig Interesse an ihren Rivalen. Sie kleben an ihrem Job. Sie sind keine Krieger mehr. Es wäre bestimmt nicht zuviel, von ihnen zu erwarten, daß sie soviel über die Standardausrüstung des Feindes wissen wie z. B. Automobilverkäufer über die Autotypen der Konkurrenz. Aber: Als unsere Truppen 1942 auf Guadalcanal landeten, waren sie über den japanischen

Knie-Granat-Werfer überrascht, als Standardausrüstung in allen japanischen Kriegen seit 1921 eine sehr ungeheime Waffe.

Drei Monate später in Nordafrika waren die amerikanischen Panzeroffiziere entsetzt über die hohe Durchschlagskraft der deutschen 8,8 cm Flak, die die Deutschen nicht nur während des ganzen Krieges, sondern bereits im spanischen Bürgerkrieg benutzt hatten.

Und wiederum in Korea vor ein paar Monaten waren unsere Waffen dem russischen T-34-Panzer nicht gewachsen, obwohl er im zweiten Weltkrieg zu Tausenden gegen die Deutschen eingesetzt wurde und obwohl eine vollständige Beschreibung bereits in allen Handbüchern der Armee veröffentlicht worden war.

Diese unglaubliche Unwissenheit über die Waffen des Gegners erstreckt sich nicht nur auf die unteren Truppenführer. Vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen schwenkte unser Delegierter Warren Austin eine »1950 in Rußland hergestellte« Maschinenpistole, die ihm das Hauptquartier General MacArthurs als Beweis geschickt hatte, daß die Sowjets die Koreaner noch immer mit Waffen versorgten. Glücklicherweise weigerte sich der russische Abgeordnete, die Waffe anzusehen. Hätte er es getan, so hätte er nämlich feststellen können, daß es nur eine in Korea gefertigte Version des russischen Modells war.

Nach dem Kriege war es drei Jahre lang die Aufgabe eines einzigen Hauptmannes, sämtliche technischen Angaben über Artillerie, Munition, Raketen und Feuerleitgeräte aller Länder der Erde zu sammeln. Dieser Hauptmann war überdies Flakoffizier, konnte nicht deutsch und nicht russisch sprechen und hatte keinerlei technische Ausbildung. Er mußte sogar selbst seine Berichte in die Maschine tippen und selbst seine Aktenablage in Ordnung halten.

Ein anderes Beispiel ist das Desinteresse unserer Armee an Geheimdienst-Berichten über den Feind. Es zeigte sich im letzten Kriege, als ein paar Reserveoffiziere der Spionageabwehr ein Buch herausbrachten mit dem Titel: »Die deutsche Schützengruppe im Kampf«.

Schon in kurzer Zeit hatten sie Aerger mit den Generalen, die die sofortige Zurückziehung des Buches verlangten, da es das Ausbildungsprogramm störe. Viele Kompanien hatten nämlich ihre Leute in »deutsche« und »amerikanische« Gruppen aufgeteilt und sie gegeneinander nach den jeweils angewandten Kampfmethoden vorgehen lassen, dann festgestellt, daß die deutsche Methode soviel besser war und in praxi die Felddienstordnung der US-Armee weggeworfen.

Nach dem Angriff auf Pearl Harbour schworen unsere Heerführer, daß sie niemals mehr augenscheinliche Warnungen in den Wind schlagen würden. Aber 1944 ignorierten sie nachdrückliche und sehr genaue Meldungen ihrer eigenen Spionage, wonach die Deutschen für einen Angriff in den Ardennen aufmarschierten. Als die Korea-Kommission der Vereinten Nationen im Mai 1950 warnte, die Nordkoreaner planten eine Invasion, erwiderten amerikanische Offiziere, sie könnten »nicht damit übereinstimmen«, daß irgendeine Gefahr bevorstände. Einwandfreie Meldungen unserer Central Intelligence Agency (die gerade dazu da war, eine solche Ueberraschung zu verhindern) wurden

vom High Command in Washington »falsch eingeschätzt«.

Ein noch verrückteres Beispiel ist der Fall der Winterbekleidung In fast jedem Krieg, den wir seit der Revolution zu kämpfen hatten, mußten unsere Truppen unter Erfrierungen leiden. Um diese Gefahr zu beenden, entwickelte General Bolivar in Alaska in Zusammenarbeit mit privaten Arktis-Experten, sogar noch vor Pearl Harbour, eine vollständige Garnitur erstklassiger Winteruniformen.

Aber die US-Truppen gingen noch im Winter 1942 mit vollkommen unzulänglicher Ausrüstung in die Atlasberge. Dasselbe wiederholte sich bei der Invasion von Attu 1943 und im Feldzug in Italien. Als die Armee-Generale Eisenhowers 1944 die Invasion Europas vorbereiteten, lehnte das Feldzeugamt den Vorschlag Washingtons, Winterausrüstung bereitzustellen, glatt ab. Jetzt, sechs Jahre später, wieder dieselbe Geschichte in Korea. Das Feldzeugamt stellte die Ausrüstung und die Ausbilder bereit, um den Truppen zu zeigen, wie man im kalten Sibirien leben und kämpfen könne, aber die Militärs schickten sie erst nach Korea, als es für viele zu spät war. Drei Fünftel aller Ausfälle der zurückgehenden Marinesoldaten wurden durch Erfrierungen und nicht durch Feindeinwirkung verursacht.

Keiner der Offiziere, die für diese nutzlosen Verluste im zweiten Weltkrieg verantwortlich sind, wurde vor ein Kriegsgericht gestellt, viele von ihnen sind ausgezeichnet worden. Es ist sehr wahrscheinlich, daß den Verantwortlichen in Korea ebenfalls nichts geschehen wird. Es sind sogar zahllose Versuche unternommen worden, alle Zeitungsleute zu entfernen, die an den Maßnahmen der Armee Kritik üben.

Zwei Korrespondenten wurden aus Korea ausgewiesen, weil sie die Armee in »einem schiefen Licht« hätten erscheinen lassen und einen GI zitierten: »Mit Karabinern kann man nicht gegen Panzerdivisionen kämpfen. Ich habe noch niemals einen so verdammt nutzlosen Krieg gesehen.«

Die Verachtung, mit der wir die Japaner vor dem zweiten Weltkrieg bedachten, hätte beinahe zur Katastrophe geführt. Unsere Verachtung für die »gooks« (Nordkoreaner) und »chinks« (Chinesen) fordert heute einen hohen Preis. Als General MacArthurs Abwehrchef gefragt wurde, ob die Truppen der Vereinten Nationen Korea möglicherweise evakuieren müßten, erwiderte er: »Amerikanische und britische Soldaten lassen sich von niemand so einfach herumschubsen.«

Ausländische Taktik und Ausrüstung wurden ganz genau so unterschätzt. Als die schwedische Bofors-Waffenfabrik in den 30er Jahren die Pläne und Herstellungsrechte ihrer berühmten Fliegerabwehr-Kanone anbot, kauften England, Frankreich, Rußland und verschiedene andere Nationen die Rechte. Aber die US-Armee lehnte ab. Nach jahrelangen mühseligen und vergeblichen Versuchen, auch nur ein annähernd so gutes Geschütz herzustellen, mußte sie doch auf Bofors' Angebot zurückkommen und die Bofors-Geschütze sind heute Standardausrüstung unserer Armee. 1939 boten die Deutschen die Rechte ihrer berühmten 8,8-cm-Kanone zum Verkauf an, aber die US-Armee zeigte sich desinteressiert. Zwei Jahre später. als die Pläne nicht mehr zur Verfügung standen, mußte die Armee schließlich die 9-cm-Kanone

herstellen, die aber in der Leistung niemals an die deutsche 8,8 heranreichte.

Vielleicht kann man den Militärs ihre Fehler nachsehen, da sie tatsächlich glaubten, es besser zu machen. Aber es ist schwieriger zu erklären, warum die Armee der industriell tüchtigsten Nation der Erde noch immer nicht in der Lage ist, es mit den Panzern der anderen Mächte aufzunehmen.

Als die USA in den dreißiger Jahren 10-t-Panzer mit zwei Maschinengewehren bauten, produzierten die Deutschen bereits 16-t-Panzer mit 3,7-cm-Kanonen, die Russen 31-t-Tanks mit 7,6 Bewaffnung. Als wir endlich einen Tank herstellten, der es mit den deutschen aufnehmen konnte, hatten diese bereits einen 21-t-Panzer mit einer 7,5-cm-Kanone und die Russen einen 48-Tonner mit einer 7,6-cm-Kanone und so ging es immer weiter. Wie Windhunde, die auf einem Hunderennen den Blechhasen vergeblich jagen, schienen wir sie nie einzuholen.

Während des ganzen Krieges waren unsere Tanks in Bewaffnung und Panzerung den feindlichen Modellen unterlegen. Jetzt, seit 1949, stellt unsere Armee den »sensationellen« 47,5-t-Panzer vom Typ »Patton« mit einer 9-cm-Kanone her. Die Russen bauen aber bereits seit fünf Jahren den 50-t-Panzer (Typ Stalin) mit einer 12,2-cm-Kanone, die vierte Version eines 1938er Modells.

Vielleicht der beste Beweis für die Zwangsjacke, in der unsere Militärplaner zu stecken scheinen, ist aber die Behandlung der sowjetischen Deserteure. Seit Kriegsende sind Soldaten und Offiziere aller Waffen der sowjetischen Armee in die amerikanische Besatzungszone Deutschlands geflohen, meistens aus politischen und ideologischen Gründen. Sie hatten Informationen von unschätzbarem Wert und die meisten waren bereit zu sprechen. Aber nur wenige wurden jemals befragt.

Ein Oberst der Roten Luftwaffe, langjähriger Konstrukteur in sowjetischen Rüstungszentren, befand sich zwei Jahre in den Staaten, bevor sich unsere Luftwaffe die Muße nahm, ihn zu befragen, obwohl er ständig darum bat. Bis heute

ist er noch nicht über andere, ebenso wichtige Gebiete befragt worden, mit denen er vertraut ist: den Einsatz russischer Partisanen und Fallschirmjäger.

Die »Garnisons-Mentalität« unserer Armee kann manchmal in der dicksten Schlacht nicht abgeschüttelt werden. So wurden während des letzten Krieges die praktischen khakifarbenen Handtücher und Unterhosen gegen weiße Wäsche ausgetauscht, die Fahrzeuge mit glänzender Farbe angestrichen, obwohl die frühere mattrübe Tarnung günstiger war. Diese Mentalität wird durch eine berühmte Anekdote unterstrichen, in der sich der Sergeant im ersten Graben unter feindlichem Feuer duckt: »Herr Hauptmann, wird es nicht großartig sein, wenn wir in die Garnison zurückkommen und wieder richtige Soldaten sein können?«

Mit dieser Mentalität verliert der Kampf schließlich an Wichtigkeit und die Zahl der nicht-kämpfenden Soldaten schwillt.

Ein Bataillonskommandeur der in Japan stationierten 24. Division berichtet: 156 seiner 600 Offiziere und Mannschaften seien abkommandiert zum Dienst in Marketendereien und Büros, als Kellner in Offizierskasinos, zur Instandhaltung von Gärten, Golfklubs und Schulen. Natürlich hatten diese Leute wenig Zeit, sich um ihr Handwerk zu kümmern. Als das Bataillon nach Korea geschickt wurde, wurde es schwer angeschlagen.

Um 18 000 kämpfende Soldaten an der Front zu versorgen, benötigte die amerikanische Armee 42 000 Soldaten in der Etappe, die russische Armee versorgt 10 800 Mann mit nur 11 200 Mann in der Etappe.

Noch können unsere bitteren Erfahrungen in Korea zu einem versteckten Segen werden. Der koreanische Feldzug ist ein Geplänkel, das sehr wohl den Hauptkampf ankündigen kann. In der Geschichte haben wenige Staaten, die einen Kriegs bis aufs Messer erwarten mußten, jemals eine derartige Gelegenheit gehabt, ihre militärischen Schwächen rechtzeitig zu entdecken Noch haben wir Zeit, die Lehre aus der koreanischen Lektion zu ziehen. Wir müssen es bald tun, sonst haben wir vielleicht die letzte Chance verpaßt.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 11 / 37
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel