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»DIE UNRUHE BREITET SICH AUS«

aus DER SPIEGEL 40/1970

In mehreren Städten haben sich in den letzten Monaten Obdachlose zu »Interessengemeinschaften« zusammengeschlossen -- zumeist auf Initiative von linken Studenten und Sozialarbeitern, So existiert seit kurzem in Köln eine »Interessengemeinschaft Obdachlosigkeit« (Igo), die seit Anfang dieses Jahres eine »Obdachlosen-Zeitung« (Auflage: 10 000 Exemplare) herausgibt und »die asozialen Reichen und deren Handlanger, die Politiker, Beamten und Angestellten«, attackiert, »die das Elend schaffen«.

Die Kölner Igo organisierte mit städtischer Unterstützung für Obdachlosen-Kinder Ferienaufenthalte in Jugendherbergen (drei Wochen 30 Mark), kritisiert die »Schulsituation in Köln-Poll« ("Jedes Jahr werden Kinder, ohne zuvor auf die Volksschule zu kommen, sofort in die Sonderschule abgeschoben") und griff den Kölner Oberbürgermeister Theo Burauen an, der sich unlängst für »die Pflanzung einer dichten Hecke« (Burauen) zwischen Schlicht- und Normalhäusern einsetzte.

Im Mai, Juni und Juli besetzten Mitglieder der Igo leerstehende Unterkünfte am Kölner Ginsterberg, in der Ringenstraße und in der Mündelstraße und übergaben die Räume an beengt lebende Familien. Ziel der Aktion war es, so die »Obdachlosenzeitung«, »einen Einweisungsstopp zu erzwingen« und die »Raumnot der am schlimmsten betroffenen Familien« zu mildern.

Die Kölner »Stelle für die Beseitigung von Wohnungsnotständen« billigte die Umzüge im nachhinein. Dienststellenleiter Ernst Görris gestand, wie die »Obdachlosen-Zeitung« meldete: »Wenn ich nicht hier als Beauftragter der Stadt stünde, wäre ich bestimmt auf seiten der Igo.«

Das Beispiel der militanten Kölner macht Schule. In München kritisierte eine »Interessengemeinschaft Hasenbergl-Nord« auf Flugblättern beispielsweise, daß »einer sechsköpfigen Familie für den täglichen Haushalt und Körperpflege nur ein Küchenausguß zur Verfügung steht«. In Hanau schrieben zwölf Familien aus dem Flußstraßenviertel dem hessischen Sozialminister Dr. Horst Schmidt, »daß bei Regen das Wasser bis in die Hausflure steht, weil die Kanäle nur im äußersten Notfall gereinigt werden«. In der Wuppertaler Siedlung »Am Giebel« inszenierten Eltern und Kinder einen Schulstreik, um die Stadtverwaltung zur Einsetzung eines Schulbusses zu zwingen.

Unterstützt werden die Interessengemeinschaften von jungen Sozialarbeitern, die es für sinnlos halten, allein den Obdachlosen zu helfen, ohne zugleich die kapitalistische Gesellschaft zu verändern, die ihrer Meinung nach die Obdachlosigkeit ständig produziert. In einem 1969 vom Bonner Innenministerium herausgegebenen Taschenbuch heißt es, viele Sozialarbeiter würden »allmählich selbst zum Außenseiter in unserer Gesellschaft« und »nicht selten zu Revolutionären«.

In der Tat stand etwa der »Deutsche Jugendhilfetag« im Mai dieses Jahres »im Zeichen der roten Fahne« (so das Bischofsblatt »Publik"): In der Nürnberger Meistersingerhalle stimmten linke Sozialarbeiter die »Internationale« an, und Festredner Professor Peter Fürstenau führte in seinem Einführungsvortrag die sozialen Mißstände in der Bonner Republik auf »die gesellschaftliche Entwicklung seit 1945« zurück, die zugunsten privatwirtschaftlicher Interessen wichtige Gemeinschaftsaufgaben wie Bildung, Erziehung, Gesundheit, Verkehr, Wohnungswesen, Eigentums- und Bodenordnung vernachlässigt habe.

Revolutionär muten auch die Thesen an, die im Juni dieses Jahres bei einer Arbeitstagung des Obdachlosen-Hilfswerks »Kinder in Not« (KiN) verabschiedet wurden. Vertreten waren die verschiedensten Sozialinstitutionen -- vom »Herz-Jesu-Institut« im westfälischen Germete bis zu Arbeitskreisen linker Studenten.

»Sehr bald ergab sich im Kreis der Teilnehmer Übereinstimmung darüber«, berichtet KiN-Geschäftsführer Pastor Wolfgang Keim, daß Obdachlosigkeit »Produkt und Ausdruck« des westdeutschen Gesellschaftssystems sei, »das diesen Notstand ständig neu produziert und erhält«. Gleichfalls »gemeinsame Überzeugung« war, so Pastor Keim, »daß der Schlüssel zu einer Veränderung dieser Lage in Solidarität und Bewußtwerdung bei den Betroffenen selbst liegt«.

Die »Obdachlosen-Zeitung« postuliert »Solidarität ohne Stadtgrenzen«. Und: »Die Obdachlosen lassen sich nicht mehr alles gefallen ... Die Unruhe breitet sich aus.«

Ob diese Elends-Bewegung über Ansätze hinauskommt, ist zweifelhaft. Die Linken sind, wie in fast allen Bereichen, auch in dieser Frage zerstritten. Und viele Obdachlose mißtrauen ihnen: Ende letzten Monats traten einige Lagerbewohner aus der Kölner Igo aus und gründeten mit Behördenhilfe, aber ohne Unterstützung revolutionärer Studenten eine »Igo e. V.«.

Ein Mitglied des Gegen-Vereins, dem ein arbeitsloser Baggerführer vorsteht, begründet die Austritte: »Was die Leute wollen, sind Wohnungen und keine politischen Palaver.«

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