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Die un(v)erhoffte Einheit

Politik und Medien feiern den 10. Jahrestag des Volksaufstandes von 1989, der binnen weniger Monate die DDR hinwegfegte. Inzwischen umranken Mythen den Herbst der Helden und der Wunder - Thema einer neuen, 13-teiligen SPIEGEL-Serie, die in diesem Heft beginnt. Von Jochen Bölsche
Von Jochen Bölsche
aus DER SPIEGEL 39/1999

Ost-Berlins Außenminister war außer sich vor Empörung: »Aber das ist ja Erpressung!«, zürnte Oskar Fischer , »ja sogar Verrat!«

Der Wutausbruch des SED-Politikers zielte am 31. August 1989 auf dessen ungarischen Amtskollegen Gyula Horn. Der Außenminister war nach Ost-Berlin geflogen, um die DDR-Regierung über die wohl folgenschwerste Entscheidung des Budapester Reformkabinetts zu informieren.

Bereits Anfang Mai hatte der westlich orientierte Ministerpräsident Miklós Németh im Einvernehmen mit Kremlchef Michail Gorbatschow den Eisernen Vorhang zwischen Ungarn und Österreich geöffnet, den er als »grausamen Anachronismus« empfand. Nun erklärte Horn, Budapest fühle sich nicht länger verpflichtet, in Ungarn urlaubende DDR-Bürger davon abzuhalten, die offene Grenze gen Westen zu passieren.

Fischer war fassungslos. »Wissen Sie denn, dass Sie damit die DDR im Stich lassen und zur anderen Seite überwechseln?«, schimpfte er. Ost-Berliner Spione hatten zuvor gemeldet, Bonn habe den Ungarn als Gegenleistung einen 500-Millionen-Mark-Kredit versprochen. Drohend prophezeite Fischer dem Abweichler: »Das wird schwerwiegende Folgen für Sie haben!«

Dramatischer hätte der Minister nicht irren können.

Die Entscheidung der ungarischen Regierung entfesselte politische Kräfte, die noch im selben Herbst den SED-Staat hinwegfegen sollten und im Folgejahr die Landkarte Europas veränderten wie ein Weltkrieg. Keine andere Phase der deutschen Geschichte in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts birgt mehr Dramatik als die rund 100 Tage, die zwischen der Grenzöffnung am 10. September und der Öffnung des Brandenburger Tores zu Weihnachten liegen - Thema der 13teiligen SPIEGEL-Serie »100 Tage im Herbst« (siehe Seite 61).

Erst allmählich hebt sich der Nebel, der über den Hintergründen der damaligen Geschehnisse liegt. Im Lichte jüngerer Erkenntnisse muss die Geschichte der Einigung zwar nicht neu geschrieben werden. Aber manch eine Geschichte hinter der Geschichte lässt sich erst jetzt erzählen.

Das Wirken der Geheimdiplomatie haben die US-Politologen Philip Zelikow und Condoleezza Rice bereits weitgehend rekonstruiert. Zur Rolle der Geheimdienste wiederum hat Stasi-Experte Walter Süß unlängst neues Material präsentiert*.

* Philip Zelikow/Condoleezza Rice: »Sternstunde der Diplomatie«. Propyläen Verlag, Berlin; 632 Seiten; 29,90 Mark. - Walter Süß: »Staatssicherheit am Ende«. Ch. Links Verlag, Berlin; 816 Seiten; 58 Mark.

Wenngleich die Gesamtschau der 89er Ereignisse noch immer nicht vorliegt - manches Mysterium, das Millionen von Menschen Rätsel aufgab, ist mittlerweile aufklärbar. Schlüssig erklären lässt sich beispielsweise, warum die DDR-Ökonomie, jahrelang als Dynamo des Ostens überschätzt, binnen kurzem implodierte; warum der hochgerüstete Staat, in dem eine Million Mann unter Waffen standen, vor der Revolution der Kerzenträger kapitulierte; warum am 9. November 1989 die Mauer zerbrach, ohne dass der Westen irgendeine Gegenleistung erbringen musste.

Widerlegen lassen sich auf Grund der mittlerweile aufgetauchten Dokumente aber auch viele jener Mythen, die sich um den Herbst der Helden und der Wunder ranken - und die in den Jubiläumswochen vermutlich aufs Neue belebt werden.

Die SPD, so steht zu befürchten, wird einmal mehr das »Wunder von Schwante« beschwören - die zehnte Wiederkehr jenes Tages, an dem Untergrund-Sozis laut Parteilegende die Stasi pfiffig ausgetrickst und die Ost-SPD gegründet haben.

Dass Mitgründer Ibrahim Böhme - an dem die Partei lange nach seiner Enttarnung als Stasi-Spitzel festhielt - von Anfang an im Dienste der Geheimpolizei stand, passt nicht so recht in den feierlichen Rahmen. Und kein Sozialdemokrat lässt sich heute gern daran erinnern, dass viele Spitzenleute noch kurz vor dem Mauerfall auf Distanz zu den Dissidenten bedacht waren.

Die CDU wiederum wird die Jahrestage nutzen, um die Staatskunst ihres Einheitskanzlers Helmut Kohl zu preisen und die Sozialdemokraten als Wiedervereinigungsskeptiker zu denunzieren. Das freilich ist nur die halbe Wahrheit.

In der politischen Klasse Ost- wie Westdeutschlands hat bis in den Spätherbst 1989 kaum jemand eine baldige Wiedervereinigung für möglich gehalten und gewollt. Trotz aller Sonntagsreden - den Deutschen, resümiert der Publizist Peter Bender, war es »seit 1955 nicht mehr um die Einheit, sondern nur noch um die Milderung der Teilung« gegangen.

Das gilt auch für die Union, unter deren Erzkanzler Konrad Adenauer sich die Bundesdeutschen bald nach dem Krieg im westlichen Bündnis eingerichtet hatten. Noch im Mai 1989, bei einem Deutschland-Besuch von George Bush, fragte dessen Sicherheitsberater Brent Scowcroft den damaligen Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg: »Soll sich der Präsident auch zum Thema deutsche Wiedervereinigung äußern?« Stoltenberg, so erinnert sich Scowcroft, zog eine Grimasse. Bush strich den geplanten Redepassus.

Zur Jahreswende 1989/90 jedoch veränderte sich alles. Insgeheim steuerten die Supermächte einen Deal von globalen Dimensionen an: den Freikauf der DDR.

Gorbatschow, der dringend Devisen brauchte, betrachtete die DDR mehr und mehr als Verhandlungsgegenstand, um mit dem Westen ins Geschäft zu kommen. George Bush war darauf bedacht, die Bundesrepublik, seinen wichtigsten Verbündeten in Europa, zu stärken und die Nato-Grenze nach Osten zu verschieben.

Die politische Konstellation Ende 1989 hätte absurder nicht sein können: In Geheimgesprächen mussten Abgesandte der Supermächte ihre deutschen Verbündeten in Bonn und Ost-Berlin ermutigen, den Widerstand gegen eine aktive Wiedervereinigungspolitik aufzugeben.

US-Präsident Bush warb im Frühjahr 1989 bereits öffentlich für seine Vision von einem »ungeteilten und freien« Europa. Die Deutschen indes wollten »das Thema zu diesem Zeitpunkt nicht weiter in den Vordergrund rücken«, wie es in einem US-Regierungspapier (NSR-5) heißt.

Entsprechend verblüfft war Kohl, als am 21. November der Gorbatschow-Abgesandte Nikolai Portugalow dem Kanzlerberater Horst Teltschik signalisierte, Mos- kau sei unter Umständen bereit, einer wie auch immer gearteten Wiedervereinigung zuzustimmen. »Wie elektrisiert« erkannte Teltschik, dass es nun »höchste Zeit« war, »in die Offensive« zu gehen.

Völlig überrascht reagierte auch Egon Krenz, als ihm drei Tage später Gorbatschow-Berater Walentin Falin »unter fast konspirativen Bedingungen« bedeutete, wenn Bonn bereit sei, »Wiedergutmachung« zu leisten, »könnte man über eine ,Neuvereinigung'' nachdenken«. Krenz schwante an diesem Tag: »Um die DDR wird gefeilscht.«

Was aber hat im Herbst 1989 die unbändige politische Dynamik freigesetzt, die den SED-Staat wenig später kollabieren ließ? Im Sommer hatte sich in der DDR ein massiver Stimmungswandel vollzogen. Nach der Öffnung der ungarischen Grenze wuchs der Perma-Frust über Reiseverbote und Reformunfähigkeit, Versorgungsmängel und Wahlfälschungen. Die Borniertheit, mit der die regierenden Marxisten-Senilisten auf die Flucht- und Ausreisewelle reagierten, weckte Wut und Widerstandswillen.

Zugute kam der Unmut den schwachen - maximal 3000 Mitglieder starken - Bürgerrechtsgruppen. Dass diese Minderheit, schlecht organisiert und politisch zerstritten, nahezu unbeschadet den Schutzraum Kirche verlassen und Millionen von Mitstreitern mobilisieren konnte, verdankt sie dem strategischen Geschick ihrer Vorkämpfer: Die Initiatoren verzichteten auf Forderungen nach Abschaffung des Sozialismus und ließen zunächst nur linke Hymnen aus dem Liedschatz der DDR-Singebewegung anstimmen wie etwa die »Internationale« («... erkämpft das Menschenrecht"). Dazu riefen sie anzügliche, aber unangreifbare Parolen - Musterbeispiel: »Wir sind das Volk.«

Dieses Vorgehen ermöglichte es auch SED-Genossen, die sich nach Perestroika sehnten, Reformgruppierungen wie das Neue Forum zu unterstützen. Zugleich erschwerte die Taktik den Versuch, die Protestler pauschal als »Konterrevolutionäre« oder »Kriminelle« hinzustellen.

Militärischen Beistand aus Moskau gegen einen Volksaufstand konnten die DDR-Machthaber kaum noch erwarten. Gorbatschow habe, schreibt der Historiker und Osteuropa-Wissenschaftler Ekkehard Kuhn, die Herbstrevolte »bewusst nicht unterbunden"**: »Sie eröffnete Moskau über den Zusammenbruch der DDR und über die Wiederherstellung der deutschen Einheit den Weg nach Europa.«

Auch die DDR-eigenen Kräfte waren nur noch begrenzt einsatzbereit. Stasi-Dokumente belegen, dass Mitglieder von Betriebskampfgruppen reihenweise den Prügeldienst verweigerten. Selbst im Stasi-Wachregiment »Feliks Dzierzy nski« kam es zur Meuterei. Kampfwert der Truppe, laut Geheimdienst-Urteil: »Null.«

Völlig unkalkulierbar war dennoch das Risiko, das jene Leipziger eingingen, die am 9. Oktober für den wichtigsten Wendepunkt innerhalb des Wendeherbstes sorgten. An jenem Tag ereignete sich, so

Historiker Kuhn, »ein Politkrimi, wie ihn Deutschland noch nie erlebte«.

Erich Honecker hatte befohlen, Aufmärsche »im Keim zu ersticken«, Krenz demonstrativ die »Kampfgemeinschaft« mit der KP Chinas gerühmt, die am 4. Juni auf dem Platz des Himmlischen Friedens einen Studentenaufstand mit Panzern hatte niederwalzen lassen; 2600 Menschen starben, rund 7000 wurden verletzt.

Am 6. Oktober drohten Betriebskampfgruppen öffentlich, sie würden gegen Demonstranten »mit der Waffe in der Hand« vorgehen. Von den 70 000 Leipzigern, die sich trotzdem auf die Straße wagten, fürchteten viele um ihr Leben.

Dass es in der »Heldenstadt« zum »Wunder von Leipzig« (Dirigent Kurt Masur) und nicht zum Blutvergießen kam, lag vor allem an der großen Zahl der Demonstranten und an ihrer Disziplin. In einer Dienstbesprechung klagte Innenminister Friedrich Dickel wenig später:

Was sollen wir machen? Ich stelle mal diese rhetorische Frage. Sollen wir dazwischengehen bei 20 000, 30 000, 40 000 Bürgern? ... Natürlich ist das in dem Augenblick ein Zurückweichen, aber ich sage euch noch einmal, bei Größenordnungen von 20 000, 30 000, 80 000 oder gar 100 000 ist gar nichts anderes möglich.

In Leipzig oblag die Verantwortung am Tag der Entscheidung lokalen Funktionären, denen die gelähmte Ost-Berliner

* Mit Chinas KP-Chef Jiang Zemin (r.). ** Ekkehard Kuhn: »Wir sind das Volk«. Ullstein Verlag, Berlin; 190 Seiten; 14,90 Mark. *** Charles S. Maier: »Das Verschwinden der DDR und der Untergang des Kommunismus«. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 592 Seiten; 58 Mark.

DDR-Führung die Befehlsgewalt überlassen hatte. Krenz, der sich immer wieder brüstet, ein Blutbad verhindert zu haben, war für die örtliche Einsatzleitung zur kritischen Zeit nicht erreichbar. Immerhin aber hatte er - just im Begriff, auf Gegenkurs zu Honecker zu gehen - am Vortag mäßigend auf die verantwortlichen Minister eingewirkt. Krenz wusste: »Auch nur ein Tropfen Blut würde jeden Gedanken an eine reformierte DDR begraben« - und den SED-Staat für jeden Nachfolger Honeckers unregierbar machen.

Daher sollten die nach Leipzig beorderten 8000 Mann starken »Sicherheitsorgane« nur eingreifen, wenn sie angegriffen würden - eine denkbar schwache Sicherung: »In der aufgeheizten Atmosphäre konnte diese einschränkende Bedingung wenig Sicherheiten bieten«, urteilt Harvard-Historiker Charles S. Maier***.

Dass in Leipzig Angriffe auf Vopo und Stasi - mit unkontrollierbaren Folgen - unterblieben, ist nicht dem Zauderer Krenz zu verdanken. Den Ausschlag für den friedlichen Ausgang gaben die verzweifelten Deeskalationsbemühungen von Prominenten wie Kurt Masur, diversen Kirchenleuten und subalternen SED-Funktionären.

Wenig später, nachdem er sich in Moskau rückversichert hatte, putschte Krenz gegen Honecker - zu spät, um die Erosion der SED-Macht aufzuhalten: Mittlerweile hatte der Marsch der 70 000 von Leipzig vielen Millionen Menschen im ganzen Land die Angst vor Vopo-Knüppeln und Stasi-Knast genommen.

Vergebens mühten sich der unpopuläre Krenz, SED-Spitzenmann für 47 Tage, und später der Übergangspremier Hans Modrow, die Erwartungen des Volkes zu erfüllen. Die aber stiegen von Woche zu Woche, wie der Wandel der Demo-Parolen belegt - von »Visafrei bis Hawaii« über »SED ade« bis hin zu »Deutschland einig Vaterland«.

War der Untergang der DDR unvermeidlich? Nach Offenlegung vieler einst geheimer Dokumente ist heute sicher: Der SED-Staat, der 20 Jahre lang über seine Verhältnisse gelebt hatte, stand im Herbst 1989 unmittelbar vor der Zahlungsunfähigkeit. Anfang November 1989 verfügte die DDR nur noch über eine einzige Trumpfkarte, mit der sich möglicherweise Bonner Kredite hätten erpressen lassen können: die Berliner Mauer.

Um auf den Schusswaffeneinsatz verzichten zu können und das Erscheinungsbild der Grenze zu verbessern, hatte die DDR insgeheim eine Art Hightech-»Mauer 2000« planen lassen - mit »Infrarotlichtschranken« und »Mikrowellenschranken« statt Stacheldraht und Tretminen. Ein zweiter Geheimplan sah im Herbst 1989 vor: Für das Versprechen, die Grenze humaner zu machen, sollten der Bonner Regierung Milliardenkredite abgepresst werden.

Doch am 9. November war Ost-Berlins letztes Faustpfand plötzlich perdu - die Mauer fiel durch »eine der phantastischsten administrativen Fehlleistungen in der langen, wechselvollen Historie der staatlichen Bürokratie«, wie das Politologen-Duo Zelikow/Rice urteilt. Die irrtümliche Mitteilung von SED-Sprecher Günter Schabowski, Westreisen seien »unverzüglich« möglich, führte dazu, dass zehntausende die Grenze stürmten und die Posten überrannten.

Allein in der ersten Woche nach dem »Wunder von Berlin« (ZDF) nutzten neun Millionen Menschen - weit mehr als die Hälfte der DDR-Bevölkerung - die neue Freiheit, um den lockenden Westen zu erkunden. Bald darauf übertönte den Ruf »Wir sind ein Volk« die Parole »Wir sind das Volk«.

Schon immer war die D-Mark-Republik für eine Mehrheit der Ostdeutschen das Traumstaatsmodell gewesen. Nun wurde der D-Mark-Kanzler Helmut Kohl für viele zum Traumstaatsmann. Einstige DDR-Machthaber und einstige DDR-Oppositionelle stimmen heute in einem Punkt überein: Vor allem die Magnetkraft der Mark hat den Einheitsdrang der Ostdeutschen forciert. »Wenn wir als Nachbarland Portugal gehabt hätten, hätten wir vielleicht die Schlacht gewonnen«, sinniert Ex-Geldbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski.

Allein im Laufe des Jahres 1989 emigrierten eine drittel Million DDR-Bürger in die Bundesrepublik, zum Verdruss einer wachsenden Zahl von Westdeutschen. Das Grummeln draußen im Lande beflügelte den um Wiederwahl bangenden Kohl, die kurz zuvor noch ungewollte Einheit nun mit aller Macht anzusteuern.

Den Todesstoß für den SED-Staat sehen Wissenschaftler wie der Münchner Politologe Karl-Rudolf Korte in einem damals vollzogenen »konzeptionellen Wandel« der Bonner Politik: in der Entschlossenheit Kohls, den Kurs der Nichteinmischung in DDR-Angelegenheiten zu verlassen. Ende 1989 machte die Bundes- regierung jede weitere Finanzhilfe für die Ost-Berliner Bankrotteure vom Fortschritt systemüberwindender Reformen abhängig.

Wenn die DDR - so Kohls Kalkül laut Zelikow und Rice - »den Sozialismus über Bord warf, würde sie die Hauptrechtfertigung für ihre Existenz als eigenständiger Staat verlieren«.

Getragen vom anschwellenden Einheitswillen in der DDR-Bevölkerung, wagte Kohl 1989/90 eine der riskantesten Pokerpartien in der Geschichte der Diplomatie. Das Ziel mutet auch im Nachhinein noch tollkühn an.

Zunächst galt es, den westlichen Siegermächten von einst - vor allem den Einheitsgegnern in London und Paris - die Zustimmung zur Wiedervereinigung abzuringen. Wie das glückte, liegt mittlerweile offen zu Tage:

* durch Kohls Bereitschaft, die Oder-Neiße-Grenze zu Gunsten Polens festzuschreiben (was sämtliche Alliierten zur Vorbedingung gemacht hatten),

* durch Kohls Versprechen, Deutschland auf Euro- und EU-Kurs zu trimmen (wodurch vor allem französische Bedenken ausgeräumt werden sollten), und

* durch Kohls Zusage, das neue Gesamtdeutschland komplett in die Nato einzubringen (wovon Bush seine Zustimmung zur Einheit abhängig gemacht hatte).

Geklärt ist inzwischen auch, wie dem Westen das wohl größte politische Kunststück jener Jahre gelang: zu erreichen, dass Moskau nicht nur ein wiedervereinigtes, kapitalistisches Deutschland akzeptierte, sondern auch die Verschiebung der Nato-Grenze gen Osten. Wiederum gab die harte Deutsche Mark den Ausschlag.

Gorbatschow stand Anfang 1990 innenpolitisch unter gewaltigem Druck. Er war insgeheim bereit, auf nahezu jede Bedingung einzugehen, um an Devisen für sein marodes rotes Reich zu kommen.

Nachdem Bush ihm ein Handelsabkommen sowie eine Nato-Reform in Aussicht gestellt und Kohl drei Milliarden Mark an zinslosen Krediten plus zwölf Milliarden Mark Beihilfe für den Abzug der Sowjetarmee aus der DDR zugesagt hatte, gab Gorbatschow den Weg frei. Dass der Kreml die Kontrolle über die DDR der Bundesrepublik überließ, führt auch US-Historiker Maier auf Bonns »Schlüsselrolle bei der Vermittlung von westlicher Finanzhilfe« zurück.

Uneins sind sich Wissenschaftler noch immer über die passende Bezeichnung für jenen Prozess, der am 3. Oktober 1990 zur un(v)erhofften Einheit führte: Hat sich in der DDR ein Volksaufstand vollzogen? Ein Zusammenbruch? Eine Konterrevolution? Eine Revolution?

Die schlichteste Antwort gab, mit einem Lenin-Zitat, eine Leipziger Demonstrantin. »Ich habe mal gelernt«, sprach sie einem TV-Reporter ins Mikrofon, »Revolutionen haben immer dann Erfolg, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind: Die unten wollen nicht mehr, und die oben können nicht mehr.«

Genau so war''s im Herbst 1989.

* Philip Zelikow/Condoleezza Rice: »Sternstunde derDiplomatie«. Propyläen Verlag, Berlin; 632 Seiten; 29,90 Mark. -Walter Süß: »Staatssicherheit am Ende«. Ch. Links Verlag, Berlin;816 Seiten; 58 Mark.* Mit Chinas KP-Chef Jiang Zemin (r.). ** Ekkehard Kuhn: »Wirsind das Volk«. Ullstein Verlag, Berlin; 190 Seiten; 14,90 Mark.*** Charles S. Maier: »Das Verschwinden der DDR und der Untergangdes Kommunismus«. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 592 Seiten;58 Mark.

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