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»DIE VÄTER HABEN SAURE TRAUBEN GEGESSEN«

aus DER SPIEGEL 20/1966

SPIEGEL: Herr Ben Gurion, Sie haben Konrad Adenauer vor Jahren nach Israel eingeladen. Was haben Sie empfunden, als Sie ihn nun auf israelischem Boden empfingen?

BEN GURION: Ich empfand, einen Freund zu treffen und einen Menschen, den ich bewundere für die Dienste, die er seinem Volke erwiesen hat. Ich bewundere seine Aufrichtigkeit und die Moral seines Urteils darüber, was die Deutschen unter dem Nazi-Regime getan haben - seine moralische und seine religiöse Einstellung. Außerdem habe ich mich darüber gefreut, daß er eher noch jünger aussieht als bei unserem letzten Treffen vor sechs Jahren.

SPIEGEL: Haben Sie nicht befürchtet, daß die unterschiedlichen Auslegungen Ihres Gesprächs mit Dr. Adenauer im New Yorker »Waldorf Astoria« 1960 dieses Wiedersehen beeinträchtigen könnten?

BEN GURION: Ich bin jetzt Privatperson und äußere deshalb keinerlei Ansichten über die offiziellen Beziehungen zwischen Ihrer Regierung und der unseren, und es gibt noch andere triftige Gründe dafür, daß ich dazu nichts sagen will.

SPIEGEL: Sind Sie sicher, daß Sie persönlich Dr. Adenauer damals richtig verstanden haben?

BEN GURION: Ich habe ihn bestimmt richtig verstanden, und ich glaube, daß auch er mich richtig verstanden hat. Es gab in unserem Gespräch keinerlei Mißverständnisse. Er hat verstanden, was ich wollte und was ich sagte, und ich habe verstanden, was er sagte. Es hat völliges Einverständnis zwischen uns geherrscht.

SPIEGEL: Finden Sie, daß Dr. Adenauer von der Regierung und dem Volk dieses Landes angemessen empfangen worden ist?

BEN GURION: Ich war auf dem Flugplatz und ich fand, daß der

Empfang dort angemessen war. Als ich abfuhr - und ich verließ den Flugplatz nicht auf demselben Wege wie Dr. Adenauer - wurde mein Wagen allerdings angegriffen. Was die Leute wollten, konnte ich nicht herausbekommen. Ich nehme an, sie waren nicht da, um mich zu begrüßen. Es gibt sicherlich Menschen in Israel, die absolut dagegen sind, irgendwelche Deutschen Hier zu empfangen. Aber ich bin überzeugt, daß dies nur eine kleine Minderheit ist.

SPIEGEL: Wie ernst nehmen Sie die Demonstrationen gegen Adenauer?

BEN GURION: Woher weiß ich, ob die Leute am Flugplatz nicht gegen mich demonstriert haben? Ich nehme solche Dinge nicht wichtig. Ich habe Grund zu glauben, daß die überwiegende Mehrheit des Volkes nicht sehr weit weg ist von dem Standpunkt, den ich immer vertreten habe, und das ist ein prinzipieller Standpunkt. Ich entnehme ihn dem Buch der Bücher, dem Kapitel achtzehn des Buches Hesekiel: »Die Väter haben saure Trauben gegessen, und die Zähne ihrer Söhne sind stumpf geworden. So wahr ich lebe, sagt der Ewige, unser Gott, soll dieses Wort in Israel nicht mehr benutzt werden. Wohl sollen die Söhne für die Väter leiden, aber siehe, alle Seelen sind mein; die Seelen der Väter wie auch die Seelen der Söhne. Die Seele, die sündigt, soll sterben.« Ich sage, die Seelen, die schuldig geworden sind, sollen sterben, aber nicht die der Söhne. Ich sage, es gibt heute ein anderes Deutschland.

SPIEGEL: Folgen Sie der von Ministerpräsident Eschkol formulierten Politik, wir Deutschen müßten immer wieder Beweise dafür erbringen, daß wir uns geändert haben?

BEN GURION: Ich kenne die Politik der Regierung, der ich angehört habe, und Eschkol war in dieser Regierung und ebenso die meisten Leute, die heute in der Regierung sind. Unsere Politik war, daß wir es mit einem anderen Deutschland zu tun haben, obwohl wir niemals vergessen werden, was geschehen ist. Als ich demissionierte und Eschkol seine Regierung vorstellte, nannte er sie eine Nachfolge-Regierung. Diese Regierung hat diplomatische Beziehungen zu Deutschland aufgenommen - ich konnte es nicht, denn es gab damals keinen solchen Vorschlag -, und das zeigt doch, daß die ursprüngliche Politik fortgesetzt wird.

SPIEGEL: Wie sollen wir denn beweisen, daß wir uns geändert haben. Was würde Israel als Beweis gelten lassen?

BEN GURION: Ich finde, diese Änderung ist bereits eine Tatsache, und ich weiß, daß es so ist. Ich treffe hier viele Deutsche aller Parteien: Die ich getroffen habe, sind anders; deshalb sage ich ja: Die Söhne sollen nicht unter den Sünden ihrer Väter leiden.

SPIEGEL: Sind Sie der Meinung Adenauers, wenn er sagt, daß wir jeden Beweis für unsere Anstrengung erbracht haben, die Vergangenheit zu überwinden?

BEN GURION: Ich glaube an die Ehrlichkeit seiner Worte. Ich kenne seine Motive und akzeptiere sie. Den gegenwärtigen Kanzler habe ich nie getroffen; aber ich will nicht behaupten, daß er nicht dieselben Motive habe. Leute, die ihn kennen, haben mir gesagt, daß er und Dr. Adenauer in vielen Beziehungen sehr verschieden seien, aber daß es im Hinblick auf Israel keine unterschiedliche Auffassung zwischen Erhard und Adenauer gebe.

SPIEGEL: Was würden Sie auf die Frage antworten, die Adenauer Ministerpräsident Eschkol gestellt hat: Kann das Volk in Israel nicht Trost für seine Leiden in der Aufgabe finden, die Heimstätte der Juden wieder aufzubauen?

BEN GURION: Diese Frage können Sie dem-israelischen Volk niemals stellen! Denn die Juden Israels sind anders als die Juden anderer Völker. Sie unterscheiden sich in vielen Dingen, besonders aber in ihrer Einstellung zur deutschen Frage.

SPIEGEL: Glauben Sie an eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Deutschland und Israel in absehbarer Zeit, zumal der Begriff Normalisierung hier in Israel nicht akzeptiert wird?

BEN GURION: Ich akzeptiere ihn.

SPIEGEL: Hat die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Verbesserung des deutsch-israelischen Verhältnisses beigetragen?

BEN GURION: Ich glaube ja. Ich kenne den deutschen Botschafter und ich mag ihn.

SPIEGEL: Wären Sie bereit, die Bundesrepublik zu besuchen, wenn Sie sich von einem solchen Zeichen des guten Willens etwas versprächen?

BEN GURION: Es ist wirklich sehr unangenehm, in ein Land zu kommen, wenn man dessen Sprache nicht spricht. Vor allem -aber vertrete ich nicht mehr Israel. Und ich bin nur noch Privatperson. Aber wenn die Notwendigkeit sich ergeben würde, sehe ich keinen Hinderungsgrund für mich.

Adenauer-Gesprächspartner Ben Gurion: »Ich habe ihn bestimmt richtig verstanden«

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