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IRAK Die Treter der Nation

Zwei Schuhwürfe, 14 Worte - ein Weltstar war geboren. Der Angriff auf Ex-Präsident Bush machte Muntasar al-Saidi berühmt. Jetzt ist er wieder frei, klagt über Folter und sucht eine neue Rolle.
Von Erich Follath
aus DER SPIEGEL 39/2009

Schwarzes Leder, vorn spitz zulaufend, blank poliert: gegenüber den unscheinbaren Tretern, mit denen er weltberühmt wurde, eine gewaltige Verbesserung. Muntasar al-Saidi ist - vielleicht einmal abgesehen von Imelda Marcos, der philippinischen Lady der tausendfachen Verschwendung - der einzige Mensch auf Erden, bei dem der erste Blick sofort auf das Schuhwerk geht. Bequem scheinen die Neuen nicht zu sein, mehrfach drückt er während des Gesprächs vorn an den Zehen, wo offensichtlich viel Spielraum ist.

Zu groß gekauft? Wird vielleicht alles eine Nummer zu groß für den Mann, der an einem Dezembertag 2008 Geschichte schrieb, als er bei einer Pressekonferenz in Bagdad seine beiden Schuhe auf den damaligen US-Präsidenten George W. Bush schleuderte? Gerät womöglich das Leben des gerade erst 30-Jährigen, der so gehetzt wirkt, nun völlig aus den Fugen?

Freitag vergangener Woche, Luxushotel Four Seasons, Damaskus, Syrien: Immer wieder geht der Blick des irakischen Journalisten zur Tür, bei jedem Geräusch schreckt er auf. Er hat, drei Tage nach seiner Entlassung aus einem Bagdader Gefängnis, eine geheimnisvolle Reise angetreten, deren Stationen keiner kennen soll. Von Damaskus soll es »nach Europa gehen oder in den Libanon, da gibt es mehrere Optionen«, wie er sagt. Er will sich medizinisch untersuchen lassen, sich vielleicht irgendwo ein paar Wochen erholen.

Und dann irgendwo Asyl beantragen, permanent woanders leben?

»Aber nein«, sagt er, und Empörung liegt in seiner Stimme. »Ich bin Patriot. Alles, was ich getan habe, tat ich, um meinem Land seine Ehre zurückzugeben. Ich werde im Irak bleiben, jeden Tag dafür kämpfen, dass die US-Besatzung endet. Und dafür sorgen, dass diejenigen zur Verantwortung gezogen werden, die mich im Gefängnis gefoltert haben.« Noch will er keine Namen nennen, aber er behauptet, nicht nur seine Peiniger, sondern auch die Auftraggeber zu kennen, die seien teilweise an den Übergriffen persönlich beteiligt gewesen.

»Bekannte Namen aus dem unmittelbaren Umfeld des Premiers Nuri al-Maliki?« Er nickt. Er weiß, dass viele seinen Anschuldigungen nicht glauben werden, dass sein Vorgehen wie ein Rachefeldzug aussehen könnte. Aber er besteht darauf, nichts als die Wahrheit zu erzählen. »Man hat mich mit Elektroschocks gequält, mich unter kaltes Wasser getaucht, bis ich Todesangst bekam und nicht mehr atmen konnte. Man hat mir ein Bein gebrochen und meinen Arm verstaucht. Und mich immer wieder mit Eisenstangen geschlagen, mich getreten, auf den Körper, ins Gesicht.« Er öffnet den Mund, zeigt die Stelle, an der ein Zahn fehlt. »Denken Sie, ich habe mir den selbst ausgeschlagen?«

Die schlimmsten Übergriffe fanden nach Saidis Darstellung in den ersten drei Tagen statt; auch die folgenden drei Monate in Einzelhaft seien schlimm gewesen. Erst ab Frühjahr, im Vollzug mit anderen Gefangenen, habe sich die Situation gebessert. Der Journalist durfte erstmals das berühmte Video seines Schuhwurfs sehen, das Wegducken Bushs; den hilflosen Versuch des neben ihm stehenden Maliki, den Gast zu schützen; die Landung seiner Treter auf einer US-Flagge hinter den Politikern; seine Überwältigung durch Kollegen.

Seine Mitgefangenen hätten ihn wie einen König behandelt, erzählt Saidi. Viele seien »Politische« gewesen, was mit denen geschehe, die nicht wie er zu internationaler Berühmtheit gelangten, mache ihn schaudern. Oft zog er sich zum Meditieren zurück - mit seinen Wunschbüchern, »Hundert Jahre Einsamkeit« von Gabriel García Márquez und dem Koran. Das Heilige Buch lernte er, der aus einer »gemäßigt religiösen« schiitischen Mittelstandsfamilie stammt, neu schätzen.

Der Tiefpunkt seiner Haftzeit war das Entschuldigungsschreiben an den irakischen Premier, zu dem man ihn gezwungen habe: »Sie sagten, sie hätten meine Geschwister in Haft genommen, und nur so könnte ich sie wieder freibekommen.« George W. Bush persönlich hat er nicht um Verzeihung gebeten, und das Schreiben an Maliki dann, journalistisch geschickt, so formuliert, dass er »damit leben« könne - falls sich durch seine Tat jemand beleidigt fühle, tue ihm das leid.

Saidi glaubt, dass ihm jetzt in Freiheit Gefahr drohe, viele könnten ein Interesse haben, ihm nach dem Leben zu trachten, die Israelis, die CIA, auch die diversen irakischen Geheimdienste. Saidi zuckt mit den Schultern. Bodyguards will er nicht um sich haben, er möchte ein »normales Leben« führen. Wie das gehen soll, seit ihn die Iraker wie einen Nationalhelden verehren, seit sie ihn schon am Gefängnistor mit Blumen erwarteten - Saidi weiß es auch nicht. Er hofft, dass irgendwann Normalität einkehrt, dass er sich den Dingen widmen kann, die ihm wirklich am Herzen liegen. Er würde gern mit Spendengeldern und eigenen Einkünften ein Waisenhaus einrichten und eine Witwen-Betreuungsstätte - »für alle Opfer der amerikanischen Besatzer«.

Die Okkupation ist sein großes Thema. Dass bei aller berechtigten Kritik am Vorgehen der Amerikaner und Briten jetzt für die Iraker doch auch neue Freiheiten entstanden sind, eine weitgehend unabhängige Presse, eine Justiz, die nicht mehr so willkürlich wie unter Saddam Hussein Todesurteile verkündet, kann und will er nicht sehen. »Bush hat unseren Stolz verletzt, unsere Nation gedemütigt.«

Dennoch hat er Angst davor, auf jene drei Sekunden reduziert zu werden - auf seine beiden Schuhwürfe. Auf die 14 arabischen Worte, die er an Bush gewandt und Schuhe schleudernd mehr ausspuckte als aussprach: »Dies ist ein Abschiedskuss, du Hund. Von den Witwen, den Waisen und denen, die im Irak getötet wurden.« Daneben: ein empörter Premier Maliki, der sich gegenüber dem Gast beleidigt sah und hilflos wirkte. Weniges ist in der arabischen Welt schlimmer, als mit Schuhsohlen geschlagen, als Hund beschimpft zu werden.

Dann drei Jahre Gefängnis wegen »Beleidigung eines Staatsoberhaupts«, verhängt von einem Gericht, das sich sonst vorwiegend mit terroristischen Übergriffen beschäftigt; in der Berufung auf ein Jahr reduziert; nach neun Monaten wegen »guter Führung« freigekommen.

Damals hatte sich ein Sturm der Begeisterung im Land und in der gesamten Region erhoben, die Tat wirkte im Westen wie ein Gag, eine millionenfach geklickte Slapstick-Nummer auf YouTube. Für die Menschen des Nahen Ostens aber war sie eine Befreiung - einer von ihnen hatte es dem mächtigsten Mann der Welt gezeigt. Ein Symbol gegen ihre Ohnmacht.

Was haben sie ihrem Helden dafür alles versprochen. Der Chef des kleinen Fernsehsenders al-Bagdadija, für den Saidi als Reporter vor allem im Armenviertel Sadr City arbeitete, kaufte ihm in Bagdad ein Haus mit vier Schlafzimmern. Ein reicher Saudi-Araber bot zehn Millionen US-Dollar für seine Schuhe. Ein Marokkaner offerierte ein Pferd mit goldenem Sattel. In den Golf-Emiraten überboten sich Bewunderer mit Zusagen für Luxusautos. Der libysche Revolutionsführer verlieh einen Orden. Im Westjordanland sammelten Bauern für ihn. Im irakischen Tikrit entstand ein Schuh-Denkmal, das allerdings auf Befehl der Regierung wieder eingerissen werden musste. Frauen überschütteten ihn mit Heiratsanträgen.

Muntasar al-Saidi hat für diese »Exzesse«, wie er sagt, allenfalls ein Schmunzeln übrig. Er will nur eines der angebotenen Geschenke annehmen: das Haus, das ihm sein Arbeitgeber vermacht hat. Und auf Brautschau möchte er, als emanzipierter Iraker, schon selbst gehen.

Er will von dem Zorn und der Hilflosigkeit erzählen, die er nach der amerikanischen Invasion im Jahr 2003 verspürte, vom Leid der Bevölkerung. All das sei aus ihm bei der Bush-Pressekonferenz herausgebrochen - ungeplant, wie er behauptet. »Ich sah die Chance, und ich ergriff sie«, sagt Saidi. Er ist mit sich im Reinen.

Lange nimmt er sich Zeit für die letzte Frage: Ob ihn der Schuhwurf als Mensch verändert habe, ob er in all dem Scheinwerferlicht ein anderer geworden sei? »Nein, das glaube ich nicht«, sagt Saidi schließlich. »Reichtum und Ruhm lassen mich kalt. Wonach ich wirklich strebe, das ist eine Entschuldigung der amerikanischen Regierung für das, was sie dem Irak angetan haben. Und eine Entschuldigung von Premier Maliki, für das, was in seinem Namen mir angetan worden ist.«

Er hat keine Ahnung, wo die Originalschuhe, Größe 43, geblieben sind. Manche sagen, sie stünden als Beweismittel in der Asservatenkammer des Bagdader Gerichts unter Verschluss. Andere meinen, die Sicherheitsbehörden hätten die Schuhe gesprengt oder zerhackt.

Schuhe sind nun sein geringstes Problem. Früher hatte er nur zwei Paar; von einem trennte er sich dann in Sachen Bush. Jetzt hat er neue. Und geht, vorsichtig nach allen Seiten spähend, den Hotelflur zurück. Leicht schlurfend. Ein Held auf leisen Sohlen. ERICH FOLLATH

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