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CHINA / ATOM-RÜSTUNG Die USA vernichten

aus DER SPIEGEL 43/1964

Amerikas Raumsatelliten und Radarsonden kündigten das Ereignis Ende September an, Pekings Botschafter in Asien und Afrika prophezeiten es zehn Tage später. Am Freitagmorgen vergangener Woche registrierten Seismographen zwischen Tokio und Uppsala, Wladiwostok und New York: Rotchinas erste Atombombe war explodiert. Sie detonierte um acht Uhr MEZ. In der westchinesischen Provinz Sinkiang.

Mao und seine roten Mandarine triumphierten. »Der Erfolg von Chinas Atomtest«, proklamierte das Peking-Regime in einer amtlichen Erklärung, »ist eine bedeutende Leistung des chinesischen Volkes zur Stärkung seiner nationalen Verteidigung.«

Die Regierungen der Welt forderte Peking, sollten jetzt in einer Gipfelkonferenz ȟber die Frage des

vollständigen Verbots und der gründlichen Vernichtung von Kernwaffen verhandeln«.

Der fernöstliche Kern-Knall, seit drei Jahren vergebens jeweils für den 1. Oktober, den Jahrestag von Maos Machtergreifung, erwartet, wird auf kurze Sicht militärisch fast bedeutungslos sein, auf lange Sicht jedoch die Machtverhältnisse der Welt umwälzen.

Als fünftes Mitglied im exklusiven Klub der Atommächte und als erstes asiatisches Land mit eigenen Kernwaffen wird Rotchina seinem ehrgeizigsten Ziel wieder näherrücken: der Vormachtstellung in Südostasien und der farbigen Welt.

Zweieinhalb Jahre nach dem Einzug der blauen Ameisen in Peking begann Mao seine Megatonnen-Träume zu verwirklichen:

- 1952 verkündete der rotchinesische Wissenschaftler Li Su-kuang, einer der renommiertesten Geologen der Welt: »China arbeitet an der Entwicklung von Kernwaffen.«

- 1956 beschloß das Pekinger Zentralkomitee einen »Zwölfjahresplan für die Entwicklung der Atomenergie«.

- Am 15. Oktober 1957 schloß Peking mit Moskau ein Geheimabkommen über die »Neue Technik für die nationale Verteidigung« ab.

- Am 13. Juni 1958 setzten chinesische Experten unter Anleitung sowjetitischer Spezialisten in der Nähe von Peking den ersten Atomreaktor Chinas (Leistung: bis 10 000 kW) in Betrieb.

- Im selben Jahr arbeiteten 5000 chinesische Atomfachleute in dem von den Sowjets dirigierten Kernforschungsprogramm Chinas.

- Gleichzeitig studierten und forschten

bis zu 1500 chinesische Atomwissenschaftler im sowjetischen Kernforschungszentrum Dubna bei Moskau.

- Mitte 1963 begann Peking mit der

Aufstellung der ersten Meßapparaturen für Atomtests.

Mitte 1964 hatte Peking trotz schwacher industrieller Grundlage, chronisch angespannter Finanzlage und jahrelanger Wirtschaftsmisere das Potential für die Erprobung und Herstellung von Kernwaffen geschaffen: seit Anfang 1960 sogar unter Verzicht auf sowjetische Hilfe. Sie war im Zuge des Moskau-Peking-Konflikts gesperrt worden.

In Sinkiang wurden reiche Uran- und Thoriumvorkommen mit modernen Anlagen ausgebeutet. Mindestens 15 rotchinesische Universitäten hatten kernphysikalische Forschungsprogramme.

In 800 wissenschaftlichen Instituten werteten 32 000 Spezialisten aus importierten Fachbüchern die neuesten Erkenntnisse der sowjetischen und westlichen Forschung aus. In den Kernforschungs-Zentren Lantschou und Urumtschi arbeitete ein Team hochqualifizierter Wissenschaftler, die zum Teil in den Vereinigten Staaten, in Großbritannien und Frankreich studiert und gewirkt haben.

Sechs chinesische Atomreaktoren - in Peking, Sian, Tschungking, Lantschou, Paotou und Urumtschi - erzeugten Elektroenergie und den Kernwaffensprengstoff Plutonium.

Nach Schätzungen des amerikanischen Geheimdienstes liefert allein der Pekinger Reaktor jährlich drei Kilogramm des Atombombensprengstoffs Plutonium 239; sechs Kilogramm Plutonium genügen für die Herstellung eines Sprengkörpers von der Detonationskraft der Hiroshima-Bombe - 20 000 Tonnen TNT.

Rotchina wendet für seine Atomforschung und -rüstung jährlich rund zwei Milliarden Mark auf. Das entspricht etwa Frankreichs Atom-Jahresbudget.

Der Weg Pekings zur atomaren Weltmacht ist jedoch lang: Vier Jahre wird es nach Meinung westlicher Experten mindestens dauern, ehe die Chinesen aus einem rohen atomaren Sprengkörper eine transportable Atombombe entwikkeln können. So lange brauchte jedenfalls-Frankreich vom ersten Sahara-Test bis zur Atomwaffen-Produktion, die kürzlich begann.

Außerdem muß Rotchina eigene Trägerwaffen entwickeln: Gegenwärtig besitzen Maos Streitkräfte nur wenige Flugzeuge der Typen TU-4 und JL-28, die Atombomben transportieren könnten.

Die rotchinesische Raketenentwicklung steckt in den- Anfängen. Die einzigen einsatzfähigen Geschosse unter Maos Kontrolle sind Kurzstrecken-Raketen, die an der chinesischen Festlandküste gegenüber Formosa postiert sind.

Das State Department in Washington hat nach den Informationen des USGeheimdienstes einen-Zeitplan für Chinas atomare Entwicklung aufgestellt:

- 1970: China wird einen bescheidenen Vorrat an Kernwaffen haben, der etwa dem heutigen Vorrat Frankreichs entspricht;

- 1975: China verfügt über Wasserstoffbomben, Mittelstreckenbomber und -raketen - über ein Arsenal, das dem gegenwärtigen Vorrat Englands entspricht;

- 1980: China hat ein umfassendes Kernwaffen-Arsenal, einschließlich interkontinentaler Raketen, die auch die Vereinigten Staaten bedrohen können.

Das Motiv für Maos Megatonnen-Streben formulierte der in den Westen übergelaufene chinesische Chemiker Dr. Wang Tschi-hsiang: »Alles was sie heute tun, hat nur ein Ziel: die Vereinigten Staaten aus dem Feld zu schlagen und sie schließlich zu vernichten.«

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