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Balkan »Die Uno stört uns«

aus DER SPIEGEL 4/1995

SPIEGEL: Herr Präsident, Sie haben die Uno-Friedenstruppen in den serbisch besetzten Gebieten Kroatiens zum Abzug aufgefordert. Steuern Sie einen zweiten serbisch-kroatischen Krieg an?

Tudjman: Es kommt nicht zum Krieg. Serbiens Präsident Milosevic ist isoliert; seine Armee hat es in drei Jahren nicht geschafft, Kroatien zu erobern. Er gibt sogar zu, daß er nicht mehr mit kroatischem Territorium rechnet.

SPIEGEL: Warum weigert sich Milosevic dann noch immer, Kroatien anzuerkennen?

Tudjman: Das ist Bluff, der Botschafteraustausch wird stattfinden - in Kürze.

SPIEGEL: Und wenn nicht? Werden Sie die Krajina mit Gewalt zurückerobern?

Tudjman: Wenn es nötig wird, werden wir davor nicht zurückschrecken. Die Krajina-Serben und die Führung in Belgrad wissen, daß wir in der Lage sind, unser Land mit Waffengewalt zu befreien. In dieser Frage steht die ganze Welt hinter uns.

SPIEGEL: Wohl kaum. Man wird Sie als Kriegstreiber verurteilen.

Tudjman: Ach ja? Die westliche Welt duldet also, daß Jelzin mit den Tschetschenen abrechnet, aber über einen kroatischen Befreiungsschlag würde sie sich empören?

SPIEGEL: Überschätzen Sie nicht Ihre Stärke? Im Falle eines Krieges kann Milosevic seinen serbischen Brüdern doch nicht den Beistand verweigern.

Tudjman: Ich bin ganz sicher, daß Milosevic nicht eingreift. Beim bosnischen Serbenführer Karadzic ist das eine andere Sache. Aber der Kampf um die Moslem-Enklave Bihac zeigt, daß seine Armee geschwächt ist und er keine weiteren Kriegsabenteuer riskieren kann. Die Situation ist sehr günstig für uns. Die kroatische Armee steht ja schon im Rücken der Krajina-Hochburg Knin.

SPIEGEL: Also bleibt es endgültig beim Rauswurf der Blauhelme?

Tudjman: Definitiv. Wir führen eine selbständige Politik, wir sind nicht Diener der internationalen Gemeinschaft. Die Uno stört uns. Sie beließ es beim Status quo, statt den Serben einen Frieden aufzuzwingen. Ihre Mission war kontraproduktiv. Die paramilitärischen Verbände wurden nicht entwaffnet. Zu den 390 000 amtlich registrierten kroatischen Flüchtlingen kamen in den Jahren unter Uno-Mandat weitere 20 000 Vertriebene hinzu. Die Serben haben die Uno-Präsenz mißbraucht, um ihre Okkupation zu festigen. Und wir wurden an militärischen Aktionen gehindert.

SPIEGEL: Auch an einer anderen Front verschärfen sich die Spannungen. Das Bündnis zwischen Kroaten und Moslems ist brüchig . . .

Tudjman: . . . woher wissen Sie das?

SPIEGEL: Das zeigen schon die Probleme in Mostar. Ihre kroatischen Landsleute wollen die Teilung aufrechterhalten, die Moslems leben im ausgebombten Ostteil wie in einem Ghetto.

Tudjman: Die Moslems wollten ganz Mostar beherrschen, dann weiter zum Meer vordringen und schließlich einen islamischen Staat gründen. Dagegen haben sich unsere Kroaten gewehrt. Nur weil die Moslems in Bosnien die demographische Mehrheit stellen, glaubten sie, eine Bürgerrepublik islamischen Gesetzen unterwerfen zu können. So kam es zum Streit.

SPIEGEL: Warum haben Sie sich dann überhaupt auf eine moslemisch-kroatische Konföderation eingelassen?

Tudjman: Der Sinn dieser Koalition war doch, daß der Westen einen islamischen Staat im Herzen Europas verhindern wollte. Warum sonst hätte man uns dieses Bündnis vorgeschlagen? Europa wollte in Bosnien einen Kulturkampf zwischen dem Islam und der westlichen Welt vermeiden. Da hat man uns eine strategische Aufgabe zugewiesen. Die können wir nur erfüllen, wenn der Westen Druck auf Sarajevo ausübt.

SPIEGEL: Nach dem Genfer Friedensplan soll das Land geteilt werden - 51 Prozent für Kroaten und Moslems, 49 Prozent für die Serben. Ist das noch realistisch?

Tudjman: Es geht nicht nur um die territoriale Teilung Bosniens zwischen Serben, Kroaten und Moslems, sondern um die Abgrenzung der Zivilisationen. Erinnern wir uns an den Zerfall des Römischen Reiches in eine Ost- und Westhälfte, an die Einflußnahme der Großmächte während der Weltkriege - bis zur Idee von Churchill und Stalin, Europa in zwei Einflußsphären aufzuteilen. Immer war der Balkan Schnittpunkt der Kulturen . . .

SPIEGEL: . . . und ihr Schlachtfeld.

Tudjman: Deshalb ist auch der bosnische Knoten so schwer zu entwirren. Denn Rußland, egal ob dort Peter der Große oder Stalin oder Jelzin herrschen, begriff sich immer als eurasische Großmacht. Ihr Ziel wird stets der Einfluß auf die orthodoxen Länder sein, um über Serbien und den Balkan bis zum Mittelmeer vorzudringen.

SPIEGEL: Und Kroatien sehen Sie als Sperriegel?

Tudjman: Schon vor 20 Jahren prophezeite ich die Skandinavisierung Südosteuropas. Deshalb müssen die Beziehungen der Nachfolgestaaten Jugoslawiens normalisiert werden. Es gab auch keinen Frieden in Westeuropa, bis es zur Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland kam. Aus diesem Grund ist die Normalisierung der kroatisch-serbischen Beziehungen eine historische Notwendigkeit. Dessen ist sich jetzt auch Milosevic bewußt; er weiß, daß er seine großserbischen Ziele nicht mehr erreichen kann. Y

[Grafiktext]

Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Kroatien

[GrafiktextEnde]

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