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Bundeswehr »Die tun viel für uns«

Von Hans-Ulrich Stoldt
aus DER SPIEGEL 35/1996

Wenn es dunkel wird in Ustikolina, legen die Menschen ihre Schaufeln beiseite, packen das am Straßenrand zum Verkauf ausgebreitete Obst zusammen und verschwinden in den Trümmern des Ortes. Andere steigen in den klapprigen Bus ins benachbarte Gorazde. Dort haben sie wenigstens ein halbwegs dichtes Dach über dem Kopf und von der Uno verteilte Schutzfolien vor den Fenstern.

Aus den Ruinen der zerschossenen bosnischen Ortschaft am Ufer der Drina blitzt dann nur bisweilen der Schein einer Kerze. Nachts gehört Ustikolina den schlechten Träumen.

Gut nur, daß die deutschen Soldaten da sind und ihr Camp neben der völlig demolierten Volksschule aufgeschlagen haben: »Das macht uns wieder etwas Mut«, sagt Bürgermeister Pilav Sulejman, »die Deutschen tun viel für uns.«

Eine Brücke über den Fluß haben die jungen Männer vom Pionierbataillon 801 bereits gebaut. Nun verbreitern und befestigen sie die Straße im Korridor nach Sarajevo, der die ehemalige moslemische Enklave um Gorazde und Ustikolina mit der bosnischen Hauptstadt verbindet.

Selbst in ihrer privaten Hilfsbereitschaft sind die Soldaten kaum zu bremsen: Da springen sie schon mal vom Wagen ab, um alten Frauen den Wassereimer zu tragen. »Das machen nur die Deutschen«, lobt Bürgermeister Sulejman, »andere Ifor-Soldaten sehen da weg.«

Vermutlich haben die Soldaten aus Frankreich, Großbritannien oder den USA nur mehr Routine und müssen sich und anderen auch nichts mehr beweisen. Für die Bundeswehr dagegen ist immer noch alles ganz neu und geeignet für eine Demonstration guten Willens.

Ob als Bauarbeiter oder Sanitäter, Minenräumer, Brandbekämpfer oder Samariter: Jeden Tag wollen die Deutschen zeigen, was sie können, wie perfekt sie es machen - wie normal sie doch eigentlich sind.

Schließlich will sich die Truppe für weitere Einsätze in aller Welt empfehlen.

Seit Mitte Februar sind 2640 deutsche Soldaten als Teil der internationalen Friedenstruppe für Bosnien auf dem Balkan einsatzbereit. Ihre Basislager liegen unter Palmen an der kroatischen Adriaküste, wo es vor dem Krieg die deutschen Urlauber massenweise hinzog.

In Trogir steht das famose Feldlazarett, in dem sich »selbst Amerikaner behandeln lassen«, wie Oberstarzt Frank Schindelhauer nicht ohne Stolz bemerkt. Auch deutsche Touristen sprechen häufiger vor, um sich Seeigel-Stachel aus den Füßen ziehen zu lassen. Inzwischen werben schon Reiseunternehmen mit der perfekten medizinischen Versorgung.

Im Hafen der Stadt Sibenik werden Transportzüge für andere Ifor-Truppen zusammengestellt. Von Benkovac aus starten die Pioniere, um im ehemaligen Kriegsgebiet Minen zu räumen, Brücken, Straßen zu bauen - und um Gutes zu tun, wie etwa Waisenhäuser und Krankenstationen zu errichten.

Die Voraussetzungen dafür sind nahezu ideal: Krieg herrscht derzeit nicht auf dem Balkan, aber so richtig ungefährlich ist es auch nicht.

Im Einsatzgebiet der Deutschen im bosnischen Hinterland fallen immer wieder mal Schüsse. An Waffen und durchgeknallten Einzelkämpfern herrscht kein Mangel, die Angst vor Anschlägen ist allgegenwärtig.

Davon blieben die Deutschen bislang zwar verschont, aber niemand kann ausschließen, daß sich dies nicht schnell ändert. Trügerische Sicherheit vermitteln auch blühende Kornblumen, Mohn und Disteln am Straßenrand und auf den Feldern: Überall lauern versteckt, von Sträuchern und Gräsern überwuchert, die Minen.

Keinen Schritt dürfen die 109 Pioniere aus dem kleinen, von Nato-Draht eingezäunten und schwerbewachten Camp in Ustikolina allein tun. Stabsunteroffizier Enrico Engels, 22, hat damit kein Problem: »Wenn ich hier einen Fehler mache, kann das mein letzter sein.«

Den gelernten Tischler quält allerdings bisweilen, daß er vier Wochen lang mit 80 anderen Männern das unklimatisierte Zelt teilen muß, in dem bei brütender Tageshitze die Temperatur auf 50 Grad steigt und bei Regen das Wasser am Boden steht. Alle persönlichen Habseligkeiten müssen in eine schmale Kiste neben dem Feldbett passen.

Wenn dann noch der Nachschub an Schotter für den Straßenbau fehlt, den belgische und niederländische Ifor-Truppen aus dem 176 Kilometer entfernten Kiseljak herankarren müssen, helfen auch die deutschen Endlos-Serien im Satelliten-Fernsehen oder das Computerspiel im klimatisierten Sanitätscontainer nicht weiter - dann schlägt die Stimmung von Landserromantik in Stumpfsinn um.

In solchen Fällen kann ein Blick auf das zerschossene Nachbarhaus helfen, gleich jenseits der Stacheldrahtrollen. Einige unversehrte blaue Badezimmerkacheln leuchten aus der Ruine herüber und beweisen: Dort lebten mal Menschen, dort gab es mal Normalität.

»Das ist doch sinnvoll, was wir hier machen«, bestätigt sich Pionier Engels denn auch, »wir sind hier ja schließlich nicht zum Vergnügen.«

Die in »Palm Beach« haben schon mehr Spaß.

»Palm Beach« - das ist der kleine kroatische Badeort Primosten an der Adriaküste nördlich von Split. Im Kiefernhain direkt am Wasser gelegen, sind etwa 540 Soldaten untergebracht. Sie versehen im benachbarten Hafen von Sibenik anlandende Fahrzeuge aus Deutschland mit Panzerplatten und holen Waren, Post und Ersatzteile von den Schiffen, um sie anschließend in Konvois zu den deutschen Truppen zu fahren.

Jeder Feierabend in Primosten ist wie ein kleiner Urlaub.

Sanft streift eine Abendbrise über die Bucht und sorgt nach der Hitze des Tages für etwas Erleichterung. Draußen auf dem Meer gleiten mit weißen Segeln getakelte Boote vorbei. Gurgelnd verliert sich die warme Adriawelle zwischen den Felsspalten oder am groben Kieselstrand.

Unten im Camp sind im kühlenden Schatten des Kiefernwäldchens neben den Wohncontainern der Soldaten Dartscheiben an Bäumen befestigt, bunte Badehosen hängen zum Trocknen im Wind.

Bataillonskommandeur Uwe Andersen joggt schwitzend durchs Lager. Das macht er täglich, um zu sehen, wie es seinen Jungs geht. Es geht ihnen gut.

Einige plätschern im 25 Grad warmen Wasser, andere stemmen Hanteln am Meeresufer. »Wir haben es hier ideal getroffen«, sagt Andersen, »das baut die Kameraden auf, wenn sie abends vom Dienst kommen.«

Wo die größte Unbill nur in Gestalt von Sportunfällen oder Liebeskummer dräut, muß den Soldaten gezeigt werden, weshalb sie eigentlich hier sind.

Fahrten durch die umkämpfte Krajina etwa, durch verlassene, zerstörte Dörfer oder nach Sarajevo sind obligatorisch. Wobei es mancher »affig« findet, daß ausgerechnet die deutschen Militärs im Kampfanzug durch Mostar marschieren und unbedingt ihre 15 Kilogramm schwere Splitterweste und ihren Gefechtshelm tragen müssen - wo sich die Stadt doch endlich mal wieder in Normalität versucht, die Mädels in den Straßencafés kurze Röcke tragen und auch die übrigen Menschen sich geben, als herrschte nichts als Frieden.

Und dann kommen die Deutschen und tun so, als sei wieder Krieg.

»Lieber ein bißchen zuviel Sicherheit als zuwenig«, sagt Kommandeur Andersen zur Rechtfertigung, »es kommt immer mal wieder vor, daß sich Kugeln verirren.« Er wolle sich jedenfalls nicht vorwerfen müssen, daß jemand verletzt wurde - nur aus Bequemlichkeit.

Auch während der Freizeit im Camp von Primosten soll bloß nichts passieren. Allein darf keiner das Lager verlassen - möglichst nicht einmal zum Schwimmen: »Ein Badeunfall wäre mir äußerst unangenehm.«

Alles ist unangenehm, was Schatten auf die deutschen Musterbuben werfen kann.

Da sind die Vorwürfe gegen einen Soldaten etwa, der in Sibenik ein kroatisches Mädchen vergewaltigt haben soll. Die kroatischen Behörden haben den Fall zwar schon als gegenstandslos zu den Akten gelegt; die deutschen Wehrdisziplinaranwälte ermitteln aber noch.

Auch jene Sex-Affäre im Container wird ungern erwähnt. Im Juni hatten ein 31jähriger Stabsunteroffizier und eine 22jährige Unteroffizierin im Feldlazarett von Trogir heftig Gefallen aneinander gefunden und sich dies im Wohncontainer der Frau auch versichert.

Die beiden Mitbewohnerinnen der jungen Frau fühlten sich indes gestört und verdarben den Spaß durch eine Beschwerde beim Kommandeur. Der diagnostizierte flugs einen Verstoß gegen die Kameradschaft und schickte die zwei mit Disziplinarstrafen nach Hause.

Vorzeitig seinen Feldsack packen mußte auch ein Soldat, der die Balance zwischen Ernstfall und Pfadfinderurlaub nicht recht zu halten wußte und Steine in ein Minenfeld warf - mal sehen, wie''s ist, wenn es knallt. Er hätte nur seine über 50 Ifor-Kollegen fragen müssen, die von Minen verletzt wurden.

Bislang wurden 14 Soldaten wegen schwerer Vergehen nach Hause geschickt. 30 bekamen Bußgelder aufgebrummt, weil sie sich allein in den Städtchen vergnügten, nachts erst nach ein Uhr in das Camp kamen oder sonstwie nicht parierten. Das halte sich doch alles im Rahmen, findet Brigadegeneral Henning Brümmer, 55, scheidender Befehlshaber der Deutschen vor Ort.

Er ist natürlich voll des Lobes für seine 2608 Soldaten und 32 Soldatinnen: Rund 200mal rückten sie zum Minenräumen aus, sie bauten sechs Brücken wieder auf und mehr als 30 Straßen. Mit über 340 Konvois versorgten sie die Ifor-Verbände in Bosnien und behandelten im Feldlazarett von Trogir rund 7700 Soldaten aus 50 Nationen. Und, auch noch ganz wichtig: »Keine feindliche Begegnung bisher.«

»Wenn''s sein muß, sind wir aber auch bereit, zu schießen«, versichert Unteroffiziersanwärter Dirk Josef Müller, 25. Derzeit dreht er aber noch ganz friedlich im Blaumann Dübel in die Wand des ehemaligen Krankenhauses von Drnis'' einer vorübergehend von Serben besetzt gehaltenen Ortschaft in der kroatischen Krajina.

Müller und seine Kollegen helfen hier in ihrer Freizeit, eine Ambulanz aufzubauen. Der Metallflugzeugbauer ist Zeitsoldat und von der deutschen Mission auf dem Balkan voll überzeugt: »Man kann doch nicht nur zu Hause vor dem Fernseher sitzen und sagen, Gott, wie schrecklich, um dann zum Tatort umzuschalten.«

In Bosnien werden die Soldaten schließlich nicht als Mörder beschimpft, sondern von den Leuten freudig begrüßt und vom örtlichen Pfarrer zum Mittagessen eingeladen. Ihm bekomme der Einsatz auch persönlich sehr gut, versichert Müller: »Man kommt rum und lernt was.«

Allein die Trennung von der Freundin belastet den Soldaten mitunter. Die hatte erst überlegt, an der Adria vorbeizuschauen, doch er wollte das nicht: »Ich habe keine Zeit, und ein paar Kilometer weiter ist alles vermint, das bringt doch nix.«

Nun sparen beide auf einen gemeinsamen Urlaub in Holland - die 130 Mark, die Müller während seines Einsatzes täglich als steuerfreie Auslandszulagen einstreichen kann, sind da recht hilfreich.

Bald ist die Zeit der Abstinenz ohnehin vorbei: Derzeit wird das Bundeswehr-Kontingent zum drittenmal ausgewechselt. Weihnachten soll diese Ifor-Mission zu Ende gehen.

[Grafiktext]

Kartenausriß Bosnien: Stationierungsorte deutscher Soldaten

[GrafiktextEnde]

* In Primosten.* Beim Wiederaufbau des Krankenhauses in Drnis.

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